Deutschland
Verordnungen und soziale Interaktionen gegeneinander aufwiegen

Illustration Prof. Dr. Jan Paul Heisig
Prof. Dr. Jan Paul Heisig | Illustration (Ausschnitt): © Nik Neves

Während die Langzeitauswirkungen der Pandemie auch weiterhin schwer vorhersagbar bleiben, diskutiert der Soziologe Jan Paul Heisig, wie COVID-19 ein Schlaglicht auf bisher unbeachtete Probleme in der deutschen Gesellschaft geworfen und soziale Interaktionen verändert hat und wie diese Veränderungen mit bestehenden sozialen Ungleichheiten zusammenwirken.

Von Prof. Dr. Jan Paul Heisig

Auch wenn ihre Langzeitauswirkungen weit in das zweite Jahr der Pandemie hinein weiterhin schwer vorhersagbar bleiben, hat sie uns doch auf jeden Fall viel über unser Leben und die Gesellschaften gelehrt, in denen wir leben. Der Soziologe Harold Garfinkel ist als Verfechter der Methode der „Krisenexperimente“ bekannt, der Offenlegung tief verwurzelter sozialer Normen und Annahmen durch ihre bewusste Verletzung und Überschreitung. In mancher Hinsicht ähnelt die Pandemie einem Massen-Krisenexperiment, das ein Schlaglicht auf zahlreiche Probleme geworfen hat, die unbeachtet blieben oder vor der Pandemie als selbstverständlich hingenommen wurden, und auf die eine oder andere Art drehen sich viele davon um Fragen von Nähe und Distanz.  

Die Pandemie hat mit räumlicher Nähe verbundene soziale Interaktionen zu einer der Hauptquellen für eine Gefährdung der Gesundheit gemacht, in erster Linie für das Individuum, aber auch im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Risikos für die öffentliche Gesundheit. Mit räumlicher Nähe verbundene Interaktionen existieren in einer ganzen Reihe von Spielarten: Manche davon, wie etwa die Nähe zu Familien und Freund*innen, sind für das menschliche Wohlbefinden unerlässlich, während wir ohne andere, darunter zum Beispiel zufällige, flüchtige Begegnungen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, eher zurechtkommen.

Wer kann Abstand halten und wer nicht?

Aufgrund der neuen Risiken, die mit räumlicher Nähe verbunden sind, ist die Möglichkeit, solche Interaktionen zu vermeiden, zu einer Art Privileg geworden, und wie in vielen anderen Fällen handelt es sich in hohem Maße um ein Privileg der Wohlhabenden. Auf der einen Seite der Extreme haben wir die Reichen, die in Deutschland ebenso wie auf der ganzen Welt aus den Großstädten flohen – Orte, die von heute auf morgen viel von ihrer Anziehungskraft verloren – und die schlimmeren Abschnitte der Pandemie an ihren Zweit- oder Drittwohnsitzen aussaßen. Am anderen Ende der Extreme haben wir Kassierer*innen, Pflegepersonal, Busfahrer*innen, deren Berufe von ihnen verlangen, tagtäglich mit Dutzenden oder sogar Hunderten von Menschen zu interagieren. Nicht alle „systemrelevanten“ Arbeitskräfte in Hochrisikoberufen sind schlecht bezahlt – man denke beispielsweise an Ärzt*innen –, aber doch eine große Mehrheit.

Diese Unterschiede bei den vorhandenen Möglichkeiten, risikobehaftete Begegnungen zu vermeiden, stellen eine entscheidende Art dar, wie die Pandemie soziale und gesundheitliche Ungleichheiten verschärft und gleichzeitig hervorgehoben hat, die selbst in den reichsten Ländern der Welt nach wie vor weit verbreitet sind. Wesentlich höhere Raten an Infektionen, schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen unter Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen sind die offensichtlichste Konsequenz dieser Ungleichheiten. Dies lässt sich anhand altersstandardisierter Todesraten auf Landkreisebene auf dem Höhepunkt der zweiten Welle im Dezember 2020 und Januar 2021 illustrieren: Die am wenigsten benachteiligten deutschen Landkreise registrierten in diesem Zeitraum etwa 45 Todesfälle pro 100 000 für Männer und 29 Todesfälle pro 100 000 für Frauen, während die am stärksten benachteiligten Landkreise etwa 77 Todesfälle pro 100 000 für Männer und 43 Todesfälle pro 100 000 für Frauen verzeichneten.

Solche Unterschiede bei schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen sind die dramatischste Konsequenz der oben erwähnten sozialen Ungleichheiten – aber damit nicht genug. Das (empfundene) Risiko, sich anzustecken und andere anzustecken, kann auch verändern, wie soziale Interaktionen an sich erlebt werden: Wer hat das Privileg, sich bei einem Treffen mit Freund*innen keinem Risiko ausgesetzt zu fühlen, weil alle von daheim arbeiten? Wer kann sich vor einem Besuch bei Eltern oder Großeltern mehrere Tage Selbstquarantäne leisten? 

Beispiellose Regulierung sozialer Kontakte

Die individuellen und kollektiven Risiken, die aus Interaktionen hervorgehen, die mit räumlicher Nähe verbunden sind, bedeuten zudem, dass sie in einem in liberalen Demokratien bis dato unbekannten Ausmaß reguliert wurden. Welche Arten von Interaktionen dürfen stattfinden und unter welchen Voraussetzungen und Auflagen? In Deutschland, insbesondere unter der liberalen Linken, scheint die weitverbreitete Auffassung zu herrschen, dass weitreichende Einschränkungen notwendig waren und das bis zu einem gewissen Grad auch weiterhin sind, diese jedoch nicht sehr ausgewogen waren. Viele scheinen der Meinung zu sein, dass die Regulierung von Schulen zu weit ging - und dass zudem im Hinblick auf die Abfederung der Auswirkungen von Schulschließungen auf Schüler*innen und ihre Familien zu wenig getan wurde. Die Regulierung von Firmen und Arbeitgebern hingegen wird weithin als unzureichend und schlicht als zu spät eingeführt wahrgenommen. In der Tat wurde Arbeitgeber*innen erst Ende Januar 2021, mehrere Monate nach Beginn der zweiten Welle, gesetzlich vorgeschrieben, das Arbeiten von zu Hause zu ermöglichen, wo immer es ging. Die ersten bundesweiten Schulschließungen waren 10 Monate vorher verfügt worden, gleich zu Anfang der ersten Welle im März 2020.

Die Regulierung privater Kontakte in Deutschland während weiter Teile der Pandemie wurde in scheinbar neutralen Formulierungen der Anzahl der Personen und verschiedenen Haushalte definiert, die sich treffen durften. Zwischen nicht miteinander verwandten Individuen und denjenigen, die blutsverwandt oder durch rechtliche Bindungen wie Heirat und Adoption verwandt waren, wurde kein expliziter Unterschied gemacht. Aber nicht nur gab es einige Ausnahmen von dieser Regel, die denkwürdigste davon für die Weihnachtsfeiertage 2020, als Verwandte sich in größeren Gruppen treffen durften als nicht verwandte Personen; selbst Regeln, die nicht explizit nach dem Verwandtschaftsgrad von Menschen unterschieden, scheinen von verschiedenen Personengruppen sehr unterschiedlich erlebt worden zu sein. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene scheinen überproportional betroffen gewesen zu sein; einige Datenquellen weisen darauf hin, dass allgemeine Gefühle von Einsamkeit und psychische Probleme bei ihnen besonders steil anstiegen. Frauen, Menschen mit psychischen Vorerkrankungen und sexuelle Minderheiten scheinen die Lockdowns ebenfalls als besonders einschneidend erlebt zu haben, auch wenn bessere Daten und belastbarere Belege dringend nötig sind, insbesondere zur Situation sexueller Minderheiten.

Lektionen für die Zukunft?

Welche Lektionen werden (oder sollten) wir aus der Erfahrung der Pandemie mitnehmen? Zu viele, um in ein paar Hundert Wörter Text zu passen, so viel steht fest. Ganz generell hat uns die Pandemie gelehrt, wie anfällig wir nach wie vor sind, allen technischen Fortschritten und allem Reichtum zum Trotz, den Länder wie Deutschland angehäuft haben. Für Deutsche wurde diese Lektion im Sommer 2021 noch verstärkt, als Teile des Landes von schweren Regenfällen und verheerenden Überschwemmungen getroffen wurden. Es bleibt zu hoffen, dass ein anhaltender Effekt dieser Erfahrungen sein wird, uns zu mehr Zurückhaltung, Umsicht und Weitblick im Umgang mit den Herausforderungen anzuhalten, vor denen wir stehen, insbesondere dem Klimawandel.

Was das Thema Nähe und Distanz angeht, haben wir gelernt, wie entbehrlich und gleichzeitig unentbehrlich Nähe ist. Wir haben gelernt, dass es möglich ist, online in Kontakt zu bleiben, mit Kolleg*innen auf der ganzen Welt zu sprechen, sogar mit Freund*innen per Videochat Geburtstage zu feiern. Aber uns ist auch bewusst geworden, dass etwas verloren geht, wenn Interaktionen nur online stattfinden: die Arten von informellen, ungenormten Interaktionen, die sich beispielsweise in Kaffeepausen ergeben. Und wir haben womöglich gelernt, dass die obige Unterscheidung zwischen wichtigen und bedeutungslosen Begegnungen irreführend ist. Die regulierten und geplanten Interaktionen, die unser soziales Leben in den letzten zwei Jahren dominiert haben, neigen dazu, uns mit Menschen zusammenzubringen, die so sind wie wir. Aber zunehmend diverse, ungleiche und polarisierte Gesellschaften brauchen Interaktionen, die soziale Kreise überschreiten. Und natürlich haben viele wichtige Beziehungen mit etwas angefangen, das zu dem Zeitpunkt wie eine der zufälligen, flüchtigen Begegnungen aussah, von denen wir während der Pandemie so viel weniger erlebt haben.

 

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