Das Elitäre in den Künsten | Ein Essay von Hans Ulrich Gumbrecht Eliten - Widerstände und Sonderfälle

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Igor Miske © Unsplash

Bildungselite, Wirtschaftselite, Wissenschaftselite, politische Elite – immer wieder ist davon die Rede. Aber was macht „die Elite“ – und die Kulturelite im Besonderen – eigentlich aus? Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht versucht sich an einer Definition und stößt dabei auf informelle Prozesse und Privilegien, Exklusivrechte, psychologische Machtspielchen – und die Grenzen sozialer Gleichheit.

Ein Stich des Theatersaals in Bayreuth Ein Stich des Theatersaals in Bayreuth. Zu den Bayreuther Festspielen werden nur ausgewählte Gäste geladen. | © Édouard Schuré, Revue wagnérienne, vol. V, June 8th, 1885, bearbeitet, CC-BY-1.0
Eliten und ihre Widerstände
Als „Eliten” gelten Gruppen von Menschen aufgrund ihrer Fähigkeit und oft auch ihres Anspruchs, bestimmte Handlungen auf einer besonders hohen Ebene von Kompetenz und Wirksamkeit zu vollziehen; genau genommen bezieht sich der Begriff allein auf aktive Praxis, nicht auf einschlägige Potentiale oder Erinnerungen. Von „Eliten” zu sprechen, setzt zweitens eine Wert- oder Prestigehierarchie von Handlungen voraus und visiert deren oberste Segmente an; die Rede von einer „Elite der Verkäuferinnen und der Taxifahrer” klänge entweder allzu angestrengt in ihrem guten Willen zu sozialer Gleichheit oder einfach zynisch. Drittens haben Eliten institutionellen Status, das heißt, ihnen gegenüber gelten spezifische Erwartungen, mit denen ihre Mitglieder rechnen dürfen und müssen; man kann zwar danach streben, Teil einer Elite zu werden, aber ein individuell gefordertes oder bestätigtes Anrecht auf Mitgliedschaft widerspricht ihren Regeln so deutlich, dass Initiativen dieser Art den Zugang zu Eliten blockieren. Schließlich gilt Elite-Zugehörigkeit immer nur bis auf Weiteres; sie sollte auf fortlaufende Bestätigung durch erfolgreiche Praxis angewiesen sein und kann durch Fehlentscheidungen oder langfristig unterbotene Erwartungen verlorengehen.
 
Für die Eliten verschiedener Praxisfelder gelten je verschiedene Regeln. Vor allem definieren sie Privilegien differenter Elitegruppen, welche mit ihrer Verfügung über nicht öffentlich zugängliche Informationen zu tun haben, mit Entscheidungsautorität und mit Ebenen der Entlohnung. Begründet und legitimiert werden Elite-Privilegien – wie die Existenz von Eliten überhaupt – durch Effizienzerwartungen. Wirtschaftskapitäne haben Informationen, deren öffentliche Zirkulation Reaktionen von Panik oder kollektiv prekärer Lethargie auslösen könnte. Kuratoren von Galerien nehmen durch ihre Auswahl auszustellender Werke Einfluss auf Künstlerkarrieren. Und sowohl Aufsichtsräte von Banken als auch Museumsdirektoren handeln Einkünfte aus, deren außergewöhnliche Höhe durch die außergewöhnliche Bedeutung ihrer Tätigkeiten plausibel werden mag.
 
Zu einem ambivalenten Begriff und Phänomenhorizont wird „Elite” aber, weil sie – entgegen der Wortgeschichte, die sich vom lateinischen Verb „eligere” und vom französischen Verb „élire” ableitet (beide stehen für „auswählen”) – in informellen Prozessen entsteht, weil sie von selbst auftaucht, statt wie in der Politik und oft auch im Rechtssystem auf transparente Rituale kollektiver Entscheidung zurückzugehen. Während es in einem demokratischen Gemeinwesen jedem Bürger offensteht, politische Ämter oder Ämter des Rechts anzustreben, gibt es keinen formalen Weg hin zu den Eliten. Deshalb und sicher auch wegen der bei manchen Elitegruppen – anders als bei staatlichen Stellen – unbegrenzt erscheinenden Einkommensmöglichkeiten wirkt ihre bloße Existenz für viele Bürger wie eine Verletzung des Prinzips sozialer Gleichheit. Aus denselben Gründen provozieren Eliten auch ständig Vermutungen über Fälle von nicht gerechtfertigtem Zugang.
 
Tatsächlich existieren wohl in allen Gesellschaften statistische Anhaltspunkte, die solchen Protest und die ihm folgenden Reaktionen des Widerstands zu rechtfertigen scheinen. Für die Vereinigten Staaten lässt sich zum Beispiel belegen, dass die Zahl der Angehörigen sozialer Minderheiten – vor allem die Zahl der Afroamerikaner, der Latinos, aber auch der Katholiken – in den Eliten der Wirtschaft und der Politik weit hinter ihrem prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung zurückbleibt. In Deutschland hingegen fällt die Stabilität sozialer Hierarchien als Problem besonders in Auge: wer in eine Familie mit geringem Bildungs- und Ausbildungsniveau geboren wird, dessen Chancen auf sozialen Aufstieg sind ebenso gering wie die Abstiegsrisiken von Akademiker- und Elitekindern.
 
Trotz dieser Konvergenz trennt ein drastischer Unterschied den Status von „Elite” als Begriff und Institution in beiden Ländern. Mitglied einer Elite und unbegrenzt reich zu werden, ist bis heute der Kern des „American Dream” geblieben – und fast hat man den Eindruck, dass die Lebhaftigkeit des Traums mit der Unwahrscheinlichkeit seiner Realisierung steigt. So legen viele Unterschichtenfamilien bei der Geburt ihrer Kinder Konten an, um für potentielle Studiengebühren an einem jener legendären Colleges zu sparen, die sich als entscheidende Stufe auf dem Weg zu den Eliten präsentieren. Die Colleges ihrerseits haben mittlerweile großzügige Stipendiensysteme entwickelt, damit ihnen Elite-fähige Talente nicht aus finanziellen Gründen entgehen.
 
Dieselbe Sehnsucht und derselbe Elite-Ehrgeiz mag auf individueller Ebene auch in Deutschland existieren, doch schon das Wort ist dort von einem Tabu umgeben, weil die Norm der Gleichheit in Europa – über die Gleichheit vor dem Gesetz hinaus – einen viel weiteren Geltungsbereich und ein größeres Gewicht entwickelt hat. Die in Deutschland üblichen Diskussionen über die moralische Berechtigung von Höchstgehältern wären in den Vereinigten Staaten undenkbar; andererseits überrascht es Amerikaner zu hören, dass sich die Stärke des deutschen Universitätssystems nicht in internationalen Spitzen-Rankings zeigt, sondern in seiner soliden Qualtitätskonstanz.
König Friedrichs II. Tafelrunde in Sanssouci © Adolph von Menzel creator QS:P170,Q164961, Adolph-von-Menzel-Tafelrunde2, bearbeitet, CC BY 4.0
Kultureliten als Sonderfall
Was Eliten der Kultur und der Kunst kennzeichnet, mag auf die Unmöglichkeit zurückgehen, Qualität und Leistung in dieser Dimension der Gesellschaft nach quantitativen oder begrifflich prägnanten Kriterien einzuschätzen, wie Immanuel Kant in der „Kritik der Urteilskraft” festgestellt hat. Daraus könnte sich die – paradoxale – Konsequenz ergeben haben, dass nirgendwo anders die Selbstgewissheit der Elite, ihre hierarchische Distanz zu denen, die ihr nicht angehören, und selbst das herausgehobene soziale Ansehen ähnlich deutlich werden. Allein in Kunst und Kultur ergibt sich sogar aus der Wertschätzung der Größten ein sekundärer Elite-Effekt für ihre Bewunderer.
 
Außerdem scheint nur hier die sonst übliche Skepsis gegenüber den sichtbarsten Protagonisten und die Vorbehalte gegenüber ihren Einkünften weitgehend aufgehoben. Nicht einmal in Deutschland gibt es eine Debatte über die hohen zweistelligen Millionenbeträge, die ein Gerhard Richter mit einigen seiner Werke verdient hat, und obwohl die Honorare für Stars der klassischen Musikszene (etwa bei den Bayreuther Festspielen) zumindest in Europa ohne öffentliche Subventionen, also ohne Verwendung von Steuergeldern, undenkbar wären, gilt es – ganz anders als bei führenden Ökonomen oder Berufssportlern – als schlechter Stil, auf ihre Offenlegung zu drängen oder ihre Berechtigung in Frage zu stellen.
 
Wirklich bemerkenswerte finanzielle Privilegien allerdings genießt heute nur eine schmale Gruppe bildender Künstler. Was sie mit anderen Mitgliedern der internationalen Kunstelite verbindet, ist der Zugang zu wenigen Bühnen, Galerien und anderen öffentlichen Räumen, welche sie mit ihrem Elite-Publikum verbinden und ihnen eine normative Wirkung auf jüngere Generationen erschließen. Wer auf der Biennale von Venedig ausstellt, bei den Salzburger Festspielen singt oder in der Berliner Philharmonie als Solist auftritt, gehört zur Kunstelite und erwirbt sich Einfluss über den Aufstieg oder die Ablehnung von Kollegen. Keine andere Elite ist ähnlich auf ihre Exklusivität fixiert – und ähnlich erfolgreich bei deren Bewahrung.
 
In Reaktion auf eine sozialpädagogisch und manchmal sogar mit sozialrevolutionären Argumenten herbeigeredete Phase der Öffnung seit den späten sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, als etwa unter Literaturwissenschaftlern ein Begriff der „Trivialliteratur” Ansätze von Umwertung oder Aufhebung erfuhr, hat die Enge der elitären Produktion und Rezeption von Gegenständen ästhetischer Erfahrung in den vergangenen Jahrzehnten wieder angezogen. Als einschlägiges Symptom kann die wachsende Prominenz der Kuratoren-Rolle gelten, die ja voraussetzt, dass selbst ein Elitepublikum beständig erweitertes Spezialwissen als Bedingung seines Zugangs zur Elitekunst braucht.
 
Unter solchen Bedingungen gefährden Ansätze von Popularität das Prestige von herausragenden Künstlern und Autoren. Zweifellos war es der Breitenerfolg der Gemälde von Pablo Picasso und der Romane von Gabriel García Márquez, der beim anspruchsvollsten Publikum Ansätze von Skepsis gegenüber der Bedeutung ihrer Werke weckte. Umgekehrt ereignet sich nur in Ausnahmefällen der Aufstieg eines Künstlers oder einer Kunstform von populären Anfängen hin zur Elite. Das eindrucksvollste Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Geschichte des Jazz von seinen Ursprüngen im afroamerikanischen Süden über Chicago und auch New York zu weltweiter Resonanz nach dem Zweiten Weltkrieg. Mittlerweile ist diese Musikform aber längst den Exklusionstendenzen der Kunstelite anheimgefallen. Die Zahl ihrer Anhänger und der Grad ihrer Geschmacksverfeinerung entsprechen heute möglicherweise denen der atonalen Musik.
 
Immerhin ist es wohl kein Zufall, dass die singuläre Aufstiegsgeschichte des Jazz in den Vereinigten Staaten stattfand. Auch dort lässt sich natürlich, vor allem in den Kulturzentren der Ostküste und unter ihren Bildungseliten, ein Wille zur Exklusivität beobachten. Aber anders als in Europa kann das Fortschreiten dieser Exklusivität – aus Verfassungsgründen – nicht vom Staat finanziert werden. Dies mag auch erklären, warum Publikumserfolge am Broadway noch heute in die Studios von Hollywood führen, und warum Oscarverleihungen und sogar finanzielle Erfolge dem Prestige von Schauspielern oder Regisseuren kaum schaden.
 
Längst vergangen sind dagegen die Zeiten, als Politiker und ihre Parteien sich die Faszination der Kunst zunutze machen wollten – und auch „engagierte Kunst oder Literatur” sind längst von einer unübersehbaren Patina des Historischen überzogen. Heute will der Staat eher bei seiner Förderung von Elitekunst vornehm anonym bleiben. Umgekehrt nutzen vor allem Oscarpreisträger eifrig ihr Ansehen und ihre Öffentlichkeit als eine Plattform, um persönlichen Positionen in der Politik Resonanz zu geben.

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