Nicht
mehr neu-gierig sein
Collage: Annette Kerschbaum
„Nicht zufrieden mit den Weihnachtsgeschenken?“,
fragt dich die E-Mail treuherzig. „Dann verkaufe sie doch
wieder bei eBay.“
Du grinst, denn genau das hast du bereits getan. Oder beinahe,
denn in ein paar Stunden läuft die Angebotszeit für
die elektrische Zahnbürste und den Feng-Shui-Zimmerbrunnen
aus, die du im Wohnzimmer deiner Eltern am Heiligen
Abend ausgepackt hast. Gedanken darüber, woran es liegen
könnte, dass du nur so blöde Dinge geschenkt bekommst,
oder wie du es in Zukunft ändern könntest, machst du
dir lieber gar nicht. Du bist zu sehr damit beschäftigt,
dir eine Zweitidentität beim Online-Auktionshaus anzulegen,
mit der du die Preise für deine eigenen Angebote in die Höhe
treibst, um so noch ein paar Cent mehr für dein altes Paar
Tennisschuhe und den Schulatlas rauszuschlagen. Die hast du nämlich
„reingestellt“,
nachdem du im Keller deiner Eltern herumgestöbert
hast, während dein Vater die Vierschanzentournee
anschaute.
Luxusausstattung
aus dem Keller
Die
Angebotstexte für deine Auktionen formulierst du so, dass
sie gerade eben der Wahrheit entsprechen und dir niemand eine
schlechte Bewertung geben kann. Trotzdem bist du dir nicht zu
schade, mit schwammigen
Formulierungen wie „Sammlerstück“, „superselten“
oder „Luxusaustattung“ selbst die minderwertigsten
Werbegeschenke hochzujubeln
und kannst es meist nicht fassen, wie viel Geld manche Leute bezahlen
für „diesen Schrott“,
wie du ihn selbst schamlos nennst. Zum Beispiel CDs, die gratis
einem Musikmagazin beilagen. Oder die Warenproben, die du bei
deinem Ferienjob eingesteckt hast.
Vor
deinem Dasein als Online-Auktionator hast du Klamotten, die du
nicht mehr brauchtest, in die Altkleidersammlung
gegeben. Hast deine Kinderbücher an den kleinen Sohn deiner
Cousine verschenkt oder – wenn es sich um ein Vogelkundebuch
aus den Achtzigern oder einen altersschwachen Adventskranz
handelte – auch ruhig mal weggeworfen. Du hast dich gefreut,
wenn du im Keller deiner Eltern eine Lampe aus den Sechzigern
gefunden hast – und sie dann in dein WG-Zimmer
gestellt. Heute machst du sofort ein gedankliches Preisschild
an die Lampe und versuchst abzuschätzen, wie hoch der Betrag
sein wird, den du auf das Schildchen schreiben kannst.
48
Millionen in flammenden Buchstaben
„eBay
ist zum Volkssport geworden“, liest du in der Zeitung, und
dass im dritten Quartal des Jahres 2003 alleine in Deutschland
über 48 Millionen Artikel angeboten wurden. Mal schauen,
wie die Angebote bei deinen laufenden Auktionen inzwischen stehen.
Toll, jemand hat 8 Euro und 20 Cent für die Rattantruhe
geboten, die du deinem ehemaligen Mitbewohner bei dessen Auszug
abgeluchst
hast, weil er einen zu kleinen Transporter gemietet hatte und
nicht alles unterbrachte. In drei Tagen, wenn das Geld des Höchstbietenden
auf deinem Konto eingegangen ist und du schlecht gelaunt im Schneeregen
zum nächsten Postamt läufst, steht über dir in
flammenden Buchstaben in den Himmel geschrieben: Gier
ist geil.
christoph-koch
Text
als RTF-Datei zum Herunterladen
|
|