Vysílání | Eine Sendung | A Broadcasting #LutherLenin

500 Jahre Subjekt Medien Reformation Revolution

2017 ereignen sich zwei Gedenkjahre, die in einem künstlerisch-wissenschaftlichen Projekt zusammengedacht werden: der 500. Jahrestag des Wittenberger Thesenanschlags Martin Luthers und der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland. Ersterer gilt allgemein als der Beginn der Reformation des christlichen Glaubens römisch-katholischer Prägung und der dadurch ausgelösten politischen, gesellschaftlichen und geistigen Dynamiken, die Europa und die Welt in den folgenden Jahrhunderten maßgeblich geprägt haben. Letztere bildete den Auftakt zur Entstehung des Sowjet-Imperiums, einer fast 70-jährigen Geschichte des real existierenden Sozialismus und einer Spaltung der Welt in zwei antagonistische Ideologien bzw. der von ihnen getragenen Machtblöcke. Bei beiden Ereignissen spielten die zu jener Zeit vorherrschenden Medien, wie Flugblätter und Bücher zu Zeiten Luthers und Film und Radio bzw. Funktechnologien zu Zeiten Lenins, und deren Art der Verfügbarkeit eine wichtige Rolle. Diesem Verhältnis zwischen einem fundamentalen Wandel in der Religion beziehungsweise Ideologie und den Medien, durch die sich dieser Wandel zum Ausdruck bringt, soll in dem Projekt nachgegangen werden – auch im Hinblick auf die möglichen sozialen und politischen Veränderungen in unserer heutigen Zeit, die sich durch die sich ubiquitär ausbreitenden social media in den digitalen Netzwerken ankündigen.
 
"Ich fürchte, in diesem Teil der Welt steht eine große Revolution bevor", schrieb Erasmus von Rotterdam 1517. Wenige Wochen später schlug Martin Luther seine 95 Thesen an das Tor der Wittenberger Schlosskirche und legte den Gläubigen nahe, in ein direktes, selbstverantwortliches Verhältnis zu Gott zu treten. Eine wichtige Voraussetzung für diese Ermächtigung des Selbst war, dass sie Zugang zu religiösen Texten erhielten. Luthers Thesen konnten ihre weltgeschichtliche Kraft entfalten, weil sie mit der Erfindung des Buchdrucks und der „Privatisierung“ der Bibel korrespondierten. Die religiös-revolutionären Ereignisse der Reformation lieferten gewissermaßen den Content für eine Medienrevolution, die Malcolm McLuhan als Entstehen der "Gutenberg-Galaxis" bezeichnete. 400 Jahre später gingen die medientechnischen Neuerungen - die Einführung von Film und Radio als mögliches Ende der Buch- und Schriftkultur - erneut mit massiven sozialen und politischen Umwälzungsprozessen einher. Hier bildeten sich neue Medien koinzident mit neuen Ideologien aus, die historisch in der Oktoberrevolution zusammenliefen. Und heute? Im modernen, sozial genetzwerkten Selbst verbinden sich reformatorische und revolutionäre Subjektivität, und zwar zugleich hochindividualisiert und radikal vergesellschaftet. Die öffentlichen Schauplätze der Sozialen Medien bevölkern eine erstaunliche Vielzahl von Individualitäten: Hybride Konstruktionen aus widersprüchlichen Begehren, aus körperlich-sozialen Realitäten und technischen Versprechen. Es ist als ob alle Selbstermächtigungsoptionen der letzten 500 Jahre gleichzeitig ihre Auftritte auf der Bühne der Gegenwart haben wollen. Die Standfestigkeit eines „Hier stehe ich…“ scheinen die digitalen Subjekte nicht für sich zu beanspruchen. Sie hängen an Fäden, die nicht von Gott oder Partei gehalten werden, sondern von einer monströsen Spiegelung ihrer selbst.
 
Während der dreitägigen Veranstaltung werden KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen in Prag zusammenkommen, um diese Zusammenhänge zu beleuchten. Sowohl das hussitische Vorspiel der Reformation als auch die VI. Gesamtrussische Konferenz der sozialdemokratischen Partei von 1912 liefern lokalhistorische Bezüge: In Prag kam es zum Bruch Lenins bzw. der Bolschewiki mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, eine der Voraussetzungen der Oktoberrevolution. In einem Parcours aus Reden und Interventionen treten auf (Auswahl):  Xabier Arakistain (Kurator, Bilbao), Milena Bartlová (Kunsthistorikerin, Prag), Nicholas Bussman (Komponist und Performer, Berlin), Anna Daučiková (Künstlerin, Prag), Iskra Geshoska (Kurator und Aktivist, Skopje), Miroslav Petříček (Philosoph, Prag), Sazae-Bot (Medienaktivisten, Tokyo, Hiroshima), Tomáš Sedláček (Wirtschaftswissenschaftler, Prag), Ilona Švihlíková (Wirtschaftswissenschaftlerin, Prag).

Das Projekt bildet zugleich ein internationales Festival und verlinkt zwei historische Momente, die bisher nicht zusammengedacht wurden. Die Reformation begründete das moderne Ideal selbstverantwortlicher Subjektivität. Die kommunistische Revolution von 1917 griff es auf und verkehrte es in sein Gegenteil. Beide Ereignisse sind konstitutiv für eine Moderne, in der wir bis heute leben. Und doch mehren sich die Zeichen, dass wir auf der Suche nach einem Danach der Moderne und der westlichen „Geschichte“ sind. Mit dieser Neuerzählung von 500 Jahren Subjektbegründungen und ihrer jeweiligen medialen Konstellationen bis hin zu Subjektivierungsformen in Sozialen Medien liefert das Projekt einen hochrelevanten Beitrag zum Abschluss der Luther-Dekade und dem 100-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution.

Eine Veranstaltung von
Studio Hrdinů   Goethe-Institut Tschechien   Büro für prekäre Konzepte Berlin Prag
 

 

 

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