Goethes Pfadfinder Etwas zu stark außer Kontrolle geratene Rohre

Světlana Ray: Etwas zu stark außer Kontrolle geratene Rohre
Světlana Ray: Etwas zu stark außer Kontrolle geratene Rohre | Foto: Světlana Ray

Eine internationale Ausstellung für Motorräder und alles, was dazu gehört, aus Sicht einer Biologiestudentin

Als ich ein kleines Mädchen war, hatten die größten Mädchenschwärme bei uns im Dorf Mopeds und düsten damit jeden Nachmittag über den Dorfplatz. Die meisten dieser Maschinen bestanden aus orangefarbenem Blech, jeder Menge Gestank und Lärm. Ich glaube man nannte sie Dachl/ Dax, Kozí dech (Ziegenatem = Moped Stadion S11) oder Außer Kontrolle geratene Rohre. Jetzt bin ich schon ein größeres Mädchen, gehe in Prag zur Schule und immer, wenn ich jetzt irgendwo einem Motorrad begegne, besteht es nur noch aus verchromten Rohren, Ledertaschen und einem rundlichen Biker mit Vollbart. Es stimmt, manchmal huscht etwas Buntes in den Straßen an mir vorbei und macht "wuuuuusccch". Das sind scheinbar auch Motorräder, aber ich habe nie genug Zeit sie zu betrachten, denn sie sind meisten gleich wieder weg.

Ich fuhr also mit meinem Freund nach München, wo vom 13. bis zum 15. Februar 2015 die große Internationale Motorrad Ausstellung (IMOT) stattfand. Mein Freund ist eigentlich eher Fahrradfahrer; soweit ich weiß, ist er einmal eine alte tschechoslowakische Babetta gefahren und das ist alles. Auto fahren kann er aber, hat sogar eins und so fuhren wir also via Rozvadov über die Autobahn. Ich freute mich schon darauf, auf dem Weg Motorräder zu sehen, so dass ich mich mental auf die Verkaufsmesse einstellen konnte, auf der es nichts anderes geben würde. Aber wir sahen kein einziges, wahrscheinlich war es noch etwas zu kalt.

Große Erwartungen

In München angekommen blickten wir neugierig aus dem Fenster, um das Messegelände nicht zu verpassen, aber schon mehrere Autobahnausfahrten vorher wurden wir mit verschiedenen Bannern und Wegweisern genügend darüber in Kenntnis gesetzt. Der Parkplatz war voll bis oben hin und ich nahm nur den Mangel an Organisation der Veranstaltung wahr – die sympathischen jungen Männer in den reflektierenden Westen, die das Geschehen lenkten, konnten auch keine Kreditkartenzahlung akzeptieren. Das war ein bisschen problematisch, da ich kein Bargeld dabei hatte. Aber sie erklärten uns freundlich, dass es direkt unter dem Messegelände eine Tiefgarage gäbe, die zwar etwas teurer sei als sieben Euro, die sie hier verlangten, aber man könne mit Karte zahlen oder zumindest gäbe es dort einen Geldautomaten. Wir dankten ihnen und fuhren mit der Idee einer Parkmöglichkeit, ähnlich der eines Theaterbesuches bei uns, zu den Messehallen weiter. Und wir hatten Glück. Entlang des gesamten Areals, wo parken in der Regel nicht erlaubt war, stand ein Schild, das besagte, dass man hier parken durfte und das auch noch kostenlos. Und wer konnte es glauben, direkt vor dem Haupteingang war noch ein letzter freier Platz gerade groß genug, dass unser Citroen perfekt passte ohne etwas zu verkratzen. 
  • IMOT-Eintrittskarten Foto: Světlana Ray
    IMOT-Eintrittskarten
  • Die Autorin der Reportage Světlana Ray bei einem der Motorräder. Foto: Světlana Ray
    Die Autorin der Reportage Světlana Ray bei einem der Motorräder.
  • Bremszange und verschiedene Motobestandteile. Foto Foto: Světlana Ray
    Bremszange und verschiedene Motobestandteile. Foto
  • Auf der IMOT Messe in München. Foto: Světlana Ray
    Auf der IMOT Messe in München.
  • Frau auf der Moto Messe - keine Sonderfall. Foto: Světlana Ray
    Frau auf der Moto Messe - keine Sonderfall.
Und so konnte es losgehen. Ich hatte große Erwartungen, aber ich war überwältigt. Es gab mehrere Hallen, die übersichtlich gekennzeichnet waren und schon am Eingang standen sympathische Damen, die die Tickets abrissen. Stattdessen bekamen wir beide ein buntes Bändchen um die Hand, damit man sah, dass wir jetzt auch dazugehörten und schon wurden wir von der Menge verschlungen. Mein Freund und ich hatten vereinbart, dass jeder sich alleine umschaut, damit er meine Eindrücke nicht beeinflusste. So ging ich links und er rechts. Die nächsten vier Stunden habe ich ihn nicht mehr gesehen. Stattdessen sah ich aber alles, was mit Motorrädern zu tun hat, wenn auch oft nur entfernt.

Schlamm und Schmutz und komische Klammotten

Zunächst einmal hatte ich ja keine Ahnung, was man alles Motorrad nennen kann. Bisher kannte ich nur wenige verschiedene Modelle – diese verchromten mit dem langen Lenker, auf denen meist die Hells Angels fahren und dann die, die unter Blech versteckt sind und auf denen Verrückte ohne Selbsterhaltungstrieb sitzen. Hier gab es alles. Motorräder für das Gelände mit riesigen Greifern statt Rädern zum Beispiel. Ich stellte mir vor, wie diese schön polierte Maschine wohl aussieht, wenn der neue Eigentümer zum ersten Mal irgendwo durch den Steinbruch oder den Wald heizt. Wie sich der ganze Schlamm wohl aus den vielen Ritzen waschen und kratzen lässt? Das gleiche gilt sicherlich auch für die Kleidung: Am Anfang ist es ein farbenfroher Fahrer, der einem Papagei ähnelt, am Ende ein formloser Ball aus Schlamm und Schmutz. Pfui.

Auch die Kleidung ist ein Kapitel für sich. Davon gab es eine ganze Menge. Von Socken bis hin zu massiven Lederjacken mit Nieten, die wie Werbung für die Vereinigung von Gerbereien und Eisenwerke aussahen. Menschen mit Vorliebe für Leder und mit solidem Geldbeutel würden auf jeden Fall in vollen Zügen auf ihre Kosten kommen. An fast jedem Stand zog sich jemand an, aus oder um und probierte aus. In der Regel ging ein ansehnlicher Herr im Anzug hinein, heraus kam ein Aragon mit Helm. Das gleiche bei Frauen – die Kostümchen wurden gegen Lederhosen mit verstärkten Knien und so Fransen ausgetauscht.

Der humorvollste Stand aber verkaufte nicht etwa Vergaser (dieses Wort habe ich bei Google gefunden) auch keine verchromten Lenker oder Motorradkleidung sondern - Kaffeebecher. Es gab sie in allen Farben und sie trugen lustige Aufschriften wie "Unverzichtbarer Bestandteil" oder "Das Motorrad und meine Tasse verleihe ich nicht".

Sehr beeindruckt hat mich ein Oldtimer, der an einem der Messestände stand - es war einer dieser alten amerikanischen Lieferwagen mit abgerundeter Motorhaube aus einer Zeit, in der Schönheit noch genau so wichtig war wie Leistung. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, mit so einem Auto bei uns ins Dorf zu kommen, die Geräusche der gequälten Motörchen mit kleinem Hubraum würden entweichen, eine bläuliche Wolke aus einer verbrannten Mischung von Benzin und Öl würde sich verbreiten und unsere lokalen Biker würden mit offenem Mund ehrfürchtig stehenbleiben. Ich würde ihnen einen Katalog von IMOT vor die Füße werfen, verächtlich lächeln und aus den Mundwinkel brabbeln: „Ihr hättet Sprachen lernen und reisen sollen.“ Dann würde ich den leistungsstarken Motor durchdrehen lassen und zurück nach Prag fahren.

So träumte ich vor mich hin, als ich fast mit Motoröl übergossen wurde, das - in einer offenen Blechdose - einem der Verkäufer aus der Hand fiel, als er das besagte Produkt gerade einer Gruppe von Interessierten vorstellte. Aber ich sprang rechtzeitig zur Seite und so zerlief das Öl nur auf dem Boden.

Als mein Freund und ich uns am Eingang wiederfanden, mussten wir nicht viel reden, um zu wissen, dass ein solcher Urlaub auf Motorrädern nicht ganz unser Fall war. Zum Glück waren wir nicht auf einer Messe für Sportwagen. Auf ein Motorrad kann man sparen, auf einen Ferrari sehr viel schlechter.