25. November 2020
Der Kolonialismus ist ein zentrales Thema

Interview mit der Präsidentin des Goethe-Instituts Prof. Dr. Carola Lentz in "Deutsch perfekt"

Carola Lentz hat sich in ihrem Berufsleben intensiv mit afrikanischen Kulturen beschäftigt. Jetzt ist sie die neue Präsidentin des Goethe-Instituts. Wie sieht die Ethnologin ihre Aufgabe indem deutschen Kulturinstitut? Frau Lentz, mit Ihnen ist eine bekannte Ethnologin und Westafrika-Expertin zur neuen Präsidentin des Goethe-Instituts gewählt worden. Wie kam es dazu?

Das ist auch für mich immer noch ein schwarzes Loch! (lacht) Was ich sagen kann: Mein Vorgänger, Klaus-Dieter Lehmann, hat mich eines Tages angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dieses Amt zu übernehmen. Da war ich erst einmal sehr überrascht.

Was war Ihre Motivation, diese Aufgabe zu übernehmen?

Ich habe in vielen Themen meiner Forschung als Ethnologin – Erinnerungspolitik, Kolonialismus, Ethnizität und Nationenbildung – enge Verbindungen zu den Aufgaben des Goethe-Instituts gesehen. Außerdem bin ich in meinem ersten Beruf Deutschlehrerin, das passt ja auch ganz gut. (lacht) Aber im Ernst: Ich glaube, dass Deutschland in einer immer stärker global verflochtenen, postkolonialen Welt Verantwortung übernehmen muss. Und das gilt auch für die Kulturpolitik. Mich fasziniert, wie vielfältig das Goethe-Institut in der Welt aktiv ist.

Was meinen Sie damit konkret?

Wir gehen als Kulturinstitut nicht nur in die Welt hinaus, um Deutschland zu präsentieren. Wir orientieren uns vielmehr an einer Politik des Zuhörens und des Austauschs. Wir wollen in vielfältigen Begegnungen andere Perspektiven und kulturelle Produktionen kennenlernen. Und ich sehe es als eine meiner Hauptaufgaben, diese Schätze auch in Deutschland sichtbar, hörbar und erlebbar zu machen.

Kulturaustausch ist eine Aufgabe des Instituts. Eine andere ist es, ein modernes Deutschlandbild zu transportieren. Welches Bild ist das?

Wir wollen die Vielfalt an kulturellen Debatten, Ideen und Experimenten, die es in Deutschland gibt, in der Welt sichtbar machen. Wir arbeiten zwar eng mit dem Auswärtigen Amt zusammen, sind aber in unserer täglichen Arbeit unabhängig.

Wie sieht dieses Bild für Sie aus?

Ich denke, dieses Bild ist komplex. Ganz sicher stehen wir aber für bestimmte Werte: Demokratie, Toleranz, Gewaltfreiheit, Vielstimmigkeit und Multi-Perspektivität, wie ich als Ethnologin sagen würde.

Was halten Sie aktuell für die größten Herausforderungen für das Goethe-Institut?

Die Corona-Pandemie ist eine gigantische Herausforderung. Sie wirkt wie eine Art Brandbeschleuniger. Dort, wo Spaltungen und kulturelle Intoleranz schon in Ansätzen vorhanden waren, ist das nochmal intensiver geworden. Das macht die Arbeit der Goethe-Institute umso nötiger – Verbindungen schaffen über das Medium Sprache und künstlerische Produktionen.

Wie sehen Sie die Welt im Jahr 2020?

Die Welt wird autoritärer, repressiver. Umso wichtiger ist es, dass wir in vielen Ländern im Bereich der Kultur Räume der Begegnung und Gesprächsmöglichkeiten anbieten, die woanders nicht mehr möglich sind. Politische Stiftungen werden im Zweifelsfall des Landes verwiesen, das Goethe-Institut mit seinen Schwerpunkten auf Kultur und Sprache ist oft noch viel länger da und hilft Künstlerinnen und Künstlern auf vielfältige Art.

Womit zum Beispiel?

Gemeinsam mit dem Institut für Auslandsbeziehungen bieten wir etwa mit der Martin Roth-Initiative Stipendien und Aufenthaltsmöglichkeiten in Deutschland oder sicheren Drittstaaten für bedrohte Künstlerinnen und Künstler. Wir leisten aber auch anders praktische Hilfe: So haben wir in der Corona-Krise mit dem Auswärtigen Amt einen Hilfsfonds gestartet. Damit werden auf der ganzen Welt Künstler und kulturelle Organisationen unterstützt, die aktuell kaum oder kein Einkommen haben.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie konkret auf die Arbeit der Goethe-Institute?

Aktuell ist circa jedes zweite Institut für den Publikumsverkehr geöffnet. Das heißt: Dort werden weiter Sprachkurse angeboten, aber natürlich entsprechend der jeweiligen behördlichen Auflagen. Anders sieht es in Regionen aus, die von der Pandemie sehr stark betroffen sind: Dort sind die Institute geschlossen und arbeiten rein digital. Die spannende Begegnung von Menschen leidet unter Corona an vielen Orten. Begegnungen im digitalen Raum können das nicht ersetzen. Ich muss aber auch sagen: Das Goethe-Institut ist beim Thema digitaler Unterricht sehr weit vorn mit hochqualitativen Angeboten. Das war schon vor der Krise so. Nun hat es noch mal einen großen Schub gegeben.

Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?

Ich spreche Englisch, Französisch, Spanisch und Niederländisch, außerdem die afrikanische Sprache Dagara und ein wenig das südamerikanische Quechua.

Was bedeutet es für Sie persönlich, diese Sprachen sprechen und verstehen zu können?

Das ist für mich der Zugang zu verschiedenen Welten oder genauer: verschiedenen Aspekten der Welt.

Nicht wenige Menschen finden inzwischen, dass man sich die Mühe des Sprachenlernens sparen könnte. Eigentlich gibt es ja immer bessere Übersetzungsprogramme…

Da würde ich widersprechen. Ich glaube, diese Programme sind nicht so leistungsfähig. Sie können das Lernen und damit auch das Eintauchen in eine fremde Sprache und Kultur und fremde Weltsicht nicht ersetzen. Uns würde sehr viel fehlen, wenn wir uns nur auf diese Programme verlassen würden.

Können Sie es an einem Beispiel erklären?

Ich bin begeisterte Leserin von deutschsprachiger Literatur auch von Autorinnen und Autoren, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben. Das bringt neue Nuancen in die deutsche Sprache hinein, andere Perspektiven auf unsere Gesellschaft und Kultur. Diese Kunstwerke sind eine große Bereicherung. Ich finde das faszinierend.

Gibt es eine Künstlerin, einen Künstler, die oder den Sie besonders mögen?

Saša Stanišić gehört auf jeden Fall dazu. In seinem Roman Herkunft beschreibt er wunderbar, was das Deutschlernen in Heidelberg für ihn bedeutet hat.

Als Ethnologin haben Sie sich intensiv mit dem Erbe des Kolonialismus beschäftigt. Bleibt das für Sie in Ihrer neuen Rolle wichtig?

Ich glaube, der Kolonialismus und der Umgang mit dem kolonialen Erbe sind zentrale Themen. Das Goethe-Institut beschäftigt sich damit schon länger. Ich freue mich, seine vielfältigen Aktivitäten nun unterstützen zu können. Wir müssen uns mit der kolonialen Vergangenheit konfrontieren. Das bedeutet vor allem auch: Menschen aus den früheren Kolonien einen Raum geben, wo wir ihre Stimmen hören können.

In der jüngeren Vergangenheit sind GoetheInstitute in Tansania, Angola und in der Demokratischen Republik Kongo eröffnet worden. In welchem Land würden Sie gerne das nächste eröffnen?

Wir müssen erst einmal gut durch die Krise kommen und alle Standorte erhalten.

Interview: Marcel Burkhardt