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Durch Experimentieren zur Profilierung der Vielseitigkeit

Multimediakünstlerin Dora Đurkesac
© Maja Bosnić | Dora Đurkesac

Ein Interview mit der Multimediakünstlerin Dora Đurkesac im Rahmen des Projektes Dia:Forme.

Von unseren bisherigen Berliner Gesprächspartnerinnen im Rahmen des DiaForme-Projektes ist Dora Đurkesac die jüngste. Sie hat die kürzeste Dienstzeit in Berlin. Obwohl sie erst vor etwas mehr als einem Jahr hierher umgezogen ist, sieht sie diese Stadt bereits als ihr zweites Zuhause an und als einen fruchtbaren Ort für die Fortsetzung ihrer Karriere sowie für neue Kooperationen und Projekte.

Nach dem Abschluss eines Studiums Industriedesign und anschließend eines Studiums der Neuen Medien an der Zagreber Akademie der bildenden Künste sowie nach einer langjährigen professionellen Erfahrung im zeitgenössischen Tanz hat Dora Đurkesac durch eine Reihe verschiedenster Künstler-Kooperationen ein eigenes Werk aufgebaut, das sich – an der Schnittstelle von visueller und darstellender Kunst einerseits sowie der Kunst der neuen Medien andererseits – bewegt und sich mit den Grenzen von Körper, Raum und Bewegung beschäftigt in einem interdisziplinären Praxisansatz. Die heimische Kunst- und Kulturszene wurde auf Doras Arbeit gerade durch eine Reihe von Projekten in äußerst unterschiedlichen Medien und diversen Kooperationen aufmerksam. Für die interaktive Installation Interval gewann sie gemeinsam mit ihrer künstlerischen Partnerin Vesna Rohaček den Publikumspreis bei der Ausstellung t-ht@msu.hr im Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb (MSU). Zusammen mit Maša Milovac ist sie Autorin des ausgezeichneten interdisziplinären Ambient-Projektes Priče s Gornjeg grada im Rahmen der Initiative Mjestimice svjetlo; gemeinsam mit der Designerin Karla Paliska entwarf sie das interaktive In Situ-Projekt; ihre Karriere begann sie als eine von sechs Designerinnen, die das vielgelobte Kollektiv Manufakturist gründeten.

Gerade diese Multidisziplinarität, Künstlerkooperationen, die Kombination andersartiger Ausdrucksformen sowie die Zusammenarbeit mit Tanzkollektiven machen ihre bisherigen Werke und Projekte so ausnahmsweise eklektisch und vielfältig, gleichzeitig aber auch so zeitgemäß. Für eine solche künstlerische Orientierung und Weiterentwicklung, die auf Interdisziplinarität mit ständiger Leidenschaft für das Experimentieren und Entdecken von neuen Möglichkeiten der Praxisverknüpfung und -vernetzung beruhen, gibt es wahrscheinlich kein besseres Umfeld als Berlin. An welchen neuen Projekten und in welchen neuen Kontexten Dora Đurkesac aktuell arbeitet, können Sie im folgenden Interview lesen.

Am Anfang eine einfache Frage: Warum hast du Berlin als deinen momentanen Aufenthaltsort und deine Wirkungsstätte ausgesucht?

Seit mehreren Jahren bin ich neugierig auf das Leben außerhalb Kroatiens, und Berlin bot sich als eine Gelegenheit zu der Zeit, als ich aktiv über einen Umzug nachdachte. In Frage kamen stets Großstädte und Kunstzentren, doch keine der Städte, die ich besuchte, war so aufgeschlossen und entspannt wie Berlin. Hier habe ich Freunde, die vor langer Zeit aus Kroatien weggezogen sind, eine Menge Bekannter und Mitarbeiter, was für mich eine große Anregung darstellte. Ich fühlte mich nicht dazu bereit, mein Leben an einem fremden Ort ohne jegliche Beziehung zu Menschen neu aufzubauen. Ein wichtiges Element für mich stellt auch die Verbundenheit auf freundschaftlicher und beruflicher Ebene dar. Hier wartete einfach alles auf mich. Selbstverständlich wird es Probleme und Hindernisse geben, wo auch immer du lebst, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mir andere Arten von Problemen guttun würden. Ich kann nicht sagen, dass ich Berlin vollständig verstehe, weil es so groß und voller Widersprüche und Überraschungen ist. Das finde ich allerdings gleichzeitig fesselnd. Ich bin erst dabei, zu entdecken, wie man als Künstler wirkt, aber es gibt in dieser Stadt – wie auch sonst – so viele Wege und Wachstumspotenziale, die ich wirklich gerne erkunde.

In den letzten paar Jahren, noch vor dem Umzug nach Berlin, hast du eine Reihe von Workshops und Residenzen besucht – waren solche Erfahrungen der Versetzung aus Kroatien eine Art Auslöser, vielleicht sogar ein entscheidender Faktor bei deiner Entscheidung umzuziehen und mit dem Aufbau deiner Karriere und neuer Projekte außerhalb Kroatiens zu beginnen?

Auf jeden Fall waren sie ein Auslöser für den Umzug. Obwohl ich die Erfahrung in Kroatien sowie die wundervollen Freunde und Mitarbeiter, mit denen ich mich entwickelt habe, sehr schätze, haben mich neue Kontexte auferweckt. Ich verbrachte ein paar Monate in den Niederlanden, wo ich festgestellt habe, wie aktiv und energisch ich bin. Ich begann, Menschen mit Lebens- und Berufswegen kennenzulernen, die mich dazu inspiriert haben, meine eigene Position zu dieser Zeit zu überprüfen. Zum ersten Mal dachte ich eher langfristig über meinen Berufsweg nach und parallel hatte ich das Gefühl von Freiheit, Anonymität und Unberechenbarkeit. Manchmal hemmte mich der Aufenthalt in Zagreb wegen des übermäßigen Komforts, des Gefühls der Erwartungen der Umwelt sowie der fehlenden Kommunikation und der Ausbreitung künstlerischer Einflüsse außerhalb Kroatiens.

 

  • Dia:Formen: Dora Đurkesac © Maja Bosnić
  • Dia:Formen: Dora Đurkesac © Maja Bosnić
  • Dia:Formen: Dora Đurkesac © Maja Bosnić
  • Dia:Formen: Dora Đurkesac © Maja Bosnić
  • Dia:Formen: Dora Đurkesac © Maja Bosnić

Hinter dir hast du die Erfahrung, in einem größeren Autorenkollektiv zu arbeiten, sowie eine Reihe von Kooperationen mit Autorinnen aus dem Bereich visueller und darstellender Kunst, doch oft machst du auch eigenständige Projekte. Wie kommentierst du die Unterschiede bei der Arbeit nach vielen Jahren solcher Kooperationen und Erfahrungen, die sicherlich eine unterschiedliche Dynamik von Arbeit und Beziehungen aufweisen? Was ist für dich als Autorin und Künstlerin der faszinierendste Faktor bei den einzelnen Kontexten?

Ich liebe es, in jeder Kombination zusammenzuarbeiten, die mich wahrscheinlich immer in größerem Maße anregt und entwickelt als ich es jemals alleine hätte schaffen können. Vielleicht war dies auch einer der Gründe für den Umzug. Für meine Arbeit ist es besonders wichtig, den Kontext, die Stadt, den Arbeitsbereich oder die Mitarbeiter zu wechseln. Dein Wissen neu definieren, es mit einem neuen überlagern, dein Medium vertiefen oder dich einfach bereichern und gleichzeitig lernen, mit verschiedenen Fachleuten und kreativen Menschen zu kommunizieren.

Während des Studiums habe ich bereits mit darstellenden Künstlern zusammengearbeitet. Hier hatte ich die Möglichkeit, mit dem Design und der Visualität im Rahmen der Tanzkunst zu experimentieren. Das hat mir geholfen, meine eigenen Interessen dieser beiden Bereiche und ihren vielfältigen Berührungspunkten zu entdecken.

Eine Zeit lang verbrachte ich in dem Kollektiv junger Designerinnen Manufakturist. Dies war eine interessante Erfahrung im Hinblick auf die Entwicklung eines Arbeitsbereiches und trotzdem dynamisch genug durch die Verschiedenartigkeit jeder einzelnen Mitarbeiterin. In bunten Kollektiven kommt es wiederum zu Übersetzungen, Anpassungen und Entdeckungen von gemeinsamen Punkten und aktuellen Interessen. Einige Male habe ich in Duetten mit einigen visuellen Künstlerinnen, Tänzerinnen, Designerinnen, Kamerafrauen usw. gearbeitet. Jede solche Erfahrung ist für meine eigene Gestaltung wichtig. Ich bin der Meinung, dass zu meinen Fähigkeiten gehört, dass ich die Möglichkeit der Anpassung, einen diplomatischen Ansatz, der Arbeit mit völlig andersartigen Autoren habe. Neben dem Interesse an interdisziplinärer Arbeit interessieren mich auch Arbeitsmethoden, die immer aus dem Charakter einzelner Künstler hervorgehen.

Du hast erwähnt, dass du dir erst vor kurzem der Tatsache bewusst wurdest, dass alle deine Mitarbeiterinnen bei Kunst- und Designprojekten sowie allen anderen Projekten und Kooperationen ausschließlich Frauen waren. Waren dieser Weg und die Wahl zufällig, instinktiv oder halbwegs geplant?

Es scheint mir, als ob es sich spontan ereignete, obwohl dies in der Tanzwelt definitiv einfach ist! Natürlich ist es möglich, dass es teilweise instinktiv passierte, als Folge der Zusammenkunft und des Verständnisses für Künstlerinnen und ihre Sensibilitäten bei der Arbeit. Die meisten Projekte und Kooperationen wuchsen tatsächlich aus Freundschaften heraus. Welche Gründe es auch immer sind, ich bin sehr froh, dass meine bisherige Arbeit von Frauen geprägt wurde!

Neben all diesen Erfahrungen in Berlin arbeitest du auch mit der Künstlerin Alicja Kwade zusammen, in deren Studio du für verschiedene Jobs engagiert wurdest: 3D-Modellierung, Erstellung eines Installationshandbuches und Grafikdesign. Wie wichtig ist diese Erfahrung für deine eigene Arbeit und wie nützlich ist ein solch direkter Einblick in eine höchst erfolgreiche, vom Autoren- und Managementaspekt ordentlich gegliederte Kunstkarriere? Was nimmst du aus einer solchen Zusammenarbeit mit?

Einerseits verbessere ich meine technischen Fähigkeiten, arbeite in einer Struktur von mindestens fünfzehn Leuten und lerne über Herstellungsprozesse, Kommunikation und Organisation. Ich glaube nicht, dass ich mir einen besseren ersten Job in Berlin hätte vorstellen können. Andererseits ist es interessant, eine völlig entgegengesetzte westliche Kunstwelt zu sehen, die eher eine Entwicklung der eigenen Marke auf dem Kunstmarkt bedeutet. Meine Wahrnehmung künstlerischer Arbeit ist ziemlich idealistisch, ich könnte sagen völlig gegensätzlich zur Arbeit von Künstlern wie Alicja, die vom Kapitalismus und dem Markt unterstützt wird. Ich habe nichts dagegen, dass sich die Menschen auf diese Art und Weise mit der Kunst befassen (vielleicht manchmal), doch das ist nicht etwas, was mich wirklich interessiert, weil sich solche künstlerische Arbeit in einigen Produktions- und Vertriebssegmenten nicht von dem Produktdesign unterscheidet, von dem ich tatsächlich abgerückt bin. Ich arbeite gerne an Experimenten, Forschungen sowie dem Austausch von Ideen und Praxis. Ich habe auch nie über künstlerische Arbeit als ein Produkt nachgedacht, das verkauft werden soll! Ich sehe meinen Weg eher im Lehren, Wissensaustausch und Teilen. In dieser Hinsicht bin ich ziemlich romantisch, aber deswegen lerne ich von diesem Beispiel einer kontrastreichen künstlerischen Karriere und frage mich dann, was eine erfolgreiche künstlerische Karriere überhaupt ausmacht? Wahrscheinlich beantwortet jeder Künstler diese Frage für sich selbst, und in den Augen der meisten Menschen kann diese durch finanziellen Erfolg und Ruhm gekennzeichnet sein. Für mich ist es am wichtigsten, Raum und Zeit für die Arbeit und anschließend für den Austausch zu haben. Daraus rührt auch das Nachdenken über alternative Arbeits- und Ausstellungssysteme durch digitale Plattformen oder die Arbeit durch Workshops her. Ich bin immer noch in der Lage, all diese Wege zu finden.

Wenn man deine Karriere betrachtet, ist es unmöglich, eine Reihe verschiedener Medien, mit denen du arbeitest, nicht zu bemerken. Diese reichen vom Produktdesign über visuelle Künste und interaktive Installationen bis hin zu Projekten im Bereich der darstellenden Künste, aber auch Projekten, die einige oder alle der oben genannten Ausdrucksformen durchdringen. Wie wichtig und vielleicht auch belastend ist für dich Multimedialität?

Durch das Herauslösen eines einzelnen Elementes aus seinem Kotext werden der Wert dieses Elementes und die Bedeutung des Kontextes selbst neu definiert. Dieses Element kann eine Methode, ein Forschungsthema, ein Medium oder ein Raum sein. Werden beispielsweise in die Designpraxis choreographische Methoden implementiert, kann man über die Raumgestaltung als Bewegungsgestaltung nachdenken. Die Choreographie kann als eine Reihe von Dokumenten und Momenten im Videoformat angesehen werden oder man kann sich vorstellen, wie der digitale Raum die Wahrnehmung und die körperliche Erfahrung verändert. Dieses mehrperspektivische Denken hilft mir auf jeden Fall, ein breites Verständnis für ein bestimmtes Forschungsthema zu haben, aber auch für Wirkungskanäle, die dieses bereichern können, obwohl es oft nicht einfach ist und es Zeit braucht, bis alles wahrgenommen und verknüpft wird.

Eine Freundin und Mitarbeiterin hat mir einmal erklärt, dass ich wie eine Tänzerin denke, mich aber durch visuelle Medien ausdrücke. Die Multimedialität ist entscheidend, denn sie ermöglicht mir, jedes Forschungsthema und entsprechende Ausdrucksmedien sowie das Potenzial im Schnittfeld von Disziplinen und Medien zu überprüfen. Ein Vortrag von Franco „Bifo“ Berardi, an dem ich teilgenommen habe, inspiriert mich oft – wenn alle Disziplinen eine gemeinsame Sprache finden könnten, würde sich die gesamte Gesellschaft viel ganzheitlicher und schneller entwickeln. Den kapitalistischen Strukturen entspricht die Spezialisierung, weil Disziplinen separat entwickelt werden und leichter zu kontrollieren sind. Gerade Künstler haben die Möglichkeit, eine gemeinsame Sprache zu finden und mehrere Perspektiven zu verbinden sowie die Realität zu verstehen. Eine ziemlich verantwortungsvolle Position.

Es scheint mir, dass gerade Berlin und die breitere Szene zeitgenössischer Kunst in Westeuropa irgendwie oft das Weltepizentrum von immer mehr Werken von Autoren und Künstlern sind, die sicherlich nicht monomedial sind bzw. in einer Reihe verschiedener Medien arbeiten. Das scheint mit irgendwie natürlich und oft einzig verständlich und klar in der heutigen Zeit. Wie kommentierst du das?

Ich habe lange gekämpft und versucht, ein Handlungsfeld zu wählen, um meine Fähigkeiten zu verbessern und die Person zu sein, die für bestimmte Arten von Kooperation, eine Dienstleistung oder dergleichen beauftragt wird. Letztendlich geschah dies auch mit der nahezu immer an der Tanzkunst orientierten Designarbeit. Ich hatte jedoch immer noch das Gefühl, eine Entscheidung treffen zu müssen. In Berlin fühle ich mich hinsichtlich dieser Frage viel freier, weil dies ganz normal und erwünscht ist. Immer mehr sehe ich das Potenzial in der Perfektionierung der Verknüpfung meiner Interessen. Vielleicht ist es am wichtigsten, zu erkennen, in welchem Maße ein bestimmtes interdisziplinäres Projekt selbständig entwickelt werden sollte und wann eine Beratung oder Kooperation sinnvoll wäre. Ich denke, dass hierbei auch der Aspekt des Spiels, der Ehrlichkeit und der Flexibilität beim Ansatz wichtig ist. Ich würde definitiv Homo ludens – dem spielenden Menschen – als der nächsten Evolutionsstufe zustimmen, der die künstlerischen Seelen am nächsten stehen, wenn ihre Arbeit nicht durch den Markt, große Konzepte oder den täglichen Kampf und das Überleben überlastet wird.

Dein primärer Ausbildungshintergrund ist Design, doch deine Projekte und deine Karriere sind schon lange weit über diese Sphäre hinausgegangen und dein Werk ist sicherlich deutlich künstlerischer. Wie wichtig waren einerseits die Ausbildung und andererseits die Erfahrung mit späteren Projekten und Kooperationen für deine Entwicklung und für die von dir entwickelten Werke?

Der Beginn meiner Ausbildung in der Tanzkunst hat die Grundlage für meine weitere Arbeit und Ausbildung in Kunst und Design geschaffen. Es ist interessant, dass meine Zagreber Tanz- und Designausbildung mit deutschen Schulen und Autoren verbunden ist. Die Ausbildung in der Schule für zeitgenössischen Tanz Ana Maletić ist mit Rudolf von Labans Arbeit und den Anfängen des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland verbunden, während das Design-Studium mit Bauhaus und der Hochschule für Gestaltung Ulm verbunden ist.

Kooperationen, die ich noch während meines Studiums mit Tanzkünstlern begonnen habe, haben mir den Reichtum der Verbindung von visuellem und tänzerischem Denken, der Verbindung von Körper- und Raumthemen sowie die Gestaltung von Arbeitsmethoden offenbart. Ich fand mich in verschiedenen Rollen und Herausforderungen wieder, die mich zur multimedialen Arbeit und zur Reaktion auf die unterschiedlichen Sensibilitäten von Tanzkünstlern angeregt haben. Das Design-Studium hat mir eine Menge nützlicher Fähigkeiten und Denkwerkzeuge zur Verfügung gestellt. Ich hatte auch das Glück, von ehrgeizigen und interessierten zukünftigen Designern umgeben zu sein, mit denen ich alle Designpotenziale, verschiedene ausländische Schulen und Überschneidungen mit Kunst und anderen Disziplinen erkundete. Schließlich habe ich mein Diplom mit der Diplomarbeit Choreographische Struktur zum Thema Choreographie der Bewegung im öffentlichen Raum erworben. Im Rahmen des Studiums der Neuen Medien ist es mir gelungen, diese beiden Handlungsfelder weiter zu vertiefen.

Die Arbeit im Designkollektiv Manufakturist hat mir definitiv geholfen, praktische Fähigkeiten und konzeptuelle Ansätze zu entwickeln. Das war eine wichtige, unmittelbar nach dem Studienabschluss erfolgte Arbeitsphase, die mir die Praxis und Unterstützung von Kollegen ermöglicht hat.

Letztendlich half mir die 2-jährige Arbeit, zu erkennen, dass ich einen anderen Weg einschlagen sowie eine eigenständige künstlerische Arbeit entwickeln und neue Kooperationen eingehen muss.

Indem ich mich während des Studiums und der Praxis mit Design beschäftigte, wurde mir irgendwann klar, dass ich oft keine Entscheidungen treffen kann, wenn darüber nicht genug nachgedacht, argumentiert oder diskutiert wurde. Ich bin der Meinung, dass in jeder Arbeit die Balance zwischen intuitiver und intellektueller Handlung, welche die Integrität und die Kraft der Arbeit schafft, von grundlegender Bedeutung ist.
 

Dia:Formen – Dora Đurkesac Dia:Formen – Dora Đurkesac | © Maja Bosnić

Als interessantesten Teil deines Werkes empfand ich diejenigen Projekte, in denen du deine Erfahrung und die Denkweise durch die visuelle Kunst und die rein visuellen Medien mit dem Performance-Segment, bzw. dem Körper und der Bewegung, verbindest. Was interessiert und fasziniert dich hier am meisten?

Mich fasziniert der Widerspruch der Bewegungsaufzeichnung und der Erfahrung eines Körpers, welcher eigentlich nicht vollständig übertragen und dokumentiert werden kann. Die Bewegung vermittelt immer auch eine Energieerfahrung, ihr wohnt die Veränderlichkeit der Bedeutung inne. Ein Dokument jedoch hält diese fest, bestimmt sie und entnimmt ihr wahrscheinlich die Eindringlichkeit, die Atmosphäre und die Unberechenbarkeit der Live-Performance. Gerade in dieser Unmöglichkeit der vollständigen Übertragung, Übersetzung und letztlich in der Interaktion mit dem Publikum entstehen neue Erfahrungen sowie Wahrnehmungen von Bewegung und Raum. Es ist für mich auch interessant, zu sehen, wie Beziehungen zwischen Raum und Körper entdeckt werden bzw. in welchem Maße ein Körper seiner Umgebung auf der Material- und Designebene einerseits und der sozialen und kulturellen Ebene andererseits untergeordnet ist. In dieser Struktur von Raum und akzeptiertem Verhalten kann Tanz als Ausdruck größter Bewegungsfreiheit und damit unerschöpflicher Inspiration zur Erforschung ungenutzter Körperpotenziale verstanden werden. Aus diesen Gründen denke ich gerne über Begriffe wie Raumdramaturgie, soziale Choreographie, Choreographie der Wahrnehmung, Selbstorganisation, hybride Orte, Körperfreiheit usw. nach.

Kannst du einige, in den letzten Jahren entstandene Projekte hervorheben, die die kroatische Öffentlichkeit durch Ausstellungen oder Medien eventuell nicht kennengelernt und gesehen hat, unabhängig davon, ob sie in Kroatien oder im Rahmen dieser europäischen Kooperationen entstanden sind?

Ich beschäftige mich zu wenig mit der Medienpräsenz, so dass die Öffentlichkeit mit einigen Werken, die in den letzten Jahren im Ausland, aber auch in Zagreb entstanden sind, wahrscheinlich nicht vertraut ist. Ich muss auf jeden Fall an diesem Aspekt arbeiten!

In Zusammenarbeit mit der polnischen Künstlerin Zofia Kuligowska entstand in Amsterdam ein interessantes Werk, das sich zum ersten Mal durch einen individuelleren Ansatz zur Schaffung auszeichnete. Wir stellten nämlich eine Referenz zu künstlerischen Strukturen sowie üblichen Problemen und Kämpfen der Künstler durch eine geistreiche Ausstellung namens You have a bright future behind you her. Indem wir Erfahrungen in einer für uns neuen Umgebung bzw. in einem ausgeprägten westeuropäischen Rahmen künstlerischen Handelns verfolgten und aufzeichneten, formierten wir ein vorübergehendes Kollektiv namens Spacehunters und begaben uns auf die Suche nach dem Arbeits-, Lebens- und Freizeitraum, während wir uns gleichzeitig mit Vermietern und Kuratoren auseinandersetzten.

In den letzten drei bis vier Jahren arbeite ich mit Karla Paliska im Rahmen der In Situ-Plattform, die Projekte und Forschungen zu hybriden Orten – digitalen und öffentlichen Räumen – sowie die Gestaltung kollaborativer Arbeitsmethoden vereint. Genauer gesagt sind wir daran interessiert, ein Content-Produktionssystem zu entwerfen – wie z. B. die alternative Ausstellung Missing Artist, eine gleichzeitig virtuelle und ortsspezifische Ausstellung von Werken, die per GPS mit bestimmten Orten gekoppelt sind (die erste Ausstellung fand im Museum für zeitgenössische Kunst (MSU) statt), sowie die Ausstellung Missing Objects, mit der wir eine theoretische Forschung hybrider Orte begonnen und eine digitales Plattformsystem für Vorschläge, Kritiken sowie die Neudefinition oder Bereicherung öffentlicher Räume entworfen haben. Zurzeit sind beide Projekte noch auf dem Niveau eines Prototyps oder einer theoretischen Forschung. Ich hoffe, dass sie bald in Schwung kommen, besonders nachdem auch Karla nach Berlin umzieht!

Ich arbeitete auch mit Iva Korenčić im Rahmen darstellender und multimedialer Werke zusammen, unter denen die Werke Atmosfere und Littleworks sind, die die Arten der Erfahrungs- und Körperaufzeichnung untersuchen und den persönlichen Atmosphären folgen, die in den interaktiven Raum der Ausstellung übertragen werden. Durch diese Projekte haben wir intuitive, performative und dokumentarische Arbeitsweisen geübt. Wir zeichneten Zustände des Körpers, Ablenkungen und Wünsche nach der Kommunikation und der Teilung des Körpers in der Natur, fanden Beziehungen zwischen dem äußeren und inneren Raum und durchliefen einen sehr angenehmen, fast therapeutischen Prozess.

Parallel zu den Werken und Ausstellungen in Zagreb stellte ich in Berlin auf der Ausstellung Hidden lines of Spaces das Werk Dictionary of Hybrid Places mit Karla Paliska aus.

Vesna Salamon und ich beschlossen, wieder zusammenzuarbeiten und die Ausstellung namens Inventur zu organisieren – eine Art Inventur selbständiger Werke. Bei dieser Gelegenheit habe ich beschlossen, die Segmente der verschiedenen Werke zu zeigen, die durch gleiche Medien verbunden sind – gedruckte Formate und Künstlerbücher. Die letzte Ausstellung nach dem Besuch des Saas-Fee Summer Institute of Art war Ohne Prickelnd, Sanft als Ergebnis einer einmonatigen Erforschung des Themas Art and the Politics of Collectivity.

Widmen wir uns jetzt dem aktuellen Kontext und neuen Plänen. Erzähl mir von dem Künstlerworkshop, den du in Berlin vorbereitest. Wie wurde der Workshop aufgestellt und welche Elemente aus deinen früheren Erfahrungen, Projekten und Workshops hast du als Grundlage für die Gestaltung des Themas und der Richtung ausgenutzt?

Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass ich in Zukunft gerne mit jedem Projekt sowohl Arbeitsmethoden als auch Werkzeuge entwickeln möchte, die sich als zusätzliche Inhalte vom einzelnen Prozess isolieren lassen. Dies ist ein Wissen, das jedem anderen Künstler zum Experimentieren oder zur Inspiration dienen kann. Ich begann mit der Gestaltung von Workshops, die das Ergebnis langjähriger Erfahrung in der Verflechtung von darstellender und visueller Kunst waren. Die Kooperationen bei vielen Tanzprojekten durch Videoproduktionen, die eigenen Werke wie Body Events, Littleworks, You have bright future behind you und anschließend die zehnjährige Arbeit mit Kindern sowie die Einführung von Videos in die Tanzkunst haben Inhalte und Methoden für die Forschung geformt. Einer der Workshops basiert auf dem parallelen Denken und dem Praktizieren von Video- und Bewegungstechniken, beispielsweise auf der Dokumentation als Prozess- und Improvisationsaufzeichnung oder der Erzeugung der Bewegung ausschließlich für das Bild oder den Bildschirm. Der Workshop ist in vier Themen gegliedert, die Beziehungen untersuchen: Körper / Bild, Objekt / Kamera, Bewegung / Zeit, Raum / Kader. Parallel zur Erstellung von Übungen und Werkzeugen möchte ich durch den Workshop die Themen der Dokumentation des Alltags aufgreifen sowie Inhalte, Aktivitäten und Wahrnehmungen des Körpers, die als Folge von sozialen Netzwerken entstanden sind, gestalten.

Du hast auch ein neues Projekt bzw. ein Werk erwähnt, an dem du für die bevorstehende Ausstellung in Bern, in der Schweiz, mit dem russischen Kurator Nikolay Alutin arbeitest. Was ist das Thema der Ausstellung und in welche Richtung hast du dein Werk aufgestellt?

Die Ausstellung Whisper Politics untersucht künstlerische Arbeit, die persönliche Dialoge mit dem Publikum generiert, und zwar mit dem Ziel langfristiger gesellschaftlicher und politischer Veränderungen als einer Art Gegengewicht zu großen politischen Gesten und Massenaktivismus gegen soziale Probleme. Das Werk Random Rules ist noch in der Entstehungsphase, aber für den Anfang würde es auf einer Reihe von gesammelten Regeln basieren, die Wahrnehmung von Körper und Verhalten definieren und bestimmen und aus zwei gegensätzlichen Welten kommen (z. B. religiöse und Pop-Kontexte). Diese Regeln wären paarweise sortiert und würden als Auslöser für ein Gespräch dienen – jeder Besucher würde seine eigene Regel und somit seinen Gesprächspartner bekommen. Auf diese Art und Weise wird der Ausstellungsraum zu einem organisierten Raum für Eins-zu-eins-Gespräche, indem der qualitative Austausch persönlicher Erfahrungen gefördert wird.

Wo du jetzt weißt, dass du hier ganz gewiss eine längere Zeit verbringen wirst - hat dir die Lebenszeit in Berlin, also die Zeit der Stabilisierung, als eine Art Reset und zeitlicher Rahmen gedient, in dem du Projekte sowie Interessengebiete und Engagementbereiche noch präziser definierst?

Ich habe angefangen, meine Interessen freier und gleichzeitig präziser zu definieren. Die bisherigen Arbeits- und Ausbildungsjahre verstehe ich als eine notwendige Phase des Experimentierens, die mich manchmal verwirrt, aber letztlich aus mir eine vielseitige Künstlerin gemacht hat. Die Erfahrung, die mir das Leben in Berlin ermöglicht hat, hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen. Ich habe angefangen, ein reguläres Einkommen zu bekommen, was nach vielen Jahren als dynamischer Freelance-Arbeit eine interessante Veränderung darstellt. Mir wurde auch klar, in welchem Maße der Luxus der Zeit im Zagreber Alltag gegenwärtig ist. Ich schätze jetzt die Freizeit mehr und bin einfach dazu gezwungen, mich mehr auf einzelne Projekte zu konzentrieren und mich für diese zu entscheiden. Ich hatte das Gefühl, dass dies irgendwann geschehen musste, doch der Lebensstil in Zagreb hat es mir erlaubt, in alle Richtungen verstreut zu sein – was sich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr aufrechterhalten ließ. Jetzt würde ich gerne an größeren und längeren Projekten arbeiten und langsam Orte und Menschen finden, die diese unterstützen würden.

Wie beeinflusst dich die Stadt selbst mit ihrer künstlerischen Dynamik einer großen Anzahl von Menschen aus aller Welt und allerlei Erfahrungen sowie einem extrem intensiven Veranstaltungsrhythmus?

Eine solche Umgebung ist für mich äußerst inspirierend und aufregend, obwohl sie manchmal natürlich zu intensiv wird. Es hängt alles von der individuellen Herangehensweise ab bzw. in welchem Maße man zulässt, dass man von Veranstaltungen beeinflusst und überwältigt wird. Es ist immer möglich, einen Urlaub im Grünen zu wählen. All das bietet diese Stadt – viel Natur und viel menschliche Natur, was für mich eine ideale Umgebung darstellt. Ich habe das Gefühl, dass ich gerade erst angefangen habe, sie zu entdecken, und wenn du einmal die Stadt eine Zeit lang verlässt, verändert sie sich in der Zwischenzeit! Aufgrund der Größe der Stadt und der Anzahl der Veranstaltungen muss ich mich besser organisieren, und manchmal kommen Unentschlossenheit, Angst, etwas zu verpassen und ähnliche Situationen auf. Ich bin jedoch größtenteils ziemlich entspannt, weil ich weiß, dass es immer genügend kulturelle Inhalte geben wird.

Du hast erwähnt, dass dir manchmal mehr Leute fehlen, die gut denken? Welche Erfahrungen hast du mit der Zusammenarbeit, dem Austausch von Erfahrungen, Wissen und Ideen mit Mitarbeitern und den Menschen generell, die du in Berlin triffst?

Es braucht mehr Zeit, um die Kontexte kennenzulernen, aus denen bestimmte Künstler und potenzielle Mitarbeiter kommen. In Zagreb ist das einfacher, weil wir alle mehr oder weniger eine ähnliche Lebensweise und Kultur kennen und teilen – es gibt ein größeres Verständnis am Anfang. Hier begegne ich einer größeren Anzahl von Variationen, ich kann mich mit jemandem voll und ganz verstehen, doch im praktischen und produktiven Teil eine andere Auffassung vertreten. Ich bin auch kein großer Networkingfan. Künstler erzählen mir, dass sie oft das Gefühl der Aufdringlichkeit haben, und zwar in dem Maße, dass die Mehrheit der informellen Gespräche unter dem Druck potenzieller Kooperation und des Zeitverlustes geführt wird. Ich zerbreche mir darüber nicht so sehr den Kopf, sondern lasse alles organisch geschehen, so wie es bisher in Zagreb gelaufen ist.

Über welche Kooperationen und Projekte, die wir bisher eventuell nicht erwähnt haben, freust du dich in der Zukunft?

Ich würde gerne weiterhin mit den Künstlerinnen in Zagreb zusammenarbeiten, wie Karla Paliska im Rahmen der In Situ-Projekte und Iva Korenčić im Rahmen visuell-darstellender Projekte und natürlich mit meinen Fähigkeiten die Tanzszene unterstützen. Und in Berlin bin ich noch dabei, Freundschaften und Kooperationen aufzubauen und Arbeitsweisen durch die Inventur meiner bisherigen Erfahrung aufzustellen. Mir machen die erwähnten Workshops und selbstorganisierten Projekte und Experimente Spaß, wie Garden of the Lights, eine interaktive Lichtinstallation mit Pflanzen, die ich mit der Architektin Aleksandra Poljanec entwerfe. Ich bin davon überzeugt, dass ich auch zukünftig mit meinen neuen Künstlerfreunden zusammenarbeiten werde, aber vorerst sind dies noch Ideen, die während ruhiger, geselliger Treffen und Spaziergänge in Berlin aufkommen.

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