Erinnerungslandschaften Umgang mit Orten historischer Verbrechen

Dr. Jörg Skriebeleit und Prof. Dr. Axel Klausmeier bei der Veranstaltung im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine, 23.09.2016, Kiew | Foto: Natalka Djatschenko © Korydor
Dr. Jörg Skriebeleit und Prof. Dr. Axel Klausmeier bei der Veranstaltung im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine, 23.09.2016, Kiew | Foto: Natalka Djatschenko © Korydor

Wie geht man mit den Narrativen der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktatur um? Ist die Geschichte eines Konzentrationslagers nach dessen Befreiung zu Ende? Warum ist es wichtig, die Mauer dort zu sehen, wo sie nicht mehr steht? Antworten auf diese und andere Fragen gaben in Kiew der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Jörg Skriebeleit und der Leiter der Gedenkstätte "Berliner Mauer" Axel Klausmeier.

"Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die deutsche Gesellschaft als Opferkollektiv definiert.  Man fühlte sich als Opfer der Bombenangriffe, der Vertreibungen, des Krieges. Nur wenige stellten sich die Frage nach der eigenen Schuld. Für die unübersehbaren Verbrechen  waren allein Hitler und eine Führungsclique verantwortlich“,  sagt Jörg Skriebeleit.

Deutsche Erinnerung an die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges variierte im Laufe des 20. Jahrhunderts, es gab alles  -  von der Verweigerung bis zur Anerkennung der Verantwortung und  Sühne. Diese Erinnerung war zudem in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich.

Es folgen einige Thesen der deutschen Historiker.

Jörg Skriebeleit:

Mir geht es in erster Linie darum zu verstehen, wie Erinnerung entsteht. Wer beteiligt sich an diesem Prozess? Welche Geschichtsbilder werden von uns konstruiert? Wer bestimmt das historische Bewusstsein und wer verändert es? Ich bin mir fast sicher, dass kaum jemand von Ihnen früher etwas von Flossenbürg gehört hat. Das war ein Konzentrationslager östlich von Nürnberg, an der tschechischen Grenze. Die Ausdehnung des Flossenbürger Lagersystems war ziemlich groß, in diesem KZ-Komplex waren bis zu 100.000 Menschen inhaftiert, 15.000 von ihnen waren Frauen und 25.000 stammten aus der Sowjetunion.

Dieses Konzentrationslager war streng geometrisch gestaltet. Auf den  Luftaufnahmen, die die Amerikaner einen Monat vor der Befreiung des KZs Flossenbürg im Frühjahr 1944 gemacht haben,  sieht man den Rauch über dem Krematorium aufsteigen. Schon damals haben amerikanische Soldaten den Entnazifizierungsprozess in Gang gesetzt. Später haben sie auf ihren Fotos die Trauerakte festgehalten, wie den Opfern dieses KZ gedacht wurde. Auf diesen Fotos sehen wir auch Deutsche, die gezwungen sind, diese Opfer zu sehen und dadurch zu begreifen, dass das Geschehen auch ihre Schuld und ihre Verantwortung ist. Bereits in dieser Interpretation sehen wir handelnde Personen der Geschichte, die einander nicht ganz konfliktfrei gegenüberstehen: Amerikaner betonen dabei, wie wichtig es ist, zu kommemorieren und Sühne zu üben, Deutsche scheinen sich dem zu widersetzen.

Was bleibt von einem Konzentrationslager nach seiner Befreiung übrig? Der Ort des Tötens, das Territorium, seine Topographie. Nicht nur das KZ selbst wird schließlich zur Gedenkstätte, hier hat alles eine symbolische Anziehungskraft. Zum Beispiel haben polnische Überlebende, die 1946 dort in einem UN-Flüchtlingslager untergebracht waren, das Tor des KZs auf ihre eigene Weise benutzt, indem sie die Bezeichnung auf „Polnisches Lager“ verändert haben. So haben sie auch ihren Beitrag zur Entnazifizierung dieses Ortes geleistet. Sie haben auch ihre Fahnen gehisst, die sie aus nazistischen Flaggen und Bettlaken genäht haben. In diesem Lager wurden polnische Kinder geboren, Polen pflanzten hier Blumen, ein Kreuz wurde aufgestellt. Die Bewachungstürme wurden abgebaut, aus den Ziegeln errichteten sie eine Kapelle. Nur einer der Türme blieb stehen, aus ihm wurde ein Glockenturm. So kamen neue Erinnerungen in Verbindung mit diesem Ort.

Diese neue Erinnerungslandschaft ist im großen Maße mit der Kirche verbunden. Der Altar in der polnischen Kapelle in Flossenbürg sieht sehr merkwürdig aus, das ist offensichtlich nicht das, was die Polen dort sehen wollten. Darauf ist ein kniender Häftling abgebildet, er ist nackt und hält einen Hammer in der Hand, er ist also ein Steinarbeiter. Über ihm ragt die Figur eines anderen Häftlings empor – er schlägt den knienden Häftling. Das ist ein Mythos, der in der NS-Zeit sehr verbreitet war: KZ-Häftlinge sind gefährliche Verbrecher, die einander quälen. Die Polen hatten aber ein ganz anderes Bild am Altar im Sinne. Wir haben nämlich eine Skizze dieses Reliefs gefunden und darauf ist zu sehen: ein Mensch kniet und lehnt sich an einen  anderen Menschen, der versucht ihm zu helfen. In der christlichen Ikonographie ist das eine Darstellung des Samariters.  Nachdem die Polen das Lager verlassen hatten, veränderte wahrscheinlich jemand dieses Reliefbild am Altar der Kapelle und damit auch ein Stück der Erinnerung.

Später wurden auf dem KZ-Hauptplatz Industriegebäude errichtet, die Baracken wurden verbrannt und Wohnhäuser gebaut.  Die Vernichtung der Erinnerung ist auch eine Form der Entnazifizierung.  Manchmal sind Kuratorentexte zu Ausstellungen schon für uns stellvertretend geschrieben: „Neues Deutschland wächst auf dem KZ-Fundament“, oder: „Am Ort des Leidens – Häuser des Glücks“. So lauteten damals die Titel in den Zeitungen. Die 1965 gebauten Wohnhäuser stehen da bis jetzt. Die Gedenkstätte selbst wird aber größer. Ein Friedhof ist dazugekommen, die Identifizierung der Toten beginnt. Der Friedhof musste aber richtig schön gestaltet werden, es gab sogar entsprechenden Empfehlungen für die Gärtner. All das ist ein Beitrag zur „Milderung der harten Erinnerung“ und ein Gegenteil von dem, was Amerikaner getan haben, nicht wahr?

Materielle Verbrechensbeweise haben die „gemilderte“ Erinnerungspolitik gestört. Später beginnen jedoch Proteste gegen die Vernichtung von wichtigen Relikten, Baracken und Hinrichtungsplätzen. So betonten beispielsweise kritisch eingestellte Historiker sowie die Verwandten von Wilhelm Canaris, der wohl das Hitler-Attentat 1944 mitgetragen hat und in Flossenbürg hingerichtet wurde, dass zusammen mit diesen Gebäuden auch die Erinnerung an Admiral Canaris verschwindet. Als Kompromisslösung haben sie vorgeschlagen, einen Teil des Gefängnisses in Flossenbürg stehen zu lassen und dort Gedenktafeln aufzustellen.

1995 - zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs - brach wieder ein Skandal aus. Diesmal äußerten ehemaligen Häftlinge aus Osteuropa und deren Familien ihren Protest. Sie waren empört, dass auf dem Hauptplatz des ehemaligen KZs weiterhin die Industriebauten standen. Wir haben einen neuen Plan für diesen Ort entwickelt und mussten die Werkhallen abreißen. Die neue Aufgabe bestand darin, die ursprüngliche Topographie und Wege dieses Ortes wiederherzustellen. Wir haben den Zugang zu den Bereichen geöffnet, wo Baracken und nun auch Wohnhäuser standen. Nur die Geschichte des Konzentrationslagers zu beschreiben erschien uns zu wenig, deshalb widmeten wir eine separate Ausstellung auch den Ereignissen, die in Flossenbürg nach der Befreiung geschehen sind. Das Ziel war zu zeigen, wie wir mit unserer eigenen Geschichte umgehen. Die KZ-Geschichte besteht aus Hunderten von persönlichen Geschichten, wir betonen das ständig. Man kann den Ort so umgestalten, wie man will, in der Hoffnung, dass die schrecklichen Erinnerungen verschwinden. Sie bleiben jedoch in den Familien der Häftlinge oder der Verbrecher. Wir geben uns Mühe, nicht zu interpretieren, die Erinnerungen nicht zu „mildern“, sondern sie so widersprüchlich zu lassen, wie sie sind, damit auch dieser Ort für die Besucher lesbar bleibt.

Zum Schluss zeige ich gerne ein Exponat aus unserer Gedenkstätte. Das ist ein Autokennzeichen eines der ehemaligen KZ-Häftlinge, der jetzt in New York lebt. Die Buchstaben und Zahlen darauf wiederholen seine Nummer im KZ. Klar, würde heute kaum jemand auf den Gedanken kommen, was diese Zeichen bedeuten. Aber für diesen Mann ist es eine sehr wichtige Geste. Er erinnert sich an den Ort und ihm ist es egal, wie es dort jetzt aussieht. Sein Leben ist einerseits erfüllt mit dem Triumpf – „Ich habe überlebt!“. Andererseits ist es auch sein Trauma – „Ich werde es nie vergessen!“

Axel Klausmeier:

Wie bringt man Jugendliche dazu, sich für Geschichte zu interessieren? Was hat die junge Generation, junge Deutsche, mit Opfern beispielsweise des KZs Flossenbürg zu tun? Ist es überhaupt möglich, die Ausmaße des Leides des Zweiten Weltkrieges zu begreifen? Für heutige Gedenkstätten sind dies sehr wichtige Fragen. Museen und Gedenkstätten müssen Orte für ein reges historisches Lernen sein, sie müssen diese Diskussionen anregen. Aber wie und was geht das nun Jemanden an, der gerade zum Beispiel 16 Jahre alt ist? Für uns Museums- und Gedenkstättenleute sind Besucherzahlen enorm wichtig und so müssen wir uns ständig neue Formate für verschiedene Zielgruppen überlegen.

In der Tat bemängeln viele Besucher, dass ihnen die Möglichkeit fehlt, ihre eigene Sichtweise einzubringen und ihre eigene Meinung im Museum zu äußern. Deshalb ist es wichtig, die BesucherInnen mit Hilfe partizipatorischer Praktiken zu beteiligen. Folgt man der Museumstheoretikerin Nina Simon, müssen Museumsbesucher nicht nur physisch anwesend sein, sondern selbst aktiv werden. Eine Grundlage für dieses Prinzip bildet eine vielschichtige Zusammenarbeit mit den Besuchern. Das Museum muss eine Bühne, eine Plattform werden, auf der die Besucher sich selbst verwirklichen können. Den thematischen, inhaltlichen Rahmen dafür aber liefern die Kuratoren.

Ein interessantes Beispiel für solche Partizipation liefert z.B. das Jüdische Museum in Berlin. Am Ende einer Ausstellung über die Geschichte des Judentums in dieser Stadt gab es eine bemerkenswerte Installation: in einer Glasvitrine saß ein Jude, dem man direkt Fragen stellen konnte, beispielsweise, warum er heute in Berlin lebt oder was z.B. eine Menora ist. Es gab also einen 1:1-Kontakt – ein Gespräch mit einem „menschlichen Ausstellungsobjekt“. Es muss aber auch gesagt werden, dass diese Inszenierung nicht unumstritten war.

Mit der Gegenwart arbeitet auch die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Das ist eine Erinnerungsstätte, in der in einem Teil des aus den fünfziger Jahren stammenden Notaufnahmelagers heute Flüchtlinge aus dem Nahen Osten wohnen. Wir haben uns gefragt: Was haben sie eigentlich mit der deutschen Geschichte zu tun? Was bedeutet Flucht heutzutage? So ist eine Ausstellung entstanden, bei der die geflüchteten Menschen mitgemacht haben. Syrische Familien, also heutige Bewohner der Einrichtung, haben uns von den für sie wichtigen Dingen erzählt und stellten einige Artefakte für die Ausstellung zur Verfügung. Zum Beispiel einen Schlüssel von der Wohnung in Aleppo, die es nicht mehr gibt.

Das Deutsche Historische Museum in Berlin lädt seine Besucher ebenfalls auf vielfältige Weise zur Zusammenarbeit und intensiven Teilnahme ein. So findet dort nächstes Jahr beispielsweise eine große Ausstellung statt, die dem 500. Reformationsjubiläum und Martin Luther gewidmet ist. Den Ausstellungstitel haben nicht die Kuratoren bestimmt, sondern Museumsbesucher und Menschen entschieden, die im Rahmen einer Internetumfrage über verschiedene Varianten abgestimmt haben. Diese Ausstellung wird nun „Der Luthereffekt“ heißen.

Was die Gedenkstätte „Berliner Mauer“ angeht, so hatten wir in den letzten Jahren rund eine Million Besucher. Diese Menschen kommen auch und gerade, um zu sehen und sich zu überzeugen: Demokratie und Freiheit sind keine selbstverständlichen Werte. Uns ist es wichtig zu zeigen, dass dies die einzige Mauer in der Welt war, die nach innen gerichtet war, also um die DDR-Bürger, also die Deutschen selbst, einzusperren und zu Gefangenen des Systems zu machen. Die Mauer ist ein Symbol für die Verletzung der Menschenrechte, aber auch ein Symbol der Freiheit und ein Zeichen dafür, dass Mauern auch auf friedlichem Wege überwunden werden können, wenn die politischen Rahmenbedingungen günstig sind.
1989 waren wir das glücklichste Volk der Welt. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich diese Worte jetzt hier, in der Nähe des Kiewer Majdans, äußern kann, an einem Ort, an dem auf friedliche Weise gegen ein autokratisches System und verkrustete Strukturen demonstriert wurde. Genauso ist die kommunistische Diktatur in Deutschland verschwunden. Und obwohl wegen der Mauer mindestens 139 Menschen gestorben sind und Familien auseinandergerissen wurden, endete die Geschichte nicht zuletzt wegen der friedlichen Demonstrationen von mutigen Menschen mit einem „Happy End“.

Unsere Ausstellung, die der Geschichte der Mauer gewidmet ist, ermöglicht es den Besuchern auch, ihre Erinnerungen und Gedanken mitzuteilen. Wir stellen u.a. die Frage in den Raum: „Was hat die Mauer mit Ihnen zu tun?“ Die vielfältigen Antworten bilden einen Teil der Ausstellung und nehmen auf aktuelle Themen Bezug. So haben bis vor einigen Jahren die BesucherInnen Bilder des glücklichen Mauerfalls und der Wiedervereinigung gezeichnet. Jetzt haben wir hier sowohl die Zusammenhänge mit dem Anschlag auf „Charly Hebdo“ und mit den Visionen von Donald Trump, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten. Auf einem der Bilder ist das geteilte Berlin abgebildet und darunter auch die in Nord und Süd geteilte Weltkarte – eine Metapher für die soziale Ungerechtigkeit zwischen der Nord- und Südhalbkugel. Andere Stellungnahmen beschäftigen sich mit der „Mauer im Mittelmeer“. Ist dort nicht auch, fragen viele Besucher, eine „unsichtbare Mauer“, um uns von den Flüchtlingen abzuschotten? Ähnliche Reflexionen der BesucherInnen betreffen auch die Ostgrenzen der Europäischen Union.

Wir sammeln auch die Erinnerungen von Zeitzeugen – halten sie auf Video fest und stellen sie aus. Es gibt Geschichten darüber, wie Familien getrennt wurden oder was es bedeutete, in einem kommunistischen Gefängnis eingesperrt zu werden. Es gibt aber auch die Geschichten derer, die das Regime unterstützt haben. Zum Beispiel erzählt ein ehemaliger Grenzschützer über seine Arbeit. Ich bin überzeugt, in dieser Form als Zeitzeuge öffentlich aufzutreten, erfordert von einem nicht gerade wenig Mut.

Ein weiteres, spezielles Programm haben wir extra für Schüler entwickelt. Wir organisieren für sie „Expeditionen“ auf dem Gedenkstättengelände, deren Hauptziel es ist, die Reste und Spuren der Berliner Mauer in der Stadt zu finden, sie zu fotografieren und im Rahmen einer Ausstellung an den Schulen oder bei uns im Haus zu präsentieren. Oder, und das ist ein anderes Format: Schüler interviewen Zeitzeugen zu deren Erlebnissen mit der Berliner Mauer.

Insgesamt sind wir bemüht, Empathie mit den Opfern zu entwickeln. Nicht zuletzt durch intensive Biographieforschung bemühen wir uns, den Opfern ein Gesicht und somit ihre Würde zurückzugeben. Die Mauer und ihre Opfer dürfen nicht vergessen werden.
 

Das Treffen mit Jörg Skrieberleit und Axel Klausmeier hat im Rahmen des Projektes „Kult der Kultur: Entwicklung von partizipatorischen Praktiken im Museum“ stattgefunden. Das Projekt wird vom Ukrainischen Zentrum für Museumsentwicklung veranstaltet und vom Goethe-Institut Ukraine unterstützt.