Tanz Abschluss der Queer Zagreb Saison:
An Evening with Raimund

Bild ©Jose Caldeira

Do, 01.12.2022

20:00

Zagreb

Wenn ich sterbe, lasst den Balkon geöffnet ist der Titel eines bekannten Gedichtes von Lorca und auch eine der bewegendsten Vorstellungen von Raimund Hoghe aus dem Jahr 2010 – Si je meurs, laissez le balcon ouvert. Wir hatten die Gelegenheit, diese Vorstellung zum Abschluss des 10. Queer Zagreb zu sehen, und jetzt, zehn Jahre später, versammeln sich Raimunds Tänzer und führen ihm zu Ehren Fragmente seiner Werke auf, die von Emmanuel Eggermont und Luca Giacomo Schulte ausgewählt und choreografiert wurden. Mit ihrer verträumten Darbietung lassen die Fragmente seines Repertoires die Poesie und Schönheit wieder aufleben, die Raimund Hoghe uns allen – Tänzern und Zuschauern – hinterlässt.

An evening with Raimund spielt am 1. Dezember 2022 im Zagrebačko kazalište mladih (Zagreber Jugendtheater). Die Aufführung wird in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Kroatien als Ankündigung des 50-jährigen Jubiläums der Tätigkeit des Goethe-Instituts in Kroatien, das im Jahr 2023 begangen wird, veranstaltet. Das Gastspiel wird mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht.

Raimund Hoghe hat in seinen Werken oft Pasolinis Gedanken: „den Körper in den Kampf werfen“ paraphrasiert und keiner tat es so hingebungsvoll wie Hoghe, der uns allen mit seinem Körper offenbarte, dass es möglich ist, stark auf der Bühne zu stehen und seine Stimme denjenigen zu geben, die sie brauchen. Im Laufe der Jahre hat Raimund viele Themen und gesellschaftliche Randprobleme angesprochen und auf diese Weise verhindert, dass sie ausgegrenzt oder vergessen werden. Daher freuen wir uns ganz besonders, dass die Vorstellung gerade am Welt-Aids-Tag, an dem der Kampf für eine Welt ohne HIV begangen wird, in Zagreb zu Gast sein wird.

Taenzer ©Jose Caldeira
"Den Körper in den Kampf werfen", schreibt Pier Paolo Pasolini. Dieser Satz: für mich auch ein Anstoß, auf die Bühne zu gehen. Andere Anstöße: die mich umgebende Realität, die Zeit, in der ich lebe, die Erinnerung von Geschichte, Menschen, Bilder, Gefühle und die Kraft der Musik, ihre Schönheit und die Konfrontation mit einem Körper, der - in meinem Fall - herkömmlichen Vorstellungen von Schönheit nicht entspricht. Auf der Bühne auch Körper zu sehen, die nicht der Norm entsprechen, ist wichtig - nicht nur mit dem Blick auf die Geschichte, sondern auch mit Blick auf Entwicklungen der Gegenwart, an deren Ende der Mensch als Objekt des Designs steht. Zur Frage des Erfolgs: Wichtig ist, arbeiten zu können, den eigenen Weg zu gehen - ob mit oder ohne Erfolg. Ich mache einfach das, was ich tun muss.
Raimund Hoghe
 

Raimund Hoghe


Der deutsche Choreograf Raimund Hoghe begann seine Karriere in der Welt des Tanzes als Journalist – unter anderem, weil er mit Skoliose geboren wurde, die ihn zunächst von der Bühne fernhielt. Für „Die Zeit“ schrieb er Porträts berühmter Künstler, aber auch unbekannter Menschen am Rande der Gesellschaft, wie etwa Sexarbeiterinnen oder Menschen, die mit HIV leben. Als er eines dieser Porträts schrieb, lernte er Pina Bausch kennen und arbeitete seit 1980 als ihr Dramaturg am Tanztheater Wuppertal. 1994 führte er sein erstes Solo, Meinwärts, auf, das dem im Zweiten Weltkrieg gestorbenen jüdischen Schauspieler und Sänger Joseph Schmidt gewidmet ist, der seine Karriere beim Radio begann, weil er mit einer Körpergröße von gerade 1,5 Metern von Theaterbühnen nur träumen konnte. In Meinwärts reflektiert er auch über seinen Körper, der von den etablierten Schönheitsnormen abweicht, insbesondere wenn es um den Körper eines Tänzers geht. Während seiner langjährigen Tanzkarriere wurde er mehrfach ausgezeichnet; er veröffentlichte mehrere Bücher in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA. 1992 begann seine künstlerische Zusammenarbeit mit Luca Giacomo Schulte, mit dem er bis zu seinem Tod zusammenarbeitete – und gerade auf seine Initiative hin wird auch das Zagreber Publikum die Aufführung der Fragmente aus Raimunds Werken ein Jahr nach der Uraufführung sehen können. Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass das Zagreber Publikum Raimunds Werken begegnet – sieben Mal war Hoghe im Rahmen von Queer Zagreb auf den Zagreber Brettern zu Gast und hat so die regionale Tanzszene geprägt und sie gewissermaßen noch mehr von den Konventionen einer schönen und idealen Bewegung oder schöner und akzeptabler Körper der Tänzer entfernt. Er starb 2021 in Düsseldorf im Alter von 72 Jahren – im Schlaf.

Als Teil des Gastauftritts zeigt die Fotografin Rosa Frank, Raimunds langjährige Freundin und Kollegin, Fotos von Performances, die das Publikum bei früheren Ausgaben der Zagreb Queer Season sehen konnte, sowie mehrere Zitate von Raimund selbst, und sie öffnet es mit ihrem Lied für den lieben Raimund:

Lieber Raimund,
Du lässt auf der Bühne eine Welt entstehen.
Diese Welt fasziniert, inspiriert und berührt mich.
Wenn ich meinen Kamerabogen spanne und dieser Welt zuschaue, löst sich wieder ein
Augenblicks-Pfeil.
Er folgt unser aller Sehnsucht.
In der Schönheit Deines Halbdunkels kann ich nicht sehen – nur erspüren.
Menschlichkeit. Schönheit. Stille.
Trauer. Elend. Zorn.
Kampfeslust. Lebensfreude. Unbestechlichkeit.
Dein Universum erschaffst Du aus einer Handvoll Steinen.
Zwei Gläsern mit Milch. Einer Gießkanne.
Der Körper eine Landschaft.
Bewegungen – Zeichen, geschrieben in den Raum.
So wandere ich mit Dir schon seit langer Zeit.
Sehe den Mond, die Sterne, Hafenstädte, Wüsten, Berge und Täler.
Tauche ein in Wasser der Freuden und Tränen.
Ducke mich vor Atombombe und Napalm. Werde gebrannt von Deinem Ernst und weiß,
Du bist ein Zauberer, ein Clown, ein Priester, ein Junge, ein Mann,
eine Frau, ein Engel, ein Dämon, ein Poet, ein großer Künstler und Choreograf.
Du zeigst Dich mir, auch durch Deine Tänzer:innen in tausenderlei Gestalten.
Du beziehst Stellung. Stehst da wie ein Fels.
Für die Würde des Menschen.
Das kann ich sehen.
Lieber Raimund, danke für Deine so wichtige Arbeit.
Der Bogen ist gespannt.
- Rosa Frank

Rosa Frank und Raimund Hoghe verbindet eine einzigartige künstlerische Freundschaft. Viel mehr als Dokumentaristin seiner Bühnenwerke, begleitete Rosa Frank durchgehend von Beginn an den Choreographen und sein Ensemble bei Kreationen, choreographischen Arbeitsprozessen und auf Gastspielreisen. Aus dieser Nähe erwuchs ein großes gegenseitiges Verständnis der grundsätzlichen Fragestellungen und der Arbeitsweise der Photographin und des Choreographen: Rosa Frank spiegelt in ihren kontemplativen Photos, die sich wie Körperlandschaften lesen, Hoghe über Jahrzehnte stattfindende Auseinandersetzung mit dem nicht-konformen Körper auf der Bühne wider.
Prof. Dr. Katja Schneider

Rosa Frank, geboren in Freiburg im Breisgau studierte Malerei bei Arnulf Rainer in Wien. Über die bildende Kunst führte ihr Weg zur Fotografie. Sie begleitete Raimund Hoghe über 30 Jahre in enger Zusammenarbeit und fotografierte sämtliche seiner Choreografien. Sie erhielt den Akademiefreunde-Preis Wien und  wurde u.a. mit Stipendien der Kursstiftung NRW, dem Kulturwerk der VG Bild-Kunst und dem Deutschen Ministerium für Kultur und Medien  ausgezeichnet.

Choreografie: Fragmente der Werke von Raimund Hoghe, 2002 - 2009 / Auswahl und Konzept: Emmanuel Eggermont und Luca Giacomo Schulte
Künstlerische Zusammenarbeit: Luca Giacomo Schulte
Darsteller: Ornella Balestra, Ji Hye Chung, Adrien Dantou, Emmanuel Eggermont, Kerstin Pohle, Luca Giacomo Schulte, Takashi Ueno
Ton- und Lichtdesign: Ansgar Kluge
Produzenten: Mathieu Hilléreau – Les Indépendences, Judith Jaeger

Musik von: Peter Allen, Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Charlie Chaplin, Cesare Andrea Bixio, Pablo Casals, Alain Goraguer, Lee Hazlewood, Arvo Pärt, Henry Purcell, Maurice Ravel, Pjotr ​​Iljitsch Tschaikowsky, Luigi Tenco; interpretiert von: Joséphine Baker, Leonard Bernstein, Dalida, Judy Garland, Michael Jackson, Zizi Jeanmaire, Milly, Liza Minelli, New York Philharmonic Orchestra, Serge Reggiani, Dusty Springfield und anderen.

Produktion: Hoghe & Schulte GbR

Mit Unterstützung von: Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, Kunststiftung  NRW, Landeshauptstadt Düsseldorf; Ministère de la Culture – Délégation à la danse (France), Goethe-Institut - Paris,  Maison de Heidelberg – Montpellier
Dank an: Montpellier Danse, La ménagerie de verre - Paris, Festival d’Automne - Paris, Teatro  Municipal do Porto, tanzhaus nrw - Düsseldorf, Theater im Pumpenhaus - Münster, La Bâtie – Festival de  Genève, Queer Zagreb, agnès b
Gastspiel in Zagreb ermöglicht durch die Unterstützung von: Goethe Institut Kroatien, Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland, NPN
Kofinanziert durch das Creative Europe Programm der Europäischen Union im Rahmen des Projekts ACT: Art, Climate, Transition.











 

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