Corç Demir
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Wiederbelebung eines sterbenden Handwerks:
Medienkünstler George Demir hat die einzigartige Tradition der Holzspielzeuge Channapatnas  als künstlerisches Mittel ausgewählt, um eine zeitgenössische und vielgestaltige Darstellung des heutigen Indiens zu erkunden und zu befragen.

George Demir studiert seit 2013 Mediale Künste an der Kunsthochschule für Medien Köln. Seit 2017 ist er Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und arbeitet zudem als studentische Hilfskraft an der Professur für Medienkunst/ Transmediale Räume des Künstlerpaars Ute Hörner und Mathias Antlfinger (seit 2016).

george demir © George Demir 2014 war George Demir Mitinitiator des „berlin istanbul quartiers“; eine von Künstler*innen geleitete Plattform. Ziel war ein internationaler sowie interkultureller Austausch mit gemeinsamen Ausstellungen und unterschiedlichsten Bildungsangeboten, welches in den zwei Folgejahren Teil der internationalen Kunstmesse Contemporary Istanbul war. Zudem  reiste er als Resident-Künstler zum Kolleg für Musik und Kunst nach Montepulciano, Italien (2014), wo er unter Betreuung der Künstlerin Susanna Schönberg zwei Projekte realisierte („Göçmenler“ und „dritter Gesang Vers 1-9“).

Sein Vordiplom absolvierte er 2015 zum Thema „Das Sichtbarwerden der Subalterne durch engagierte Lebenskunstpraxen“ mit dem Fokus auf den gesellschaftlichen Wandlungsprozess der Burakumin in Japan. In Form eines Kimonos, präsentiert in traditioneller Form, verweist dieser mit Holzschnitten und Malereien auf die sichtbar gewordene Gruppierung. Über das künstlerisch bildwissenschaftliche Projekt „Iconoclasm“ (2015-fortlaufend) beschäftigt sich George Demir mit der Gegenüberstellung zweier Formen der Bilderzerstörung: aus mutwilliger Intention heraus sowie als Folge einer Verehrung. Mit der 2014 begonnenen Arbeit „Göçmenler“ (türk. Migranten bzw. Wanderer) untersucht der Künstler sowohl die räumliche als auch grenzüberschreitende Migration von Bildern, Symbolen, Ideen und Gedankengut. Ausgangspunkt dieser Arbeit ist ein Graffiti einer islamisch konnotierten Fliese, welche nationale, institutionelle und soziale Grenzen überschritten und in diesem Prozess fortwehrend seine Form transformiert hat.

Grundsätzlich liegt der Schwerpunkt seiner künstlerischen Praxis in der recherchebasierten Medienkunst. Die formale Gestaltung verweist dabei – dies z.T. mit expliziten Bezügen – auf eine internationale kunst- sowie kulturwissenschaftliche Ikonografie, über die die Betrachter*innen in den Inhalt der Arbeiten eingeführt werden. Die Inhalte stellen dabei grundlegende sozialgesellschaftlich relevante Aspekte dar, ohne dass diese sich unmittelbar eröffnen und konkret ersichtlich sind.

Während seines Aufenthalts in der bangaloREsidency wird George Demir Interviews mit Einwohner*innen der Stadt führen, um darüber eine zeitgemäße Repräsentation eines pluralistischen Indiens zu erheben. Eine Spannung wird sich dadurch ergeben, dass einerseits unendlich viele Möglichkeiten der Repräsentation möglich sein werden, andererseits – so die Vermutung – auf bekannte Darstellungsformen zurückgegriffen wird und so habituelle Aspekte der zeitgenössischen Gesellschaft in den Vordergrund treten. Ausgangspunkt für die Arbeit stellt das traditionelle Holzspielzeug dar, das im nahegelegenen Channapatna hergestellt wird und bislang fast ausschließlich aus historischen Darstellungen und hinduistischen Gottheiten besteht. Mit dem Bemerken, dass unter den Spielzeugfiguren ausschließlich traditionell anmutende Personen dargestellt werden, wuchs das Interesse, auch zeitgemäße Repräsentationsformen für jenes Handwerk entwerfen zu lassen; diese sollen über die Form des Interviews gewonnen werden.