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100 Jahre Bauhaus
Interview mit Vesna Meštrić

Vesna Mestric
©Petra Vidović

Zum 100. Bauhaus-Jubiläum sprechen wir mit Vesna Meštrić, Kuratorin im Museum für Zeitgenössische Kunst in Zagreb, über die Bedeutung dieser Hochschule für Gestaltung und ihren Einfluss in Kroatien.
 

Von Petra Vidović

Vesna Meštrić gestaltete vor einigen Jahren die Ausstellung Bauhaus – Vernetzung von Ideen und Praxen, die als Höhepunkt eines großen EU-Projekts auch Ergebnisse einer internationalen Forschung über uns bis dahin unbekannte Studenten und Studentinnen am Bauhaus brachte, die aus Kroatien und benachbarten Ländern kamen: Otti Berger, Ivana Tomljenović Meller, Gustav Bohutinsky, Selman Selmanagić und Avgust Černigoj. Zur selben Zeit wurde dem Museum für Zeitgenössische Kunst eine wertvolle Sammlung von Marie-Luise Betlheim mit mehr als 70 Kunstwerken geschenkt, von denen die meisten zwischen 1921 und 1924 am Bauhaus in Weimar entstanden sind. Die Sammlung enthält außer Kunstwerken auch illustrierte Briefe Lou Schepers an ihre Freundin Marie-Luise Betlheim in Zagreb.  

In der Öffentlichkeit ist nicht wirklich bekannt, dass sogar drei Studenten aus Kroatien am Bauhaus studiert haben (Otti Berger, Ivana Tomljenović Meller, Gustav Bohutinsky). Wie ist die Zusammenarbeit im EU-Projekt entstanden und zu welchen wichtigen neuen Erkenntnissen sind Sie im Laufe der Forschungen gekommen?   

Dem Projekt „Bauhaus – Vernetzung von Ideen und Praxen“ (BAUNET) ging ein anderes voraus, ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt von Jadranka Vinterhalter unter dem Titel „Einflüsse der Avantgarde in der kroatischen Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, in dem avantgardistische Ideen in Werken kroatischer Künstler erforscht wurden. Nach Abschluss des Projekts hatte Jadranka Vinterhalter ihr Forschungsvorhaben erweitert und ein neues Projekt begonnen mit dem Ziel, Werke von Künstlern und Architekten zu untersuchen, die an der berühmten Schule für Architektur, Kunst und Design Bauhaus studiert hatten. Ihre Einladung zur Zusammenarbeit habe ich mit großer Begeisterung angenommen und wir haben das Projekt „Bauhaus – Vernetzung von Ideen und Praxen“ (BAUNET) konzipiert, realisiert und dafür Fördermittel der EU erhalten. Das Projekt umfasste das Schaffen der Bauhaus-Studenten Otti Berger, des Architekten Gustav Bohutinsky, Ivana Tomljenović Meller aus Kroatien sowie Avgust Černigoj aus Slowenien und des Architekten Selman Selmanagić aus Bosnien und Herzegowina. Das Projekt befasste sich außerdem mit dem sehr wichtigen Einfluss des Bauhauses auf die Kunst, das Design und die Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg, mit besonderem Fokus auf die Zagreber Gruppe EXAT 51, die architektonische Praxis des Bauhausstudenten und Architekten Hubert Hoffmann in Graz und die Kunstschule „Richtung B“ in Ljubljana.
 
Die durchgeführten Forschungen und die in Partnerinstitutionen organisierten Ausstellungen haben zur Systematisierung individueller Œuvres der Bauhaus-Studenten beigetragen und deren Valorisierung im internationalen Kontext ermöglicht. Das Projekt BAUNET wurde auch von wichtigen deutschen Institutionen wie der Stiftung Bauhaus Dessau, dem Bauhaus-Archiv Berlin und der Bauhaus-Universität Weimar unterstützt, und im Jahr, in dem wir das 100. Jubiläum der Gründung von Bauhaus feiern, können wir die große Bedeutung und den Beitrag unseres Projekts erkennen. Während der Forschungen konnten wir viele neue Erkenntnisse gewinnen: So wissen wir jetzt zum Beispiel, dass der Film, den die kroatische Künstlerin Ivana Tomljenović Meller während ihres Studiums am Bauhaus aufgenommen hat, der einzige am Bauhaus aufgenommene Film eines Studenten oder Lehrers ist. Zu dieser Erkenntnis kamen wir in Zusammenarbeit mit Sabine Hartmann, Leiterin des Foto-Archivs im Bauhaus-Archiv in Berlin. Antonija Mlikota kam im Laufe ihrer langjährigen Beschäftigung mit dem Leben und Werk von Otti Berger zu einer ganzen Reihe neuer Einsichten. Otti Berger war nicht nur eine hervorragende Textildesignerin, sondern auch Theoretikerin, Pädagogin und Innovatorin. Es ist weniger bekannt, dass sie die erste Designerin war, die in einer Zeit, in der Autoren anonym blieben, drei ihrer Stoffmuster patentiert hat. Das Schaffen des Architekten Gustav Bohutinsky haben Dubravko Bačić, Nataša Jakšić und Igor Ekštajn analysiert, davor auch Karin Šerman, die ihre Forschungen viel früher durchgeführt hat, aber gerade das Projekt BAUNET ermöglichte eine umfangreiche Recherche im Archiv in Dessau, in dem Informationen gefunden werden konnten, die das Mosaik zum Portrait dieses Autors vervollständigten. Dieser Reihe glänzender Forschungen und Forschungsergebnisse möchte ich auch die Forschungsarbeit von Aida Abadžić Hodžić hinzufügen, die sich mit dem bis dahin völlig unbekannten Schaffen des Architekten Selman Selmanagić auseinandergesetzt hat. Sie ist Autorin des Buches „Selman Selmanagić und das Bauhaus“ (2014). Das Buch wurde 2018 in deutscher Fassung vom Landesdenkmalamt Berlin beim Gebr. Mann Verlag herausgegeben und im Bauhaus-Archiv Berlin im Rahmen eines zweitätigen Symposiums über Selman Selmanagić präsentiert. Und das ist nur ein Teil der Forschungsergebnisse. Ich möchte betonen, dass uns das Bauhaus fest miteinander verbunden hat und dass wir weiterhin zusammenarbeiten, uns austauschen und neue Aktivitäten planen.
 
Worin bestand der Unterschied zwischen dem Bauhaus und anderen Hochschulen für Architektur und Design?


 Im Lehrprogramm der Hochschule für Architektur, Design und visuelle Künste Bauhaus, die 1919 in Weimar gegründet wurde, spiegelte sich eine neue Zeit, eine neue pädagogische Herangehensweise, in der eine Verknüpfung zwischen Theorie und praktischer Arbeit, zwischen Kunst und Gewerbe geschaffen wurde. Der Grundgedanke des neuen Ausbildungsmodells von Walter Gropius war die Verbindung von Kunst und Gewerbe. Die Studenten am Bauhaus erlangten ihre Grundkenntnisse im Vorkurs, um danach ihre Ausbildung in einer der Werkstätten fortzusetzen, die nach Materialarten wie z.B. Metall, Textil, Glas u. a. organisiert waren. Der Vorkurs hatte eine Schlüsselrolle in der Ausbildung der Studenten und in ihm lernten sie das Wichtigste über Materialien, Formen und Farben. Das Unterrichtsprinzip beschreibt am besten der Satz von Josef Albers, mit dem er den Vorkurs zu beginnen pflegte: „Wir möchten, dass Sie alles was Sie bis jetzt gewusst haben vergessen – außer dem Gewerbe.“ Das Bauhaus ermutigte die Studenten zu einer vollständigen Freiheit im künstlerischen Schaffen.
 

Ausschnitt aus dem illustrierten Brief, Lou Scheper, Sammlung Marie-Luise Betlheim, MSU Zagreb Ausschnitt aus dem illustrierten Brief, Lou Scheper, Sammlung Marie-Luise Betlheim, MSU Zagreb | © Nachlass Scheper

 
Können wir sagen, dass das Bauhaus auch den Verlauf der Kunst, der Architektur und des Designs in Kroatien verändert hat?I

Ich denke, dass das Bauhaus die kroatische Kunst, Architektur und das Design beeinflusst hat und dass es in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen auf eine bestimmte Art und Weise eine der Fortsetzungen der avantgardistischen Tradition war. Die Einflüsse von Bauhaus in der Zwischenkriegszeit erkennen wir in Ausbildungsmodellen, die an der Technischen Fakultät in Zagreb durchgeführt wurden, wo einige Mitglieder der Gruppe EXAT 51 studiert haben: Bernard Bernardi, Vjenceslav Richter, Zvonimir Radić... In ihrem Schaffen, aber auch im Schaffen vieler Künstler der 50-er und 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts, sind Einflüsse des Bauhauses zu erkennen, und das sind die Schlüsselmomente in der Entwicklung der Abstraktion in der kroatischen Kunst nach dem Krieg.
 

 
Anlässlich der Ausstellung Bauhaus – Vernetzung von Ideen und Praxen im Museum für Zeitgenössische Kunst in Zagreb, hat Ruth Betlheim dem Museum eine wertvolle Sammlung geschenkt. Können Sie uns erklären, um was für eine Sammlung es sich handelt?


Ruth Betlheim war von Beginn an in unser Projekt involviert und ich denke, dass BAUNET sie dazu bewegt hat, dem Museum für Zeitgenössische Kunst diese Kunstsammlung zu schenken. Ihre Mutter Marie-Luise Betlheim geb. Morgenroth lebte nämlich in ihrer Jugend in Weimar und hatte regen Kontakt zu den Studenten und Lehrern des Bauhauses. Ihr Lebensweg brachte sie nach Zagreb, wo sie geheiratet hat und aus Weimar über Wien eine Mappe voller Erinnerungen an ihre Freunde im Bauhaus mitgebracht hat. Diese Mappe beinhaltete eine ganze Reihe von Graphiken, Zeichnungen, Ölgemälde auf Karton, illustrierter Briefe, Aufzeichnungen, Fotos, Skizzen und Entwürfe ihrer Freunde, die am Bauhaus studiert haben. Marie-Luise Betlheims Mappe mit Erinnerungen enthält unter anderem fünfundsiebzig künstlerische Arbeiten von Studenten und Lehrern am Bauhaus, darunter Arbeiten von Paul Klee, Karl Peter Röhl, Franz Frahm-Hessler, Kurt Schwerdtfeger, Lou Scheper, Hinnerk Scheper, Farkas Molnár, Henrik Stefán, Sandor Bortnyik. Diese außerordentlich wertvolle Sammlung wurde dank der beharrlichen und hingebungsvollen Arbeit von Ruth Betlheim 2011 im Buch „Bauhaus persönlich“ veröffentlicht, und das Projekt wurde auch vom Goethe-Institut unterstützt. Auf Ruth Betlheims Initiative haben wir im Laufe des Projekts in Zusammenarbeit mit dem Verlag UPI2m eine Mappe mit Lou Schepers illustrierten Briefen an Marie-Luise Betlheim veröffentlicht. Heute sind wir besonders stolz darauf, dass Ruth Betlheim diese ausgesprochen wertvolle Sammlung unserem Museum geschenkt hat, und oft sprechen wir auch weiter über das Bauhaus und planen verschiedene Veranstaltungen.  
 
Welche Werte des Bauhauses sind uns bis heute erhalten geblieben? 


Das Bauhaus ist eine Schule, die zu einem der bedeutendsten Bildungsexperimenten geworden ist, das großen Einfluss nicht nur in der Kunst, Architektur und im Design haben wird, sondern auch in der Bildung und im alltäglichen Leben des modernen Menschen. Werte die uns bis heute erhalten blieben sind Freiheit des Experimentierens, Kreativität, Funktionalität in der Gestaltung und vor allem der Versuch, die uns umgebende Welt auf eine andere Art und Weise zu betrachten.
 
Welche Programme plant das Museum für Zeitgenössische Kunst zum 100. Bauhaus-Jubiläum? 



Zu Anfang des Jahres haben wir die Ausstellung „Josef und Anni Albers – eine Reise durch die Erfahrung der Blindheit“ eröffnet, mit der wir uns den Feierlichkeiten zum 100. Bauhaus-Jubiläum anschließen. Diese Ausstellung zeigt 63 Werke von Josef und Anni Albers, der Pioniere des Modernismus im 20. Jahrhundert, und ist bis zum 21.4.2019 zu sehen. Während der Ausstellungsdauer organisieren wir zusammen mit dem Goethe-Institut einen Vortrag von Judith Raum über Otti Berger. Weiterhin bereite ich in Zusammenarbeit mit der Galerie “Galerija umjetnina” in Split und meiner Kollegin Jasminka Babić eine Ausstellung vor, die das Werk unserer Studenten am Bauhaus und die Einflüsse des Bauhauses in Werken zeitgenössischer Künstler zeigen wird. Während der Ausstellungsdauer werden wir einen runden Tisch mit dem interessanten Thema “Frauen und das Bauhaus” organisieren. Ich bin sicher, dass dem bis Ende des Jahres weitere Vorträge und Veranstaltungen folgen, und schon im nächsten Jahr beginnen wir mit den Vorbereitungen für das nächste Bauhaus-Jubiläum.
 
Ich danke Ihnen für das Gespräch!
 

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