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Eugen Hausladen
erzählt vom Krieg. Er weiß immer noch, wie viel Schuss das
MG
42 "in der Sekunde rausgelassen hat, 14 Schuss", er
weiß, wie es klingt, wenn die Artillerie schießt und
wie weit sie dann weg ist, und er weiß, wie es sich anfühlt,
wenn ein Granatensplitter eine Brille trifft und dann in den Kopf
dringt, "den hab ich heute noch drin". Eugen Hausladen
erzählt richtig gut vom Krieg. "Der Krieg", sagt
er, "ist für mich ein Geruch. Der Geruch von Wunden und Pulverdampf."
Er schaut, wie Victor reagiert. "Der Geruch, der über
dem Schlachtfeld schwebt." Victor hat diese Geschichten
noch nie gehört. "Wenn man es so dichterisch ausdrücken
will", sagt sein Opa und hält inne. "Ich komme mir
aber jetzt schon blöd vor." Er schaut auf Victor, und
Victor schaut zurück. Eine
seltsame Situation. Ein alter Mensch und ein junger Mensch. Wie
geblendet von der Vergangenheit. "So wie wir uns hier unterhalten",
sagt Eugen Hausladen, "klingt das ja witzig. Ich hab mich ja
fast schon gerühmt." Er wartet. "Aber es gibt nichts
Rühmenswertes. Das alles ist kein Ruhmesblatt."
Stille. Eine Ewigkeit. Dann redet der alte Mensch. "Es ist
so schwer, darüber zu sprechen." Seine Generation, sagt
Eugen Hausladen, habe einfach Angst vor dem Thema Vergangenheit.
"Man hat Angst, den Krieg so als frisch-fröhlich-freies
Abenteuer zu erzählen. So war der Krieg nicht. Da
war niemand mehr begeistert." Und beim ganzen Rest vom Dritten
Reich, sagt er dann, "hat man Angst, dass man Kritik hört,
und dass man dann gegen die Kritik nichts sagen kann, weil man weiß,
dass es nicht richtig war. Also scheut man sich zu erzählen."
Eugen Hausladen redet wie mit sich allein. Dann richtet er das Wort
an Victor. "Jetzt müssen wir uns mal öfter treffen."
Auf der Heimfahrt spricht Alex nicht viel. Er hört die Doors:
Break on through to the other side. Das passt ganz gut. Fast jeder
kennt die deutsche Geschichte. Lehrplan 9., 10. Klasse, Drittes
Reich. Fast niemand kennt die Geschichte seiner Großeltern.
Die andere Seite der Geschichte. "Von seinen Verwandten weiß
man aus der Zeit eigentlich nichts", sagt Alex. "Und bald
werden sie nicht mehr da sein."
Victor fährt von seinem Großvater zu ein paar Freunden.
Es ist Freitag. Ausgehtag. Richtig Lust hat Victor nicht mehr. Es
komme ihm so vor, sagt er im Auto, als wäre sein Großvater
für ihn durch dieses Gespräch ein ganz anderer Mensch
geworden. "Ich wusste ja irgendwie gar nicht, wie er ist."
Alex' Großvater schläft nicht viel in
der Nacht nach dem Gespräch mit seinem Enkel. Er denkt nach.
Am nächsten Tag liest er in einem Buch von
Rolf Lahr, "Zeuge von Fall und Aufstieg". Rolf
Lahr saß ab 1934 im Reichswirtschaftsministerium,
war später Panzeroffizier und nach dem Krieg Diplomat im Auswärtigen
Amt. Auf Seite
115 hat Alex' Opa einen Satz markiert: "Ich
wünschte mir, dass die Irrtümer der Väter den Söhnen
zu denken - zu denken im vollen Sinn des Wortes - gäben."
Das Buch will er seinem Enkel geben. Als Anfang.
Als Victor seine Kumpels
trifft, fragen sie ihn, was er heute so gemacht habe, wie man halt
so fragt, wenn man sich trifft. "Ich habe mit meinem Großvater
gesprochen", sagt Victor. Aha, sagen die Freunde. "Über
die Nazi-Zeit", sagt Victor. Na krass,
sagen die Freunde und wollen wissen, wie es war. "Ganz gut",
sagt Victor nur.
"Ich habe ja nicht mehr so viel Zeit", erklärt der
Großvater von Alex. Im März wird er 90 Jahre alt. An manchen
Tagen, sagt er, sei er sich nicht sicher, ob er diesen Geburtstag
noch erleben werde. Aber jetzt sei ja erst mal Weihnachten. Da treffen
sich Enkel und Großvater, wie in so vielen Familien. Und es
gibt viel zu reden.
Text:
Roland Schulz
Heft Nr. 51 - 24.12.2001
Fotos: Daniel Maye
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