Ausstellung „Die Angst vor dem Unbekannten“

Wer Flüchtlingen hilft, wird mit obszönen Sprüchen bedacht – das verarbeitet die Comiczeichnerin TOY_BOX in einer Bilderserie
Wer Flüchtlingen hilft, wird mit obszönen Sprüchen bedacht – das verarbeitet die Comiczeichnerin TOY_BOX in einer Bilderserie | © Dom umenia / Kunsthalle Bratislava; Foto: Zuzana Štibranyiova

Die Flüchtlingskrise spaltet Europa. Auch in der Slowakei nimmt die Angst vor Islamisierung und Terror zu, die Flüchtlingspolitik beherrschte den Wahlkampf vor den Parlamentswahlen im März. Die Ausstellung „Die Angst vor dem Unbekannten“ in der Kunsthalle Bratislava thematisiert die wachsende fremdenfeindliche Stimmung im Land und bringt Slowaken und Flüchtlinge an einen Tisch. Ob das gutgehen kann, darüber spricht der Direktor der Kunsthalle Juraj Čarný im Interview.

Herr Čarný, es heißt, die Kunsthalle Bratislava sei die erste staatliche Kunstinstitution in Osteuropa, die das Thema Flüchtlinge und Fremdenhass offensiv angeht. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Das Thema ist für unsere Gesellschaft und für Europa sehr wichtig. Aber bis vor wenigen Monaten gab es in der Slowakei darüber keine öffentliche Diskussion. Das wollten wir ändern. Die Kunsthalle Bratislava wurde 2014 eröffnet. Als wir mit der Arbeit anfingen, haben wir festgestellt, dass die wichtigen Kunstinstitutionen der Stadt, wie das Nationalmuseum oder das Stadtmuseum, ihre Programme schon für die nächsten drei Jahre festgelegt haben.

Das war für uns die Gelegenheit, Themen abzubilden, die sonst nicht vorkommen. Als ich nach der Violetten Revolution von 1989 nach Wien reiste, fiel mir auf, dass in den Straßen Menschen aller Nationalitäten zu sehen sind. Das war in der Slowakei nicht so. Und ist es bis heute nicht. 1996 ging ich zum Studieren nach Kopenhagen. Dort gab es zahlreiche Projekte, um Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Soziologen, Kuratoren und Künstler bemühten sich, mit Zugewanderten zu arbeiten. Die Slowaken haben damit gar keine Erfahrung. Viele haben keine Vorstellung davon, wer oder was ein Flüchtling sein könnte, weil die meisten schlicht niemals einen Ausländer getroffen haben.

Denkprozesse anstoßen

In der Slowakei gibt es kaum Asylbewerber, die Zahl der bewilligten Asylanträge lag im Jahr 2015 bei weniger als 20. Die Angst vor einer Flüchtlingsinvasion ist trotzdem groß. Was kann eine Kunstausstellung da bewirken?

Der Künstler Mario Chromý thematisiert in seiner Skulptur „Family on the march“ einen Protestmarsch gegen die Roma-Minderheit. Der Künstler Mario Chromý thematisiert in seiner Skulptur „Family on the march“ einen Protestmarsch gegen die Roma-Minderheit. | © Dom umenia / Kunsthalle Bratislava; Foto: Zuzana Štibranyiova Bei der Vorbereitung wurde uns schmerzlich bewusst, dass jeder in der Familie oder im Bekanntenkreis sofort eine Meinung zur Flüchtlingspolitik hat, entweder für oder gegen Flüchtlinge. Alle glauben zu wissen, wo die Wahrheit liegt. Das Thema spaltet Familien, Freundschaften und die Gesellschaft. Künstler können neue Sichtweisen aufzeigen. Es ist mir sehr wichtig, dass wir in der Ausstellung keine Position für oder gegen etwas beziehen, sondern dass wir die Menschen dazu motivieren, über ein Problem nachzudenken. Wir möchten die Öffentlichkeit in einen Denkprozess integrieren.

Sie haben die Ausstellung im Vorfeld nicht kommuniziert. Es gab keine Plakate oder Ankündigungen wie sonst. Wovor hatten Sie Angst?

Kurz vor Ausstellungsbeginn fanden in der Slowakei Parlamentswahlen statt. Viele Parteien benutzen das Flüchtlingsproblem in einer sehr populistischen Weise. Wir wollten nicht Teil dieser Wahlpropaganda werden. Wir wussten ja, dass viele Menschen in Bezug auf Flüchtlinge negativ eingestellt sind. Wir wollten verhindern, dass Menschen sich eine Meinung über die Ausstellung bilden, bevor sie die Kunst gesehen haben.

Wie ist die Ausstellung angelegt?

Kuratiert wurde die Schau von der slowakischen freien Kuratorin Lenka Kukurová, die an der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig gearbeitet hat. Sie hat Fotoarbeiten, Installationen und Videos von slowakischen, polnischen, österreichischen, rumänischen und deutschen Künstlern ausgewählt.

Container und Zäune in der Ausstellung

Die Ausstellung zeigt durchaus kritische Kunst, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Es gibt mehrere Videoarbeiten. In einem Video von Tomáš Rafa sind deutsche Pegida-Demonstranten zu sehen, was auf den ersten Blick ziemlich bedrohlich wirkt. Der slowakische Künstler Ján Triaška zeigt ein mit Schweineblut gemaltes Portrait eines slowakischen rechtsextremen Politikers. Wie wird diese Kunst in Bratislava aufgenommen werden?

Die breite Öffentlichkeit in der Slowakei ist an zeitgenössische Kunst nicht gewöhnt. Ich bin selbst gespannt darauf, wie das Publikum reagiert. Ich könnte Ihnen leicht sagen, wie man in Wien mit Kunst provoziert oder wie man die katholische Bevölkerung in Polen aufregt. Aber was die Slowakei angeht, kann ich das nicht sagen.

Eine Installation mit bestickten Rettungswesten von der deutschen Künstlerin Birgit Rüberg Eine Installation mit bestickten Rettungswesten von der deutschen Künstlerin Birgit Rüberg | © Dom umenia / Kunsthalle Bratislava; Foto: Zuzana Štibranyiova Der tschechische Künstler Lukas Houdek zeigt einen Container, der an Container erinnert, in denen Flüchtlinge illegal nach Europa geschmuggelt werden – und zu Hunderten sterben. Der slowakische Künstler Oto Hudec verbirgt eines seiner Kunstwerke hinter einem Zaun, der nicht für jeden Ausstellungsbesucher passierbar ist. Im abgesicherten Kunstkontext Flüchtling zu spielen, das ist durchaus zwiespältig.

Aus meiner Sicht ist Partizipation im Museum extrem wichtig. Wir wollen ja nicht nur schöne Bilder zeigen. Wenn wir die Menschen erreichen wollen, müssen wir anfangen, ein Spiel zu spielen und aus Ausstellungsbesuchern aktive Teilnehmer zu machen. In dem Container von Lukas Houdek sind die Besucher für eine unbestimmte Zeit im Dunkeln eingeschlossen, sie wissen nicht, wann sie wieder herauskommen. Solche Arbeiten helfen zu verstehen, was es bedeutet ein Flüchtling zu sein. Und bei dem Zaun von Oto Hudec lassen die Ausstellungsaufsichten gezielt manche Besucher durch und andere nicht, es ist ein Selektionsprozess, wie er auch an den Grenzen und bei Asylbewerberverfahren vorkommt.

Es gibt außerdem etliche Arbeiten, die sich mit dem Alltag in Flüchtlingsheimen auseinandersetzen oder Fotos an den Grenzzäunen und Lagern zeigen. In der Slowakei lebende Geflüchtete werden als Guides durch die Ausstellung führen, es gibt gemeinsame Abendessen mit Flüchtlingen und Slowaken, Stadtführungen, Sprachkurse und spezielle Programme für Schulklassen. Das klingt nach Bildungsauftrag.

Ich würde sagen, wir haben einen Bildungsauftrag in Bezug auf die Kunst. Vielleicht ist es für uns im Moment sogar wichtiger, eine Bildungsinstitution zu sein, als eine Ausstellungsinstitution. Wir sind keine Experten in Bezug auf die Flüchtlingskrise. Aber wir geben Künstlern Raum, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Kuratorin Lenka Kukurová hat aus gutem Grund nur Künstler ausgewählt, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen. Daniela Krajčová zum Beispiel arbeitet seit sieben Jahren mit Asylbewerbern, im Ausland und in der Slowakei. Ihre Kunst ist also keine Reaktion auf die aktuelle Krise. Ihr geht es in ihren partizipativen Projekten, in ihren Videos und Zeichnungen um etwas Grundlegenderes, um künstlerische Zusammenarbeit mit Menschen die außerhalb des Kunstkontexts stehen.

Juraj Čarný ist Kurator und Kunstkritiker. Seit Ende der Neunzigerjahre führte er in Bratislava den Kunstraum Priestor und setzte sich unter anderem für die Förderung von Kunst aus ost- und mitteleuropäischen Ländern ein. Er gründete die tschechische und slowakische Ausgabe der Kunstzeitschrift „Flash Art“ und organisierte in Bratislava unter anderem die Crazycurators Biennale. Juraj Čarný leitet die Kunsthalle Bratislava seit Januar 2014 zusammen mit dem Chefkurator Richard Gregor.

Das Interview führte Birgit Rieger, Soziologin und Kulturjournalistin für den Tagesspiegel in Berlin.