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Sein Kampf 

Teil 3

Eugen Hausladen erzählt vom Krieg. Er weiß immer noch, wie viel Schuss das MG 42 "in der Sekunde rausgelassen hat, 14 Schuss", er weiß, wie es klingt, wenn die Artillerie schießt und wie weit sie dann weg ist, und er weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Granatensplitter eine Brille trifft und dann in den Kopf dringt, "den hab ich heute noch drin". Eugen Hausladen erzählt richtig gut vom Krieg. "Der Krieg", sagt er, "ist für mich ein Geruch. Der Geruch von Wunden und Pulverdampf." Er schaut, wie Victor reagiert. "Der Geruch, der über dem Schlachtfeld schwebt." Victor hat diese Geschichten noch nie gehört. "Wenn man es so dichterisch ausdrücken will", sagt sein Opa und hält inne. "Ich komme mir aber jetzt schon blöd vor." Er schaut auf Victor, und Victor schaut zurück. Eine seltsame Situation. Ein alter Mensch und ein junger Mensch. Wie geblendet von der Vergangenheit. "So wie wir uns hier unterhalten", sagt Eugen Hausladen, "klingt das ja witzig. Ich hab mich ja fast schon gerühmt." Er wartet. "Aber es gibt nichts Rühmenswertes. Das alles ist kein Ruhmesblatt." Stille. Eine Ewigkeit. Dann redet der alte Mensch. "Es ist so schwer, darüber zu sprechen." Seine Generation, sagt Eugen Hausladen, habe einfach Angst vor dem Thema Vergangenheit. "Man hat Angst, den Krieg so als frisch-fröhlich-freies Abenteuer zu erzählen. So war der Krieg nicht. Da war niemand mehr begeistert." Und beim ganzen Rest vom Dritten Reich, sagt er dann, "hat man Angst, dass man Kritik hört, und dass man dann gegen die Kritik nichts sagen kann, weil man weiß, dass es nicht richtig war. Also scheut man sich zu erzählen." Eugen Hausladen redet wie mit sich allein. Dann richtet er das Wort an Victor. "Jetzt müssen wir uns mal öfter treffen."

Auf der Heimfahrt spricht Alex nicht viel. Er hört die Doors: Break on through to the other side. Das passt ganz gut. Fast jeder kennt die deutsche Geschichte. Lehrplan 9., 10. Klasse, Drittes Reich. Fast niemand kennt die Geschichte seiner Großeltern. Die andere Seite der Geschichte. "Von seinen Verwandten weiß man aus der Zeit eigentlich nichts", sagt Alex. "Und bald werden sie nicht mehr da sein."

Victor fährt von seinem Großvater zu ein paar Freunden. Es ist Freitag. Ausgehtag. Richtig Lust hat Victor nicht mehr. Es komme ihm so vor, sagt er im Auto, als wäre sein Großvater für ihn durch dieses Gespräch ein ganz anderer Mensch geworden. "Ich wusste ja irgendwie gar nicht, wie er ist."

Alex' Großvater schläft nicht viel in der Nacht nach dem Gespräch mit seinem Enkel. Er denkt nach. Am nächsten Tag liest er in einem Buch von Rolf Lahr, "Zeuge von Fall und Aufstieg". Rolf Lahr saß ab 1934 im
Reichswirtschaftsministerium, war später Panzeroffizier und nach dem Krieg Diplomat im Auswärtigen Amt. Auf Seite 115 hat Alex' Opa einen Satz markiert: "Ich wünschte mir, dass die Irrtümer der Väter den Söhnen zu denken - zu denken im vollen Sinn des Wortes - gäben." Das Buch will er seinem Enkel geben. Als Anfang.

Als Victor seine Kumpels trifft, fragen sie ihn, was er heute so gemacht habe, wie man halt so fragt, wenn man sich trifft. "Ich habe mit meinem Großvater gesprochen", sagt Victor. Aha, sagen die Freunde. "Über die Nazi-Zeit", sagt Victor. Na krass, sagen die Freunde und wollen wissen, wie es war. "Ganz gut", sagt Victor nur.

"Ich habe ja nicht mehr so viel Zeit", erklärt der Großvater von Alex. Im März wird er 90 Jahre alt. An manchen Tagen, sagt er, sei er sich nicht sicher, ob er diesen Geburtstag noch erleben werde. Aber jetzt sei ja erst mal Weihnachten. Da treffen sich Enkel und Großvater, wie in so vielen Familien. Und es gibt viel zu reden. 

Text: Roland Schulz
Heft Nr. 51 - 24.12.2001
Fotos: Daniel Maye

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