Lange Nacht der Ideen Being Faust – Enter Mephisto

Mephisto begrüßt die Gäste
Mephisto begrüßt die Gäste | Foto: Bernhard Ludewig

Liebe, Familie, Freunde – Wofür bin ich bereit, meine Seele zu verkaufen? Diese Frage stellte sich nicht nur Goethes „Faust”, sondern auch die Spielerinnen und Spieler von „Being Faust – Enter Mephisto”. Die Koproduktion des Goethe-Instituts und NOLGONG feierte nach Stationen in Südkorea und Hongkong seine Premiere in Berlin während der „Langen Nacht der Ideen”.  
 

„Schließen Sie für einen Moment die Augen und denken Sie an Ihren letzten glücklichen Moment, an Ihre tiefsten Träume und Wünsche”, sagt eine tiefe Stimme. „Und jetzt stellen Sie sich vor, dass diese Wünsche auf einen Schlag in Erfüllung gehen – ist schön, oder?” Die Stimme gehört einem jungen Mann mit dunkler Sonnenbrille, der sich Mr. M oder auch Mephisto nennt. Er begrüßt die etwa dreißig Gäste, die am 12. Mai im Goethe-Institut Berlin zur „Langen Nacht der Ideen” zusammengekommen sind. Ausgestattet mit einem Smartphone oder Ipad stehen sie in einem abgedunkelten Raum mit mehreren beleuchteten Wandtafeln, an denen Originalzitate aus Goethes „Faust” hängen. Sie sind an diesem Abend Teil eines außergewöhnlichen Spiels: „Being Faust – Enter Mephisto”.

Im Shop der Möglichkeiten

Basierend auf einer zeitgenössischen Interpretation von Goethes Tragödie, schlüpft jeder Gast in die Rolle des jungen Faust. Dafür wählt man zu Beginn des Spiels aus zwölf Wertkarten die sechs wichtigsten Werte aus, für die man an diesem Abend einen Deal mit dem Teufel eingehen wird: Ruhm, Reichtum, Macht, Fortschritt, Liebe, Familie, Wollust, Schönheit, Freiheit, Wissen, Jugend oder Glaube. Was ist mir wichtiger im Leben? Dank welcher Werte kann ich wirklich glücklich werden? Das Angebot ist verlockend: Im virtuellen Einkaufsraum von „Mephisto & Co.” werden die Werte und Ideale schließlich in Form von „Faust”-Zitaten zum Kauf angeboten. Die Spielerinnen und Spieler lesen die Auszüge und versuchen zu interpretieren, welchem ihrer Werte diese Zitate entsprechen: „Wer lehret mich? was soll ich meiden? Soll ich gehorchen jenem Drang? Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden. Sie hemmen unsres Lebens Gang.” Für jedes richtig zugeordnete Zitat gibt es Zufriedenheitspunkte. Je mehr Zitate man ergattert, desto größer wird die Zufriedenheit auf der persönlichen Skala, die man auf dem Smartphone immer im Blick hat.

Doch die so erspielte Zufriedenheit hat ihren Preis: Um Zitate kaufen zu können, müssen die Spielerinnen und Spieler ihre Freunde verkaufen - die moderne und digitale Auslegung von Fausts Pakt mit dem Teufel. Aus dem Telefonverzeichnis werden 66 Freunde vorgeschlagen, die jeder Spielerin und jedem Spieler zum Verkauf zur Verfügung stehen. Je wichtiger sie sind, desto höher ihr Geldwert. „Verkaufe ich meine Schwester oder doch meinen Freund – oder beide?”, fragt sich eine Spielerin lachend, während ihr Finger auf den Button „Auszahlen” drückt.

Faust im digitalen Zeitalter 

„Being Faust – Enter Mephisto“ ist ein sogenanntes „Big Game“. Entwickelt wurde es von Peter Lee, einem koreanischen Game-Designer, und seinem Team von NOLGONG in Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Benjamin von Blomberg (Theater Bremen) und dem Goethe-Institut. Ausgangspunkt des Spiels war die Frage, wie und mit welchen Mitteln Faust und Mephisto im digitalen Zeitalter aufeinandertreffen würden. Die universellen Kernfragen bleiben dabei gleich: Was ist mir wichtig im Leben? Woraus bilden sich meine persönlichen Wertvorstellungen? Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen, um erfolgreich zu sein? Die unterschiedlichen virtuellen und physischen Spielelemente motivieren dazu, sich selbst und seine digitale Umwelt zu hinterfragen, sich mit anderen Spielerinnen und Spielern weltweit zu vergleichen und nicht zuletzt, die literarische Vorlage neu zu entdecken.

Das Spiel ist schon durch viele Städte gereist: Angefangen in Seoul, wo es einen regelrechten Hype ausgelöst hat, über Tokyo, Shanghai, Malaysia, Johannesburg, Athen, Vilnius, Budapest, Prag, Hongkong, Weimar und nun nach Berlin anlässlich der „Langen Nacht der Ideen” und des Berliner Theatertreffens. „Es ist interessant zu beobachten, wie die Werte in verschiedenen Ländern doch unterschiedlichen Stellenwert haben. Die Liebe ist überall ein universeller Wert – aber in Johannesburg wurde beispielsweise Freiheit als wichtigster Wert genannt, in Europa Wissen und in China die Familie.“, sagt Peter Lee.

Liebe, Freiheit und Schönheit – für welchen Preis?

Beim Spieledurchlauf in Berlin wird die Luft im virtuellen Shop zunehmend stickig. Alle sind hochkonzentriert. Nach 90 Minuten ist das Spiel zu Ende und ein Aufatmen geht durch den Raum. Mephisto kürt zunächst den Power-Seller, also die Person, die im Spiel die meisten Freunde verkauft hat. „Fiel es dir leicht, deine Freunde zu verkaufen?” fragt Mr. M die junge Frau. „Ehrlich gesagt, ja! Das war gar kein Problem – ich wollte einfach nur schnellstmöglich weitershoppen.” Gewonnen hat jedoch der Golden Shopper, die Person mit den meisten Zufriedenheitspunkten. Auf die Frage, wie sie sich fühlt, antwortet die Gewinnerin: „Auf jeden Fall schlauer als vorher.”
  • Der Eingangsbereich, Foto: Bernhard Ludewig Foto: Bernhard Ludewig
    Der Eingangsbereich
  • Smartphone und Ipad zeigen die persönlichen Zufriedenheitsskalen, Foto: Bernhard Ludewig Foto: Bernhard Ludewig
    Smartphone und Ipad zeigen die persönlichen Zufriedenheitsskalen
  • Aus Karten werden die Werte ausgewählt, Foto: Bernhard Ludewig Foto: Bernhard Ludewig
    Aus Karten werden die Werte ausgewählt
  • Besucher des Game Science Center, Foto: Bernhard Ludewig Foto: Bernhard Ludewig
    Besucher des Game Science Center
  • Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Institus, begrüßt die Gäste, Foto: Bernhard Ludewig Foto: Bernhard Ludewig
    Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Institus, begrüßt die Gäste
  • Gäste bei der Performance, Foto: Berhard Ludewig Foto: Berhard Ludewig
    Gäste bei der Performance
  • Gäste von Music in Africa in den Spreewerkstätten, Foto: Bernhard Ludewig Foto: Bernhard Ludewig
    Gäste von Music in Africa in den Spreewerkstätten