Goethes Pfadfinder DREI HASELNÜSSE FÜR MORITZBURG

Moritzburg
Ondřej Bíba

Der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ hat Kultstatus auch weit über die Grenzen Tschechiens hinaus. Die Reise zu den Drehorten führt Goethes Pfadfinder zum Wasserschloss Moritzburg bei Dresden.

Vorweg muss ich sagen, dass ich, wenn es um Märchen geht, zuerst an etwas Animiertes denke. Ich bin aufgewachsen mit den Zeichentrickfilmen von Walt Disney und habe anschließend auf die Aufnahmen von Pixar umgesattelt. Meine Beziehung zu den tschechischen Märchenklassikern ist also einigermaßen unterkühlt.

Als ich das Angebot bekommen habe mich als Goethes Pfadfinder zum „Märchenschloss“ Moritzburg aufzumachen, war ich von dieser Aussicht anfangs wenig begeistert. Wer vor Freude geradezu überquoll, war meine Frau. Diese hatte nämlich festgestellt, dass in Moritzburg ihr geliebter, legendärer Märchenfilm über Aschenbrödel und die drei Zaubernüsse gedreht wurde. Es gab also keinen Weg zurück.

Die Reise Richtung Moritzburg führt über Dresden, was eine gute Nachricht war für mich. Ich hatte mich nämlich bereits seit einigen Wochen stur für einen Besuch des Weihnachtsmarktes eingesetzt, der mir aber bisher aus dem Grund verweigert wurde, dass man Weihnachtspunsch, Hefeweizen und Kartoffelpuffer auch in Tschechien haben könne und sich deswegen nicht mit einer dreistündigen Zugfahrt abmühen müsse.

  • Moritzburg © Ondřej Bíba
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  • Moritzburg © Ondřej Bíba
  • Moritzburg © Ondřej Bíba
  • Moritzburg © Ondřej Bíba
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Mit dem Entschluss uns gegenseitig in unseren Weihnachtsmarotten zu akzeptieren sind wir also an einem Samstagmorgen von Prag aufgebrochen ins sächsische Königreich von Aschenbrödel. Die Fahrt selbst ist schnell vergangen. Wenn Sie mit dem Zug um halb Neun fahren, sind Sie schon um halb elf in Dresden, von wo aus Sie der Bus Nr. 326 in knapp einer halben Stunde in das malerische Dorf Moritzburg bringt.

Gleich nach der Ankunft begrüßt mich von einem großen Plakat aus die lachende Libuše Šafránková, gekleidet in ein Hochzeitskleid aus Nüssen. Moritzburg lebt tatsächlich die Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Bereits seit 2009 findet hier im Schloss jedes Jahr eine Ausstellung statt, die die ursprünglichen Kulissen nachbildet, und seitdem haben sich hier 700 000 Menschen die Ausstellung angesehen. Der Eintritt kostet acht Euro und die gute Nachricht ist (für uns, die wir Goethes Muttersprache nicht beherrschen), dass die gesamte Ausstellung auch auf Tschechisch beschrieben ist. Angesichts der Besucherzahl wurde mir langsam klar, dass das, was ich selbst für eines von vielen sich wiederholenden Märchen-Weihnachts-Klischees gehalten habe, für Viele wirklich Kultstatus hat. Und wie anhand der Zusammensetzung der Besucher zu erkennen war, gilt dies gewiss nicht nur für Tschechien.

Eines der beliebtesten Exponate ist Aschenbrödels Schuh auf den Treppen, über die Libuše Šafránková vor ihrem Prinzen geflohen war. Es ist nicht besonders schwer, den besagten Orten zu finden, denn hier stehen ganze Schlangen von Möchtegern-Prinzessinnen, die sich ihre Schuhe ausziehen und probieren, ob nicht gerade sie die Auserwählte sind, der der Schuh passt. Deren skeptische Ehemänner oder Väter fotografieren sie dann dabei, manchmal filmen sie die Versuche auch. Einer von ihnen ist – außer mir natürlich – Kurt, der hier nicht nur auf seine Frau, sondern auch auf seine drei Töchter wartet.

Aus dem Gespräch mit Kurt erfahre ich, dass Drei Haselnüsse für Aschenbrödel ein echter deutscher Weihnachtsbrauch ist. An Heiligabend läuft er auf beinahe allen deutschen Fernsehkanälen und dies ist gewiss noch nicht alles. Mit einer schnellen Suche auf dem Handy zeigt mir Kurt, dass sich Aschenbrödel ganze Artikel in Internetfilmdatenbanken widmen, die beinahe 20 weihnachtliche Reprisen anführen. Ich bin geschockt und fange an mir zu sagen, dass ich vielleicht auch regelmäßig die Drei Haselnüsse schauen sollte.

Als ich einige Minuten später bemerke, dass Moritzburg in seinem Schlosssaal ebenfalls regelmäßige Vorführungen des besagten Märchens anbietet (sowohl in der deutschen, als auch in der tschechischen Version), überrascht mich dies schon gar nicht mehr.

Auf der Ausstellung erfahre ich, dass der 80-minütige Film über Aschenbrödel eine Koproduktion von DDR und ČSSR war und es ist offensichtlich, dass seine Popularität beide an der Produktion beteiligten Staaten wesentlich überdauert hat. Die Tatsache, dass in Moritzburg nur drei Szenen von Aschenbrödel gedreht wurden, so scheint es mir, stört hier niemanden und längst nicht nur die Kinder probieren in der Fotoecke Kostüme von der berühmten Ballszene aus oder fotografieren sich mit dem Prinz oder der Prinzessin aus Wachs.

Ich verlasse die Ausstellung nach einer kurzen Weile und gehe zum unweiten Steinsaal, wo sich das Geweih eines Riesenhirsches und viele weitere Jagdtrophäen befinden. Die Tatsache, dass Moritzburg an erster Stelle ein Jagdschloss war, ist auf dessen Gängen immer noch gut zu erkennen. In einem der Schlosstürme gibt es auch eine historische Porzellanausstellung. Nicht nur, dass Meißen nicht einmal einen Schuhwurf entfernt ist, auch einer der Schlossbesitzer, August der Starke, war ein leidenschaftlicher Porzellansammler.

Wenn ich mir für eine Weile den Hype um Aschenbrödel wegdenke, muss ich zugeben, dass Moritzburg selbst mich positiv überrascht hat als Wasserschloss mit seinen schönen umliegenden Gärten. Wenn Sie sich hinausbegeben in die allgegenwärtige Kälte, führt ein schöner Weg um das Wasserensemble, der mit Aussichten auf das Schloss von allen Seiten belohnt.

Nach Beendigung des Spaziergangs haben wir noch eine Weile, ehe der Bus kommt, der uns zurückbringt und wir begießen die Erlebnisse aus dem Schloss und der es umgebenden Natur in Adams Gasthof mit einem Weizenbier. Auf dem Weg zurück besuchen wir noch den Dresdner Weihnachtsmarkt, doch um diesen kennenzulernen, brauchen Sie Goethes Pfadfinder nicht mehr. Die Glühweinverköstigung, Erdbeeren in Schokolade und die Auswahl neuen Weihnachtsbaumschmucks schaffen Sie auch bequem allein.