Gerhard Bach CLIL – wohin geht die Reise? Ein Blick in die Literatur

Mindmap naturwissenschaftliches Experiment
© Salomé Monasterio

Standortbestimmung

CLIL hat sich zweifelsfrei europaweit etabliert, mehr oder weniger intensiv in den einzelnen Ländern, aber dennoch mit überzeugender Vielfältigkeit in der Ausprägung individueller Varianten. Zeit also,  einen kurzen Blick zu werfen auf die Fragen: „Wo stehen wir?“ und „Wie geht es weiter?“

Wer sind die CLIL-Beteiligten?

„Wir“ – das sind sowohl die „CLIL-Praktiker/-innen“, also die Lehrkräfte in den verschiedenen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, die täglich die Herausforderungen eines sowohl an der Sache als auch an der Sprache orientierten Unterrichts bewältigen, als auch die „CLIL-Trainer/-innen“, die das methodische Rüstzeug für erfolgversprechende Unterrichtsarbeit (weiter-)entwickeln und ihren Lehrkräften vermitteln. Und es sind schließlich auch die „CLIL-Berater/-innen“, die auf dem schmalen Pfad zwischen Praxis und Theorie neue Erkenntnisse im Austausch mit den Praktikern aufarbeiten. Alle Beteiligten sind gleichermaßen Experten, nicht nur in ihrem engeren Wirkungskreis, sondern darüber hinaus auch in den angrenzenden Bereichen, die die Schnittmenge von „content“ und „language“ darstellen. Alle sind gleichermaßen interessiert an den Fragen der Standortbestimmung von CLIL und dem Entwicklungspotential, das nachweislich in dieser Unterrichtsmethode steckt. Insofern lohnt sich, bildlich gesprochen, auch immer der Blick über den Tellerrand des eigenen Handlungsfeldes, verbunden mit der Bereitschaft, neue Impulse aufzugreifen und der Bewährungsprobe in der eigenen Praxis auszusetzen.

Ein Blick in die Literatur hilft bei der Orientierung

Nach gut zwanzig Jahren CLIL stellt sich natürlich jedem Beobachter die kritische Frage, ob es noch Neues zu entdecken gibt beziehungsweise wie Erfahrungswissen, verbunden mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, methodisch neu gedacht werden kann. Ein Blick in die Literatur zur Didaktik und Methodik von CLIL und deren gegenwärtig festzumachenden Schwerpunktsetzungen kann für die Auseinandersetzung mit dieser Frage hilfreich sein. Dabei macht es Sinn, den Blick sowohl zurück auf die CLIL-Klassiker zu wenden als auch die neuesten Publikationen zur Methodik und Handreichungen für die Praxis ins Visier zu nehmen, um so herauszuarbeiten, wo der vielbeschworene CLIL-Mehrwert derzeit zu verorten ist und wo CLIL noch Potential zur Weiterentwicklung bietet.
 
Grundsätzlich ist bei der Materialsichtung zu konstatieren, dass CLIL-Handbücher, ob zu Grundsatzfragen oder zur konkreten Unterrichtsgestaltung, nach wie vor fast ausschließlich in englischer Sprache vorliegen. Auch wenn sich der Umweg, den anderssprachige CLIL-Professionals hier gehen müssen, aufgrund der Qualität des Materials lohnt, ist er doch beschwerlich, und eine wünschenswerte Erweiterung – ganz im Sinne europäischer Mehrsprachigkeitspolitik, bleibt mit wenigen Ausnahmen noch Zukunftsmusik. Eine der für den Bereich CLILiG (Content and Language Integrated Learning in German) lobenswerten Ausnahmen wird weiter unten vorgestellt.

Die CLIL-Klassiker

Zunächst aber eine kurze Rückbesinnung auf die CLIL-Klassiker, die den Boden für gegenwärtige Modellierungen von CLIL-Praxis aufbereitet haben und nach wie vor konzeptionell die vorrangig beteiligten Faktoren für erfolgreichen CLIL-Unterricht ausdifferenzieren. Hierzu gehören (nach Erscheinungsjahr geordnet) die Grundlagenwerke von
  • Mehisto, Frigols und Marsh, Uncovering CLIL (2008) und
  • Coyle, Hood und Marsh, CLIL (2010).
In beiden ist nach wie vor der Impuls zu erkennen, das Alleinstellungsmerkmal von CLIL – den sogenannten Mehrwert  (added value) – praxisorientiert zu fassen, entweder als Stufenmodell oder als zyklisches bzw. spiralförmiges, in allen Fällen aber netzwerkartig curriculares Modell. Durchgesetzt hat sich dabei zu einem Do Coyles „4 Cs“-Modell, in dem die vier beteiligten Faktoren für erfolgreichen CLIL-Unterricht – Content/Context, Communication, Cognition, Culture – ein interaktives Netzwerk bilden, das als Rahmung für den Entwurf einzelner CLIL-Module zu sehen ist. Aber auch Peeter Mehistos CLIL-Matrix, die eine Erweiterung des „4Cs“-Modells darstellt, hat sich als (insbesondere für CLIL-Neulinge) methodisches Gerüst für die durchdachte Planung, Durchführung und Evaluation von CLIL-Unterricht bewährt, einem Unterricht, der auf Interaktion aufbaut. Interaktion wird hier nicht nur im Sinne sprachlicher Festigung und Flexibilität gedacht, sondern als ein handlungsorientierter Prozess, in dem eine „Sache“ (Geographie, Natur, Kunst, usw.) sprachlich ausgehandelt wird.

Die CLIL-Praxis Favoriten

An der Schnittstelle zwischen Konzeption und Umsetzung findet sich eine Reihe von Publikationen, die offensichtlich aus der Praxis für die Praxis geschrieben worden sind. Allen gemeinsam ist, dass sie die CLIL-Klassiker einbeziehen, wenn es einleitend um die Standortbestimmung von CLIL und den Mehrwert CLIL-spezifischer Praktiken geht. Auch hier seien einige Beispiele, dem Erscheinungsjahr nach geordnet, genannt, die für die Praxis impulsgebend sind:
  • Kay Bentleys The TKT Course CLIL Module (2010) stellt in sehr komprimierter Form die vier Pfeiler erfolgreichen Unterrichts dar – CLIL-Prinzipien, Unterrichtsplanung und –durchführung sowie Unterrichtsevaluation. Jeder Bereich ist mit „sprechenden“ Beispielen unterlegt und fordert den Leser/die Leserin mit einer Reihe von Aktivitäten zum interaktiven Umgang mit dem Handbuch auf.
  • Dale und Tanner, CLIL Activities: a Resource  for Subject and Language Teachers (2012) ist ähnlich strukturiert wie das vorgenannte Werk, wobei der Fokus noch stärker auf den Mehrwertfaktor der Vernetzung sprachlicher und sachfachlicher Integration gelegt wird. Strategien zur Lerneraktivierung und zur kognitiven Verarbeitung neuer Lerninhalte werden anhand zahlreicher Unterrichtsbeispiele vorgestellt. Auch bei Dale und Tanner wird den Möglichkeiten der Bewertung von Lernerfolg Raum gegeben; darüber hinaus gibt es auch wertvolle Hinweise über Feedback-Strategien.

Neue – auch spielerische – Online-Wege

Alle bisher vorgestellten Handbücher sind Traditionsprodukte entsprechend dem Goethe-Aphorismus „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“.  Einige stellen auf Online-Portalen Zusatzmaterialien zur Verfügung. Die beiden nachfolgenden Publikationen gehen ganz den neueren Weg – sie sind (zumindest zur Zeit dieser Publikation) ausschließlich online verfügbar:
  • Playing CLIL: (2015) ist das Ergebnis eines EU-geförderten Projekts zum Thema „Dramapädagogik für den bilingualen Unterricht“; sechs Partner-Institutionen aus Deutschland, Großbritannien, Rumänien und Spanien haben eine Methodik entwickelt, mit der CLIL auf „spielerische“ Weise erprobt werden kann (= pCLIL). Nach eigener Darstellung stehen drei Ziele im Vordergrund: (1) Stärkung des sprachlichen und fachlichen Lernerfolgs, (2) Ausbildung sozialer und kommunikativer Kompetenzen und (3) Zielgruppenerweiterung durch den „pCLIL“-Ansatz. Ein breites Spektrum an Unterrichtsressourcen ist zusammengestellt worden, differenziert nach Einsatzbereich (Schulform, Altersgruppe) und Themenfokus. Noch ist die Sammlung nur online verfügbar, und zwar auf englisch (mit Kurzfassungen auf deutsch, rumänisch und spanisch). Die Print-Ausgabe ist in Vorbereitung. Was bringt die nur in englischer Sprache vorliegende Spielesammlung für den CLILiG-Bereich? Einschränkungen sind hier im Vergleich zu den vorgenannten Handbüchern eher gering einzuschätzen, denn mit nur wenigen Modifikationen lassen sich die meisten Spiele sprachenübergreifend einsetzen, nach dem Motto: „Spiele kennen keine (sprachlichen) Grenzen“.
Wer auf der Suche nach einem deutschsprachigen Handbuch ist, das aus der Praxis für die Praxis verfasst wurde, muss lange suchen, wird dann aber doch fündig, und zwar im Umfeld des Goethe-Instituts selbst:
  • Wolff und Quartapelle, CLIL in deutscher Sprache„Wo stehen wir?“ und „Wie geht es weiter?“ Das nur online verfügbare Handbuch beschreibt die Rahmenbedingungen von und für CLIL und geht auf Fragen zu Unterrichtsorganisation, Leistungsbewertung und Materialentwicklung mit praktischen Vorschlägen ein. Auch der Aus- und Weiterbildung von CLIL-Lehrkräften ist ein Kapitel gewidmet. Auch wenn es für die konkreten Anforderungen des italienischen Schulsystems geschrieben wurde, ist der Transfer auf andere länderspezifische Systeme ohne Einschränkung möglich. Außerdem werden die online-Angebote der Goethe-Institute zum Thema „CLIL“ ständig ausgebaut, ob in München oder Italien oder Athen.
  • Für den griechischen CLIL-Markt sei der Hinweis auf das von CLIL4U herausgegebene CLIL Guidebook (2016) erlaubt, das ähnlich wie die vorgenannte Publikation Handbuchcharakter hat und als Einstieg sehr zu empfehlen ist; es ist neben der englischen Version in mehreren Sprachen verfügbar, darunter auch auf Griechisch. 

Wohin geht die Reise?

Auf einen Klassiker, der noch keiner ist, da noch zu „frisch“ auf dem Markt, sei hier besonders hingewiesen:
  • Bell, Kelly & Clegg, Putting CLIL into Practice (2016). Das Buch tut, was der Titel ankündigt: Es baut auf dem als gesichert wahrgenommenen CLIL-Fundament der „4 Cs“ (Coyle) auf und setzt diese in Beziehung zu diversen CLIL-Kontexten. Ausgangspunkt ist somit immer der Unterricht selbst: Auf  Theorien und Prinzipien wird Bezug genommen, da wo sie bedeutsam werden in der Planung und Umsetzung von CLIL. Ein weiterer Gesichtspunkt, der das Buch als zukünftigen Klassiker der CLIL-Didaktik ausweisen dürfte, ist das Kapitel über „Assessment“, also die Einschätzung und Bewertung des Lernerfolgs seitens der Lernenden und damit auch des Lehrerfolgs. Die Autoren zeigen auf, welche Kontexte mit welchen Instrumenten wie zu bewerten sind. Ein solches kontextgebundenes Assessment ist äußerst hilfreich für die Planung und Evaluation von CLIL in der Praxis. Auch dieses Buch spiegelt die Doppelstrategie der Verlage – es ist im Druck erschienen, als e-book, und der Verlag stellt online Zusatzmaterialien zur Verfügung. Diesem Trend folgen inzwischen alle Verlage; der Blick über den Rand des gedruckten Werkes ist in jedem Fall zu empfehlen, auch auf den verlagsunabhängigen CLIL-Portalen, nicht zuletzt die der Goethe-Institute.

Im Text vorgestellte Literatur

TextBell, Phil; Kelly, Keith; Clegg, John (2016): Putting CLIL into Practice. Oxford: OUP.
 
Bentley, Kay (2010). The TKT (Teaching Knowledge Test) Course CLIL Module. Canbridge: CUP.
 
CLIL Guidebook (2016). (Autoren: Sandra Attard Montalto, Lindsay Walter, Maria Theodorou,
Kleoniki Chrysanthou). 
 
Coyle, Do;  Hood, Philip; Marsh, David (2010): CLIL. Cambridge: CUP.
 
Dale, Liz; Tanner, Rosie (2012). CLIL Activities: a Resource for Subject and Language Teachers. Cambridge: CUP.
 
Mehisto, Peeter; Frigols, Maria J.; Marsh, David (2008)Uncovering CLIL: Content and Language Integrated Learning and Multilingual Education. London: Macmillan.
 
Playing CLIL: Content and language integrated learning inspired by drama pedagogy. (2015) 
 
Wolff, Dieter; Quartapelle, Franca (2011): CLIL in deutscher Sprache. Goethe-Institut Mailand.

 

Über den autor

Prof. Dr. Gerhard Bach Foto: Privat, Gerhard Bach Gerhard Bach ist Professor emeritus an der Universität Bremen, wo er bis 2008 den Bereich Fremdsprachendidaktik Englisch vertrat und dort auch das Institut für Fremdsprachendidaktik und Förderung der Mehrsprachigkeit INFORM leitete. Jetzt ist er als Berater für Wissenschaftsprojekte im In- und Ausland tätig, insbesondere auch in EU-geförderten Projekten des Goethe-Instituts. Arbeitsschwerpunkte sind: CLIL, Curriculumforschung, interkulturelles Lernen, Multiliteralität. Gerhard Bach ist Mitherausgeber der Schriftenreihe Mehrsprachigkeit in Schule und Unterricht (MSU) (Peter Lang Verlag).
Kontakt: gbach@uni-bremen.de