Interview Das verbündete Ich

Isabelle Lehn
Isabelle Lehn | © A. Sophron, Literaturportal Bayern

Isabelle Lehn im Gespräch über ihren Roman „Frühlingserwachen"

Von Literaturportal Bayern

Ihr Roman spielt auf vielen Ebenen mit einer unauflösbaren Spannung von Innen und Außen. So trägt etwa die Hauptfigur scheinbar ihr Innerstes nach außen – und das Gleiche gilt durch die Autofiktion zumindest suggestiv auch für Sie als Autorin. Aber liegt in der Entblößung nicht auch eine Art Schutzraum?

Ja, das war auch beim Schreiben mein Gefühl: dass es sich um eine Form der Selbstbehauptung und Selbstbestimmung handelt. Denn die Entblößung ist ja zum Teil konstruiert und inszeniert – und wehrt sich darin gegen einen Zugriff, der von außen permanent stattfindet. Es werden schnell Bilder aufgebaut, Rollen zugeschrieben, autobiografische Lesarten bevorzugt, gerade bei jüngeren Autorinnen. Da wollte ich lieber die Flucht nach vorne antreten, indem ich der Hauptfigur meinen Namen gebe und ihr Dinge zuschreibe, die sogar über das hinausreichen, was von außen vermutlich projiziert würde. Auf diese Weise wollte ich die Bildentstehung zumindest selbst mitbestimmen – und dabei so weit gehen, dass sich der äußere Zugriff vielleicht gar nicht mehr erlaubt.

Die fiktive Isabelle Lehn lebt in einer Art dauerhaftem Krisenzustand. Sprache und Gestaltung sind aber sehr kontrolliert. Hier scheint nichts zu zerfallen. Die Souveränität zeigt sich auch im Humor, viele Absätze enden mit einer Pointe. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Der Therapeut der Erzählerin drückt es so aus: Versuchen Sie doch mal, das Leben als eine essayistische Existenz zu begreifen, wenn Ihnen die große Erzählung nicht liegt. Für die Hauptfigur, die keinen Halt und keine kohärente Vorstellung von sich selbst hat, ist das Erzählen also ein Akt der Bewältigung. Sich selbst eine fragmentarische Geschichte von sich zu erzählen, ist ihr eine Art letzter Zufluchtsort, die Sprache das Einzige, in dem sie sich sicher fühlt. Mit ihr kann sie Beobachtungen einordnen, Erfahrungen verarbeiten, ihnen eine gewisse Sinnhaftigkeit verleihen – und sei es nur durch das Erkennen von Absurdität und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.
 
Die Stärke der Protagonistin lebt auch von ihren Ambivalenzen. Oft kreist sie stark um sich, und man möchte ihr fast zurufen: Nun sieh doch mal von dir ab! Aber in dieser Egozentrik hat sie zugleich eine enorm lebendige Präsenz. Wollten Sie durch solche Widerhaken einen allzu leichten Schulterschluss mit der Figur verhindern, deren Schmerzen und Ringen ja zwangsläufig dazu verleiten?

Es war wichtig, dass sie nicht nur durchweg sympathisch ist oder sich völlig nachvollziehbar verhält. Ihre Züge von Irrationalität und Impulsivität sollten schon auch nerven. Eine glatte Geschichte hat mich nicht interessiert, sondern eine mit Widersprüchen und einer Figur, die auch jene Facetten zeigt, die in einer gelingenden Erzählung vom Selbst oft weggelassen werden.
 
Die vielen produktiven Widersprüche sind auffällig. Zum Beispiel hat Isabelle starke Rückzugsreflexe, ist aber zugleich permanent im Austausch mit Freunden oder auch Intertexten. Was ist das für eine Form der Selbstvergewisserung?

Eine der Verbündung. Sie leidet einerseits unter zu großen Außenreizen und dem Gefühl, eigenen und fremden Erwartungen nicht zu genügen. Darauf reagiert  sie mit Scham und Rückzug. Aus dem Dilemma, ein soziales Wesen zu sein – und das eigentlich auch sein zu wollen – kommt sie aber so nicht heraus, und deswegen vertraut sie sich Verbündeten an: einerseits Freundinnen, die ihre Imperfektion nicht verurteilen, andererseits ‘literarischen Vertrauten‘, mit deren Hilfe es ihr gelingt, die eigenen Erfahrungen zu objektivieren. Wenn andere über ähnliche Empfindungen schon geschrieben haben, ist man darin nicht mehr allein.
 
Allein war sie aber in ihrer gescheiterten Ehe, oder besser: Sie trocknete in ihr immer mehr aus, bis fast nichts mehr von ihrer Identität übrig war. Das Kapitel mit dem Rückblick auf diese Zeit ist von großer Dichte und innerer Dringlichkeit – für mich das beste des Buches. Es mag unerhört klingen, aber verdankt Isabelle der schlimmen Ehe nicht auch ziemlich viel – eine Art Verpuppung, aus der heraus sie sich überhaupt erst entfalten kann? Das Schmetterlingsbild wird ja in einem Traum gesetzt.

Das Kapitel ist vermutlich tatsächlich ein Schlüssel. Zumindest macht es Andeutungen, Angebote, warum die Erzählerin sich in einem solchen Zustand innerer Rastlosigkeit befindet. Zentral ist es für den Roman auch, weil sie sich dem Schmerz dieser Beziehung stellen muss, um schließlich einen Schritt weiterzukommen. Die Metamorphose braucht die Rückkehr an den dunklen Punkt. Bei Lesungen lasse ich das Kapitel aber immer weg, weil es schon fast zu viel verrät.
 
So sehr die Erzählerin um Identitätsstiftung ringt, so sehr dekonstruiert sie die üblichen Modelle. Ein Schlüsselsatz lautet: „Vielleicht gibt es mich ja gar nicht.“ Aber was es sicher gibt, ist eben dieser Satz selbst, dieser Text – allem Schwinden von Identität zum Trotz?

Zumindest kann der Text eine Folie sein, auf der eine Identität dann aufbaut. Er hilft ihr dabei, sich zu vergewissern, was lediglich andere in ihr sehen wollen, oder wo sie es sich auch selbst zu einfach macht – wie in ihrer Ehe, bei der sie sich in eine Identität begeben hat, die jemand anderes für sie bestimmte. Der Text arbeitet sich an solchen Fremdentwürfen ab, um Tabula rasa zu schaffen und zu überlegen: Welchen Ich-Entwurf könnte ich mir denn selbst geben, wenn alle anderen nun überschrieben sind.
 
In diesem Zusammenhang ringt sie stark mit einem Kinderwunsch oder auch: -unwunsch. Bringt sie am Ende statt eines Kindes sich selbst als Buch zur Welt?

Verbunden ist beides in dem Gefühl, etwas leisten zu müssen, um die eigene Existenz zu rechtfertigen und die Identität mit Inhalten zu füllen. Den Nachweis bringen zu müssen, dass man etwas kann, etwas wert ist. Deshalb ist für sie auch der Satz so wichtig, den sie liest – dass eine Existenz selbst dann als wertvoll betrachtet werden muss, wenn sie nichts anderes beinhaltet, als den ganzen Tag Papierflieger gegen eine weiße Wand zu werfen, ohne eine bestimmte Stelle treffen zu wollen. Sprich: Sie will sich auch ohne Produktions- und Reproduktionsleistung vollständig fühlen. Dass das Buch letztlich erscheint, ist dann eher ein Nebeneffekt und löst schließlich keines ihrer Probleme.
 
Am Ende steht weder die Erlösung noch eine große Katastrophe, sondern eine Art heiter-melancholischer Fatalismus. Wollten Sie hier ihrerseits Erwartungen des Lesers brechen, der sich eine eindeutigere Auflösung in die eine oder andere Richtung ausgemalt hat?

Für mich ist es schon eher ein hoffnungsvolles, versöhnliches Ende, so wie sie da davon radelt, auch wenn sie in die Nacht fährt. Ich wollte ein offenes Ende, denn zu dem Experiment, ein Leben über zwei Jahre hinweg in vielen Facetten zu beobachten – auch wenn die Leben der beiden Isabelle Lehns natürlich nicht identisch sind –, gehört eben, dass es nicht endet, nur weil das Buch fertig geschrieben ist. Es geht weiter. Darin besteht für mich eigentlich das Happy End: Es gibt neue Möglichkeiten, es gibt offene Wege und Fragen. Man muss sich nicht immer festlegen und bereits alle Antworten kennen. Das kann Glück und Freiheit bedeuten.
 
Besonders gelungen ist der Text, wo er Isabelles Widerstand gegen ein optimales Leben auch in die Struktur trägt, wo er nicht nur Handlung erzählt, sondern experimentiert, Zustände schildert, Listen anlegt etc. Auch in dieser 'narrativen Unvernunft' behauptet sich Freiheit. Wie wächst so ein Text? Es ist schwer vorstellbar, dass Sie ihn linear, also optimal vernünftig heruntergeschrieben haben.

Ich war mir sicher: Ein derart konfuses, von Sinnfragen durchzogenes Leben wie das meiner Protagonistin kann nicht als kohärenter Text beschrieben werden. Die Brüche müssen in der Struktur sichtbar sein und die Gebrochenheit der Figur mit transportieren, etwa in Form von Zwischengattungen, essayistischen Passagen, Intertexten. Alles sollte changieren.

Im Grunde ist der Text auch so entstanden: als Sammlung von Bruchstücken, die ich oft unterwegs erstmal ins Notizbuch geschrieben habe. Ganz anders als bei meinem ersten Roman geschah das fast beiläufig – als hätte ich immer wieder nur darauf gewartet, mitzunotieren, wenn das Schreiben zu mir kam, mir gewissermaßen zustieß. Am Ende stand dann eine große Sammlung von Gedanken und Teilen, die ich ordnen und verbinden musste. Vieles wurde auch gestrichen oder nachträglich ergänzt. Das Buch ist also nicht chronologisch entstanden, sondern als Patchwork. Und so eine Existenz führt die Erzählerin ja auch.
 
Ein ziemlich genialer Schachzug Ihrer Metafiktion ist, dass sie bis in die Zukunft getragen wird. So beschreibt Isabelle etwa, wie das Buch – das fiktionsintern gerade erst entsteht und das wir gleichzeitig bereits in Händen halten – auf dem Markt erscheint und auf Reaktionen im Literaturbetrieb stößt. Ist einiges davon dann wirklich so eingetreten? Oder anders gefragt: Hat am Ende die Realität die Fiktion doch wieder rückeingeholt?

Während des ganzen Prozesses haben mich Fragen und Zweifel begleitet: Darf ich mich und andere so aussetzen? Welches Risiko gehe ich mit einer Autofiktion ein? Die Rezeptionsgeschichte dann gleich mitzuschreiben, hat diese Geister ein wenig gebändigt – und auch die Bedenken, nicht mehr Einfluss nehmen zu können, wenn der Roman einmal in der Welt ist und seinen Weg geht. Aber das ganze Spiel hat mir natürlich auch einfach Spaß gemacht.

Nach Lesungen passiert es nun wiederum oft, dass Leute zu mir kommen und mir sehr private Geschichten von sich anvertrauen, obwohl wir uns gar nicht kennen. Vermutlich weil sie das Gefühl haben, ich hätte mich ja selbst sehr geöffnet und sie müssten sich deshalb vor mir nicht schämen. Am Anfang war mir das unangenehm, einerseits weil ich diesen Vertrauensvorschuss eigentlich gar nicht verdient habe, andererseits weil ich nicht ständig erklären wollte, dass ich von der Figur meines Namens abzugrenzen sei. Aber seit mal jemand gesagt hat, das Buch beweise eben eine gewisse Empathie, ganz unabhängig davon, ob ich das nun alles selbst erlebt habe oder nicht, bin ich entspannter. Oft scheint das Buch die Menschen eben einfach zu erleichtern, und das ist doch eine schöne Reaktion.
 
Gerade bei Bekannten oder Menschen, die man flüchtig kennt, stelle ich es mir noch irritierender vor. Zum Beispiel unterrichten Sie ja auch an der Uni. Haben Sie das Gefühl, plötzlich anders wahrgenommen zu werden – oder dies Ihrerseits antizipierend so wahrzunehmen?

Selbst Menschen, die mir vertrauter sind, haben teilweise plötzlich das Gefühl, sie kennen mich überhaupt nicht. Aber das war mir gerade ein Anliegen – auch den dunkleren, fremderen Seiten Raum zu geben, die sicherlich ebenfalls in mir angelegt sind. Ob sie so ausgeprägt sind wie bei der Figur Isabelle, sei mal dahin gestellt.

Mein poetologischer Ausgangspunkt war, dass es nichts Unsagbares geben sollte. Ich wollte die Scham beherrschen, indem ich immer extra einen Schritt weiter gehe, einen Schritt über die Schmerzgrenze hinaus. Dieser Trotz schützt mich auch. Noch wichtiger war mir aber, dass mein Umfeld, das natürlich in den Roman hineinspielt, nicht verraten, niemand gegen seinen Willen vorgeführt wird. Die Schonungslosigkeit sollte sich nur gegen mich selbst richten. Zum Glück fühlt sich tatsächlich keiner meiner Freunde schlecht dargestellt. Ihre Sorge gilt eher mir, was allerdings unbegründet ist: Ich erfahre viel Anerkennung für den Roman und auch Dank für die Offenheit. Zuletzt hat mir eine dreiundachtzigjährige Leserin geschrieben, dass sie sich an vielen Stellen wiedererkannt habe. Das hat mich sehr gerührt, aber auch überrascht und mich daran erinnert, mir auch von anderen kein zu einfaches Bild zu machen.

Das Interview erschien erstmals auf dem Literaturportal Bayern.