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Die Stadt hat Durst
Der Mann mit dem Dreh

Brunnen
Detail©Katarina Zlatec

Ugljane hat bis heute kein Wasser. Vielleicht haben die Menschen Ugljane deshalb verlassen. Ugljane, um das klarzustellen, ist keine Insel, obwohl es sehr wohl eine Insel mit fast dem gleichen Namen gibt. Ugljane ist ein Dorf, in dem einst Šimun und Vinka lebten und ihre vier Kinder großzogen – Kinder, die wiederum ihre Kinder großzogen.

Von Siniša Pavić

Wir sind oft ins Dorf gekommen, doch übernachtet haben wir dort nie. Solche Erinnerungen habe ich mit meinen Großeltern nicht. Die Stadt war zu nahe, um auf dem Land zu übernachten. Mutter war ruhiger, wenn ihre Kinder zu Hause waren, oder vielleicht zweifelte sie nur an Omas „elterlichen“ Fertigkeiten. Oder das Problem, was durchaus möglich ist, lag darin, dass nie Leitungswasser nach Ugljane gekommen ist. Dabei ist mir gerade Wasser ganz besonders in Erinnerung geblieben! Als wäre es gestern gewesen, so lebhaft sind die Bilder meines Vaters und Großvaters, wie sie dabei sind ein großes Loch in die Erde zu graben, dort wo später der Brunnen sein würde. Die Leute konnten nämlich früher eigenhändig Brunnen bauen.
„Geh und schöpf Wasser aus dem Brunnen, mein Sonnenschein“, pflegte Oma zu sagen.

Das war sowohl eine Ehre als auch eine Qual. Um nämlich anständig Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen bedarf es des richtigen Drehs, der richtigen Bewegung und im entscheidenden Augenblick einer entsprechenden Wendung der Hand, damit der Eimer sich gerade genug ins Brunnenwasser neigt, um das Wasser so aufzufangen, dass er sich bis zum Rande füllt. Die erfolglosen Versuche waren frustrierend, und dann sagte Oma immer: „Bist du verschwitzt? Trink ja nicht verschwitzt kaltes Wasser. Aber tu es, wenn du's nicht bist. Es gibt nichts Besseres.“
In der Stadt meiner Kindheit gab es kein solches Wasser, obwohl Mutter oft davon sprach, dass gerade unsere Stadt das beste Wasser habe. Ich erinnere mich nicht an die Wasserqualität, aber ich erinnere mich an den Straßenwasserhahn, den Trinkbrunnen in Toć. Toć war ein schreckliches Viertel. Dort lebte Wolf, der schnellste Mann des Bačvice-Bezirks und außerhalb. Ihn wollte man nicht verärgern und er war nicht der einzige dieser Sorte in Toć. Schüler gingen immer schnellen Schritts durch das Viertel, außer im Sommer, wenn sie durstig waren. Da machten sie halt am Brunnen, dessen Wasserhahn etwas ganz Besonderes ist.
Um zu trinken, muss man den richtigen Dreh raushaben. Man muss sein Händchen in genau die richtige Stellung bringen, es in den Zustand des Züngleins an der Waage versetzen, wenn es nicht weiß, zu welcher Seite es sich neigen soll. Erst in diesem Augenblick fließt das Wasser reichlich, sonst wird daraus nichts. Uff, wie viele erfolglose Versuche es bloß gab. Aber wenn es gelingt,… Uff!

Brunnen ©Katarina Zlatec Sie mag es nicht, wenn ich die Teller und Töpfe „von Hand“ spüle. Sie lauert wie ein Raubvogel, und sobald das Wasser ihrer Einschätzung nach unnötig fließt, kommt sie gerannt und dreht den Hahn zu. Früher ging damit auch eine verbale Lektion einher, danach noch lange ein rügender Blick, heute kommt sie nur, macht ihr Ding und geht. Heute spüle ich auch immer seltener die Teller und Töpfe von Hand. In einer großen Stadt gibt es immer Wasser. Es gibt auch Wasserrechnungen. Je höher die Rechnungen, desto mehr Kalk setzt sich an den Topfrändern ab. Sie ärgert sich über den Kalk. Sie ärgert sich über die Wasserrechnung. Sie ärgert sich, weil das Balg zu lange im Bad ist. Es nützt nichts. So ist es in einer großen Stadt.
Vom Balkon sieht man einen großen Fluss, der durch eine große Stadt fließt und sie in zwei Hälften teilt. Den Fluss entlang ist ein Deich, auf dem Deich sind Hunde. Otto liebt den Deich. Er läuft ihn entlang, indem er in regelmäßigen Abständen sein rechtes Hinterbein fröhlich in die Luft hebt, wie Volkstänzer, wenn sie slawonische oder ungarische Tänze tanzen und sich dabei regelmäßig mit der Handfläche auf ihre in die Höhe gehobenen Stiefel klatschen. Doch Otto mag es am liebsten, wenn sich auf dem Deich eine Pfütze findet. Zuerst dreht er sich spitzbübisch zu seinem Herrchen, als frage er, ob er dürfe, und dann nimmt er, ohne auf die Antwort zu warten Anlauf und prescht durch den größten Matsch. Dabei schlürft er etwas trübes Wasser ein – nur vom Hinsehen wird einem schlecht – und dann macht er wieder spitzbübisch zufrieden Kehrt in Richtung Herrchen. Manchmal scheint es, als würde er ihm machohaft zuzwinkern, so schmutzig, nass und voller Matsch. Er ist glücklich.
Ein Irischer Weichhaar-Weizen-Terrier. Es heißt, man habe sie erfunden, damit sie auf den matschigen Straßen Großbritanniens Ratten jagen. Wer weiß, was aus unserer Beziehung geworden wäre, hätte ich gewusst wozu er erschaffen wurde. Nach seinem Schabernack mit den Pfützen ziehe ich Otto zum Fluss, damit er sich wenigstens ein bisschen wäscht und wir zu Hause für die Wanne nicht noch mehr Wasser verbrauchen. Aber er will nicht ins Wasser. Das Wasser ist für den Sommer, und auch dann nur bis zum Bauch. Der Fluss ist hier, wenn es keine Pfützen gibt.
„Hast du es gut, du alter Hund,“ sage ich ihm.
Er bettelt daraufhin um ein Leckerli, mit der Leidenschaft des Jungen, der einst in Ugljane seine Großmutter um eine gerade mal reife Tomate bat, damit er sie mit Brunnenwasser waschen und danach herzhaft in sie reinbeißen kann, ohne Angst, dass er sein T-Shirt verfleckt.
Eine große Stadt wird von einem großen Fluss zweigeteilt, manchmal überflutet er Keller und Garagen, öfter aber bringt er Freude. Er ist hier in Reichweite, obwohl die neuen mehrstöckigen Häuser das Stücken Wasser – wenn es auch nicht das Meer ist – verbergen, das man vom Balkon aus sehen konnte, als der Kredit aufgenommen und eine Wohnung gekauft wurde, damit das Balg sein eigenes Zimmer hat. Das Wasser ist hier vor unserer Nase, doch auf dem Weg nach Hause und von zu Hause ist weit und breit kein Brunnen, keine Quelle an der man sich satttrinken kann. Manchmal, wenn niemand hinsieht, suche mir ich eine Pfütze, die tief genug ist, damit das Wasser schlabbert und spritzt, und flach genug, damit die Schuhe nicht durchnässt werden, wenn man mit beiden Beinen hineinhüpft. Ich hüpfe, schlurfe, gehe durstig durchs Wasser, doch jetzt weiß ich wenigstens welche Bewegung man mit dem Handgelenk machen muss, damit sich der Eimer bis zum Rande füllt, wenigstens hab' ich ihn jetzt endlich raus – den Dreh.
  
 

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