Goethes Pfadfinder Ein roter Kopf in Schwandorf

Ein roter Kopf in Schwandorf
Foto: Hana Královcová

Eine Projektmanagerin für europäische Projekte entdeckt eine Erotikmesse in einer deutschen Kleinstadt

Wissen Sie, wie es aussieht, wenn sich Deutsche entschließen eine Erotikmesse zu veranstalten? Ich wusste es nicht und muss sagen, dass mir dieses Wissen bisher in meinem Leben auch nicht gefehlt hatte. Dann aber bekam ich ein interessantes und auf den ersten Blick lustiges Angebot vom Goethe-Institut: Fahr irgendwohin, wo du selbst nie hinfahren würdest und schreib darüber! Du kannst kritisch sein, du kannst bissig sein oder lustig und wer weiß, vielleicht überraschst du dich selbst.

Und tatsächlich habe ich mich selbst ganz gehörig überrascht, und dies schon allein damit, dass ich das Angebot annahm. Denn – ich weiß nicht einmal wie – auf einmal stand ich vor einer Sporthalle in der oberpfälzischen Stadt Schwandorf, es dämmerte und tröpfelte, über den anliegenden Parkplatz wandelten verdächtige Gestalten und ich schaute nur ungläubig auf die riesige Neonaufschrift „Eros & Amore“. Erotikmesse. Deutsche und internationale Pornostars zu Gast. Ich spürte, wie ich errötete. Bin ich tatsächlich hier und will ich tatsächlich hineingehen? Allein?

Die Welt als Wille und Vorstellung

Ich will es nicht leugnen – am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht, mich ins Auto gesetzt und wäre zurück nach Pilsen gefahren. Aber versprochen ist versprochen und was ich mir in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich auch durch. Und überhaupt, wenn ich mich bei diesem Hundewetter schon in die Oberpfalz schleppe ... dann macht mir ein bisschen Erotik im deutschen Stil auch nichts. Oder vielleicht doch? Ich habe nicht einmal geahnt, auf was ich mich einließ und was ich eigentlich von der hiesigen Erotikmesse erwarten sollte – vermutlich aufreizende Dirndl und Lederhosen mit Latz? Mich auf meinen Realismus verlassend habe ich mich innerlich auf das Schlimmste eingestellt: Kitsch, Vulgarität, wollüstige Besuchermassen, Weiber in Netzstrumpfhosen, zweifelhaften Kommerz. Aber, wie ich schon sagte, versprochen ist versprochen und ich schrecke auch vor Herausforderungen nicht zurück. Ich klammerte mich an das Döschen Pfefferspray in meiner Tasche, sagte mir „Du schaffst das“ und machte mich auf zum Schwandorfer „Eros“.

Die Sporthalle am Stadtrand, wo sich dies alles abspielte, sah eigentlich einigermaßen verlassen aus. Vor dem Eingang gab es nur einen kleinen Laden, in dem entgegen meiner Erwartungen nichts Schlüpfriges verkauft wurde, sondern nur Bretzeln und gekochte Kartoffeln. Die lächelnde und so gar nicht provokativ gekleidete Frau hinter dem Pult verkaufte mir (für meiner Meinung nach ungeheure 20 Euro) ein Ticket und offensichtlich erschien es ihr überhaupt nicht komisch, dass ich allein auf eine derartige „Veranstaltung“ ging, nur mit meinem geliebten Fotoapparat.

Von der naiven Vorstellung, dass das alles doch auch ein wenig zivil ablaufen würde, wurde ich direkt von der ersten Person befreit, auf die ich im Inneren traf. Ein älterer Mann, allein hinter seinem Stand in einem breiten, einigermaßen steril wirkenden Gang, sprach mich an mit „Guten Abend, liebe Dame“ und zeigte mit einer schwungvollen Geste auf sein Sortiment. Zuerst musterte ich ihn sicherheitshalber mit einem strengen Blick, damit er nicht dachte, dass ich weiß Gott wie nett sei, doch das abgeklärte Image verließ mich augenblicklich, als ich merkte, was er eigentlich verkaufte: Süßigkeiten verschiedener Farben und Größen, immer aber in der Form eines Penis. Einen solchen begann er mir anzubieten, aus blauem Marzipan und nicht gerade den kleinsten, und das mit der gleichen Selbstverständlichkeit, als würde er irgendwo in der Stadt Laugenbrezeln verkaufen. Eine Antwort brachte ich nicht hervor, mein Gesicht war ganz bestimmt knallrot.

Erotik unterm Basketballkorb

PussyKat Foto: Hana Královcová In der Haupthalle bot sich mir ein überraschender Anblick – die famose Erotikmesse, für die ich mich so geschämt hatte, wirkte eigentlich ganz schön verschlafen. Stellen Sie sich nur einmal vor: Am Rande der Sporthalle drängten sich einige Dutzend Stände, die alle das Gleiche verkauften – billige Reizwäsche, Gegenstände, über deren Zweck ich nicht einmal spekulieren möchte, Erlebnisgutscheine und verschiedene Dienstleistungen. Ganz vorn, unter dem Basketballkorb stand ein mit einem schwarzem Tuch bezogenes Podium, auf dem ein ältlicher Moderator in einem leicht an einen Jahrmarkt erinnernden Stil alles Mögliche ausrief, was ich nicht einmal versuchte zu verstehen. Allerdings habe ich früh begriffen, worum es ging, auch ohne Kenntnisse des hiesigen Dialekts: Auf das Podium wurde gerade der Star des Abends geladen, eine Pornodarstellerin mit dem Namen PussyKat. Bevor ich verdauen konnte, dass es auf dieser Welt tatsächlich eine Frau gibt, die sich freiwillig PussyKat nennen lässt, führte die Betreffende alles vor, was sie konnte und verschwand nach einem verhältnismäßig halbherzigen Applaus wieder hinter der Bühne.

Ich sagte mir, dass ich eine viel bessere Arbeit hätte (auch wenn mein Chef mir dabei nicht applaudiert) und begann mich in der Sporthalle ein bisschen genauer umzusehen. Zu Beginn war mir das alles andere als angenehm, ich hatte das Gefühl, dass sich jeder nach mir umschaute. Eine einsame Frau war einigermaßen auffällig, bildeten doch vor allem Männer die Belegschaft. Und gerade dank dieser vergaß ich binnen kurzer Zeit ein wenig meine Scheu. Nein, niemand dort beeindruckte mich so, wie Sie vielleicht denken. Aber mir wurde klar, dass es mir viel besser gefiel statt des billigen und zweifelhaften Sortiments an den Verkaufsständen und der Produktion auf der Bühne die anderen Besucher der Erotikmesse zu beobachten: Was für Leute suchen dieses Programm auf?

Die Soziologie der Liebe

Schnell war es mir klar: Familienväter vom Land, die heimlich kamen um die exotischen „Tänzerinnen“ zu sehen. Eine Party für Kameraden mittleren Alters, die nach dem zweiten Bier ihren zweiten Frühling entdeckten. Panische Studentlein, die zu wenig Selbstbewusstsein hatten, um ein Mädchen zum Rendezvous einzuladen, aber entschlussfreudig genug waren unter dem Deckmäntelchen der Nacht vom Internet loszukommen. Nicht einmal auf meine Favoriten musste ich verzichten: wollüstige Opas mit Kamera. Vor allem einer verdiente meine Aufmerksamkeit; so ein etwas finsterer Typ (nennen wir ihn einmal Gerhard), der sich bis dicht ans Podium vorgedrängelt hatte und unverhohlen jedes Detail dessen aufnahm, was sich dort gerade abspielte. Als vernünftiger Paparazzo habe ich zur Abwechslung ihn fotografiert.

Aus meiner teilnehmenden Beobachtung riss mich irgendein Mitdreißiger im Tiroler, vor dessen Stand ich unbewusst stehen geblieben war: „Aber junge Frau“, sagte der Typ, „Sie sollten besser vor der Kamera stehen als dahinter.“ Als ich den Schreck und die Information verdaut hatte, wurde mir klar, dass der Herr versuchte mir erotische Fotos anzubieten, also meine eigenen. Ich lehnte stammelnd ab und spürte, wie mir das Blut erneut ins Gesicht schoss. Ich nahm lieber die Beine in die Hand und ging zur Sicherheit bis ganz ans Podium vor, in der Hoffnung, dass es im Auge des Tornados windstill sein würde.

Mark Miller + Nio de Silva Foto: Hana Královcová Auf dem Podium übrigens hatte sich die Szenerie geändert. Der Jahrmarktsmoderator rief aus, dass nun „etwas für die Damen“ käme, worauf die Mehrheit der männlichen Besatzung auf ein Bier verschwand und einige wenige aufgetakelte Frauen unbestimmten Alters ihren Platz einnahmen, die auf einmal aus den Untiefen der Sporthalle aufgetaucht waren. Und dann kamen mit großem Pomp die zwei „Klempner“ Mark Miller und Nio de Silva. Ich muss dazu sagen, dass einer größer war als der andere und nicht einer auch nur einigermaßen brauchbar aussah. Im Rhythmus einer 80er-Jahre-Disco rissen sie sich überraschend schnell ihre Uniformen vom Leib, was ein begeistertes Gejohle im Publikum auslöste. Mit einer Ausnahme: Ich habe mich königlich amüsiert, als ich den finsteren Gerhard bemerkte. Immer noch okkupierte er den Platz in der ersten Reihe, den Blick aber hatte er zu Boden gesenkt und die Kamera auch. Offensichtlich interessierten ihn weder Mark noch Nio, er musste diese Vorstellung nur überstehen, seinen Platz verteidigen, um gute Aufnahmen von den anderen Auftritten zu haben: PussyKat sollte im Verlaufe des Abends noch ganze viermal ihre Reize (wenn man das so nennen kann) offenbaren!

Die Katze im Sack

Mir begann dies langsam aber doch zu viel zu werden. Eindrücke hatte ich unzählige, Fotos ebenfalls. Die Stripper, für mich wohl der Höhepunkt des Abends, hatte ich gesehen und ein weiteres Wackeln von weiblichem Silikon würde ich nicht überstehen. Um die verdächtigen schwarzen Kabinen mit der Aufschrift „Erotik-Automat“ habe ich einen Bogen gemacht, hoffentlich verzeiht mir das Goethe-Institut, dass ich mich nicht getraut habe, wirklich alles auf der Messe zu erforschen.

Doch dann fiel mir ein, dass ich irgendein Souvenir mitnehmen sollte, eine Erinnerung, über die ich dann mit meinen Kolleginnen auf der Arbeit lachen könnte. Leider zeigte sich, dass es auf der ganzen Messe absolut nichts Brauchbares zu Kaufen gab – also sofern Sie nicht auf der Suche nach billig aussehender Reizwäsche, Lebensmitteln mit unkeuschen Formen oder einem Halsband (wohl für den Hund) waren. Einzig ein Stand mit einer Menge verschieden großer Schachteln fesselte mich: für zehn, zwanzig oder fünfzig Euro. Ich verstand, dass es sich um eine Art „Kinderüberraschung“ für Erwachsene handelte, um ein Geschenk „nach Maß“ für Mann oder Frau. Eine Weile spielte ich mit dem Gedanken, etwas nach Hause mitzunehmen, aber dann dachte ich an meine Mutter, wie sie mich ermahnt, nicht die Katze im Sack zu kaufen. Apropos Mama: Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, wo ihre artige Tochter heute Abend steckte? Ich schaute mich noch einmal um: das wackelnde Weibsbild auf der Bühne hält ihren Schoß in Gerhards Objektiv, ein dickbäuchiges Väterchen versucht eine genervte Verkäuferin von Ledermasken zu beeindrucken, ein Jünglein mit einem von Akne vernarbtem Gesicht steht Schlange für ein Autogramm von PussyKat und der Stripper Nio flirtet in einem raffiniert geöffneten Bademantel mit einer verwahrlosten Mitfünfzigerin. Hier erwartete mich nichts Bahnbrechendes mehr, Zeit zu gehen.

Auf dem Parkplatz fand ich vor meinem Auto ein rosa Federlein. Von wegen Federlein – das war schon ein vernünftiger Federkeil. Vermutlich Teil irgendeines erotischen Kostüms, das jemand hier verloren hatte. Na also, ich hatte mein Souvenir! Ich warf die Feder auf den Beifahrersitz und begann zu lachen: Ja, heute Abend habe ich mich wirklich selbst überrascht. Ich begab mich auf unbekanntes Terrain und habe verstanden, dass Besucher einer Erotikmesse auch nur Menschen sind. Wenn ich auf Arbeit erzähle, was ich heute Abend in Schwandorf alles gesehen und erlebt habe, werden mir meine Kolleginnen sicher nicht glauben. Ich hoffe nur, dass ich beim Erzählen nicht wieder rot werde!
 

  • Ein roter Kopf in Schwandorf Foto: Hana Královcová
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