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Die Stadt hat Durst
Der geheime Tod oder der Manduševac

Junge am Brunen
© Katarina Zlatec

Alles hatte sich verändert auf der Erde und das einstige sorglose Leben war Vergangenheit. Die Menschen hatten sich, vor allem in größeren Städten, in ihr Zuhause zurückgezogen. Sie gingen nur hinaus, um die nötigsten Lebensmittel zu besorgen, und manche mussten noch immer persönlich zur Arbeit.

Von Karlo Roginek

In den Straßen, Parks, auf den Spielplätzen und um die Mauern der Familien- ,Wohn- und Hochhäuser war überall eine unangenehme Angst zu spüren. Von Zeit zu Zeit kam es zu vereinzelten Demonstrationen derer, die dieses Leben innerhalb ihrer vier Wände nicht mehr aushielten. Die Demonstrationen waren auch die größten Versammlungen von Bürgern. Die Sorglosigkeit hatte sich von den Bewohnern Zagrebs, und auch vom Großteil der Welt, verabschiedet und gehörte der Vergangenheit an. Ihren Platz hatte Beklommenheit eingenommen. Alle bangten, waren ängstlich, viele beteten und alle wünschten sich nur eines – zu überleben.

Noch vor einem Jahr dachten die Menschen, sie würden die Erde beherrschen, doch das war jetzt vorbei, denn ein schreckliches Virus hatte die Herrschaft übernommen. Nur Wenige waren infiziert, gerade mal einer von dreihunderttausend, doch das minderte keineswegs die Gefahr, denn noch kein Infizierter hatte es geschafft sich vom Virus zu erholen und die meisten schieden schnell dahin. Es war ein tödliches Virus, das niemanden – egal wie alt, gesund oder fit – verschonte. In Frankreich, wo es die meisten Leben gefordert hatte, hatte man ihm den Namen mort secrète gegeben, was man mit „geheimer Tod“ übersetzen könnte. Das Attribut „geheim“ schuldete er seiner Unergründlichkeit, denn nicht einmal die gelehrtesten Experten hatten herausgefunden, wie es übertragen wird und wie es sich genau verbreitet. Die meisten behaupteten, dass sich das Virus über die Atemwege verbreite und dass es in der Luft bis zu einer Woche und auf festen Gegenständen sogar bis zu einem Monat überleben könne. Man wusste nicht einmal woher es gekommen war und wodurch es verursacht worden war, doch die meisten Wissenschaftler waren der Ansicht, dass es sich als Folge des Klimawandels entwickelt hatte, der in den vergangenen zwei Jahren immer wirksamer und sichtbarer geworden war. Es gab sogar auch Einige, die behaupteten, dass sich der „geheime Tod“ durch Blicke verbreite, weshalb massenhaft speziell verdunkelte Brillen mit besonderen Gläsern verkauft wurden. Genutzt wurde sie von allen, für die aufgrund ihrer Arbeit Blickkontakte unabdingbar waren, damit sie sich vor der angeborenen Gewohnheit schützen konnten, einem Gesprächspartner in die Augen zu sehen. Besonders Politiker benötigten sie auf internationalen Tagungen und Podiums-diskussionen, die immer häufiger waren, denn die Welt versank in einem immer größeren Chaos.

Wasser © Katarina Zlatec Die Jahreszeiten waren in den gemäßigten Klimazonen immer weniger wahrnehmbar. Im Winter kam es oft zu eisigen Kältewellen mit viel Schnee, die nur eine oder zwei Wochen dauerten, wonach es wieder überdurchschnittlich warm wurde. Die Temperaturen stiegen von Tag zu Tag und mit ihnen stieg auch der Meeresspiegel. Die Medien hatten nicht mehr das Bedürfnis das Geschehen und die Ereignisse in der Welt zu dramatisieren oder aufzubauschen. Ganz im Gegenteil, die Medienkonzerne unterzeichneten gegenseitige Vereinbarungen, mit denen sie zusicherten, dass sie sich bemühen würden bei den Lesern, Zuschauern und Zuhörern mit ihren Nachrichten Gefühle des Gemeinschafts-
sinns, der Solidarität und Hoffnung zu verbreiten und zu wecken. Im Sommer war es am schlimmsten, in manchen Teilen der Welt war es sogar unerträglich. Es regnete immer seltener, es gab immer mehr Brände und in jenem Sommer war eine Dürre über die gesamte Nordhalbkugel der Erde gekommen. Trinkwasser gab es noch, aber die Konzerne waren schon ganz groß dabei, sich zusammenzuschließen und massen-weise Tanker zu Gletschern zu schicken, um dort so viel Trinkwasser wie möglich für noch schwärzere Tage zu sammeln. Den Menschen viel es schwer zu glauben, und noch schwerer zu akzeptieren, dass das Leben auf der Erde sich wirklich so massiv verändert hatte und dass die Lebensbedingungen sich in nur zwei Jahren so verschlimmert hatten. Viele verloren immer mehr den Mut, wurden depressiv und verfielen Süchten. Viele wurden aufwieglerisch, wütend und aggressiv, die Zahl der Straftaten stieg, und dann gab es noch die, die sich entschlossen hatten, gegen die zwei wütenden Feinde zu anzukämpfen – die Dürre und das Virus. 

Der elfjährige Samuel war einer von jenen, die die ganze Last und Grausamkeit dieser beiden wütenden Feinde zu spüren bekam. Er war eines der Kinder, die ihre Eltern nicht kennen, und lebte in einem Kinderheim, wo er darauf wartete adoptiert zu werden, aber bis jetzt war das nicht geschehen. Er war zum Schluss gekommen, dass seine krummen Zähne, die jeder in seine Richtung wuchsen, und seine abstehenden Ohren, die auf ihn wie zwei Antennen wirkten, der Grund dafür waren. Oft war er deshalb traurig und klagte darüber, dass er eine Zahnspange brauche, doch dass die Heimleitung gesagt hatte, sie könne ihm das nicht ermöglichen, denn sonst würden auch alle anderen Kinder mit solchen Beschwerden eine Zahnspangen wollen, was besonders in diesen schwierigen und krisenhaften Zeiten untragbar wäre. Viele seiner Altersgenossen waren schon adoptiert worden, doch er wartete noch immer und hoffte auf den Tag, an dem jemand seine Mama uns sein Papa werden wollte.

Er war eines der Kinder, die schon lange im Heim waren, und so bekam er die Aufgabe auf unterschiedlichen Veranstaltungen zu sprechen. Er sprach darüber, wie es für ihn im Heim ist und was er dort alles macht. Er konnte seinen Teil schon auswendig und wusste, dass er, wenn er weiterhin reisen und über seine Erfahrung im Heim sprechen wollte, nie etwas Schlechtes über das Leben im Heim sagen durfte. Er mochte das Heim und hatte dort viele Freunde, also war das für ihn kein Problem. Er war gehorsam und eifrig und erzählte regelmäßig schöne Dinge über das Heimleben, weswegen ihm anlässlich des fünfzigsten Jubiläums der Heimgründung sogar der Heimleiter höchstpersönlich ein Lob aussprach. Das war das Größte, was er im Leben erreicht hatte, denn der Heimleiter reichte ihm sogar die Hand und gratulierte ihm. Von diesem Augenblick an dachte er, dass er jetzt bestimmt von einer Familie adoptiert werden würde. Leider wurden seine schönen Hoffnungsgefühle jäh unterbrochen, nachdem sich herausstellte, dass ausgerechnet er sich mit dem „geheimen Tod“ angesteckt hatte.   

Es war der fünfundzwanzigste Juli. Die Uhr des Kirchturms hatte gerade Mittag geschlagen. Der Ban-Jelaćić-Platz war völlig leer, gerade so, als ob hier keine Menschen mehr lebten. Die Sonnen-strahlen vermittelten keine Wärme, sondern schienen alles vor sich wegzubrennen. Samuel war frühmorgens in die Jurišić-Straße gebracht worden, wo er in einem spezialisierten Labor streng kontrollierten Tests und Untersuchungen unterzogen wurde. Man stellte fest, dass der den „geheimen Tod“ aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo in Sarajevo abbekommen hatte, während seiner letzten Reise. Die Tests dauerten über vier Stunden. Er wurde in verschiedene Kammern gesetzt, zweimal wurde ihm Blut abge-nommen. Zudem hatte er am Morgen nichts essen dürfen, so dass er völlig erschöpft war, als um Mittag die Untersuchungen zu Ende waren. Er war durch und durch schwach und sehr durstig. Er konnte es kaum erwarten die Treppe hinunterzukommen, in den Wagen einzusteigen und zurück ins Heim zu fahren. Mit zaghaften Schritten ging er bis zur Kreuzung der Jurišić- und Drašković-Straße, wo der Wagen auf ihn warten sollte, doch der Wagen war nicht da. Erst später stellte sich heraus, dass er eine Panne gehabt hatte. Ein Handy, das er normalerweise bei Heimausgängen mitbekam, durfte er jetzt nicht bei sich haben, damit er nicht der Versuchung erliegen konnte, in den spezialisierten Räumlichkeiten, in denen er getestet wurde, etwas zu filmen oder fotografieren.

Er wartete lange, wobei er im Schatten Schutz suchte, denn die Hitze war unerträglich. Er fühlte sich immer erschöpfter und müder. Er war sehr hungrig und noch durstiger, und das Virus hinterließ auf seinem jugendlichen Bubenkörper immer verheerendere Spuren. Die Schwäche und das Fieber nahmen ihm auch die letzte körperliche Kraft. Er fühlte, dass er keine Zeit mehr hatte zu warten und nachzudenken. Er stand auf und brach auf, um nach Wasser zu suchen. Sein ganzes Wesen sehnte sich nach Erquickung, nach Erfrischung, und sein Hals war so trocken wie die Erde, die seit Tagen keinen Tropfen Regen abbekommen hatte. Er ging von Tür zu Tür, klopfte und klingelte, aber niemand öffnete ihm. Alle Cafés, Restaurants und Geschäfte in der Nähe waren geschlossen, auch die Kioske. In seinen Gedanken sah er nur Wasser, und dann kam ihm schnell in den Sinn, dass es im Manduševac-Brunnen auf dem Ban-Jelačić-Platz Wasser gibt. Er erinnerte sich an einen Ausflug vom letzten Jahr, als die Kinder gerade dort an den neu angebrachten Wasserhähnen des Brunnens frisches Wasser in ihre Flaschen füllten, um dann weiter zum Kaptol und zur Kathedrale zu gehen. Mit den allerletzten Kräften trieb er seine schlaffen Beine in Richtung Brunnen. In diesen Momenten vergaß er, dass er krank war, er vergaß, dass er vielleicht nie seine Eltern kennenlernen würde. Er dachte nicht mehr an seine krummen Zähne und seine abstehenden Ohren. Er wollte nur Wasser trinken, seinen Durst löschen und sich danach hinlegen und seinen schwachen von der Wirkung des „geheimen Todes“ erschöpften Körper ausruhen.

Unter schweren Schmerzen erreichte er den Ban-Jelačić-Platz und erblickte wie durch einen Flimmer zwei Silhouetten, die sich auf der anderen Seite des Platzes schnell fortbewegten. Er nahm all seine Kraft zusammen und rief nach Hilfe, aber die Silhouetten hielten nicht an und verschwanden schnell hinter der Ecke zur Prager Straße. Ein jäher stechender Schmerz ging durch sein Herz. Es hatte sich bestätigt, dass ihn auch jetzt niemand wollte, dass ihn niemand auf dieser Welt liebte. Seine schlaffen Beine führten ihn auch weiter instinktiv zu den Wasserhähnen, doch in seinem Inneren fühlte er sich von allen verlassen. Die unerträgliche Hitze und das tödliche Virus waren seine einzigen Begleiter. Es kamen ihm all die Kinder in den Sinn, denen er vom Heim erzählt hatte, er erinnerte sich an all die Gesichter seiner besten Freunde aus dem Heim und nahm seine letzte Kraft zusammen, drehte einen der Griffe des Wasserhahns auf, wonach das rettungsbringende Wasser aus dem Brunnen zu fließen begann. Der Wasserstrahl erfrischte sein Gesicht, tränkte ihm den Mund und versetzte ihn ins volle Bewusstsein zurück. Als er genug getrunken hatte, legte er sich unter den Wasserhahn und ließ das Wasser seinen gequälten Körper stärken. 

In diesen Augenblicken geschah etwas, was die renommiertesten Forscher und Wissenschaftler noch heute beschäftigt, wofür sie aber noch keine rationale Erklärung gefunden haben. Mit jedem neuen Tropfen Wasser fühlte sich Samuel immer kräftiger und gesünder und nach etwa zehn Minuten unter dem Wasserhahn war er wie neu, er war gesund. Am nächsten Tag sahen sich die Ärzte verblüfft Samuels Befunde an, und in allen Medien erschien die Nachricht vom ersten Menschen, dem elfjährigen Samuel, dem es gelungen war, den „geheimen Tod“ zu besiegen. Niemand verstand, wie und warum er genesen war, nur Samuel wusste von dem wundervollen Mädchen mit langem blondem Haar, das ihm am Manduševac zärtlich das Gesicht gewaschen und ihn mit seinen Tränen getränkt hatte. Samuel wusste, dass das für immer ihr Geheimnis bleiben würde, denn es würde ihm sicherlich niemand glauben, wenn er sagen würde, dass es die schöne Manduša war.

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