Das Elitäre in den Künsten | Literatur China-Literatur: um Masse und Macht

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Igor Miske © Unsplash

Die europäisch-amerikanische China-Literatur besitzt für Fragen um die Funktion von Eliten und ihrem Verhältnis zur Gesamtgesellschaft eine herausragende Bedeutung: Sie dreht sich um die Organisation scheinbar absoluter Macht, um Gruppen streng ausgebildeter Beamt*innen und außergewöhnlicher Gelehrter, um drastische Elitenwechsel und energiegeladene Bevölkerungsmassen.

Der Kurvenverlauf folgt der Popularität der China-Literatur im Sinne der sozialen Breitenwirkung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die diesbezüglichen Trendwenden kurz getaktet.

Titelbild von Karl Mays Und Friede auf Erden! Und Friede auf Erden! | © Sascha Schneider, Wikipedia, bearbeitet, CC0-1.0 Karl Mays abenteuerlicher Reiseroman Und Friede auf Erden!, in dem eine Elite kosmopolitischer Edelmenschen eine humane Weltgesellschaft vorlebt, und Elisabeth von Heykings halbautobiografische Briefe, die ihn nicht erreichten, die deutsche Diplomaten- und Gelehrtenkreise in Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Aufbrüchen in China und den USA zeigen, haben zu Jahrhundertbeginn ein Massenpublikum erreicht. Den intellektuellen, mehr in der literarischen Zunft selbst wirksamen China-Roman hat Alfred Döblin an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg begründet: Sein subproletarischer Titelheld Wang-lun eignet sich ein machtkritisches Denken über politische Handlungsmöglichkeiten in der Klassen- und Massengesellschaft an. Die Nichterfüllung des Vorsorgevertrags zwischen „Führerschaft“ und einzelnem Bürger sowie die Nichtübereinstimmung zwischen Expertenwissen und Opfererfahrung reflektieren im selben zeithistorischen Augenblick die chinesischen Parabeln Kafkas. Wie die epischen Bilderfluten Döblins entfalten sie offene Erzählprozesse um unbeantwortbare Fragen und wurden unter den Intellektuellen der Weimarer Republik als theoretisch-poetologische Mustertexte diskutiert.
 
Die Chinesische Mauer, Herbert Ponting, 1907 Die Chinesische Mauer, 1907 | © Herbert Ponting, Wikipedia, bearbeitet, CC0-1.0 Ihren Popularitätshöhepunkt erreichte die China-Literatur vor dem Horizont des Pazifikkriegs. Pearl S. Bucks im Ton der Bibel verfasster Weltbestseller The Good Earth erreichte eine Verfilmung bei MGM, in der die deutsche Exilantin Luise Rainer die Hauptrolle einer chinesischen Sozialaufsteigerin spielte. Die Deutschkalifornierin Vicki Baum, beliebt für den voyeuristischen Blick hinter die Fassaden des Elitären, trug mit ihrem Roman Hotel Shanghai zur prochinesischen Mobilisierung in den USA bei. Während bei Buck ein ähnlicher Optimismus wie bei May über den produktiven Wechsel immer besserer Eliten vorherrscht, betonte Baum mehr wie Heyking die Ungesichertheit aller sozialen Positionen im Prozess der Moderne. Dass das „Harte“, zur Elite Versteinerte unterliegt, gehört zu den taoistischen Lehren, die Brecht in seinen spruchhaft eingängigen China-Gedichten dieser Zeit nicht nur dem Stalinismus entgegenhielt.
 
Nach Gründung der Volksrepublik waren chinesische Szenarien jahrzehntelang Teil einer hochspezialisierten gesellschaftstheoretischen Diskussion, zu der radikal elitenkritische Stimmen der Zeitschrift Kursbuch mit Forderungen nach einer revolutionspädagogischen „Selbsterziehung der Massen“ ebenso beitrugen wie der hierarchie- und rechtsbewusste Spitzendiplomat Erwin Wickert mit Warnungen vor der menschenverschlingenden Anarchie. China-Romane wie Wickerts Der Auftrag und Tilman Spenglers Der Maler von Peking begleiteten die aktuellen Sachbücher ihrer Verfasser mit historischen Fallstudien zum Aufbau und Verfall von Macht, zu Elitenkonkurrenz und Volksverführung. Sie hielten eine Literatursparte am Leben, die seit der kosmopolitischen Aufbruchsstimmung der 1990er-Jahre und seit den Krisen der liberalen Demokratie zu neuerlicher Popularität als besonders einleuchtendem Medium sozialer Ordnungsentwürfe findet. 


Beispiele von China-Literatur

Beispiele 1:
Karl May: Et in terra pax (1901, erw. 1904 als Und Friede auf Erden!)

Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten (1902/03, engl. 1904 als The Letters Which Never Reached Him)

Beispiele 2:
Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun (1916, engl. 1991 als The Three Leaps of Wang Lun: A Chinese Novel

Franz Kafka: Beim Bau der Chinesischen Mauer (1917, engl. 1933 als The Great Wall of China)

Beispiele 3:
Pearl S. Buck: The Good Earth (1931, dt. 1933 als Die gute Erde. Roman des chinesischen Menschen, verfilmt 1937, Literaturnobelpreis 1938)

Vicki Baum: Hotel Shanghai (1939, engl. 1939 als Shanghai '37)

Bertolt Brecht: Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration (1939, engl. 1976 als Legend of the Origin of the Book Tao-te-ching on Lao tse’s Road to Exile)

Beispiele 4:
Erwin Wickert: Der Auftrag (1961, engl. 1964 als The Heavenly Mandate, erw. 1979 als Der Auftrag des Himmels. Ein Roman aus dem kaiserlichen China)
 
Tilman Spengler: Der Maler von Peking (1993)

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