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DER BLUMENLADEN:
KEIN GESCHÄFT WIE JEDES ANDERE
In einem Blumenladen lassen sich
Schicksale aufspüren. Und Geschichten erzählen. Wie die von dem, der in
den Laden kommt und seine Aufregung kaum verbergen kann. "Schnell",
sagt er, "die Rosen sollen noch heute Abend an diese Adresse geliefert
werden." Ganz klar, der Mann ist schwer verliebt. Und wenn es denn
funktioniert mit dem Blumentrick, und Blumen zu verschenken funktioniert
eigentlich immer, wird die Empfängerin der Rosen später vielleicht auch
mal in so einem Laden stehen und sich einen Brautstrauß aussuchen, später
Blumen für die Taufe und dann für Beerdigungen. Wer in einem Blumenladen
arbeitet, ist nahe dran an den Menschen, ein Berater in emotionalen und
intimen Momenten. Ganz nah dran. Und das muss man aushalten können.
Johanna Illing, 18 und Bettina Bathorn, 17, glauben, dass sie das können.
Die beiden sind im ersten Lehrjahr Floristik in einer Münchner Gärtnerei,
die, wie das Leben eben so spielt, direkt gegenüber der Aussegnungshalle
eines Friedhofes liegt. Was tun eigentlich Floristen? Was wäre denn die
typische Handbewegung? Johanna macht einen Schwung mit der rechten Hand,
wie sie mit einem Messer Blumen anschneidet, Bettina dreht Spiralen in
der Luft, wie sie mit einem Wickeldraht einen Blumenstrauß zusammenbindet.
Aha! Das tun Floristen also. Und warum wird jemand Floristin? Noch dazu
bei dem recht niedrigen Gehalt, ähnlich wie bei Friseuren oder Schneiderinnen?
Johanna muss nicht lange überlegen: "Schon als kleines Mädchen habe
ich Pflanzen geliebt und war ständig mit Gießen und Umtopfen beschäftigt."
Ein klarer Fall von Bestimmung eben. Ihr macht es auch nichts, dass die
Finger voller Erde sind und die Arme zerkratzt von Rosendornen. Floristik,
da sollte man sich nichts vormachen, ist eine knochenharte Ausbildung.
Im Winter ganz besonders, auch wenn die Arbeit mit den Pflanzen im Lauf
der dreijährigen Lehre weniger wird und das Betriebswirtschaftliche des
Blumenhandels und der Umgang mit den Kunden in den Vordergrund rücken.
Wenn sie einfach loslegen könnten, ohne jeden Kundenwunsch, würde Johanna
gerne einen Brautstrauß zusammenstellen, so einen wie ihn Lady Diana getragen
hatte. "Richtig pompös mit Rosen, Levkojen, Lilien und Iris."
Bettina dagegen, so schnell schließt sich
der Kreis, würde lieber einen Kranz binden. "Für eine Beerdigung.
Mit viel Ginster, aber auch mit Rosen." Sind Mädchen, die Floristik
lernen und täglich in einem Blumenmeer arbeiten, eigentlich noch mit Blumengeschenken
zu beeindrucken? Aber ja - die Jungs bitte mal herhören - am besten gefallen
würde eine einzige rote Rose. "Bitte keine Materialschlacht mit bunten,
teuren Sträußen. Todsünden sind Schleierkraut und gefärbte Blumen, wie
zum Beispiel blaue Chrysanthemen", sagt Johanna.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mädchen eine einzelne rote Rose von einem
Arbeitskollegen geschenkt bekommen, ist gering: Auf 30 Mädchen kommt ein
Junge und der, die beiden Blumenmädchen kichern hinter vorgehaltener Hand,
ist sowieso schwul. Das feminine Image, das dieser Beruf trotz aller schweren,
körperlichen Arbeit hat, hält auch Anna Lindner, die Ausbilderin von Johanna
und Bettina, für ein Problem. Und sie erzählt die Geschichte von einem
Jungen, der unbedingt Florist werden wollte und sich um eine Lehrstelle
in ihrer Firma beworben hatte. "Der Vater des Jungen hat das aber
nicht erlaubt. Statt dessen musste er einen Metallberuf erlernen. Aber
gleich nach seinem Zivildienst
hat er alles hingeworfen und wurde doch Florist. Und glücklich obendrein."
Eine Geschichte mit eingebautem Happy-End. Und fast schon mit Jobgarantie:
Floristen sind gesucht, Stellen finden sich leicht.
Auch Frau Lindner wird zum Beruferaten gebeten. Eine typische Handbewegung,
bitte. Sie überlegt kurz und sagt, ohne zu wissen, was die Mädchen geantwortet
haben: "Also diese Bewegung, bei der die rechte Hand die Blumen abschneidet
- ist es sicherlich nicht." Und dann öffnet sie die Hände, mit den
Handflächen nach oben. So, als wolle sie sagen, das ist unser Angebot,
suchen sie sich etwas aus. Es wäre zu einfach, an diesem Punkt festzustellen,
dass Frau Lindner eine begnadete Verkäuferin ist. Es geht schließlich
um Menschen. Und Blumen begleiten ihre Schicksale. Zwischen den Handbewegungen
der Mädchen und der Lehrerin liegen zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre Ausbildung
an Blumen und Erfahrungen mit Menschen. Und plötzlich spürt man eine merkwürdige
Lust am Älterwerden.
Rainer Sladek
Wie werde ich: Florist?
Florist ist ein Lehrberuf, der bis 1965 Blumenbinder hieß. Die dreijährige
Lehre kann bei Abiturienten oder bei Leuten, die schon eine andere Ausbildung
haben, auf zwei Jahre verkürzt werden. Im Anschluss ist eine einjährige
Meisterschule möglich. Als bester Abschluss in der Floristik gilt die
"Fachschule für Blumenkunst" (Tel. 08161/713373) in Weihenstephan.
Dieses viersemestrige Studium schließt mit dem Titel "staatlich geprüfter
Florist" ab. Diese Ausbildung ist einmalig in Europa.
Die Blumenwährung:
Was Europa erst mit der Einführung des Euro in diesem Jahr geschafft hat,
ist bei internationalen Blumenläden schon ein alter Hut: Wer mit Fleurop
international Blumen verschicken will, zahlt mit der Blumenwährung Florin.
Der Florin bemisst sich nach dem Kurs des Schweizer Franken, steht somit
also ungefähr bei 1,15 DM und sorgt dafür, dass ein Strauß in Wert von
30 Florin weltweit gleich viel wert ist.
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