Eine Sendung #LutherLenin

LutherLenin © Studio hrdinů

Sa, 02.12.2017 -
So, 03.12.2017

Studio hrdinů

Veletržní palác Dukelských hrdinů 47

170 00 Praha 7

500 Jahre Subjekt, Medien, Reformation und Revolution

LIVE STREAM HIER
Leben wir noch im Zeitalter der Revolutionen?
Sind wir jemals autonom gewesen?
Gibt es ein Ich jenseits von Medien?

Das Rad der Geschichte dreht sich. 500 Jahre Subjekt, Medien, Reformation und Revolution.
3 Bühnen, 3 Rundfunksender, 36 Stunden Programm.

Das ausführliche Programm
The whole program

Radiosendungen sind das Leitmotiv des künstlerisch-wissenschaftlichen Projekts #LutherLenin.
Zu diesem Zweck werden drei Räumlichkeiten des Prager Theaters Studio Hrdinů in Radiostationen umgewandelt, hier laufen dann verschiedene Sendemodelle: die staatliche Radiosendung kommentiert die Situation in einem autoritären Staat, in dem der Staat das Monopol auf Massenmedien besitzt. Die private Radiostation setzt sich für Aufklärung und Unterhaltung im Rahmen privater Initiativen und Interessen ein. Der Gemeinderundfunk vertritt die Position eines Rundfunksenders in unstabilen Zeiten … Interviews und Vorträge mit internationalen Gästen aus den Bereichen Philosophie, Kunst und Wirtschaft werden auch live ins Internet übertragen!

Was verbindet Luther, Lenin und „Hashtag“, mithin die auslösenden Ereignisse der Reformation, die Geschehnisse der Oktoberrevolution und unsere heutige, von den Umwälzungen der digitalen Kommunikationsmedien gekennzeichnete Zeit?

Neben Diskussionen können Sie sich auch auf das Nachtprogramm mit revolutionärer Musik freuen. Das ganze Programm wird live gestreamt ins Internet unter der Bezeichnung Radio #LutherLenin und Besucher können das Programm nicht nur live im Theater verfolgen, aber auch auf ihrem Smartphone.

#LutherLenin nutzt das Zusammenfallen der Jubiläen zweier weltgeschichtlicher Ereignisse, um nach deren gemeinsamen Elementen zu fragen: Ideen, Konzepten, Technologien, deren historischer Entwicklung, Interpretation und Wirksamkeit zu verschiedenen Zeitpunkten bis heute. Die Veranstaltung wirft einen Blick auf die letzten 500 Jahre, indem sie die longue durée ideen-, technik- und sozialgeschichtlicher Entwicklungen in den Vordergrund stellt und miteinander in Beziehung setzt.

Mit Beiträgen von:
Milena Bártlová (Kunsthistorikerin); Kollektiv Free Radio International: Theresa Ehrenberg (Künstlerin und Radioaktivistin), Lukas Holfeld (Künstler und Radioaktivist), Michal Kindernay (Intermedia Artist), Tina Klatte (Kulturwissenschaftlerin und Radiomacherin), Marold Langer-Philippsen (Radiokünstler und Theaterregisseur), Thies Streifinger (Radiomacher), Miloš Vojtěchovský (Kurator, Kunsthistoriker und Audiovisual Artist), Ralf Wendt (Sprechwissenschaftler, Radioaktivist und Performance-Künstler) und andere; A2 Magazin und Gäste: Dizzcock, k!amm, Martin Vrba, Ondřej Slačálek, Jaroslav Fiala, Roman Rops-Tůma, Michal Špína und andere; Berliner Gazette und Gäste: Iskra Geshoska (Kulturkritikerin und Aktivistin), Magdalena Taube (Journalistin), Krystian Woznicki (Journalist), Sabrina Apitz (Kuratorin und Kulturpädagogin), Sazae Bot (Avatar), Michael Prinzinger (Softwareprogrammierer); Alexander Tschernek (Radiofilosof); Tomáš Sedláček (Wirtschaftswissenschaftler); Natálie Pleváková (Multimediakomponistin); Ilona Švihlíková (Wirtschaftswissenschaftlerin); Miroslav Tejkl (Jurist); Tereza Virtová (Anthropologin); Andreas Bernard (Medienwissenschaftler und Publizist); Anna Daučíková (Künstlerin); Stefan Höhne (Kulturwissenschaftler und Technikhistoriker); Miloš Vojtěchovský (Kurator und Künstler); Michal Kindernay (vizuální umělec); Xabier Arakistain (Feminist und Kurator); Tereza Stöckelová (Soziologin); Forschergrupper "Kleine Formen", Humboldt-Universität zu Berlin: Marie Czarnikow, Jasper Schagerl, Stefan Strunz, Noah Willumsen (Kultur- und Literaturwissenschaftler/innen); Lumír Nykl (Kurator, Kulturjournalist und DJ); Tilman Porschütz (Programmierer und Künstler); Nimrod Vardi (Künstler); Nicholas Bussmann (Komponist und Performer); Ursula Baatz (Philosophin und Journalistin); Michael Hauser (Philosoph); Jakub Ort (Journalist, Theologe, Aktivist); Stephan Schaede (Theologe); Dietrich Brants (Radiojournalist, SWR); Götz Bachmann (Ethnologe); Alexander Kluge (Filmemacher und Autor); Zbyněk Baladrán (Künstler und Kurator); Jan Horák (Theaterregisseur und Direktor Studio Hrdinů); Alexander Klose (Kulturforscher und Kurator); Antonín Šilar (Szenograph); Dragan Stojčevski (Bühnenbildner)

Programm:

Milena Bartlová
Wie verbreitet man eine Revolution? – Kommunikation zwischen Gebildeten und Analphabeten in der Zeit der Hussiten-Bewegung

 
Reformationen und Revolutionen begründen sich aus einem breit gestreuten gesellschaftlichen Bedarf nach radikaler Veränderung. Aber sie bedürfen auch einer  theoretischen Basis. Letztere wird von Intellektuellen formuliert – aber wie können diese ihre Botschaft auf eine Art und Weise kommunizieren, dass sie ungebildete und sogar illiterate  Menschen verstehen und zu ihrer Sache machen? Auch die tschechische Hussitenbewegung in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als sich Lesekompetenz nur auf eine kleine Bürgerelite beschränkte, hatte mit diesem Problem zu kämpfen. Ihre Kommunikationsmittel waren Bilder und öffentliche Aufführungen, die auf emotionale Weise intellektuelle Inhalte vermittelten und die Bevölkerung von der Notwendigkeit einer Veränderung der herrschenden Ordnung überzeugten. Anders als zu Luthers Zeiten konnte sich die hussitische Revolution noch nicht des Buchdrucks bedienen; eine Situation allerdings, die sich von den Anfängen der sowjetischen Ära um das Jahr 1920 nicht sehr unterscheidet.   
 
(Tschechisch, 45 Min, Bühne 2, Übersetzung ins Englische)
 
Milena Bartlová ist Professorin für Kunstgeschichte an der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag. Ihr im Jahr 2015 erschienenes Buch Pravda zvítězila: výtvarné umění a husitství 1380-1490 (Die Wahrheit siegte: bildende Kunst und die Hussiten 1380-1490) befasst sich mit der Frage, wie man revolutionäre Ideen unter überwiegend analphabetischen Menschen verbreitet.
 
Radio Corax Halle und Rádio Papular Prag
Radio Revolten 1: Treffen tschechischer und deutscher Radioaktivisten zur Gründung eines Freien Radios Prag

 
Herbst 1917, das Radio war zu dieser Zeit noch kaum bekannt, die ihm zugrunde liegende Funktechnologie diente der geheimen Übermittlung militärischer Botschaften. Doch die russischen Revolutionäre planten bereits die Gründung eines Radiosenders. Dieser Plan ist allerdings nicht umgesetzt worden. Grund genug, hundert Jahre später, in der Stadt, in der die bolschewistische Bewegung ihren offiziellen Anfang nahm, auf diesen Plan zurückzukommen.

(Englisch und Tschechisch, 90 Min, Bühne 3)
 
Radio Corax ist Deutschlands größter freier Rundfunksender und hat seinen Sitz in Halle (Saale). 2016 richtete das Corax-Team gemeinsam mit internationalen Radioaktivisten das Festival Radiorevolten aus, das weltweit erste globale Treffen von Radiokünstlern.
 
Radio Papular ist der Name eines temporären Radioprojekts unter Beteiligung der Prager Radiokünstler und -aktivisten Miloš Vojtěchovský und Michal Kindernay, das sich anlässlich #LutherLenin konstituiert.
 
Team Radio Corax:
Lukas Hohlfeld, Künstler und Radioaktivist aus Weimar und Halle, Tina Klatte, Kulturwissenschaftlerin und Radiomacherin aus Halle, und Theresa Ehrenberg, Künstlerin und Radioaktivistin aus Halle und Berlin, bereiten radiorevolutionäre Inhalte vor und machen gemeinsam mit den tschechischen Radioaktivisten das Programm. Marold Langer-Philippsen, Radiokünstler und Theaterregisseur, ist verantwortlich für die mobilen Radiosituationen außerhalb des Theaters.
Ralf Wendt, Sprechwissenschaftler, Radio-Aktivist undPerformance-Künstler, ist verantwortlich für Konzept und Regie.
 
Team Radio Papular:
Radiounit of Sonicity (Miloš Vojtěchovský, Medienkünstler, Kurator, Autor und Professor an der Akademie für Darstellende Künste (AMU) Prag, Michal Kindernay, Medienkünstler und Lehrer an der AMU, und ihre Studenten) komponieren und inszenieren 12 Stunden immersives Radioprogramm in der Zone zwischen Dukelských hrdinů und dem Bahnhof Bubny.
 
A2 Kollektiv
Was blieb von der Revolution?

 
Der kulturelle und gesellschaftliche Kontext der Oktoberrevolution und wie diese in der heutigen Welt reflektiert wird – damit befassen sich AutorInnen des Magazins A2 und A2larm. Zusammen inszenieren sie eine politische Radiorevue mit einem wilden Mix aus philosophischem Diskurs, Literatur, Theater und revolutionärer Musik.
 
Gäste können sich freuen auf Auftritte der DJs und MusikerInnen Dizzcock, Michal Špína and  Mary C, der Philosophen und Politologen k!amm, Ondřej Slačálek, Jaroslav Fiala and Matěj Metelec, der literarischen Autoren k!amm, Roman Rops-Tůma, S.d.Ch und andere.
 
(Tschechisch, 90 Min, Bühne 1, Übersetzung ins Englische)
 
A2 ist eine alle zwei Wochen erscheinende tschechische Kunst- und Politikzeitschrift. Sie verbindet Kunstkritik und politisches Feuilleton. Im Jahr 2013 gründete A2 eine Kommentarplattform im Web: A2larm. Hier werden nicht nur  politische Kommentare veröffentlicht, sondern auch Interviews, Essays und Reportagen aus Tschechien und dem Ausland. A2larm versteht sich als linkes Gegengewicht zum konservativen  und neoliberalen Medien-Mainstream Tschechiens.
 
Berliner Gazette
Friendly Fire: Berichte von den Frontlinien der Demokratie

(3 Teile)
 
Teil 1: Krystian Woznicki
moderiert von Sabrina Apitz
Was Tun? In anderen Worten: Ein Update zum kommenden Aufstand

 
Wogegen revoltieren wir, wenn der Staat zu einem ausweichenden, post-souveränen Akteur geworden ist? Nachdem das traditionelle Gegenüber jeder Revolution – der Staat – verschwunden zu sein scheint, überdenken Revolutionäre ihre Strategien. Seit 1989 entstanden Revolutionsbewegungen auf einer übernationalen Ebene – dort, wohin der Staat und seine privatwirtschaftlichen Verbündeten den Großteil ihrer Operationen und Strukturen verschoben haben und an der Grenze zur Unantastbarkeit agieren. Eine der dringlichen Fragen, die wir uns stellen müssen, lautet: Fühlen sich die heutigen Zentren der Macht nur durch Gespenster der Revolution verfolgt, wie den mystifizierten Schwarzen Block, oder stellen die Mengen der maskierten, anonymen Rebellen tatsächlich eine konkretere Form der Herausforderung dar?
 
(Englisch, 45 min, Bühne 2, Übersetzung ins Tschechische)
 
Krystian Woznicki ist ein in Berlin ansässiger Journalist und Publizist, der sich der digitalen Kultur und Politik widmet. Er ist Gründer der Berliner Gazette.
Sabrina Apitz ist Kuratorin und kulturpädagogische Aktivistin. Sie lebt in Berlin. Sie schreibt regelmäßige Beiträge in die Berliner Gazette.
 
Teil 2: Sazae Bot
moderiert von Michael Prinzinger
Anonymer Blockbuster, in anderen Worten: Willkommen im Bot-Geist

 
Die Altermondialismus-Bewegung (eine globalisierungskritische Bewegung, die Globalisierung prinzipiell befürwortet, aber nicht in ihrer heutigen Erscheinungsform einer “Globalisierung von oben”) kennt das Gegenüber des black ghost: den white ghost. Von der militanten Sozialbewegung Tute Bianche bis hin zum spielerischen Kollektiv des Sazae Bots – eines Avatars der sozialen Medien, der grenzüberschreitende Aktionen veranstaltet um die Welt zu verändern. Der white robot aus Japan zettelt Flashmobs an, singt Snowden-Files in seinen Träumen und macht zusammen mit seinen 200.000 Followers einen Remix aus Haikus und Firmenlogos. Bist Du bereit für die anonyme Revolution? Bist Du bereit für neue Erzählungen, die der Geist eines Bots bereitstellt?
Performance, nachfolgend Gespräch mit den Künstlern.
 
(Englisch, 45 min, Bühne 2, Übersetzung ins Tschechische)
 
Sazae Bot ist ein parodistischer Avatar der bekanntesten japanischen Manga-Figur Sazae-san. Er tauchte 2010 zum ersten Mal auf, als er aus unterschiedlichen Quellen zusammenkopierte Phrasen auf Twitter postete. 2016 wurde das Projekt mit dem Ars Electronica-Preis ausgezeichnet.
 
Michael Prinzinger ist Software-Ingenieur mit Schwerpunkt Internet Security und gelernter Heilpraktiker. Er lebt in Berlin.
 
Teil 3: Iskra Geshoska
moderiert von Magdalena Taube
Wie reißt man sich ein Land unter den Nagel, oder: Leben wir noch immer im Zeitalter der Revolutionen?

 
Europa hat in letzter Zeit keine Revolutionen erlebt, oder? Nicht so ganz! Schauen wir z.B. nach Mazedonien – oder ist das nicht mehr Europa? Oder war das keine echte Revolution im Jahr 2016? Damals entbrannten Proteste nach der kontroversen Entscheidung des Präsidenten Gjorge Ivanov, die polizeilichen Ermittlungen gegen den ehemaligen Premierminister Nikola Gruevski und Dutzende andere Politiker zu stoppen, denen vorgeworfen wurde, in einen Abhörskandal verwickelt zu sein. Die Menschenmengen protestierten und es kam zur sogenannten bunten Revolution. Schauen wir uns diese genauer an!
 
(Englisch, 45 min, Bühne 2, Übersetzung ins Tschechische)
 
Iskra Geshoska ist Kulturkritikerin und Aktivistin. Sie lebt in Skopje. Sie ist Gründungsmitglied der gemeinnützigen Organisation Kontrapunkt.
 
Magdalena Taube ist Journalistin und Wissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Online-Journalismus. Sie ist Chefredakteurin der Berliner Gazette.
 
Alexander Tschernek und Tomáš Sedláček
Anarchie & Freiheit - Ein Gang in die Wälder

 
Viele Kämpfe in der Vergangenheit sollten in die Freiheit führen. Aber wo und wie ist sie zu finden? Was ist zu tun? Freiheit kann als eine gemeinschaftliche Sehnsucht betrachtet werden, aber auch als eine einsame, spirituelle Aufgabe. In der Idee von Freiheit überschneiden sich die Geschichtskreise von Revolution und Reformation. Wir befinden uns in einem Wald von Gedanken, Erkenntnissen und Erinnerungen. Mit Texten von Ernst Jünger, Hannah Arendt, Albert Camus u.a. begeben sich Alexander Tschernek und Tomáš Sedláček sinnierend in diesen Wald und finden Lichtungen…
 
(Deutsch und Tschechisch, 90 Min, Bühne 1, Übersetzung)
 
Alexander Tschernek ist seit Jahren mit seiner Stimme sprachforschend in der Kunst unterwegs: in Theatern und Opern, in Hörspielen und Filmen, in Moderationen und freier Rede. Für den österreichischen Kultursender Ö1 gestaltet er die Sendungsreihe Philosophie Pur.
 
Tomáš Sedláček ist der bekannteste Ökonom Tschechiens. Mit Büchern wie Die Ökonomie von Gut und Böse (2009, in dt. Übers. 2012) oder Revolution oder Evolution: Das Ende des Kapitalismus? (2015, zusammen mit David Graeber und Roman Chlupatý) bereichert er kapitalismuskritisches Nachdenken rund um die Welt.
 
Natálie Pleváková
Audiosendungen: wie Radio die Musik verändert hat

 
Die Veränderungen der Medienrealität, die Möglichkeit, Sound mittels elektronischer Medien aufzunehmen, zu produzieren und durch Radiosignale zu senden, führten zu einer Veränderung von Hörkulturen und musikalischen Paradigmen. Die Entwicklung der Musik ist seit dem frühen 20. Jahrhundert mit Radioinstitutionen verbunden, als sich erste Studios gründeten und begannen, die Möglichkeiten neuer klanglicher Realitäten zu erkunden. Natálie Plevákovás Sendung beschäftigt sich mit diesen historischen Bedingungen von Musik und Radio und deren wechselseitiger Beeinflussung.
 
(Tschechisch, 90 Min, Bühne 3)
 
Natálie Pleváková ist eine Multimedia-Künstlerin und -Komponistin. Zurzeit studiert sie die Grundlagen der elektronischen Musik in der Welt der klassischen Musik und sucht nach gemeinsamen Nennern. Ihre Arbeit dringt  in das scheinbare Chaos ein, das sie als digitales Narrativ bezeichnet.
 
Miloš Horanský
Kommentar zum Manifest “Der Partei des mäßigen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze” über die letzte Wahl

 
Jaroslav Hašek schrieb das Wahlprogramm der Partei des mäßigen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze anlässlich der Wahlen zum österreichisch-ungarischen Reichsrat  im Jahre 1911. Er veröffentlichte es im Wirtshaus Kravín, einer bekannten Kneipe in Prag-Vinohrady. Diesen Aufruf an das tschechische Volk befragt der Dichter Miloš Horanský nach seiner heutigen Aktualität und analysiert die darin enthaltene zentrale These, dass es nicht möglich ist, Alles zur gleichen Zeit zu tun.
 
(Tschechisch, 90 Min, Foyer des Theaters)
 
Miloš Horanský ist Theaterdirektor, Dichter und Kritiker. In seiner künstlerischen Arbeit beschäftigt er sich mit Sprachspielen, poetischen Appropriationen und Theaterexperimenten. Er arbeitet mit Neologismen, neuen sprachlichen Verbindungen oder der Verfremdung feststehender Redewendungen.
 
Ilona Švihlíková und Miroslav Tejkl
moderiert von Tereza Virtová
Das Ende des Kapitalismus?

 
In ihrem gerade erschienenen Buch zum 150. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Marx' Das Kapital widmen sich Švihlíková und Tejkl der Entwicklung des Kapitalismus als sozioökonomisches System. Sie gehen von der These aus, dass der heutige Kapitalismus in der Dominanz der Basisabsicherung über den Profit pathologische Züge zeigt . Auf der anderen Seite sehen sie neue Elemente, Ansätze zu einem neuen Systems. Das Ideal der Emanzipation aller Menschen, so die Autoren, sei mit den Privilegien des reichsten einen Prozents der Gesellschaft ebensowenig vereinbar wie mit dem steigenden Regulatierungsgrad. Das neue System bedürfe eines selbsterhaltenden, fiskalischen Mechanismus unter Einbeziehung moderner Technologien als einer natürlichen Grundlage .
(Tschechisch, 70 + 20 Min, Bühne 1, Übersetzung ins Englische)
 
Ilona Švihlíková ist eine tschechische Ökonomin, linke Publizistin und Mitglied der Hussitischen Kirche. Sie lehrt am Institut für Global Studies der privaten Jan Amos Komenský Universität. In ihren Büchern und Artikeln widmet sie sich politischen und ökonomischen Aspekten der Globalisierung, der Warenwirtschaft und Alternativen zum Kapitalismus.
 
Miroslav Tejkl is Jurist und stellvertretender Bürgermeister von Chrudim, einer kleinen Stadt in Ostböhmen. Gemeinsam mit Ilona Švihlíková hat er eine Reihe von Texten verfasst, die sich kritisch mit dem aktuellen sozio-ökonomischen System auseinandersetzen.
 
Tereza  Virtová ist Doktorandin der Anthropologie an der Fakultät für humanitäre Studien. Am Zentrum für Wissenschafts-, Technik- und Gesellschaftsforschung arbeitet sie an einem Projekt für empirische Wissenschaftsforschung. Weiterhin widmet sie sich in ihrer Forschung der Arbeit, Technologien und dem Postsozialismus.   
 
 
Andreas Bernard
moderiert von Alexander Klose
Profil, Ortung und quantified self: über die eigentümlich fremdbestimmte Selbstermächtigung im Smartphone-Zeitalter
 

Das Profil in den sozialen Medien, die Selbstortung auf dem Smartphone, die Messung der eigenen Körperströme haben eines gemeinsam: Sie entstammen der Kriminologie und Psychiatrie. Wie kommt es, dass Geräte und Verfahren, die bis vor kurzem Verbrecher und Wahnsinnige dingfest machen sollten, heute als Vehikel der Selbstermächtigung gelten?
Andreas Bernard liest aus seinem gerade neu erschienenen Buch Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur.
 
(Deutsch, 45 Min, Bühne 2)
 
Andreas Bernard ist Publizist und Professor am Center for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg.
 
Alexander Klose ist Kurator und Kulturforscher mit Schwerpunkt auf die wechselseitige Beeinflussung von Medientechnologien und sozialen Organisationsformen.
 
Anna Daučíková
Versuchen Sie, nicht in der Opposition zu sein (eine Erzählung aus erster Hand)

 
In ihrer tschechisch-slowakisch-russisch-ukrainischen Geschichte berichtet Anna Daučíková von Werken des ukrainischen Künstlers Valerij Lamach, der in den 1960er- und 70er-Jahren ein anerkannter Hersteller von monumentalen Mosaiken auf Häuserfassaden in Kiew war. Seine Bilder zeigten ideologisierte Bilder des glücklichen Lebens, typisch für Kunstwerke des sozialistischen Realismus. Aber Eingeweihte können in ihnen eine versteckte Bedeutungsebene erkennen, eine Art "fremden" Code… Daučíkovás Radiobericht gibt ebenso das Sichtbare zu hören wie das, was normalerweise unsichtbar ist und erst sichtbar gemacht wird. Sie richtet ihren scharfen Blick auf einige, heute (scheinbar) nicht mehr aktuelle Widersprüche, wenn bedeutungsvolles künstlerisches Schaffen trotz rasender Zensur und Zeiten großer Apathie stattfindet.  
 
(Tschechisch, 45 Min, Bühne 2, Übertragung ins Englische)
 
Anna Daučíková ist eine queer feministische Künstlerin und Professorin an der Kunstakademie in Prag. In den frühen 1980er-Jahren zog sie aus ihrer Heimatstadt Bratislava nach Moskau und blieb dort annähernd 10 Jahre.
 
Stefan Höhne
Vom Signal zum Rauschen. Geschichte(n), Strategien und Soundtracks der Mediensabotage

 
Die Geschichte hat gezeigt, dass für eine erfolgreiche Revolte oder Revolution die Unterbrechung oder Subversion von Kommunikations- und Medientechnologien unerlässlich ist. Diese  Radiosendung folgt den Spuren einer verborgenen Geschichte der militanten Störungen von Kommunikationsnetzwerken vom frühen 20. Jahrhundert bis heute. Sie führt uns zu frühen Akten der Signalstörung und der gegenmedialen Strategien in den deutschen und russischen Revolutionen, zu Sabotage im Südafrika der Apartheid, zu den  Kommunikationsguerillas in Europa und den USA in den 1990ern bis zu aktuellen Entwicklungen staatlich finanzierten Hackens und kybernetischer Kriegsführung.
 
(Englisch, 90 Min, Bühne 3)
 
Stefan Höhne ist Kulturwissenschaftler und Technikhistoriker. Er lehrt und forscht am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität, Berlin.
 
Xabier Arakistain
moderiert von Tereza Stöckelová
Frauen, die längste Revolution
 

In der aktuellen Hochkonjunktur von Identitätspolitik stehen die Kategorien Geschlecht, Gender, Sexualität, Klasse und Rasse im Vordergrund radikalen politischen Denkens. Aber allzu häufig scheinen die Überschneidungen zwischen diesen Kategorien zu verschleiern, dass auch die Postmoderne nichts an der Tatsache geändert hat, dass Geschlecht die Basis der Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen bildet. Frauen, die längste Revolution ein früher, nicht sehr bekannter Text der britischen Psychoanalytikerin und sozialistischen Feministin Juliet Mitchell, folgt der Idee der Revolution ohne die Kategorie des Geschlechts außer Acht zu lassen. Die Lektüre dieses beispielhaften Textes zeigt, dass die politische Agenda der sogenannten zweiten Welle des Feminismus in den 1960er- und 70er-Jahren nach wie vor aktuell ist.
Präsentation, im Anschluss Diskussion mit Tereza Stöckelová.
 
(Englisch, 60 + 30 Min, Bühne 1, Übersetzung ins Tschechische)
 
Xabier Arakistain ist Feminist und Kurator, er lebt in Bilbao. In seiner Arbeit fungiert er als ein Vorreiter in der Einführung und Durchsetzung von Programmen zur Geschlechtergleichstellung in den Feldern der Kunst, des aktuellen Denkens und der Kultur.
 
Tereza Stöckelová ist eine Ethnologin und feministische Aktivistin. In ihrer akademischen Forschungsarbeit konzentriert sie sich auf die Untersuchung von Wissenschaft, Technologie und Medizin. 2010 war sie eine der führenden Figuren der kapitalismuskritischen Bürgerinnen- und Protestbewegung ProAlt in Prag.
 
Marie Czarnikow, Jasper Schagerl, Stefan Strunz, Noah Willumsen
(Forschergruppe Kleine Form, Humboldt-Universität zu Berlin)
Reformationen revolutionären Wissens 1517-1917

 
Keine Reformation, keine Revolution ohne Formate. Unser Angebot: Reformationen als Medienereignisse zu begreifen, die eine tiefgreifende Reorganisation des Wissens mit sich bringen. Formgebungs- und Kommunikationsprozesse spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Reformation, so verstanden, hängt weder ausschließlich von Akteuren und Entscheidungen noch von Ideologien und Überzeugungen ab sondern in ebenso hohem Maße von Medien und Formaten. Auf vier Schauplätzen wollen wir dieser These nachgehen – von Luthers Der Kleine Katechismus über Harsdörffers Frauenzimmer Gesprechspiele und das Manifest der kommunistischen Partei bis hin zur Tagebuchbewegung des ,neuen Menschen‘ in der frühen Sowjetunion.
 
(Deutsch, 90 Min, Bühne 2, Übersetzung ins Tschechische)
 
Marie Czarnikow ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Tagebuchschreiben im Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich.
 
Jasper Schagerl ist Theater-, Literatur- und Medienwissenschaftler. Sein  Dissertationsprojekt handelt von der frühneuzeitlichen Kasuistik im Zwischenraum von Recht und Literatur.
 
Stephan Strunz studierte Regionalstudien Asien/Afrika, Sozialwissenschaften und Kulturwissenschaft. In seiner Promotion untersucht er die Entstehung und Entwicklung des Lebenslaufs als administrative Textsorte.
 
Noah Willumsen studierte Komparatistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Er promoviert über Heiner Müller und die Geschichte des Interviews.
 
Lumír Nykl
Die mächtige Festung der Sirenen

 
Luthers Lieder waren Leuchttürme der Reformationsbewegung und im Verlaufe der Jahrhunderte wurden sie bekannter als seine Ansichten. Die Bezeichnung dieser Sektion ist eine Mischung aus dem Namen des populärsten Liedes von Luther und dem Hinweis auf die monumentale Symphonie der Sirenen von Arseny Avraamov. Diese entstand als Erinnerung an den Jahrestag der Oktoberrevolution und ihr „fröhlichen Chaos“ – den Klang der Waffen, Maschinen und der Stimmen tausender Arbeiter und Arbeiterinnen. Dieses revolutionäre Ereignis sah der Komponist als Befreiung des dem kapitalistischen System untergeordneten Proletariats und Maschinen. Genauso stark wie vor 100 Jahren sehnen sich Maschinen und Menschen nach Freiheit.
Die Suche nach einer neuen Spiritualität, Mythologie und Sinnlichkeit, repräsentiert durch Choralgesang und symphonische Kompositionen, kann im heutigen Chaos der elektronischen Musik in Klubs und Streaming-Services zusammen mit industriellen Geräuschen, rhythmischen Klängen der Maschinen und dem Gerassel der Waffen gefunden werden. Die Zukunft der Kunst ist wieder eine feminine Gestalt. Nicht mehr jedoch in Form einer passiven Muse, sondern diesmal als proaktive Sirene. Teil der Performance ist auch der Auftritt der Post-Klub Produzentin Mya Gomez, deren Set das Abendprogramm während der Afterparty abschließt.
 
(Tschechisch, 90 Min, Bühne 3)
 
Lumír Nykl ist ein DJ, Kurator und Autor, der sich der aktuellen Klubmusik und bildenden Kunst verschrieben hat. Er ist Mitglied des DJ / AV Teams Blazing Bullets und des Musikverlags RedForColourblind. Seine Arbeit beschäftigt sich generell mit emanzipatorischen Konzepten und den Möglichkeiten, soziale Veränderungen durch  kulturelle Praktiken herbeizuführen.
 
Tilman Porschütz und Nimrod Verdi
Gipfeltreffen der AI

 
Die state of the art digitale autonome Organisations- und künstliche Intelligenz Aish.AI hat Repräsentanten heutiger Konsumentenelektronik zu dieser Podiumsdiskussion eingeladen, um darüber zu debattieren (und sich darüber auszutauschen), wie sie sich in der Welt von morgen sehen. Jegliche Einmischung durch Humanoide ist nicht gestattet.
 
(Englisch, 45 Min, Bühne 1)
 
Tilman Porschütz arbeitet als Programmierer in Wien.
 
Nimrod Vardi ist Künstler und Direktor der arebyte_Gallery in London. Das Gipfeltreffen der AI entspringt ihrer gemeinsamen künstlerischen Forschung über die Autonomie von Maschinenintelligenzen.
 
Nicholas Bussmann
10 Revolutionslieder in einer KI-Umgebung mit robotergesteuertem Flügel

 
Die sogenannte digitale Revolution ist die erste Revolution ohne Lieder. Das kommt nicht überraschend, da es sich um eine Revolution der Bequemlichkeit und des Komforts handelt. In allen vorherigen Revolutionen ging es darum, aus der Komfortzone herauszutreten, aufzustehen und sich zu vereinigen. Deshalb brauchten sie Lieder.
In einer Welturaufführung wird Nicholas Bussmann Revolutionslieder aus der ganzen Welt spielen, analysiert, gefiltert und bearbeitet von einer “künstlichen Intelligenz” und gespielt von einem Roboter auf einem Flügel.
 
(Englisch, 40 Min, Bühne 1)
 
Nicholas Bussmann ist Komponist und Künstler und lebt in Berlin. In seine oft hybriden Arbeiten, die zwischen Konzert, Performance und Installation schwanken, integriert er nicht-subjektive und nicht-menschliche Intelligenzen wie Gruppenverhalten oder interpretative Algorithmen.
 
Der Automat ist ein Piano spielender Roboter, entwickelt von Winfried Ritsch.
 
Ursula Baatz, Michael Hauser, Stephan Schaede
moderiert von Jakub Ort
Heroischer Atheismus?

 
1958 veröffentlichte der tschechische Evangelisch-Lutheranische Pfarrer und Hussitische Theologe Josef Hromádka sein Evangelium für Atheisten. Es war der Versuch, christliche  Glaubenssätze und Soziallehre mit den radikal anti-religiösen Dogmen des Kommunismus zu versöhnen. Der Atheismus hat in Tschechien eine lange, gegen die Herrschaft von Staat und Kirche gerichtete Tradition. Im real-existierenden Sozialismus sowjetrussischer Prägung wurde die anti-religiöse Haltung zur Staatsräson. Heute bezeichnet sich eine große Mehrheit der Bürger Tschechiens als Atheisten, bei näherem Nachfragen aber trotzdem als Gläubige. Wie passt das zusammen?
Über Glaube und Nicht-Glaube in der post-religiösen und post-ideologischen Gesellschaft spricht und diskutiert dieses deutsch-tschechisch-österreichische, theologisch-philosophische Symposium.
 
Spekulative Einführung von Michael Hauser
Wie kann man die Zeit, in der wir leben, bezeichnen? Was hätten Luther und Lenin zu unserer Gegenwart und zu uns persönlich gesagt? Wie hätten sie unsere Gegenwart reflektiert? Was würden sie an unserer Stelle tun?

Einen Dialog mit abwesenden Gestalten zu führen bedarf Kreativität und politisches Engagement. In einem imaginären Gespräch mit den abwesenden M. Luther und V.I. Lenin unternimmt Michael Hauser eine philosophische Diagnose unserer Zeit.
 
(Tschechisch und Deutsch, 90 Min, Bühne 2)
 
Ursula Baatz ist Philosophin und Journalistin aus Wien mit einem Schwerpunkt auf religionswissenschaftliche Themen. In ihren Arbeiten sucht sie die Verbindung zwischen christlichen und fernöstlichen religiösen Lehren.   
 
Michael Hauser ist ein tschechischer Philosoph, der sich mit kritischer Theorie, Neo- und Post-Marxismus beschäftigt. Er forscht am Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften und lehrt an der Karlsuniversität.
 
Stephan Schaede ist evangelischer Theologe und Philosoph und Direktor der Evangelischen Akademie, Loccum. In seinen Forschungen beschäftigt er sich mit begriffsgeschichtlichen und ethischen Grundfragen in Theologie und Naturwissenschaften.
 
Jakub Ort studierte protestantische Theologie. Er schreibt für das Monatsmagazin Protestant  und moderiert die Sendung Hergot! auf Radio Wave. Außerdem gehört er zum Klinika Kollektiv, einem besetzten Haus in Prag-Žižkov.
 
Dietrich Brants im Gespräch mit Götz Bachmann
The wrong kind of revolution: 50 Jahre kalifornische Ideologie
 

„Vergisst Antikriegsproteste, Woodstock oder lange Haare. Der echte Nachlass der Generation der sechziger Jahre ist die Computer-Revolution.“ schreibt Stewart Brand 1995 in der Sonderausgabe Welcome to Cyberspace des Time Magazine. Nicht die smarten Jungs in den Garagen des Silicon Valley, sondern Hippie-Hacker haben bereits Ende der 1960er Jahre wesentliche Elemente des Personal Computing erfunden und Anfang der 1970er Jahre im Community Memory Project auch die Sozialen Medien. Was lief seit diesen idealistischen Anfängen derart schief, dass die britischen Soziologen Richard Barbrook und Andy Cameron zur selben Zeit wie Stewart Brand zu einer dystopischen Analyse der digitalen Revolution gelangen konnten und den Begriff "californian ideology" prägten? Dietrich Brants spricht mit Götz Bachmann über die Rolle rebellischer Outlaws in der digitalen Welt und die falsche Revolution der kalifornischen Ideologie. Dieses Gespräch wird aufgezeichnet für ein klassisches Radioformat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland: SWR2 Zeitgenossen.
 
(Deutsch, 80 Min, Bühne 3, Übersetzung ins Tschechische)
 
Dietrich Brants ist Radiojournalist und Redaktionsleiter bei SWR 2 Kultur Aktuell des Südwestrundfunk Baden-Baden.
 
Götz Bachmann ist Ethnologe und Professor am Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien der Leuphana Universität, Lüneburg.
 
Radio Corax und Radio Papular und Gäste
Radio Revolten 2.0 – Wiederauferstehung

 
Wie kann man das Soziale verstehen, wie sich einmischen? Führt die Aneignung von Medien als Werkzeugen des Sozialen automatisch zu demokratischeren Formen des Diskurses? Kann man mit Facebook überhaupt neue Gemeinschaften gründen? Sind Smartphones soziale Radios? Hätte Lenin getwittert? Nach 10 Stunden freier Radioarbeit in Prag kehren die Teams von Radio Corax und Radio Papular zurück ins Studio, um ihre Materialien und Erfahrungen zu präsentieren und um mit den Gästen von #LutherLenin zu diskutieren und zu feiern.
 
(Englisch und Tschechisch, 90 Min, Bühne 1)
 
Radio Corax ist Deutschlands größter freier Rundfunksender und hat seinen Sitz in Halle (Saale). 2016 richtete das Corax-Team gemeinsam mit internationalen Radioaktivisten das Festival Radiorevolten aus, das weltweit erste globale Treffen von Radiokünstlern.
 
Radio Papular ist der Name eines temporären Radioprojekts unter Beteiligung der Prager Radiokünstler und -aktivisten Miloš Vojtěchovský und Michal Kindernay, das sich anlässlich #LutherLenin konstituiert.
 
Team Radio Corax:
Lukas Hohlfeld, Künstler und Radioaktivist aus Weimar und Halle, Tina Klatte, Kulturwissenschaftlerin und Radiomacherin aus Halle, und Theresa Ehrenberg, Künstlerin und Radioaktivistin aus Halle und Berlin, bereiten radiorevolutionäre Inhalte vor und machen gemeinsam mit den tschechischen Radioaktivisten das Programm.
Marold Langer-Philippsen, Radiokünstler und Theaterregisseur, ist verantwortlich für die mobilen Radiosituationen außerhalb des Theaters.
Ralf Wendt, Sprechwissenschaftler, Radio-Aktivist und
Performance-Künstler, ist verantwortlich für Konzept und Regie.
 
Team Radio Papular:
Radiounit of Sonicity (Miloš Vojtěchovský, Medienkünstler, Kurator, Autor und Professor an der Akademie für Darstellende Künste (AMU) Prague, Michal Kindernay, Medienkünstler und Lehrer an der AMU, und ihre Studenten) komponieren und inszenieren 12 Stunden immersives Radioprogramm in der Zone zwischen Dukelských hrdinů und dem Bahnhof Bubny.


Monika Načeva
Was dich nicht umbringt, macht dich stärker

 
Gemeinsam mit ihrem Mann, dem tschechischen Techno-Pionier Žárovka, spielt Monika Načeva Songs, die das Bewusstsein für die Kraft der menschlichen Imagination, der Freiheit und des Widerstands stärken. Dazu erzählt die Musikerin von ihren Erfahrungen mit der Protestkultur in der Zeit der sogenannten Normalisierung in den 1980er-Jahren und von wilden Rave-Parties in den 1990ern. Die Sendung wird produziert und gesendet als Teil des Programms des tchechischen Radiosenders Vltava Sedmé nebe s Načevou.
 
(Tschechisch, 60 Min, Bühne 2)
 
Monika Načeva ist eine tschechische Schauspielerin und Singersongwriterin. Sie gehört zu den prominenten Persönlichkeiten der alternativen Musikszene. In ihrer musikalischen Arbeit kooperiert sie regelmäßig mit führenden tschechischen Musikern und Autoren wie Jáchym Topol, Michal Pavlíček und anderen. Seit Herbst 2017 moderiert sie die wöchentliche Sendung Sedmé nebe (7th[1]  Heaven) auf Radio Vltava.
 
Blazing Bullets + Mya Gomez
 
„Von allen Kunstformen besitzt die Musik die größte Macht zur sozialen Organisation,“ Arseny Avraamov.
 
Eine von der Prager DJ/AV-Gruppe geführte Afterparty – Blazing Bullets stellt Mya Gomez (NON/PAN), eine mexikanische Produzentin und DJ, vor. In ihrem Debut-Werk Inmate verarbeitet sie die erlebten Traumata aus britischen Auffanglagern mit Hilfe akustischer Krieges-Rhythmen. Ihre EP wurde vom Musiklabel NON Worldwide herausgegeben, bekannt für die globale Verbindung von Menschen mit nicht weißer Hautfarbe und seine radikal emanzipierende Äußerungen, die auch sowjetische Symbolik umfassen.
 
Der Name des finalen Teils des Programms ist eine Paraphrase auf den Namen der futuristischen Oper der Autoren Krutschonych, Matjuschin, Chlebnikow und Malewitsch zusammen mit dem Zaum-Gedicht des Autors Igor Terentiev.
Das Durchdringen der kollaborativen Kunstformen und Persönlichkeiten ist auch von einer Schlüsselbedeutung für die moderne, elektronische Musik.
 
Lumír Nykl ist Kurator, Kunst- und Musikkritiker und Mitglied des DJ / AV Teams Blazing Bullets. In seinen Texten beschäftigt er sich mit emanzipatorischen Konzepten und kulturellen Praktiken außerhalb des Mainstreams und generell mit allem, dass sich im Widerspruch zur Kultur des weißen Mannes befindet.
 
Blazing Bullets ist ein DJ / VJ Kollektiv mit wechselnden Mitgliedern, das sich auf Freundschaft und eine gemeinsame Sache gründet: besetzen und leben. Die Gruppe hält sich nicht an irgendwelche herrschenden Stile. In ihren Sets gibt es Marilyn Manson und Korn neben Trap, Techno, Rap, Rihanna und den neuesten Post-Sculpture zu hören.
 
Alexander Kluge
Von Reformation bis Bombentrichter

 
„Nachrichten von Gott nur über das Ohr.“  Kluges mehrteilige Text- und Videoarbeit schlägt einen Bogen von der Zeit des "gemäßigten Ikonoklasten" Martin Luther bis zur Moderne. Sie ist die einzige Arbeit im Rahmen von #LutherLenin, in der Bilder und Worte zu sehen aber nicht zu hören sind. In ihrer Dekonstruktion und Rekontextualisierung historischer Szenen und Zitate geht sie den umgekehrten Weg Luthers, für den Bilder und Taten zu den diesseitigen Werken zählten, während allein die gehörten Worte eine Verbindung zur Gnade Gottes herstellten. Wir begegnen Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil, der mittelalterlichen Strafgerichtsbarkeit, Luther in der Mönchszelle, Soldaten im Ersten Weltkrieg und den Zellen eines ehemaligen DDR-Gefängnisses in der Lutherstadt Wittenberg, für die diese Arbeit ursprünglich entstanden ist.
 
(3-Kanal Videoinstallation, 20 Min, Deutsch mit Tschechischen Untertiteln)
 
Alexander Kluge ist Jurist, Soziologe, Schriftsteller, Filmemacher und Fernsehproduzent und eine der wichtigsten künstlerischen politischen Stimmen Deutschlands. Seine literarischen und filmischen Arbeiten schieben listig Zeiten und Interpretationen ineinander, um neue Bedeutungen hervortreten zu lassen. In den 1960er-Jahren war er einer der Begründer des deutschen Autorenfilms. Mit seinen seit den späten 1980er-Jahren bespielten "Kulturfenstern" im privaten Fernsehen mit ihren Text-Bild-Montagen und ihrer spielerischen Verquickung von Fakten und Fiktionen nahm er zentrale Entwicklungen in Internet und Social Media vorweg.
 
CreWcollective (Regie: Jan Horák und Roman Štětina)
Zeitverzögertes Beobachtungsbüro

 
In Pausen zwischen den Radioprogrammen werden die SchauspielerInnen und PerformerInnen des CreWcollective spontan auf die Thesen, Gedanken und Gedankenkollisionen der voraus gegangenen Sendungen reagieren. Die so entstehenden Interpretationen des live Geschehens sind ein Versuch, die Audiobotschaften der Radiosendungen auf physisch performative Weise in der kürzest möglichen Zeit zu übersetzen und rückzukoppeln
 
CreWcollective ist eine offene künstlerische Vereinigung von KünstlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, die in unerwarteten und experimentellen Formen im Feld zwischen Theater und bildender Kunst kollaborieren. Zu den derzeitigen Mitgliedern der Gruppe gehören Jan Bárta, Kateřina Dietzová, Jakub Hradilek, Eva Šusová und viele andere Beteiligte.

Roman Štětina ist ein bildender Künstler, der sich intensiv mit dem Radio, insbesondere mit den Bedingungen des Radiostudios, auseinandersetzt. In seinen Multimedia-Installationen aus Video, Objekten und Sound zeigt er, wie sinnliche Reize dasjenige verwirren können, was man glaubt wirklich wahrzunehmen.
 
Jan Horák ist Dramaturg, Regisseur und künstlerischer Leiter des Studio Hrdinů. Er ist ein konsequenter Vertreter des zeitgenössischen Theaters an der Grenze zu sprachlich anspruchsvoller Literatur, stilisierten expressiven Schauspielleistungen und ausdruckvollem Regietheater mit Betonung wirkungsvoller Bühnenbilder – all dies umgesetzt in rohen oder manchmal hoch ästhetisierten Theateraufführungen und Performances.
 
Schauspielerinnen des Studio Hrdinů (Regie: Jan Horák)
12 Stunden Manifest Lesung

 
Was verbindet Proklamationen von Martin Luther und V.I. Lenin, von Velimir Khlebnikov und den Telekommunisten, von Tiqqun, Mark Zuckerberg oder sogar Jaroslav Hašek? Eine zwölfstündige Lesung von Texten, die versuchen, Antworten auf die dringendsten Fragen ihrer Zeit zu finden und zu formulieren, was getan werden sollte. Wie sollte sich eine Gesellschaft ändern, die auf ungerechter sozialer Verteilung, falscher Moral oder technologischen Unzulänglichkeiten basiert?  Und wie kann dieser Wechsel eingeleitet werden? Die Vorschläge mögen ein Plädoyer für die Revolution, für Reparaturen oder für Anpassungen sein – aber jedes Manifest positioniert sich gegen die Blockaden der real existierenden Realität.
 
(Tschechisch, Deutsch, Englisch, Russisch, 12 Stunden, foyer)
 
Die Manifeste werden von folgenden Schauspielerinnen aus dem Kreis des Studio Hrdinů: Sára Arnsteinová, Denisa Barešová, Jindřiška Dudziaková, Anne Francois Joseph, Magdalena Kuntová, Barbora Kupková, Veronika Lapková, Sára Märcová, Anna Peřinová, Kristýna Šefčíková, Daniela Šišková, Kateřina Zapletalová.
 

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