Goethe-Institut Nowosibirsk Gespräche aus der Dunkelkammer

Die Verhörprotokolle des Aktionskünstlers Pjotr Pawlenski als Schattenspiel
Die Verhörprotokolle des Aktionskünstlers Pjotr Pawlenski als Schattenspiel | Foto: Alexej Ziller

Im sechsten Stock eines Luxuskaufhauses in Nowosibirsk richtete die Berliner Mobile Akademie eine „Dunkelkammer“ ein. Dort luden sie Experten und Zuschauer zu „Küchengesprächen“ über Totalitarismus und den russischen Aktionskünstler Pjotr Pawlenski ein. Susanne Burkhardt war dabei.

Wer in die „Dunkelkammer“ will, muss durch ein Luxuskaufhaus. Vorbei an Kleidung, die sich kein Normalverdiener in Nowosibirsk leisten kann, fährt man in den 6. Stock. Der steht eigentlich leer. Vor kurzem aber hat die Berliner Dramaturgin Hannah Hurtzig auf Einladung des Goethe-Instituts mit der „Mobilen Akademie“ die riesige Etage in eine Dunkelkammer verwandelt. Mit schwarzen Stoffen wurden Räume eingezogen, eine Küche eingerichtet, Leinwände aufgestellt und Stühle um die einzelnen Orte gruppiert. Eine schummrige, leicht stickige Atmosphäre, durch die 300 Leute wandeln oder sitzend gebannt lauschen – alle mit Kopfhörern. Gleich am Eingang: Olga.

Olga Olga | Foto: Alexej Ziller Olga heißt jenseits der Bühne Anton. Sie soll die Gäste begrüßen und gleichzeitig verwirren: Geschminkt, mit High-Heels und Perücke, ist der junge Mann nicht wiederzuerkennen. Eine Drag-Queen in einer Theateraufführung? In der homophoben Atmosphäre Russlands kein selbstverständlicher Anblick. Und für Anton ein Problem? „Ich werde so oft gebucht, da bemerke ich kaum, dass es solche Tendenzen gibt. Aber natürlich ist es schade, dass man hier nicht so frei und offen sein kann wie in Europa.“

Verschwinden und Sichtbarmachen

Worum es in der „Dunkelkammer“ geht, erklärt eine junge Frau auf einem Bildschirm hinter Olga: Um das Verschwinden und wieder Sichtbarmachen – wie beim Entwickeln von Fotos. Ein Vorgang, den das digitale Zeitalter kaum noch kennt. Erzählt wird viel an diesem Abend, vier Stunden lang und an verschiedenen Stationen. Ausgangspunkt dieser Gedankentour ist der Roman „Die toten Seelen“ von Nikolaj Gogol. Ein Roman, der perfekt in die Stadt passt, findet Hannah Hurtzig: „Der Tschitschikow, der Hauptdarsteller bei Gogol, ist eigentlich ein Prototyp für Nowosibirsk. Das ist eine Kommerzstadt und Tschitschikow ist eigentlich der Typus des Kredit-Bankers, des Unternehmers, der eiskalten Nase, die alles verkauft und die versteht, dass man alles verkaufen kann, auch wenn es keinen Gegenwert hat.“

Wie würde man heute den zweiten Teil des Romans weiterschreiben? Gogol hat ihn in einem Akt der Selbstzensur verbrannt. Also nähert man sich einem verschwundenen Text durch Gespräche über die Themen des Buches an, redet über das Bankensystem, das Reisen und über den Tod als Anlagewert. Jeweils vier Zuschauer treffen auf die verschiedensten Experten. Zu zweit sitzen sie an einem Tisch, um sie herum das Publikum, das mit Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Audio-Kanälen entscheidet, wem es gern zuhören möchte, immer 45 Minuten lang. Hoch konzentrierte Blicke, wenn ein Totalitarismusforscher die Finanzkrise analysiert, wenn ein Kulturwissenschaftler den Zusammenhang von Zombies und der Angst vor Flüchtlingen erläutert oder wenn der Tod und das Sterben aus Sicht eines Krematoriumsdirektors, eines Herzchirurgen oder einer Philosophin verhandelt werden.

Großer Andrang im sechsten Stock. Großer Andrang im sechsten Stock. | Foto: Alexej Ziller Pjotr Pawlenski zwischen Kunst und Politik

Nebenan wird auf einer Leinwand ein Schattenspiel aufgeführt und von einer Kamera gefilmt. Zwei Schauspieler lesen aus den Verhörprotokollen des Aktionskünstlers Pjotr Pawlenski aus dem Jahr 2014. Der Künstler im Grenzbereich von Politik und Kunst ist das zweite Thema des Abends. Kaum zu fassen, dass dies keine erfundenen Dialoge sind.

„Auf den ersten Blick ist es ein Gespräch zwischen zwei Außerirdischen, die von zwei verschiedenen Planeten stammen. Dann aber ändert der Beamte während der Befragung sein Verhältnis zu Pjotr Pawlenski und zu diesem Prozess. Später wird er sogar zu einem Verteidiger seiner Ideen“, beschreibt Vladimir Lemeshonok, Schauspieler am Nowosibirsker Theater „Rote Fackel“, die Verhörprotokolle. Er spricht den Beamten, der nach und nach versteht, worum es dem klug argumentierenden Künstler wirklich geht und der in einen Dialog über Kunst und Politik gerät. „Nur auf den ersten Blick scheint es, als wäre Pjotr verrückt – aber wenn man sich in das Thema vertieft, und in seine Weltansichten, dann versteht man, dass er ein wundervoller Mensch ist: Einer, der scharf und angstlos auf das reagiert, was in der Welt passiert.“

Lemeshonok spielt im Theater „Rote Fackel“ gerade mit Lavrenty Sorokin in einem Stück, dass der junge Regisseur Timofej Kuljabin inszeniert hat – also jener Regisseur, der vor einem Jahr den „Tannhäuser“-Skandal in Nowosibirsk provoziert hat. Sein Schauspielkollege erinnert daran, dass Aktionen wie die von Pawlenski in Russland eine lange Tradition besitzen. „Als sich die orthodoxe Kirche zersplittert hat, haben die Altgläubigen unheimliche Aktionen gemacht – sich verbrannt, sich Unmenschliches angetan, um gegen den Staat und die neuen Kirche zu protestieren.“

Für den 21-jährigen Philipp Krikunov ist Pawlenski ein einsamer Kämpfer gegen den Staat. Bewunderung klingt mit, wenn der Betreiber der einzigen Galerie für moderne zeitgenössische Kunst in Nowosibirsk über den Künstler spricht: „Meine Lieblingsaktion von ihm ist die, als er sich den Mund zugenäht hat – als Protest gegen die Verhaftung von Pussy Riot. Ich nehme ihn als einen schweigenden Künstler wahr. Deswegen ist es für mich nicht ganz richtig, über einen schweigenden Künstler zu sprechen. Wenn er schweigt, sollten wir auch schweigen.“

Das sieht Hannah Hurtzig anders. Das Sprechen über Pawlenskis Aktionen sei schließlich Teil des Kunstaktes: „Erst den Moment, in dem die Reaktionen sichtbar werden, also die Produktion von Debatte, vor allem von Klatsch und Tratsch, versteht er als den Kunstakt.“

Klatsch in der Gerüchteküche

Ein Teil dieses Kunstaktes entsteht direkt nebenan in einer nachgebauten russischen Küche, der Geburtsstätte des Gerüchts, dem Ort, an dem man das aussprechen kann, was in einem totalitären System öffentlich nicht diskutiert werden darf.

Klatsch und Tratsch in der Küche Klatsch und Tratsch in der Küche | Foto: Alexej Ziller Bei Wodka und Abendessen werden in immer neu zusammengesetzten Runden die letzten Neuigkeiten aus dem Gerichtsverfahren ausgetauscht. Leidenschaftlich diskutiert zum Beispiel die Philosophin Oxana Timofeeva, die eben noch über Gogol und Zombies gesprochen hat, mit ihrem Kollegen Igor Chubarov und dem Medientheoretiker Wladimir Velminski darüber, ob Pawlenski im Westen nicht erfolgreicher als Pussy Riot wäre, wenn er sich mit dem Feminismus befassen würde. Velminski ergänzt, es gäbe zwei Kriterien für erfolgreiche moderne Kunst in Russland: ein Gerichtsurteil oder die Anerkennung im Westen.

In einem kleinen Kabinett kann man sich von einem Psychoanalytiker zu Fragen der Selbstzensur beraten lassen. Schnell vergessen die Fragenden im Zweiergespräch, dass dies kein intimer Raum ist, sondern jeder zuhören kann. Privat Gemeintes wird öffentlich.

Doch nichts wird aufgedrängt, jeder entscheidet, was er hören oder sehen will und wird so Teil von Gesprächen, die in einer Offenheit geführt werden, wie sie die Nowosibirsker scheinbar so noch nicht erlebt haben. Eine Offenheit, die die meisten sichtbar genießen. Hurtzig nennt das „Theater der Kommunikation und Wissensvermittlung“.

Der Beitrag wurde am 4. Juni 2016 im Deutschlandradio Kultur gesendet.