Was ist los mit... Documenta 14 in Kassel

Parthenon der Bücher, Documenta 14

Wie noch auf jeder Documenta muss man als Besucher selbst dafür sorgen, dass sich der Besuch lohnt. Christoph Bartmann über das Konzept eines Kurators mit Abneigung gegen Großausstellungen.
 

Es wäre naiv, von einer Documenta „einfach gute Kunst“ zu erwarten. Die gab es dort nämlich nie, am wenigsten im Gründungsjahr 1955. Damals richtete der Kunstpädagoge Arnold Bode im unfertigen Neubau des kriegszerstörten Fridericianums als Erster eine Ausstellung mit jener Kunst ein, die die Nazis gehasst und verfolgt hatten. Kathartisch sollte das Kunsterlebnis für das deutsche Nachkriegspublikum sein, und diesem Auftrag ist die Documenta seither – mehr oder minder – treu geblieben. Wie der Treue-Auftrag genau auszuführen sei, darüber entscheidet, nach Prüfung durch die Geldgeber, ganz allein der Kurator oder die Kuratorin – auch er oder sie eine Erfindung der Documenta.
 
Harald Szeemanns documenta 5 im Jahr 1972 war die erste kuratierte Großschau der Kunstgeschichte. Seitdem hat in Kassel und anderswo das Thematische und Intellektuelle, das Kritische und Diskursive die Oberhand gewonnen. Die Kunst macht mit, ja sie lebt nicht schlecht unter dem Regime der Diskurse, bis sie sich am Ende selbst ganz in Diskurs verwandelt hat. Die Kunst scheint heute zerfallen in (mindestens) zwei Welten: die kritische Konzeptkunst nach Kasseler Manier, und die Oligarchenkunst à la Jeff Koons und Damien Hirst, die man überall sonst bewundern kann, in Venedig vielleicht, aber sicher nicht auf einer Documenta.

Warum Athen?

Wofür wird Adam Szymczyks documenta 14 in Erinnerung bleiben? Es ist die erste Documenta, die an zwei Orten stattfindet, in Athen und dann in Kassel. Warum Athen? Szymczyk wird die Entscheidung vor dem Hintergrund der griechischen Schuldenkrise der Jahre nach 2010 getroffen haben. „Von Athen lernen“ soll hier heißen: die Opfer des finanzkapitalistischen Status Quo als „Agenten“ ihres prekären Schicksals zu ermutigen und ernst zu nehmen. Dass an den griechischen Problemen allein der „Norden“ (die EU, Merkel und Schäuble, und überhaupt die Globalisierung, der Kapitalismus und „Empire“) schuld ist, steht hier außer Frage. Auch die jederzeit selbstkritische und bußfertige Documenta ist für Szymczyk&Co. noch Teil des „Nord“-Syndroms. Deshalb muss sie de-logiert, dis-platziert und überhaupt dezimiert werden, eine Idee, die etwa auf der opulenten Venedig-Biennale viel wirkungsvoller hätte in Szene gesetzt werden können als im immer schon bescheidenen Kassel.
 
Für den Schauplatz Kassel und seine Besonderheiten hat Szymczyk nicht viel übrig. Man sieht vieles wieder, was schon in Athen zu sehen war. Man erblickt überdies im Stadtbild viel Monumentales – auch dies wohl ein Effekt der Athen-Connection. Obelisken, Pyramiden, und vor dem Fridericianum der „Parthenon der Bücher“ der Argentinierin Marta Minujín mit Säulen aus eingeschweißten Büchern, die irgendwann und irgendwo einmal verboten waren. Noch ein Merkmal dieser Documenta: vieles ist „retro“, wie Minujíns Skulptur, die 1983 unter dem Eindruck der argentinischen Militärdiktatur entstand. Noch nie waren bei einer Documenta so viele tote Künstler vertreten, und noch nie so wenige junge Künstler. 

Prophet des Scheiterns

Das Fridericianum, Zentrum jeder Documenta, hat Szymczyk (nachdem der ursprüngliche Plan, hier die Raubkunst der Sammlung Gurlitt aufzubauen, gescheitert war) der Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst überlassen, wieder eine Entscheidung, bei der die politische Geste mehr zählt als die künstlerische Potenz. Aber der Schritt fügt sich gut ins Gesamtkonzept einer wohl willentlich „schwachen“ Documenta, die eventuelle Ansprüche an Schönheit, Kraft oder Autonomie der ausgestellten Kunst von vornherein abwehren möchte. In der großen Documenta-Halle fällt Szymczyk wenig ein, die Karlsaue lässt er nahezu ganz frei, dafür fungiert diesmal die Neue Galerie als heimliches Hauptquartier der ganzen Schau. Als „Hauptsitz ihres Geschichtsbewusstseins“ reflektiert sich hier die Documenta selbst und rückt ihre eigene Kriegs- und Nachkriegsgenealogie in die größeren Kontexte von Kolonialismus, Ausbeutung und Rassismus.

 
Hier in der Neuen Galerie kommt die documenta 14 am Ehesten zu sich: etwa in Maria Eichhorns Auseinandersetzung mit Fragen der Provenienz oder in dem essayistischen Blick auf ein Athen, das nicht das Athen der Finanzkrise, sondern das einer älteren, speziell deutschen Hellenophilie war. Wie noch auf jeder Documenta muss man als Besucher selbst dafür sorgen, dass sich der Besuch lohnt. Ohnehin ist die spannende Frage auf einer Documenta ja nicht, wie man diese oder jene Arbeit findet, sondern wie sich diesmal die Exponate zum übrigen Stadtraum verhalten werden, also eher, wo man die Kunst findet.
 
Schon wegen der Doppelbelastung durch Athen und sicher auch wegen seiner Abneigung gegen Großausstellungen hat sich Szymczyk beim „Bespielen“ der Stadt Kassel nicht die größte Mühe gegeben. Aber wer sucht, der findet auch, etwa im ehemaligen unterirdischen Bahnhof nahe des diesmal sonst gar nicht bespielten Haupt- und Kulturbahnhofs. Trotzdem ist man überraschend schnell durch. Diese Documenta ist kleiner als die vorangegangenen, kommt dem Besucher vor. Ist Szymczyk, der strenge Kunst-Moralist, mit dieser Schau gescheitert? An seinen eigenen Ansprüchen jedenfalls nicht. Er ist ja ein Prophet des Scheiterns und des neuerdings modischen „Verlernens“. Wer will überhaupt noch Gelungenes produzieren? „Beingsafeisscary“ heißt die Devise, die temporär über dem Eingang des Fridericianums prangt.