Matthias Wagner K

Kuratorisches Statement

Grundgedanke meiner kuratorischen Arbeit ist, dass eine Skulptur, eine Fotografie, ein Film, ein Objekt oder ein Sammlungsexponat nicht isoliert und rein ästhetisch zu betrachten sind, sondern im Zusammenhang mit ihrer Zeit und speziellen Traditionen in Schrift und Bild stehen, also – nach A. Warburg – vielmehr als psychohistorische Symptome zu lesen sind, in denen sich die Grundprinzipien menschlicher Existenz verdichten. Daher erfordert die Setzung eines Themas und das Kuratieren einer Ausstellung zu eben diesem Thema nicht nur eine genaue Beobachtung dessen, was sich zu einer gegebenen Zeit in der künstlerischen Produktion ablesen lässt, sondern zugleich eine Kenntnis vom jeweiligen Hintergrund, der sich aus der Geschichte, aus Traditionen, aus sozialen, geografischen wie kulturellen Besonderheiten speist.

Ich halte es für notwendig, dass im kuratorischen Arbeitsprozess ein entschlossener Widerstand gegen reduktive Systeme der Analyse – seien es formelle, begriffliche oder kognitive – sowie hegemoniale Zuschreibungen und Definitionen aufscheint. Mit Blick auf aktuelle Äußerungen bedeutet dies, immer wieder neu zu verhandeln, was Kunst sein kann. Verschiebung und Verdichtung sind dabei anwendbare Methoden und ebenso der kritische Umgang mit den ökonomischen Rahmenbedingungen, den gesellschaftlichen Kontexten sowie mit den Präsentationssystemen – etwa den Veranstaltungsformaten, der gestalterischen Inszenierung und der Vermittlung von Inhalten.

Meine Aufgabe als Kurator und Ausstellungsmacher sehe ich darin, Kunst und KünstlerInnen dahin gehend zu unterstützen, dass jener Freiraum bewahrt wird oder entsteht, in dem eine kritisch-reflexive Haltung gegenüber den Phänomenen der Gegenwart eingenommen werden kann. Daher geht es immer auch um die Schaffung von Rahmenbedingungen, die es einer Einzelperson oder einer Konstellation von mehreren Personen ermöglicht, einen sinnlich erfahrbaren Denkraum – denn als solcher zeichnet sich ein ‚Kunstraum’ aus – jenseits alltagspragmatischer Umstände und Zwänge zu schaffen, dem, im besten Fall, ein utopisches Moment innewohnt.

Als Direktor eines Museums für angewandte Kunst halte ich es für notwendig, zu den traditionellen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Sammlungs- und Ordnungskriterien auf Distanz zu gehen. An die Stelle einer Auseinandersetzung mit den Objekten allein aus ihrer Historie heraus muss ein Aus- und Verhandeln von zeit- und unzeitgemäßen Betrachtungen treten, woraus Fragestellungen erwachsen, denen in thematischen Ausstellungen begegnet werden kann. Es geht darum, Museum als Möglichkeitsraum zu begreifen, in dem Beziehungen geschaffen werden zwischen dem, was war, was ist und was sein wird. Nur so können neue Denk- und Präsentationsperspektiven entstehen – Perspektiven, die von Themen und von der notwendigen Reflexivität des Ausstellens geprägt sein müssen. Mit Blick auf die BesucherInnen eines Museums mit ‚angewandte Kunst, Kunsthandwerk oder Kunstgewerbe’ im Namen, geht es darum, deren generative Kräfte im Begreifen und Urteilen zu stärken, die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen zu sammeln im Umgang mit immer neuen Konstellationen von Dingen und Werken unterschiedlichen Gebrauchs und damit zum Andersdenken.

Matthias Wagner K (2014)

Matthias Wagner 2014
Matthias Wagner 2014

Matthias Wagner K

Direktor| Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Schlagworte
Gegenwartskunst
Angewandte Kunst
Design/Mode
Interdisziplinäre Projekte
Projektbasierte Ansätze
Lichtkunst
Nordeuropa, Island
Biennalen

Kontakt:
Matthias Wagner K
www.wagner-k.de