Grimms Märchen Warum sind sie so beliebt?

Ausstellung "Märchenwelten" in Kiew
Ausstellung "Märchenwelten" in Kiew | Foto: Goethe-Institut Ukraine

10 Fragen und Antworten rund um die Märchen der Brüder Grimm von Alla Paslawska. 

Wem verdanken wir die Herausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“?

Die Sammlung, Niederschrift und somit auch die Aufbewahrung der besten deutschsprachigen Märchen und Sagen verdanken wir vor allem den deutschen Sprachwissenschaftlern und Märchensammlern Jacob und Wilhelm Grimm. 1812 und 1815 haben sie Kinder- und Hausmärchen herausgegeben, die einen breiten Leserkreis mit der geistigen Schatzkammer Deutschlands, Österreichs und der Schweiz bekannt gemacht haben. Die ersten „großen“ Ausgaben enthielten 211 Märchen und Sagen. 1825 erschien eine „kleine“, 50 Märchen umfassende Ausgabe, die extra für Kinder ausgewählt und bearbeitet wurden. Mit der Zeit wurde das Buch in viele Sprachen übersetzt. Dadurch wurden deutschsprachige Märchen in der ganzen Welt bekannt und werden auch 200 Jahre später noch gelesen.
 

Was hat die Märchen der Gebrüder Grimm zu einem Bestseller gemacht?

Die Wurzeln des Märchens als literarischer Gattung reichen weit zurück und sind mündlich neben Mythen und Sagen in verschiedenen Kulturen vertreten. Die ersten, die Volksmärchen gesammelt und in schriftlicher Form fixiert haben, waren der Italiener Giambattista Basile, der 1634 sein Märchen der Märchen (auch als Das Pentamerone bekannt) veröffentlichte, und später der Franzose Charles Perrault, der 1697 die Sammlung der Geschichten meiner Mutter Gans herausgab. Aber erst die Gebrüder Grimm haben die gesammelten Märchen nicht nur systematisiert, literarisch bearbeitet und für die Kinder angepasst, sondern auch die Märchenforschung als wissenschaftliche Disziplin gegründet.
 

Welche Themen behandeln die „Kinder- und Hausmärchen“?

Eine der Besonderheiten der Märchen ist deren gemeinsame Thematik in der Folklore veschiedener Völker der Welt. Die Märchen der Brüder Grimm schneiden die ewigen Themen an – den Kampf des Guten gegen das Böse, Familienbeziehungen, Erziehung, Alltag und Kultur. Gott, positive Märchenhelden, Tiere und Vögel verkörpern das Gute, dem Bösen dienen Hexen, Stiefmütter, böse Brüder oder Schwestern. In den Kinder- und Hausmärchen sind diese Themen auch vorhanden: das goldhaarige Rapunzel und die tüchtige Aschenputtel finden schließlich ihre Prinzen, von denen sie die erzürnte Fee und die böse Stiefmutter getrennt haben, der gute Jäger rettet das Rotkäppchen und seine Oma aus dem Bauch des Wolfes, die obdachlosen Bremer Stadtmusikanten bekommen ihr Häuschen usw. Die Hauptsache ist, dass das Gute immer gewinnt.
 

Worin liegt das Geheimnis des Erfolges von Grimms Märchen?

Alle lieben Märchen, egal ob Kinder oder Erwachsene, denn in den Märchen werden Träume Wirklichkeit und die Gerechtigkeit gewinnt. Einfache Menschen können fliegen und die Tiere sprechen, die Armen werden reich und die Schwachen stark. Brüder Grimm haben die an einigen Stellen ziemlich grausamen oder erotischen „authentischen“ Geschichten für Kinder angepasst, den Inhalt vereinfacht und 50 interessanteste Märchen ausgewählt. Die Märchen haben den Kindern und ihren Eltern so gefallen, dass sie bereits zu Grimms Lebzeiten 10 Auflagen erlebt haben.
 

Was unterscheidet Märchen von anderen Gattungen?

Ein Märchen erkennt man sofort. Es beginnt in der Regel mit ähnlichen, formelhaften Worten: „Es war einmal eine Königstochter („Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“). Typisch für das Märchen ist die Handlung aus drei Teilen – aus einem Konflikt, dem Fortgang seiner Lösung und der Auflösung des Konfliktes. Im Unterschied zu Sagen und Legenden sind Märchen temporal (einmal, vor alten Zeiten, zur Sommerzeit) und lokal (vor einem großen Walde, an einem Brunnen) unbestimmt. Der Stil der Märchen ist klar, bildhaft und liebt Kontraste. Fast obligatorisch ist ein Happy End.
 

Sind Grimms Märchen und ukrainische Volksmärchen ähnlich?

Die Märchen jedes Volkes akkumulieren seine Traditionen, Sitten, Werte und Stereotypen. Diese bilden sich geographisch, historisch, sozial und kulturell heraus. Nicht alles, was für ein Volk von Bedeutung ist, ist für ein anderes Volk wertvoll. In der deutschen Kultur hat man schon immer solche Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Rationalität, Frömmigkeit geschätzt. Dem Ukrainer schreibt man neben dem Fleiß, Freigeist, Emotionalität, Gastfreundschaft und Humor zu.
 

Wer hat die „Kinder- und Hausmärchen“ ins Ukrainische übersetzt?

1919 erschienen im Verlag Vernyhora (Kyjiw–Wien) Kinder- und Hausmärchen in vier Bänden mit 180 Bildern. Im selben Jahr wurden in Leipzig noch zwei Märchensammlungen herausgegeben. Die ersten, die Grimms Märchen in der Ukraine „ansässig“ gemacht haben, waren M. Chartschenko, F. Suprun, D. Korzun. Sehr beliebt bei ukrainischen Lesern sind auch die Übersetzungen von S. Sakydon und J. Popowytsch. Weitere Übersetzer der Grimms Märchen ins Ukrainische sind M. Taran’ko, O. Ihnaschtschenko, W. News’ka, W. Lanja, H. Zachartschuk u.a. Die Übersetzungen unterscheiden sich voneinander durch Titel und Namen der handelnden Personen. So heißt Frau Holle im Ukrainischen Frau und Oma Holle. Der goldene Vogel kommt mal als männliche, mal als weibliche Person vor. Doktor Allwissend wird als Allwissender oder Allberatender übersetzt usw.
 

Bereitet die Übersetzung von Märchen große Schwierigkeiten?

Obwohl Märchen ihrer Struktur nach sehr einfach sind und die „Märchensprache“ von stilistischen Figuren nicht besonders überlastet ist, braucht man für die Übersetzung von Märchen nicht nur gründliche Sprachkenntnisse, sondern auch tiefe Kenntnisse der Kultur des Volkes, das diese Märchen geschaffen hat. Die Märchen enthalten viele national gefärbte Realien, Dialektismen, Phraseologismen. Sie sind temporal, lokal und personal ziemlich unbestimmt. Die Handlung findet irgendwann und irgendwo statt; die Protagonisten weisen typische Charaktereigenschaften auf. So muss der Übersetzer alle Besonderheiten mitberücksichtigen und sie auch sprachlich, stilistisch und kulturell korrekt wiedergeben.
 

Warum bleiben Märchen so beliebt?

Die Eltern lesen ihren Kindern Märchen vor, die Kinder werden erwachsen und lesen wieder ihren Kindern Märchen vor. Glücklicherweise haben Globalisierungsprozesse diese alte Tradition nicht betroffen. Um dem Kind etwas Gutes beizubringen, braucht man sich nicht unbedingt jedes Mal etwas Neues einfallen zu lassen– es reicht, ihm ein Märchen vorzulesen, das den Leser oder Hörer immer belehrt. Märchen entwickeln das Denken und füttern die Fantasie. Sie schenken jedem das, woran es ihm im realen Leben fehlt – die Zauberkraft, die ewige Jugend, überirdische Schönheit oder das Gefühl der Ruhe und Geborgenheit.


Wie bekommen Märchen ein neues Leben?

Neue Versionen der Märchen entstehen dank dem Fernsehen und den Computertechnologien. Die Texte von Märchen werden vergegenwärtigt, handelnde Personen in schicke Klamotten gekleidet, Realien modernisiert. Die Drehbuchautoren modifizieren den Inhalt oder liefern einen ganz neuen Text des Märchens. Obwohl die Anhänger der Tradition Alarm schlagen, muss man zugeben, dass moderne Verfilmungen von Märchen der Brüder Grimm, wie z. B. Es war einmal (engl. Once Upon a Time) dem Original nicht schaden, sondern eher umgekehrt: sie helfen uns, uns an den Inhalt zu erinnern, an handelnde Personen und an unsere Kindergefühle nach der Lektüre der Lieblingsmärchen.