Goethes Pfadfinder Latente Verbrecher und degenerierte Aristokraten

TATTOO FESTIVAL BERLIN
TATTOO FESTIVAL BERLIN | © Goethe-Institut / Filip Rambousek

Janáček, Vergil, Gropius und deutsche Tätowierer: ein tschechischer Student und Intellektueller auf dem Weg zu den „bunten Vögeln“ vom Berliner TATTOO FESTIVAL.

 

A WIE ADOLF LOOS
 
Das formative Zeitalter ist eine unsichere Zeit, weil sich der Mensch in ihm formt bzw. in ihm geformt wird. Ich bin in meinem sensiblen Alter den Überlegungen und der Ästhetik von Adolf Loos verfallen, der in seinem berühmten Essay Ornament und Verbrechen (1908) unter Anderem schreibt: „Der Papua tätowiert seine Haut, sein Boot, seine Ruder, kurz alles, was ihm erreichbar ist. Er ist kein Verbrecher. Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder ein Degenerierter. Es gibt Gefängnisse, in denen achtzig Prozent der Häftlinge Tätowierungen aufweisen. Die Tätowierten, die nicht in Haft sind, sind latente Verbrecher oder degenerierte Aristokraten. Wenn ein Tätowierter in Freiheit stirbt, so ist er eben einige Jahre, bevor er einen Mord verübt hat, gestorben.“
 
Meine Meinung von Tätowierungen und Tätowierten war nie so ausgeprägt wie die von Loos. Ich habe die mehr oder weniger gelungenen Bilder auf dem menschlichen Körper lediglich für einen zu billigen Versuch gehalten, sich zu unterscheiden, für ein missglücktes Spiel erwachsen zu sein, kurz für Ratlosigkeit, in der wir uns doch alle gleich sind. Und das denke ich immer noch. Im Unterschied zu Loos belästigen mich tätowierte Menschen nicht; ich traue mich nicht den Anderen zu sagen, wie sie mit ihrem Körper umgehen sollen. Gleichzeitig nehme ich die dauerhaft unter die Haut gegrabenen Malereien wohl oder übel als ein gewisses Signal, eine Information wahr, die mir derjenige, ohne dass er etwas sagen würde, mitteilt. Es minimiert in meinen Augen die Möglichkeit einer Zusammenarbeit, die auf einem tieferen gegenseitigen Verständnis beruht. Als ob es schon am Anfang etwas gäbe, das uns voneinander entfernt. Auch ich bin also ähnlich wie der Herr Architekt von Vorurteilen gefangen.
 
JANÁČEKS NEBEL UND BROCHS VERGIL
 
Am Samstag, den 10. Dezember 2016, bin ich früh raus, um den morgendlichen Schnellzug nach Berlin zu bekommen und um mir das einzigartige Reiseerlebnis entlang von Moldau und Elbe zu gönnen, wenn diese noch unter einer schweren Nebeldecke schlummern. Beim Blick in die grauweiße Stille fiel mir die Musik aus einem Klavierstück von Leoš Janáček ein: Im Nebel. Wie der alte Vergil zwischen Leben und Ewigkeit (ich habe einen Roman von Hermann Broch mitgenommen, den ich kürzlich in einem Antiquariat für umgerechnet drei Euro gekauft habe), schwankte ich zwischen Wachzustand und Schlaf und dachte über meine Aufgabe nach, die abwechselnd Neugierde und Angst in mir weckte. Aus diesem Zwischenzustand, den man zum Beispiel mit dem Wort Dösen beschreibt, bin ich endgültig in dem Augenblick erwacht, als der Gegenzug an uns vorbeifuhr. In seinen Fenstern spiegelte sich der unsere und mir wurde klar, dass es sich mit tätowierten Menschen ähnlich verhalten wird – dass sich in ihren Tätowierungen meine Vorurteile widerspiegeln und dass vor allem ich es bin, der offen sein und von Neuem seine Standpunkte überdenken müssen wird.
 
MARTIN-GROPIUS BAU VS. HUXLEYS NEUE WELT

Vom Hauptbahnhof bin ich zu Fuß gegangen und habe die meisten heimtückischen Orte mit überraschender Leichtigkeit hinter mir gelassen. Nicht einmal beim Anblick des Philharmonie-Gebäudes wurde ich wahrnehmbar schwermütig. Wahrscheinlich beruhigte mich die Gewissheit, dass ich dorthin noch am Abend zurückkehren sollte, um ein Konzert mit dem Dirigenten Sir Simon Rattle zu sehen. Eine schwierigere Prüfung erwartete mich beim Vorbeigehen am Martin-Gropius-Bau, dessen Besuch nicht geplant war. Ich habe mich aber noch rechtzeitig an meine Aufgabe erinnert und ging eisern weiter zur Hasenheide 107-113 zu Huxleys Neuer Welt, wo die Tätowier-Nadeln sicher schon fleißig arbeiteten. An die Nadeln habe ich damals gar nicht gedacht, meine Vorstellungen und Erwartungen waren, wenn es überhaupt welche gab, sehr vage. Genauer gesagt hatte ich keine Ahnung, auf was ich mich vorbereiten sollte, und so habe ich mich auf nichts vorbereitet und bin einfach hingegangen. Beim Hineingehen überraschte mich die Enge – ich hatte mir ein Ticket für etwas gekauft, das ich selbst nie besuchen würde, war mit Menschen in einem Raum, für die ich mich nie interessiert hätte usw.
 
Es dauerte einige zig Minuten, bis ich ein wenig locker geworden bin (auch das Bier hat seine Rolle gespielt), die Scheu und Unsicherheit zeigten sich als unerwartet stark. Während dieser Zeit bin ich unzählige Male durch die ausgedehnte Halle gegangen, übersät von Tätowierbedarf, Büchern über Tätowierungen und vor allem improvisierten Tattoo-Salons, in denen tatsächlich mit Volldampf gearbeitet wurde, sodass es im gesamten Raum summte wie in einem Bienenstock. In einer Ecke befand sich eine lange Bar, von der man über kleine Stufen weiter auf eine kleine Tribüne mit einem Imbiss steigen könnte; in der benachbarten Ecke stand ein Podium, wo sich irgendein Duo bemühte Musik zu machen und später irgendein Herr die Moderation. Hier sollte es auch zur Präsentation und Bewertung der besten Tätowierer-Werke in mehreren Kategorien kommen.
 
Am Ende habe ich mich dann doch zusammengerissen und einige Leute angesprochen, um zu erfahren, was sie auf das Festival führt, welche Beziehung sie zum Tätowieren haben und schließlich auch um mir die Bedeutung der einzelnen Motive erklären zu lassen, bei denen sie nicht gezögert hatten, sie sich unter die Haut malen zu lassen. Am längsten habe ich mit Katharina und Bastian gesprochen, zwei jungen sympathischen Leuten, die sich auch erst hier kennengelernt haben. Katharina hatte nur ein kleines und zudem weißes, auf den ersten Blick sozusagen unsichtbares Tattoo auf dem Unterarm. Ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas gibt. Man musste schon ganz genau auf die besagte Stelle schauen, um die feinen Linien überhaupt zu erkennen. Bastian hatte eine klassische Tätowierung, schwarz, doch auch er nur am Unterarm und in einer sehr begrenzten Größe. Das Gespräch mit ihnen hat mir die Tür in die Welt der Tätowierungen geöffnet (von den verschiedensten Möglichkeiten bis zu Modetrends aus Vergangenheit und Gegenwart), die sich immer mehr als eine ungewöhnlich mannigfaltige und nach innen differenzierte herausstellte, wie eine Welt, die in größerem oder kleinerem Maße die Heimat für von Tattoos Besessene ist, aber auch für diejenigen, die eine sehr offene Beziehung zu Tattoos haben.
 
In Huxleys Neue Welt traf sich eine bemerkenswerte Mischung an Leuten von muskulösen Burschen und rauen Bikern über verrückte Studenten und immer moderne Hipster bis zu Rockern und vielen weiteren Subkulturen, die in Wirklichkeit gar keine homogenen Gruppen sind. Schließlich dürfen wir auch mir ähnliche Entdecker und Journalisten nicht vergessen. Und auch trotz der gelockerten und freundlichen Atmosphäre habe ich mich entschieden die Gesellschaft nach einigen Stunden zu verlassen. Zum einen hat es mir dort nicht wirklich Spaß gemacht, zum anderen war – gerade aus diesem Grund – klar, dass ich in meinen Bemühungen nicht mehr weiterkomme.
 
WIEDER DIESE IDENTITÄT ODER DER VERSUCH EINER IDEE
 
Vom an der Grenze zwischen den beiden angesagten Berliner Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln angesiedelten Tattoo Festival hat mich niemand vertrieben und ich bin trotzdem gegangen. Ich bin nämlich niemandem (so denke ich) derart verdächtig vorgekommen, wie alle Anderen mir. Höchst verdächtig macht man sich in meinen Augen schon allein mit der Entscheidung, 14 Euro in das Ticket für ein Ereignis dieser Art zu investieren. Damit sie nicht dachten, dass ich einer von ihnen war, habe ich beim Zusammentreffen jedem sofort von dem wahren Grund meiner Anwesenheit unter den Anhängern von Tätowierungen erzählt. Der Mensch hat kurz gefasst das Bedürfnis sich abzugrenzen und auf eine bestimmte Weise seine Identität zu konstruieren. Einer hilft sich dabei mit Tätowierungen, ich habe mich auf dem Festival in Opposition zu ihnen präsentiert und dem gleichen Prinzip unterliegt auch dieser Artikel. Von der Kultur des Tätowierens distanziere ich mich nicht nur, sondern biete gleichzeitig auch direkt alternative Werte an, mit denen ich verbunden werden möchte, wie zum Beispiel moderne Architektur (Adolf Loss), klassische Musik (Leoš Janáček, Berliner Philharmoniker), Bildende Künste (Martin-Gropius-Bau) und Literatur (Hermann Broch). Es würde genügen hinzuzufügen, dass für den zweiten Tag ein Besuch des Bauhaus-Archivs und der Ausstellung zum 500. Todestag von Hieronymus Bosch (lies Bos) geplant waren und die Reportage vom Tattoo Festival hätte anfangen können in eine ganz andere Richtung zu gehen.
 
Der Ausflug nach Berlin hat mir viele interessante Denkanstöße gegeben. Zu den stärksten Erlebnissen gehörte Zweifels ohne die direkte Konfrontation mit der inneren Differenziertheit der Gesellschaft, die ihren Weg in Huxleys Neue Welt gefunden hatte. Viele Besucher verbindet mehr als die Leidenschaft für Tätowierungen ihre Liebe zu Motorrädern, Rockmusik oder etwas Anderem. Von Extremfällen abgesehen sind Tätowierungen bei Weitem nicht der Hauptpfeiler der Identität ihrer Träger, ja umso mehr, ihre Bedeutung ist oft völlig marginal. Deshalb ist es unmöglich und also auch unsinnig tätowierte Menschen als irgendeine homogene Gruppe anzusehen und erst recht sie mit bestimmten Eigenschaften zu verbinden, wie es einstmals der (spätere) Architekt der prächtigen Villa Müller versucht hatte. Im Gegenteil bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nötig ist, das Phänomen des Tätowierens mit mehr Abstand zu betrachten. Ich versuche das zumindest.
 

  • TATTOO FESTIVAL BERLIN © Goethe-Institut / Filip Rambousek
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