Echos des Südatlantiks Der Süden ist überall

Performerin Val Souza während Carol Barretos „Coleção Asè“
Performerin Val Souza während Carol Barretos „Coleção Asè“ | Foto: Taylla de Paula

Die Zukunft der süd-transatlantischen Beziehungen zwischen Europa, Südamerika und Afrika wurde im April auf der Konferenz „Echos des Südatlantiks“ in Salvador da Bahia diskutiert. Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts São Paolo, sprach mit dem indischen Anthropologen Arjun Appadurai über das Konzept einer „Theorie des Südens“.

Bei Ihrer Rede auf dem Johannesburg Workshop in Theory and Criticism (JWTC) sagten Sie provokativ, dass Sie die Existenz einer „Theorie des Südens“ in Frage stellen und stattdessen eher an etwas glauben, das „südlich jeder Theorie“ ist. Wie haben Sie das gemeint?

Die Idee einer „Theorie des Südens“ läuft Gefahr, zu einem Klischee zu werden. Worauf ich hinweisen wollte, ist, dass es viel wichtiger ist, das gesamte Konzept von Theorie aus dem Gleichgewicht zu bringen, indem man es aus ungewohnten Perspektiven betrachtet, von denen manche geographischer Natur sein können und andere von beruflicher, generationeller oder ideologischer Natur.

Katharina von Ruckteschell-Katte auf der Konferenz „Echos des Südatlantiks“ Katharina von Ruckteschell-Katte auf der Konferenz „Echos des Südatlantiks“ | Foto: Taylla de Paula

Norden gegen Süden

Da der Süden nicht nur geographisch definiert wird, sondern auch eine Vielzahl anderer Bedeutungen mit sich bringt, wäre es interessant, zu erfahren, was Sie persönlich darunter verstehen.

Als jemand, der in den fünfziger und sechziger Jahren in Indien aufgewachsen ist, war mein erstes Verständnis des Südens eng mit der Unterscheidung zwischen Westen und Nicht-Westen verbunden. Später habe ich verstanden, dass die wirklich relevante Frage die von arm gegen reich ist, also Norden gegen Süden. Eine Unterscheidung, die Lateinamerika im Diskurs über Dekolonialisierung und (Un-)abhängigkeit in den Vordergrund gerückt hat. Noch später erkannte ich, dass es in jedem „Westen“ einen „Osten“ und einen „Süden“ gibt, wie ich ihn in Städten wie Philadelphia und Chicago ausmachen konnte, deren riesige schwarze Ghettos ich damals zum ersten Mal sah. All diese Schritte führten dazu, dass ich die Positionalität von Theorien eher als politisch wahrzunehmen begann, weniger als geographisch.

Welche Rolle wird der „Süden“ in Zukunft spielen?

Ich denke, dass der geographische „Süden“ eine andere Gewichtung bekommt und dass Indien und China wichtige Schauplätze für die Interaktion von Autoritarismus, schnellem Wachstum und Populismus sein werden. Europa kann in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen und eine Balance zwischen den konkurrierenden Ansprüchen Chinas und der Vereinigten Staaten herstellen, die um die weltweite Vormachtstellung wetteifern, und auch zwischen Indien und China, die um die wirtschaftliche Vorherrschaft in Asien konkurrieren. Dies kann durch die EU geschehen, aber auch durch weltweit agierende Kulturmittler wie das Goethe-Institut. Es ist aber nur möglich, wenn Europa die Probleme der Welt und seine eigenen Probleme als zwei Seiten derselben Medaille ansieht.

Ein Besucher der Konferenz „Echos des Südatlantiks“ Ein Besucher der Konferenz „Echos des Südatlantiks“ | Foto: Taylla de Paula

Dekolonialisierung ist ein zu vages konzept

Dekolonialisierung ist ein Schlagwort, das man in allen möglichen Zusammenhängen mit der Globalisierung hört. Wohin führt diese Dekolonialisierung? Oder ist sie nur als theoretisches Konstrukt zu verstehen?

Ich fürchte, dass Dekolonialisierung ein zu vages Konzept geworden ist, das nun für alle möglichen Bewegungen, Impulse und Bestrebungen genutzt wird, von denen viele nichts mit Kolonien oder Kolonialismus im eigentlichen Sinne zu tun haben. Ich ziehe es vor, die Bezeichnung Dekolonialisierung in Bezug auf spezifische Bewegungen in vielen Ländern Asiens, Afrikas und des Mittleren Ostens zu verwenden, die in den vierziger und fünfziger Jahren ihre Unabhängigkeit erreicht haben. Der Fall Lateinamerikas ist interessant, aber die Geschehnisse fanden über ein Jahrhundert früher statt und außerdem im Kontext des vorindustriellen Kapitalismus. Trotzdem ist dies der erste Dekolonialisierungsprozess, über den wir wirklich etwas wissen.

Was ist Ihr Süden?

Mein Süden ist der Ort, an dem marginalisierte Bevölkerungsgruppen auf marginalisierende Theorien treffen und unter deren Dominanz leiden. Dieser „Süden“ kann sich überall befinden und an jedem dieser Orte bedarf es eines Einschreitens.


Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts São Paulo und Regionaldirektorin für Südamerika, führte das Interview in englischer Sprache.

Das vollständige Interview erschien auf der Webseite Episoden des Südens.