Sebastian Marokko Walter
bangaloREsident@NCBS

Da schwirrt nicht nur der Kopf:
Sebastian Marokko Walters Faszination für Bienen bringt ihn nach Bangalore. Hier möchte er die Beziehungen zwischen Menschen und Bienen in der Megastadt untersuchen. Als bildender Künstler und Biologe hat er seinen Schwerpunkt auf die Honigbiene gelegt.

Sebastian M. Walter studierte Kunsterziehung und Freie Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart – u. a. bei Marianne Eigenheer und Daniele Buetti – sowie Biologie an der Universität Hohenheim.
 
Die eigene wissenschaftliche Forschungspraxis bildet eine zentrale Grundlage seines künstlerischen Schaffens. Für seine künstlerische Arbeit wichtige Themen sind die menschliche Wahrnehmung, Evolution und Entwicklung, sowie die Wechselwirkung von Umwelt, Kultur und Gesellschaft. Dabei bilden Insekten und der Blick des Menschen auf diese Tiere einen aktuellen Interessenschwerpunkt.
 
Erste tiefere Einblicke in die wissenschaftliche Erforschung des Sehens gewann er nach Abschluss des Studiums bei einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in der Arbeitsgruppe von Mike Hawken am Center for Neural Science der New York University, gefördert durch ein Herzog-Carl-von-Württemberg-Stipendium. Hierauf folgten mehrjährige intensive experimentelle naturwissenschaftliche Forschungen zur menschlichen Farbwahrnehmung an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg, Abteilung Biologische Psychologie, und der Justus-Liebig Universität Gießen, Abteilung Allgemeine Psychologie, bei Karl Gegenfurtner. Die Ergebnisse dieser Forschungen wurden unter anderem in Nature Neuroscience publiziert und bilden die Grundlage verschiedener künstlerischer Arbeiten: Z.B. die Lichtinstallation „Architektur des Lichts“, Kunststation St. Peter, Köln (2014), im Rahmen des gleichnamigen Musiktheaterprojekts des polnischen Komponisten Prasqual, und zuletzt „Eye [aɪ]“ in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen (2016).

sebastian marokko walter © Sebastian Marokko Walter Mehrere wichtige Projekte wurden mit Unterstützung der Kunststiftung Schöppingen, innerhalb des Förderprogramms Kunst-Wissenschaft-Wirtschaft des Landes NRW erarbeitet. Beispielsweise die Installation „Kava Bar Paradise“ (2009–10), die auf den Ergebnissen eines DAAD-Reisestipendiums für Vanuatu (Süd-Pazifik) basiert, oder „Zeitspion“ (2011–12), ein Parcours visueller Zeitmaschinen im öffentlichen Raum, der partizipativ u. a. zusammen mit Jugendlichen, Heimatvereinen und wissenschaftlichen Experten aus Archäologie und Paläontologie realisiert wurde.
 
Seit 2016 forscht Sebastian M. Walter am Deutschen Archäologischen Institut Berlin über steinzeitliche Tierdarstellungen aus Nordmesopotamien. Im Zentrum stehen Abbildungen von Insekten, die er als vermutlich älteste bekannte Darstellungen von Bienen in verschiedenen Entwicklungsstadien identifizieren konnte – fast 12000 Jahre alte Zeugnisse einer engen kulturellen Verbindung von Mensch und Biene.
 
Während der bangaloREsidency am National Centre for Biological Sciences (NCBS) wird sich Sebastian M. Walter weiter mit Bienen beschäftigen. In der Arbeitsgruppe von Axel Brockmann wird er das Verhalten von Honigbienen untersuchen. Parallel hierzu erkundet er das Verhältnis von Mensch und Bienen in der Megacity Bangalore.

Seine Abschlusspublikation BEE LAB Bangalore zum Download gibt es hier (englischsprachig):
BEE LAB Bangalore

Abschlussbericht


Wenn wir an Indien denken, dann erscheinen uns viele verschiedene Bilder in unserer Vorstellung: für eine Person ist es Müll und Chaos, für eine andere das Taj Mahal und meditierende Babas oder auch der Geruch der Straßenküchen sowie der Geschmack von Kokosnüssen. Indien ist ein riesiges, komplexes, für viele aus dem «Westen» stammenden Menschen unterentwickeltes Land, mit dem man etwas Geduld haben muss, bis es so weit sein wird wie — ja, wie wer eigentlich, wie der Westen?
Der Diplomat, Politiker und Schriftsteller Shashi Tharoor schrieb einmal, Indien sei im Gegenteil ein hoch entwickeltes Land; ein hochentwickeltes Land im Zustand fortgeschrittenen Verfalls. Es ist diese Vorstellung, die alles auf den Kopf stellt und neu arrangiert, alles umkrempelt. Eine Vorstellung, die den latent arroganten und größenwahnsinnigen Westen in Frage stellt und gleichzeitig den Indern den Spiegel vorsetzt, die selbst nicht mehr wissen in welchem Land sie leben und den Müll den sie vor ihren Nachbarn schmeißen, bequem als «God-given» deklarieren.
Indien ist von all diesen Teilen etwas, ist vieles, und vieles mehr; aber noch lange nicht das stigmatisierte oder romantisierte, limitierte Bild welches wir in den Medien der westlichen Welt kritiklos konsumieren. Man muss kein Historiker sein, um zu erkennen, dass der Westen sich in Indien immer wieder gerne an den Früchten bediente, die er gerade benötigte: Diamanten, Exotik oder Spiritualität; worauf er sich in seine eigene Imagination verliebte und nicht mehr bereit war, die Augen für das zu öffnen, was man in Indien daneben noch finden könnte. Das Bild, das der Westen sich selbstgerecht von Indien — und auch das Indien sich vom Westen macht — ist ein verzerrtes. Indien, tief traditionsbewusst, ist ein Land das gleichzeitig unaufhaltsam gen Zukunft rast. In eine Zukunft, die immer globaler wird und die in ihrem Fortschritt dialogisch und Welten überbrückend gestaltet werden sollte.
Vor diesem Hintergrund und daran anknüpfend sehe ich die Kooperation des Goethe-Instituts als wichtiges Bindeglied, um Künstlerinnen und Künstler aus beiden Welten zu verbinden und in Dialog zu setzen und darüber hinaus auch einen Mehrwert für Menschen zu kreieren, deren Zugang zu diesen Welten ferner ist. Meine Zeit in Indien war eine intensive und bereichernde, in der die interkulturelle Auseinandersetzung soziokultureller, ökonomischer, politischer und institutioneller Gegebenheiten und die Begegnung mit einer mir zuvor nicht vertrauten kulturelleren und künstlerischen Szene fern meiner eigenen Herkunft mich häufig vor Herausforderungen stellte. Zugleich war es ein Wachsen und erneutes Wertschätzen lernen dieser Begegnungen, die ich auf meinem Weg und als Teil meiner Persönlichkeit für Unverzichtbar ansehe und in keinem Buch nachzulesen wären. Jede Beschreibung eines Gegenstandes ist und bleibt eine Verkürzung, beruht auf Vereinfachung und Selektion. Dennoch bin ich der Meinung, dass jede ehrliche, sich einem größeren Ganzen hinzufügt und Verstehen sowie Empathie möglich(er) macht. Und so bin ich zufrieden, mit mehr Fragen und Neugier vorerst aus Indien abzureisen, als ich ursprünglich hatte und hoffe auf ein Wiedersehen. Und außerdem, dass ich auch einen Teil meiner Erfahrung und Werte an die Menschen weitergeben konnte, die mir in meiner Zeit hier begegnet sind.