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Bausch auf Einladung des Goethe-Instituts in Japan. Copyright: Andreas Schiekofer

Provokateurin wider Willen: Zum Tod Pina Bauschs

Ihre Choreografien werden weltweit gefeiert, den internationalen Erfolg des deutschen Tanztheaters hat sie maßgeblich begründet. Jetzt ist Pina Bausch gestorben. Die Künstlerin verband eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. Von Petra Roggel
3. Juli 2009

Paris im Jahr 1997. Pina Bausch hatte sich gerade vom Goethe-Institut überreden lassen, ihr Stück „Le Sacre du printemps“ neu einzustudieren. Aufführen sollte es das renommierte Ballet de l’Opéra National. Doch gleich bei der ersten Begegnung mit den Tänzern und Solisten, so erinnert sich der langjährige Goethe-Institutsleiter und Weggefährte Bauschs, Georg Lechner, kam es fast zum Eklat: Die nicht gerade uneitlen Künstler protestierten lautstark, als Bausch anordnete, sie sollten am nächsten Tag ohne Make-Up und ohne Schmuck zu den Proben erscheinen – in deren Augen eine Beleidigung. Beleidigt, aber ungeschminkt und unberingt erschienen sie tags darauf. Die Choreografin stellte sich vor das Ensemble und sagte: „Ich möchte, dass ihr der Schmuck seid in dieser Inszenierung.“

Die Aufführung war die erste Inszenierung außerhalb ihrer eigenen Kompanie und wurde schließlich zu einem solchen Erfolg, dass das Ensemble das Stück noch immer in seinem Repertoire führt. Und seitdem verging keine Saison in Paris, in der nicht auch eine neue Arbeit von Bausch gezeigt wurde.

Andere alte Stück nahm Bausch mit ihrem eigenen Ensemble auf Initiative des Goethe-Instituts wieder auf - zum Beispiel „Iphigenie auf Tauris“ von 1974, um es an der Opéra Garnier in Paris zu zeigen.

Bausch bei einem Besuch mit dem Goethe-Institut in Kalkutta. Copyright: Martin Wälde


Bauschs Karriere begann bei Kurt Jooss. Bei dem Mann, der den Begriff des Tanztheaters in den Zwanzigerjahren erfunden hatte, wurde Pina Bausch im Jahr 1955 Meisterschülerin. 1959 schloss sie ihre Tanzausbildung an der Folkwang-Schule ab. Ein DAAD-Stipendium führte sie für zwei Jahre nach New York, bevor sie Solistin bei Jooss’ Folkwang-Ballett wurde.

Seit 1968 entstanden erste eigene choreografische Arbeiten, 1969 übernahm Bausch das Folkwang-Tanzstudio, 1973 das Wuppertaler Tanztheater, das bis dahin Wuppertaler Ballett hieß und zusammen mit den Wuppertaler Bühnen von Arno Wüstenhöfer geleitet wurde. Ihr Stil wandelt sich vom Modern Dance zum Tanztheater.


Die Arbeiten von Pina Bausch wurden zu Beginn ihrer Zeit in Wuppertal als Provokation empfunden. Zuschauer und Presse waren empört, das Zurschaustellen solch tiefer Empfindungen, kompromisslos ehrlicher Gefühle ohne Angst vor Tabus war selber ein Tabu. Nie war es Bauschs Absicht zu provozieren. Aber neue Ansätze in der Kunst führen immer, das ist heute nicht anders als früher, über Irritation zu Empörung und Ablehnung.

Arno Wüstenhöfer hatte ein visionäres Gespür für das Potential dieser Künstlerin und unterstützte Bausch in Wuppertal über all die Vorbehalte hinweg, Jochen Schmidt, Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erkannte das Talent und konnte mit seinen Artikeln dazu beitragen, dass das Publikum zumindest „aufhörte, mit Tomaten zu werfen“, so Georg Lechner, einer der Goethe-Institutsleiter, die Bausch in verschiedenste Städte weltweit geholt haben. Bereits 1979 reiste die Kompanie auf Einladung des Goethe-Instituts nach Südostasien und gastierte dort in Seoul und in Mumbai mit „Frühlingsopfer“.

Erst ging sie in die Welt, dann wurde sie daheim bekannt

Die Aufführungen in Indien lösten prompt einen Skandal durch die (nach dortiger Ansicht zu freizügigen) Kostüme der Tänzerinnen aus, und weitere Gastspiele mussten abgesagt werden. 1980 waren die Goethe-Institute an der ersten Südamerika-Tournee beteiligt. Ebenfalls in den Achtzigerjahren entwickelt Bausch an und mit den Goethe-Instituten die Art von Stücke, die ihre weitere Karriere prägen sollten: Dabei ging dem eigentlichen Schaffensakt immer eine intensive Recherche mit der ganzen Kompanie in den jeweiligen Ländern voraus.

Diese Zeit der Recherche vor Ort war es auch, die Pina Bausch so liebte und die durch die Goethe-Institute weltweit ermöglicht wurden. Tänzer und Choreografin schwärmten nach ihrer Rückkehr nach Deutschland immer von dem unglaublichen persönlichen Einsatz und dem Wissen und der Vernetzung der Menschen in den Goethe-Instituten. Mit dieser Unterstützung, fachlich, inhaltlich und künstlerisch wurden Einsichten in die jeweiligen Gesellschaften möglich, die selber zu einmaligen Erlebnissen wurden: Besuche in noch nicht öffentlichen Katakomben in Rom, Karateunterricht von Meistern in Hongkong, Besuche von Sinti – und Romafesten in Ungarn.

So entstanden Arbeiten in den USA, Portugal, Indien und Frankreich, später auch in Südamerika, in der Türkei. Seit den Achtzigerjahren ging Bausch regelmäßig auf Tournee – etwa nach Israel, Australien, Japan, Indien und in die USA. Bauschs Ansatz, über Menschen und die Psychologie des Menschen zu arbeiten, wurde international verstanden. Sie öffnete damit nicht nur Türen für den deutschen Tanz in aller Welt, sondern auch für das Goethe-Institut. Umgekehrt war es vor allem der Erfolg im Ausland, der geholfen hat, ihre Arbeit auch in Deutschland bekannt zu machen.

Ehrlich, neugierig, unvoreingenommen

Es waren nie der reine, absolute und abstrakte Tanz und die leere Bewegung, die Bausch interessierten, sondern theatralische Bilder, sozialkritische Motive und realistische Elemente. Ganz konsequent bedeutete dies für die Choreografin, dass ihre Tänzer nicht mehr stumm waren, sondern auf der Bühne auch singen und sprechen sollten. Ihre Tänzer wurden zu Individuen, mit Vorlieben, Macken und Ticks. Ihre Arbeiten „kombinieren Hektik mit Frieden, Wirbel mit Einsamkeit, Fröhlichkeit mit Trauer, Lärm mit Stille, Helligkeit mit Dunkel, Witz mit Frustration, Leben mit Tod, Solo mit Ensemble, Statik mit Bewegung“ (Kritiker Jochen Schmidt in einer Publikation des Goethe-Instituts). Einzigartig war ihre Art, durch Fragen ihre Tänzer dazu zu bringen, ihr Innerstes ohne Grenzen offenzulegen.

Pina Bausch starb am vergangenen Dienstag. Weltweit trauern Menschen um eine faszinierende Frau. Bauschs Ehrlichkeit, ihre Neugierde und ihre Unvoreingenommenheit haben alle, die sie kennenlernten, stets in Erstaunen versetzt. Goethe-Mitarbeiter wurden oft lebenslange Freunde. „Pina“, so Georg Lechner, „gehörte zu unserem Leben.“

Und zur deutschen Kultur – wie nur wenige andere. Wer in den vergangenen Jahren von Tanztheater sprach, meinte meist das Tanztheater der Pina Bausch. Von diesem werden nur noch ihre schon einstudierten Werke bleiben.


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