Das DACH-Prinzip in der Praxis Diversität als Chance nutzen

DACHL-Wortwolke
Assoziationen zum DACH-Prinzip | © Rüger/Shafer

Das DACH-Prinzip versteht Diversität als Normalität und nutzt die Vielfalt der deutschen Sprache und des deutschsprachigen Raums als Potenzial für einen facettenreichen DaF-Unterricht. Im Beitrag wird das DACH-Prinzip durch Zitate von Lehrpersonen illustriert und exemplarisch diskursiv weitergedacht.

Servus! Grüezi! Guten Tag! Moin, Moin! Grüß Gott! – Welche dieser Begrüßungsformen würden Sie spontan verwenden? „Deutsch ist kein Land, sondern eine plurizentrische Sprache mit Sprach- und Standardvarietäten“, sagt die australische Deutschlehrerin Catherine Gosling. Neben Dialekten und regionalen Umgangssprachen lassen sich auch drei Standardvarietäten unterscheiden: bundesdeutsches (D), österreichisches (A) und schweizerisches (CH) Hochdeutsch. Zwar sind die Unterschiede zwischen den Varietäten so gering, dass das Verstehen (auch von DaF-Lernenden) nicht beeinträchtigt wird (vgl. Shafer 2017). Dennoch ermöglichen Wortschatz- oder Aussprachevarianten interessante Sprachvergleiche. „So zeigt beispielsweise der niederländische aardappel deutlich mehr Ähnlichkeiten mit dem österreichischen Erdapfel als der deutschen Kartoffel“, erläutert Sabine Jentges, DaF-Dozentin in den Niederlanden.

Für seine Deutschlernenden sei es überraschend und deshalb motivierend zu erfahren, dass es in Europa mehrere deutschsprachige Länder gibt und dass dort auch Dinge aus ihrem Alltag produziert werden, erzählt Ibrahim Keita aus Mali: „Die Lernenden fühlen so eine Sympathie, wenn sie wissen, dass so ein viel gebrauchtes Produkt wie zum Beispiel Bazin, ein in Mali sehr beliebter Stoff, aus Deutschland oder Österreich kommt“.

DACHL: ja, aber wie?

In den Niederlanden nutzt Sabine Jentges die Nähe zu Deutschland für „Entdeckungstouren: DACH-Produkte in Supermärkten, Sprach- und Kulturspurensuchen im öffentlichen Raum, Werbung und ihre Bedeutung beziehungsweise Herkunft […] Solche Aktivitäten können dazu beitragen, monolinguale, eindimensionale mentale Bilder des Zielsprachengebietes auf sprachlicher und kultureller Ebene aufzubrechen.“

Lernende für die Vielfältigkeit unserer Welt zu sensibilisieren und Multiperspektivität als Normalität anzuerkennen, ist ein wichtiges Ziel des DACH-Prinzips. Dieser Fachbegriff steht für den Einbezug der linguistischen und landeskundlichen Diversität des DACHL-Raums (Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und andere) in DaF. Ein am DACH-Prinzip orientierter Unterricht kann eine Plattform bieten, um über gesellschaftliche Vielfalt nachzudenken, das Bewusstsein für unterschiedliche Lebensweisen zu schärfen und den Umgang mit Verschiedenheit zu trainieren.
  
Bei Rollen- und Theaterspielen können sich Lernende aktiv in neue Sichtweisen hineinversetzen und diese auch emotional erfahren, etwa bei einer Inszenierung der Erzählung Wie die Berge in die Schweiz kamen von Franz Hohler. Davon berichtet die litauische Lehrerin Agne Blazeviciene. Die Lernenden setzen sich dabei intensiv mit der Sprache der Erzählung auseinander und basteln eigene Kostüme und Requisiten. Ungewöhnliche und humorvolle Perspektiven findet man etwa in der Literatur, in Kurzfilmen und Videos.

Für Michaela Kováčová aus der Slowakei erlaubt das DACH-Prinzip, die DACHL-Länder bewusst miteinander zu vergleichen und zu fragen, „wieso es zu unterschiedlichen Entwicklungen kam. Die Suche nach Ursachen und ihren Determinanten ähnelt manchmal einer abenteuerlichen Detektivarbeit und fordert Interdisziplinarität (Sprachwissenschaft, Kulturwissenschaft, Soziologie, kulturelle Anthropologie, Geschichte).“

Kreative Ansätze und Anregungen für das Aufspüren von Besonderheiten in DACHL bieten auch die Ergebnisse des Wettbewerbs DACHL-Fundstücke. Die vorgeschlagenen Didaktisierungen möchten konkret und exemplarisch „zum Nachdenken und Diskutieren anregen, ungewöhnliche Einblicke in die deutschsprachigen Länder jenseits von Klischees geben“ (Mohr/Rüger 2016) und zur kritischen Auseinandersetzung mit bisherigen Überzeugungen ermutigen. Und natürlich warten überall auf der Welt weitere DACHL-Fundstücke auf ihre Entdeckerinnen und Entdecker.

Eins der 16 prämierten DACHL-Fundstücke Eins der 16 prämierten DACHL-Fundstücke | Foto (Ausschnitt): © Sandra Spiller

Fachtagung „Das DACH-Prinzip in der Praxis“

Auf einer Fachtagung, die am 8. März 2018 in der Zentrale des Goethe-Instituts in München stattfand, diskutierten über 50 DaF-Fachleute aus Universitäten, Mittlerorganisationen und Verlagen über die Umsetzung des DACH-Prinzips im Unterricht, in der Aus- und Fortbildung von Lehrenden und Materialentwicklung. Die Ergebnisse der Tagung finden Sie auf der IDV-Website.

Weiterge-dach-t

Die Beispiele und Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass es viele Wege zu einem durchDACHten DaF-Unterricht gibt. Dabei steht das DACH-Prinzip für mehr als eine additive Aneinanderreihung von sprachlichen und landeskundlichen Phänomenen der deutschsprachigen Länder. Sprachlich soll zwar durchaus der Aufbau einer rezeptiven Varietätenkompetenz, aber eben auch ein dynamisches Verständnis von Sprache und Spaß an Ausdrucksvielfalt im Zentrum stehen. Für den Umgang mit landeskundlich-kultureller Diversität im DaF-Unterricht orientiert sich das DACH-Prinzip in seiner weitergedachten Form an kulturwissenschaftlich-diskursiven Positionen (vgl. SIG 2.4). Gerade darüber ist die Fachdebatte noch in vollem Gange (siehe Altmayer 2013 und Schweiger/Hägi/Döll 2015).

Der DaF-Unterricht soll nicht vordergründig vermitteln, wie etwas in Österreich oder Bern oder Thüringen tatsächlich ist, sondern wie man darüber spricht, schreibt, diskutiert und denkt. Es geht darum, welche Diskurse, Assoziationen und Debatten mit den behandelten Themen und Inhalten verbunden sind. Denn auch wenn sie zumeist unhinterfragt verwendet und als bekannt vorausgesetzt werden, existieren Begriffe wie Tirol, Hochdeutsch, Wessi, Heimat oder Neutralität nicht einfach so, sondern werden sprachlich erschaffen, ausgehandelt und weitergegeben – nicht zwingend in allen deutschsprachigen Texten gleich. In manchen Fällen werden die Begriffe auch instrumentalisiert, etwa für kommerzielle, touristische oder politische Zwecke.

Wo und was ist der Süden?

Auch scheinbar unpolitische, universelle Begriffe bieten oft unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten, die durch die Übersetzung in andere Sprachen nicht automatisch mittransportiert werden. So zum Beispiel das Wort Süden. Wenn Deutschlernende in Argentinien den Satz „Wir fahren in den Süden“ lesen, denken sie vielleicht nicht nur an das geografisch-naturwissenschaftliche Phänomen der vier Himmelsrichtungen, sondern an unberührte Natur, karge Berge, Schnee, Kälte und Pinguine. Eine Schlagzeile wie „Von Salzburg direkt in den Süden fliegen“ oder der Schlager Auf der Strasse nach Süden spielt dagegen eher mit dem Bild von (überfüllten) Stränden, Urlaub/Ferien, Palmen, Sonne, Wärme oder Hitze und diversen Vorstellungen von mediterranem, vielleicht aber auch orientalischem Essen. In vielen deutschsprachigen Texten steht der Süden für Freiheit und den schon von J. W. von Goethe besungenen Sehnsuchtsort Italien. An Australien (= lateinisch für südliches Land) denkt man hingegen nicht sofort. Im Süden von Deutschland liegen zudem Bayern und Baden-Württemberg, in der Schweiz ist es der italienischsprachige Kanton Tessin und in Österreich das Bundesland Kärnten. Es sind  Regionen, die mit teilweise stark voneinander abweichenden Eigensichten und Zuschreibungen von außen verbunden werden. Neben den lokalen Sichtweisen beinhaltet der Begriff außerdem einen deutschsprachigen Teil des weltpolitischen Diskurses zu Nord-Süd-Konflikten oder dem Nord-Süd-Dialog.

Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus möglichen Deutungen, die kollektiv durch die gemeinsame Sprache und Medien konstruiert und weitergegeben, aber längst nicht einheitlich im gesamten deutschsprachigen Raum geteilt werden. Diese Vielschichtigkeit aufzuspüren ist Sinn eines DaF-Unterrichts, der sich an einem aktuellen, kulturwissenschaftlich fundierten DACH-Prinzip orientiert.

In und über DACHL mitreden können

Durch Lehrwerke, Bilder, Musik, Videos und eine breite Auswahl von Texten aller Art, aber auch durch die Lehr- und weitere Kontaktpersonen können diese vielfältigen Deutungen und Wertungen in den DaF-Unterricht einfließen. Dadurch bietet sich die Chance, Lernende zu befähigen, hinter die durch die (deutsche) Sprache geschaffene vermeintliche Wirklichkeit zu blicken. Sie lernen, Deutungen als sich ändernde Konstrukte zu begreifen und sich auch selbst aktiv, reflexiv und diskurskritisch in solche Aushandlungsprozesse einzumischen, also mitzureden und teilzuhaben. Dann kann die Abkürzung DACH im Sinn von Diversität als Chance verstanden werden.

Wie das DACH-Prinzip in der Praxis genau umgesetzt wird, gilt es allerdings je nach Lernort, Zielgruppe und Interesse zu entscheiden. Daher die Frage: Wie sieht das DACH Ihres Deutschunterrichts aus?
 

Literatur

Altmayer, Claus (2013): Die DACH-Landeskunde im Spiegel aktueller kulturwissenschaftlicher Ansätze. In: Demmig, Silvia/Hägi, Sara/Schweiger, Hannes (Hg.) (2013): DACH-Landeskunde. Theorie – Geschichte – Praxis. München: Iudicium, S. 15-31.

Shafer, Naomi (2017): Varietäten und Varianten verstehen lernen: Zum Umgang mit Standardvariation in Deutsch als Fremdsprache. Dissertation, Universität Fribourg.

Schweiger, Hannes/Hägi, Sara/Döll, Marion (2015): Landeskundliche und (kultur-)reflexive Konzepte. Impulse für die Praxis. In: Fremdsprache Deutsch. H. 52, S. 3-10.