Stéphane Bauer

Kuratorisches Statement

Kunst und Kultur können nur im Kontext präsentiert und vermittelt werden; die örtlichen, sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen ihrer Produktion und Präsentation und die spezifischen Rezeptions- und Diskursbedingungen müssen stets mitreflektiert werden. Gleichzeitig und folgerichtig ist festzustellen, dass in der Kulturpolitik ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde: nicht mehr „Kultur für alle“, sondern die Artikulation und Repräsentation minoritärer Szenen und Kulturen mit dem Ziel, Teilhabe- und Handlungsmöglichkeiten zu erhöhen. Konstituierend für diese Kulturpolitik ist also eine Orientierung auf bereits agierende Akteure künstlerischer Szenen und die Suche und Förderung neuer, unbekannter Potentiale.

Nur wenige öffentliche kulturelle Räume haben die Bedeutung dieser Zuspitzung verstanden und ihre Aktivitäten auf diese minoritären (aber in ihrer Summe eine „Vielzahl “ bildenden) Milieus orientiert, die sich über kulturelle, geschlechtliche und habituelle Muster definieren und Artikulationsmöglichkeiten meist nur in subkulturellen, freien und prekären Zusammenhängen finden. Zentral ist hier die Bestimmung einer städtischen Kultur, einer kommunalen Kulturarbeit – orientiert auf eine Kommune, ein Gemeinwesen, das sich in seinen kulturellen Ausformungen in eine Vielzahl unterteilt – auf Öffentlichkeiten. Diese städtische Kultur muss sich in öffentlichen Räumen artikulieren (Institutionen, Einrichtungen, Galerien, etc.), die sich diesen pluralen Milieus öffnen und dabei als Mittler agieren.

Im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, den ich seit 2002 leite, wird Vermittlung als Brückenschlag verstanden – als ein Dazwischen, das nicht auf die Herausbildung oder Zuschreibung einer neuen, räumlich begrenzten Identität reduziert wird, sondern sich aus dem Zusammenhang von lokalen, transnationalen, internationalen und kulturellen Bezügen ergibt. Kunst durchschreitet dabei Grenzen zwischen Bekanntem und Fremdem, Etabliertem und Innovativem, Leichtigkeit und Anstrengung. Sie muss an diesen Grenzen oszillieren: neue Themen in Angriff nehmen, gewagte Thesen aufstellen, Durchlässigkeiten schaffen, neue Räume öffnen.

Kultur und Kunst bedeuten Lust zur Anstrengung. In dieser Anstrengung, die Arbeit und Anspruch erfordert, entfaltet sich ihr zivilisatorisches und ein universalistisches Potential. Kunst und Kultur sind insofern „elitär“, als sie einen Anspruch einklagen – wir wollen teilhaben, wir wollen handeln, wir wollen verstehen. Dieser Anspruch ist nicht der Anspruch der Massen. Er wird minoritär in einer Vielzahl formuliert. Kunst und Kultur erreichen von daher nicht „alle“ und wollen diese nicht erreichen, sie erreichen eine Vielzahl – Subjekte, die sich der Lust der Anstrengung hingeben.

Stéphane Bauer (2007)

Stéphane Bauer 2006, Copyright: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
Stéphane Bauer
Leiter | Kunstraum Kreuzberg/Bethanien Berlin

Schlagworte
Gegenwartskunst
Interdisziplinäre Projekte
Graffiti/Street art
Stadtkultur, Urbanismus
Subkultur, kulturelle Räume und Öffentlichkeiten
Soziales Handeln
Kunstvermittlung

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Stéphane Bauer