Besucherreise „Ich will am Steuer meines Lebens sitzen“

Die saudischen Künstlerinnen und Künstler gemeinsam mit der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Claudia Roth und dem Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert
Die saudischen Künstlerinnen und Künstler gemeinsam mit der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Claudia Roth und dem Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert | Foto: Goethe-Institut/Jörg Schumacher

Unternehmerin, Anwältin, Kämpferin für die Rechte der Frauen: Sofana Dahlan ist eine herausragende Persönlichkeit in Saudi-Arabien und eine der bekanntesten Frauen des Landes. Auf Einladung des Goethe-Instituts hat sie an einer Besucherreise nach Frankfurt, Berlin und Leipzig teilgenommen.


Frau Dahlan, Sie haben als eine der ersten Frauen in Saudi-Arabien eine Zulassung als Anwältin bekommen. Wie haben Sie das geschafft?

Das war ein langer Weg, insgesamt hat er 13 Jahre gedauert. Er hat schon in der Schule begonnen, mit dem Gefühl, dass ich das Land verlassen und nie mehr zurückkommen wollte.

Wieso das?

Ich wollte die Welt erkunden, alles sehen, aber Saudi-Arabien gab mir nicht den Raum, Fragen zu stellen. Also habe ich Jura studiert, in Kairo. Nach vier Jahren hatten alle saudischen Männer meines Jahrgangs ihr Zertifikat, nur ich nicht. Man könne meinen Abschluss nicht anerkennen, weil es in ganz Saudi-Arabien keine Universität gebe, die Jura für Mädchen anbietet. Das war eine große Enttäuschung.

Zu der Zeit bin ich nach Beirut gegangen, habe dort einen Master in Business Administration gemacht, geheiratet und anschließend in Kuwait als Rechtsberaterin angefangen. Aber am Ende war das alles nur eine Flucht aus Saudi-Arabien, immerhin war es mein Land! Also bin ich im Jahr 2011 zurück und habe in Djidda meine eigene Firma Tashkeil aufgemacht.

Tashkeil, ein Incubator, also eine Art Gründerzentrum für Ideen aus dem kreativen Bereich. Was ist die Idee dahinter?

Das Fundament von Tashkeil ist ein sozioökonomisches Modell. Es geht vor allem um Capacity Building, den Aufbau von Kompetenzen. Jeder Mensch muss natürlich einen Fundus an Wissen haben, aber er hat auch ganz individuelle Fähigkeiten. Diese muss man herausfinden und dann auf- und ausbauen. Die andere Säule ist soziales Crowdfunding, wodurch wir jungen Kreativen helfen, ihre ersten Projekte zu starten.

Wir haben 60 Designer an den Start gebracht und über 200 unterstützt, von Pop-ups über richtige Ausstellungen bis hin zu Coachings. Seit 2011 haben über 10.000 Menschen an Workshops teilgenommen - Frauen und Männer. Stellen Sie sich vor, wenn eine Teilnehmerin auch nur einen Satz mit nach Hause nimmt und ihrer Mutter oder ihrem Ehemann davon erzählt!

Aber den Plan, eines Tages Juristin zu werden, hatten Sie noch nicht aufgegeben, nicht wahr?

Richtig. Ende 2012 erließ der König ein Dekret, das es den Frauen erlaubte, als Anwältin zu praktizieren. Direkt am nächsten Morgen bin ich nach Riad geflogen. Als ich im Justizministerium ankam, war ich wahnsinnig aufgeregt. Ich ging hinein, sagte freundlich „Guten Tag“ und fragte, welche Papiere ich einreichen müsse, um als Anwältin anerkannt zu werden. Vor mir saßen vier bärtige Männer und einer von ihnen sagte: „In tausend Jahren nicht.“

Eine erneute Enttäuschung.

Ich war nicht einfach nur aufgebracht, ich war maßlos wütend. Ich bin dann acht Wochen lang jeden Dienstag um 6 Uhr morgens ins Flugzeug gestiegen und stand pünktlich um 8.30 Uhr im Ministerium. Bei den ersten vier Besuchen haben sie mich noch ignoriert. Aber man konnte sehen, wie sie immer frustrierter wurden, bevor mich dann irgendwann einer der Vier etwas rabiat beim Beten störte, ich in Tränen ausbrach und dadurch langsam Empathie füreinander entstand. Auf beiden Seiten. Als sie mich fragten, ob ich es nicht irgendwann leid sei, sagte ich natürlich „nein“ – und eines Tages habe ich dann tatsächlich mein Zertifikat bekommen.

Das Goethe-Institut hat im Februar den deutschen kulturellen Gastbeitrag für das Janadriyah-Festival in Riad organisiert. Sie haben schon mehrfach mit der in Djidda ansässigen Kulturmanagerin zusammengearbeitet. Was kann die interkulturelle Zusammenarbeit leisten?

Jede kulturelle Interaktion bringt uns näher zusammen. Bei aller Politik, allen Grenzen, allen Visa haben wir vergessen, dass wir uns am Ende so ähnlich sind. Die Sprache ist eine Hürde, ja, aber man kann sich wunderbar mittels Kunst oder Musik verständigen. Was wir von Ländern wie Deutschland brauchen, sind kulturelle Programme, um den jungen Leuten Gelegenheit zu geben, dazuzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Es ist aber leider so, dass Saudi-Arabien nur wenige Besucher ins Land lässt.

Die andere Richtung wäre also erfolgversprechender – Saudis kommen für eine Weile nach Deutschland, zum Beispiel mit Besucherreisen wie der, an der Sie teilnehmen?

Ja, solche kulturellen Programme brauchen wir, und damit meine ich nicht nur hochrangige Gesprächspartner oder Reisen wie diese hier. Natürlich ist es großartig, eine Politikerin wie Claudia Roth zu treffen oder sich die Frankfurter Schirn anzusehen. Es geht aber viel einfacher auch darum, dass junge Saudis nach Deutschland kommen können, ihre ganz persönlichen Erinnerungen mit nach Hause nehmen und dort an Freunde und Familie weitergeben.

Manch einer hier glaubt, Ihr Land bestehe nur aus Wüste und verhüllten Frauen. Was würden Sie ihm sagen?

Ich höre immer wieder, dass wir saudischen Frauen nicht Autofahren dürfen. Ja, wir sollten am Steuer sitzen dürfen. Aber für mich ist es wichtiger, am Steuer meines eigenen Lebens zu sitzen. Meine Nation sollte organisch wachsen, in einer Geschwindigkeit, die sie sich leisten kann. Das braucht Zeit. Ich glaube nicht an Revolution, ich glaube an Evolution.


Das Interview führte Christopher Resch.
Er lebt als freier Journalist in Leipzig und schreibt vor allem zur (politischen) Kultur der arabisch-islamischen Welt.