Deutsch-Griechische Museumskooperation Berührende Erinnerungen

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und der griechische Außenminister Nikos Kotzias eröffnen die Ausstellung.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und der griechische Außenminister Nikos Kotzias eröffnen die Ausstellung. | © Goethe-Institut Thessaloniki / George Kogias

„Geschichte ist kein Gefängnis – Geschichte muss Schule sein“: Der Satz des griechischen Außenministers Nikos Kotzias bringt eine aktuelle Ausstellung des Goethe-Instituts Thessaloniki auf den Punkt. Kooperiert haben für diese mehrere Institutionen – eine griechisch-deutsche Zusammenarbeit, die berührende Erinnerungen freilegt.

Zwei Zeitläufe zwischen 1940 und 1950 umschreibt die groß angelegte Schau „Gespaltene Erinnerungen 1940-1950. Zwischen Geschichte und Erfahrung“, die in Thessaloniki im Makedonischen Museum für Zeitgenössische Kunst (MMCA) stattfindet. Da ist die erschütternde Geschichte der jüdischen Gemeinde, die beim Einmarsch der Wehrmacht 1941 in die Stadt rund 50.000 Mitglieder zählt und bis 1944 durch Deportationen in Konzentrationslager auf 1.900 Menschen dezimiert wird. Und da ist die grausam bewegte Zeit der griechischen Bürgerkriege, die kurz nach Weltkriegsende beginnt und 1949 zum Sieg des konservativen griechischen Heers, unterstützt von Großbritannien und den USA, über die linke Volksfront führt.

„Diese Zeit des Bürgerkrieges ist keine Zeit für Dichtung“, schreibt der Dichter und Maler Nikos Engonopolous 1948 in einem Gedicht, das im MMCA nachzulesen ist. Gleich daneben hängt ein Ausschnitt seiner vitalen Kreativität, die sich eben gerade nicht, und das zeigt die Schau am Beispiel vieler Kunstschaffender der damaligen Jahre, hat behindern lassen von Repressionen, Terror und Armut. Das Gemälde von Engonopolous heißt Bürgerkrieg und es zeigt kühn farbig und stark expressiv zwei halbnackte Frauen  – die eine vom Speer durchbohrt. Unweit davon leuchten die intensiven Schwarzweißbilder des Life-Fotografen Dmitri Kessel, der Ende 1944 mit britischen Truppen nach Athen kam und dort Elend und Aufbruch dokumentierte, bevor er nach Nordgriechenland weiterzog, um dort Partisanen zu treffen. Mission: Griechenland, Auftrag: Kriegswunden heißt Kessels Fotoessay, der belegt, wie die deutschen Besatzer das Land zuvor systematisch ausgeplündert, ausgehungert und erniedrigt hatten.

„Gespaltene Erinnerungen 1940-1950. Zwischen Geschichte und Erfahrung“ setzt sich mit der Besatzungszeit und dem Bürgerkrieg in Griechenland auseinander. „Gespaltene Erinnerungen 1940-1950. Zwischen Geschichte und Erfahrung“ setzt sich mit der Besatzungszeit und dem Bürgerkrieg in Griechenland auseinander. | © Goethe-Institut Thessaloniki / George Kogias

Ein lebendiger Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte

Eröffnet wurde die Ausstellung vor über 200 geladenen Gästen von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, zusammen mit seinem griechischen Kollegen Nikos Kotzias. Die beiden kennen sich noch aus deutschen Studententagen, duzen sich. In seiner Ansprache ging Steinmeier direkt auf die Besatzungszeit ein: „Wir wissen, welche Spuren sie hinterlassen hat (…). Die Entfremdung oder gar Feindschaft zwischen unseren Völkern dürfen wir nie wieder zulassen.“ Vor dem Gebäude des MMCA hatten derweil Demonstranten friedlich Transparente entrollt, die Deutschland aufforderten, finanzielle Reparationen für seine Kriegsschuld zu leisten.

„Wir vom Goethe-Institut begreifen diese Ausstellung als lebendigen und konkreten Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen wie der griechischen Geschichte“, erklärt Peter Panes, der Leiter des Goethe-Instituts Thessaloniki, bei einem Rundgang durch die Schau. Spannend und anspruchsvoll sei hier die Rolle des Goethe-Instituts gewesen als Vermittler, Brückenbauer und Impulsgeber zwischen dem Jüdischen Museum Thessaloniki, dem MMCA und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin (DHM), vertreten durch Monika Flacke. In der nordgriechischen Metropole ist die Zusammenarbeit zwischen den dortigen beiden Museen eine kreative Premiere. Ausgangspunkt für die Ausstellung war das Konzept von Mythen der Nationen. Arena der Erinnerung, die 2005 im DHM gezeigt wurde.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hält die Eröffnungsrede. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hält die Eröffnungsrede. | © Goethe-Institut Thessaloniki / George Kogias

„Jedes Exponat hier ist eine ganz eigene Erzählung“

Der Kurator des MMCA, Denys Zacharopoulos, beschreibt die Ausrichtung der aktuellen Schau, die weder streng didaktisch noch theoretisch belehrend auftritt, sondern das Empfinden der Besucher anspricht: „Wir wollen hier ein Stück Raum zwischen Geschichte und Erfahrung entstehen lassen. Diese Ausstellung ist keine rein über die Historie zwischen 1940 und 1950 in Griechenland, sondern eine zwischen Kunst und Geschichte. Jedes Exponat hier ist eine ganz eigene Erzählung.“ Es ist eine Präsentation geworden, die einem nachgeht, die einen Weg beschreibt entlang Gefühlen und Fakten, entlang Elend und Hoffnung. „Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist in Griechenland erst spät losgegangen“, erklärt Zacharopoulos. „Hier wollen wir aufklären.“

Der Kurator des MMCA, Denys Zacharopoulos, führt durch die Ausstellung. Der Kurator des MMCA, Denys Zacharopoulos, führt durch die Ausstellung. | © Goethe-Institut Thessaloniki / George Kogias Evangelos Hekimoglou vom Jüdischen Museum zeigt als Kurator dabei anschaulich und beklemmend das Schicksal der meist sephardischen Juden Thessalonikis. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im April 1941 verbieten die Nazis sofort die jüdische Presse vor Ort, beschlagnahmen Krankenhäuser, Wohnungen und Schulen, und inhaftieren prominente Mitglieder der rund 50.000 Menschen zählenden Gemeinde, deren Mehrheit mittellos ist. Fotos im MMCA zeugen vom Überlebenswillen der Gedemütigten. Sie leiden unter anderem auch extrem stark während der griechischen Hungersnot im Winter 1941/42, die ausgelöst wird durch deutsche Plünderungen und eine britische Seeblockade.

Ab März 1943 und nachdem das gesamte jüdische Vermögen konfisziert worden ist, beginnen die Deportationen. Bis zu ihrem Ende im Juni 1943 verlassen 17 Transporte nach Bergen-Belsen und 16 nach Ausschwitz-Birkenau den alten Bahnhof von Thessaloniki. Eingepfercht in den Zügen verlieren die Juden ihre Heimat und fahren dem grausamen Tod entgegen.

Antworten geben und Fragen stellen

Dass die jüdische Gemeinde vor Ort jetzt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier als Ehrenmitglied benannt hat, sieht letzterer als „Wunder der Versöhnung“. Nach der Ausstellungseröffnung im MMCA hatte der SPD-Politiker die Monastiriotis Synagoge besucht. Dort wurde er für seinen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus ausgezeichnet.
 
  • © Goethe-Institut Thessaloniki / George Kogias © Goethe-Institut Thessaloniki / George Kogias
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Im Oktober 1944 verließen die letzten deutschen Besatzer Thessaloniki. Bis April 1945 kehrten 1.900 Jüdinnen und Juden in die Stadt zurück. Sie waren den Vernichtungslagern entkommen, hatten sich in Südgriechenland versteckt oder waren in die umliegenden Berge gegangen und hatten sich dort Partisanen angeschlossen. Eine Fotoinstallation im MMCA zeigt berührende Bilder der Zurückgekehrten anlässlich der Wahlausweise für die erste freie Wahl nach dem Krieg im Jahr 1946.

„Wem sollten wir das alles erzählen? Wo werden wir darüber sprechen? Wer wird es sich anhören? Wo sollen wir all das vermitteln, was wir gesehen haben?“, fragt Jakovos Kambanellis in seinem Buch mit dem deutschen Titel Die Freiheit kam im Mai. Ein Auszug daraus hängt in der Schau „Gespaltene Erinnerungen 1940-1950. Zwischen Geschichte und Erfahrung“. Sie ist der engagierte Versuch, unterstützt vom Goethe-Institut, Antworten in Thessaloniki zu geben – und weitere Fragen zu stellen.

Von Harriet Wolff

Harriet Wolff arbeitet bei der Tageszeitung „taz“ in Berlin. Über den Journalistenaustausch Nahaufnahme des Goethe-Instituts ist sie zur Zeit einen Monat in Thessaloniki bei „Parallaxi". Im September/Oktober war „Parallaxi“-Redakteurin Elena Taxidou bei der „taz“.