Hans D. Christ / Iris Dressler

Kuratorisches Statement

Im Januar 2005 sind wir im Württembergischen Kunstverein mit dem klaren Ziel und Auftrag einer Neuprofilierung angetreten. Unser Konzept der Neuprofilierung orientiert sich entlang der Heterogenität zeitgenössischer künstlerischer Praktiken sowie einer heute auf vielerlei Ebenen vernetzten Kultur- wie Wissensproduktion. Das heißt, wir gestalten das Programm auf der Basis verschiedenster, lokaler wie auch internationaler Netzwerke. So wird das Programm nicht nur hausintern kuratiert, sondern wir laden regelmäßig externe KuratorInnen dazu ein, ein Projekt mit uns oder anderen Beteiligten gemeinsam zu produzieren. Denn die Wissens- sowie die gesellschaftlichen Bereiche, in die künstlerische Praktiken mittlerweile hineinreichen, sind derart ausdifferenziert, dass man gar nicht anders kann, als verschiedenste Kompetenzen einzubeziehen.

Insgesamt umfasst das Programm des Württembergischen Kunstvereins jährlich ca. 10 Ausstellungen, die unterschiedliche Aspekte der zeitgenössischen Kunst aufgreifen: Die Neubestimmung „klassischer Medien“ wie der Zeichnung, Malerei oder Skulptur, zählt ebenso dazu wie die verschiedenen Bereiche der Medienkunst, Soundart, der Performance oder des Films. Im Mittelpunkt stehen dabei künstlerische Praktiken, die auf verschiedene Weise gesellschaftliche „Wirklichkeiten“ und deren Repräsentationen befragen.

Zudem umfasst das Programm Vortragsreihen, Workshops, Symposien und Filmprogramme, die Einzelaspekte von Ausstellungen vertiefen oder unabhängig davon stattfinden, wie zum Beispiel ein viertägiger Workshop mit Filmperformances, der sich dem Expanded Cinema der 1960/70er Jahre widmet (Kurator: Mark Webber, London).

Darüber hinaus interessieren uns prozessbasierte Ausstellungsprojekte, die wie „On Difference“ oder „Muntadas–Protokolle“ (beide 2006) auf einem offenen Konzept beruhen, das sich erst in der Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen ausformuliert. Dabei verstehen wir den Kunstverein als Schnittstelle zwischen Kunst, Forschung, Produktion und Publikum.

In den letzten 40 Jahren sind parallel zu den Institutionen unzählige Handlungsräume einer vernetzten Kultur- wie Wissensproduktion entstanden, die eigene, dezentral agierende Nischen ausgebildet und Öffentlichkeiten geschaffen haben, die außerhalb des Ausstellungsraumes stattfinden. Diese Handlungsräume sowie die künstlerischen Praktiken, die sie hervorgebracht haben wie etwa die „Netzkunst“, lassen sich nicht ohne weiteres auf die Institution übertragen, jedoch hier in Form von Übersetzungen reflektieren. Zwar ist jede Ausstellung eine Übersetzung, in diesen Fällen findet jedoch ein entscheidender Transfer zwischen verschiedenen, kaum kompatiblen Resonanzräumen statt. Man könnte zwar auch argumentieren, dass diese kulturellen Praktiken nicht in die Institution gehören. Damit würde sich die Vermittlung zeitgenössischer Kunst allerdings sehr stark verzerren.

Iris Dressler & Hans D. Christ (2007)

Hans D. Christ 2006, Copyright: Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Fotograf: L. Samaha
Hans D. Christ
Direktor | Württembergischer Kunstverein Stuttgart

Schlagworte
Gegenwartskunst
Medienkunst
Digitale Kultur
Zeichnung
Film/Video
Interdisziplinäre Projekte
Kultur- und Wissensproduktion
Soziale Prozesse

Kontakt:
Hans D. Christ