Weltliteratur Reiseziel Vergangenheit

Erst die richtige Lektüre macht den Sommer zum Sommer
Erst die richtige Lektüre macht den Sommer zum Sommer | Foto: Wolf Graebel

Mit Büchern lässt sich’s trefflich reisen. Unsere Sommerliteraturtipps aus aller Welt eignen sich nicht nur, um als Lektüre für die freien Tage mit in den Koffer gepackt zu werden. Auch als Leser werden Sie diesmal von unseren Autoren auf eine Reise geschickt – zumeist in die Vergangenheit.


Israel – Szenen einer Generation

Von Hadassa Levy

Buchcover NeulandEshkol Nevo schreibt Fenster in die israelische Seele. Er fühlt sich in die Generation ein, die nicht als Holocaust-Überlebende nach Israel kam und nicht von sich behaupten kann, „das Land“ mit eigenen Händen erbaut zu haben. Eine Generation im Schatten der Vergangenheit, der die komplexe Gegenwart auf das Leben drückt, das sie eigentlich so gerne einfach nur leben würde.

In dem Roman „Neuland“ bricht der Gymnasiallehrer Dori nach Südamerika auf, um seinen auf einer Rucksacktour verschollenen Vater zu suchen. Zeitgleich besucht Inbar ihre Mutter in Berlin, einer Stadt, vor der ihre Großmutter Lili, die als junge Frau vor den Nazis nach Palästina geflohen war, sie immer eindrücklich gewarnt hatte. Berlin wühlt Inbar auf, und so steigt sie am Flughafen, statt nach Israel zurückzukehren, in den nächstbesten Flug und landet in Peru. Dort trifft sie zufällig auf Dori, der sie fasziniert, und schließt sich ihm spontan an.

Nevo lässt seine Charaktere diesen vielschichtigen Roman erzählen. Dabei wechselt die Perspektive nicht nur zwischen Dori, Inbar und zahlreichen Nebenfiguren, sondern auch Lili, deren Erinnerungen eine zusätzliche Ebene schaffen. So gelingt es dem Autor, den Stil für jede Person einzigartig zu halten, Orte und Begegnungen so zu beschreiben, dass man meint, die Geschichte wirklich mitzuerleben. Obwohl ich Neuland bei aller Faszination streckenweise etwas zu lang fand, ist es ein höchst lesenswerter Roman, der auch helfen kann, uns Israelis besser zu verstehen.

Hadassa Levy, 35, ist seit 2012 in der Verwaltung am Goethe Institut Tel Aviv tätig. Auf ihrem privaten Blog veröffentlicht sie regelmäßig Buchrezensionen.


Lettland – Sommerlektüre als Fingerfood

Von Anna Maria Strauß

Cover KusWas darf in keiner Strandtasche fehlen, wenn man im Sommer von Riga aus an die Ostsee fährt? Klar, Lesestoff. Da Badewetter aber nicht nur nach Lesen ruft – Beachvolleyball, Schwimmen, zwischendurch ein Eis – kommt der Lesetipp aus Lettland sommergerecht in kleinen Häppchen.

Die baltische Comic-Anthologie „kuš!“ kommt vollgepackt mit Geschichten im A6-Format daher; darunter Arbeiten der kleinen, feinen lettischen Comicszene und grafische Kurzgeschichten aus aller Welt. Jede Ausgabe widmet sich einem Thema: Zukunft 2.0, Katzen und Dörfer waren schon dabei. Mein persönlicher Favorit: „Life is live“. In 26 Geschichten widmen sich die Zeichnerinnen und Zeichner dem Wahnsinn des Alltags. Von der Angst, das Haus zu verlassen, bis zur Frage, wie man eigentlich Halb-Bekannte begrüßt (Umarmung? Handschlag? Küsschen?), erzählen die Geschichten von Erlebnissen, die Déjà-vus provozieren. Die Bandbreite an Zeichenstilen ist groß, aber immer sind die Beobachtungen in ausdrucksstarke Bilder gebannt.

Auch lesenswert und noch leichter im Sommergepäck sind die „mini kuš!“-Ausgaben, die jeweils eine etwas längere Geschichte präsentieren. Seit Juni sind drei lettische Stories neu im Programm: Domino von Rūta und Anete Daubure, Lucky von Oskars Pavlovskis und Swimming Pool von Anna Vaivare.

PS: Auch wer die Comics nicht mit an den Strand nimmt, wird sich über die kleinen Portionen freuen. So bieten auch Picknick im Park und Grillen am Baggersee immer Gelegenheit für einen Happen Sommerlektüre.

Anna Maria Strauß, 29, ist seit Frühjahr 2013 am Goethe-Institut Riga verantwortlich für Web-Projekte der Goethe-Institute in Lettland, Litauen und Estland.


Südafrika – Ein fataler Spagat

Von Brigitte Doellgast

Buchcover The Native CommissionerIm Jahr 2014 feiert Südafrika 20 Jahre Demokratie. Wer heute nach Südafrika reist, findet ein faszinierendes Land, das stolz seinen Beiname „Rainbow Nation“ trägt. Aber man begegnet auf Schritt und Tritt auch dem langen Schatten der Vergangenheit: Apartheid ist nach wie vor das Thema, dem man nicht ausweichen kann. Shaun Johnson beschreibt in seinem 2006 erschienen Roman „The Native Commissioner“ die Geschichte eines weißen Südafrikaners, George Jameson, 1916 geboren und aufgewachsen im ländlichen Südafrika. Zulu, die Sprache seiner Kindheit, fasziniert ihn sein Leben lang.

Seine exzellenten Sprachkenntnisse machen ihn auch zum idealen Kandidaten für seine Beamtenlaufbahn als native commissioner, als Verwaltungsbeamter für die Belange der schwarzen Bevölkerung. Er macht Karriere, ist respektiert in der schwarzen und weißen Bevölkerung. Dennoch lassen ihn nie die (Selbst)Zweifel los, dass es unendliche Hybris ist, als native commissioner eine koordinierende Verwaltungsaufsicht in der vielschichtigen Kultur seiner schwarzen Landsleute einnehmen zu sollen.

Der Spagat zwischen seinem Engagement und seinem Beruf wird nach dem Wahlsieg der National Party im Jahr 1948 und der danach einsetzenden „großen Apartheid“ zu einem Spagat, an dem George Jameson letztendlich zerbricht. Shaun Johnson beschreibt in einem gradlinigen Stil die Geschichte eines einfachen Mannes, der glaubt, sich als ehrlicher Mittler, als kleiner Beamter eine Nische in einer Welt schaffen zu können, die mit ihrer unmenschlichen Ideologie zunehmend auch die kleinsten Winkel seiner Welt vergiftet.

Brigitte Doellgast, 53, leitet seit 2013 die Bibliothek am Goethe-Institut Johannesburg.


Irland – Jenseits von saftigen Weiden und lustigem Fiedeln

Von Mechtild Manus

Buchcover Das dritte Licht„Das dritte Licht“ von Claire Keegan ist eine Novelle, die man an einem Nachmittag liest, die aber lange bei einem bleiben wird. Die Geschichte eines neunjährigen Bauernmädchens, das bei Pflegeeltern eine neue Möglichkeit von Leben entdeckt und dabei ihre leiblichen Eltern nicht verleugnet, die mit einem verschuldeten landwirtschaftlichen Betrieb, der immer weiter wachsenden Kinderschar und auch mit sich selbst und dem Alkoholismus des Familienvaters nicht zurande kommen. Die Rückkehr des Mädchens in ihre Familie gehört zum Erschütterndsten, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Claire Keegan hat mit Foster, so der Originaltitel der Geschichte, den Davy Byrnes Preis gewonnen, gestiftet von jenem Traditionspub, in dem Leopold Bloom in Ulysses von James Joyce ein Gorgonzola-Sandwich isst. Vorsitzender der Jury war der amerikanische Schriftsteller Richard Ford, der Keegans „Drahtseilakt ungewöhnlicher erzählerischer Virtuosität“ rühmte. Und damit hat er nicht übertrieben. Denn auch die beiden vorher veröffentlichten Bände mit Kurzgeschichten – „Durch die blauen Felder“ und „Wo das Wasser am tiefsten ist“ – zeigen Claire Keegan als eine Erzählerin, die mit wenig Worten viel sagt, über einen unbestechlichen Blick für das entscheidende Detail verfügt und den sprechenden Personen jeweils einen charakteristischen Ton verleiht. Das überträgt sich auch in der deutschen Übersetzung von Hans Christian Oeser, in einem früheren Leben Lehrkraft am Goethe-Institut in Dublin.

Durchgängig schildert Claire Keegan das unromantische Irland: Neid und Missgunst am Rande einer Totenaufbahrung, sexueller Missbrauch durch den eigenen Vater, Verleugnung der Liebe um des Priesteramtes willen, das sind einige der Themen in den Geschichten, die Claire Keegan, selbst auf einem Bauernhof in der Grafschaft Wicklow südlich von Dublin in einer großen katholischen Familie aufgewachsen, heute schreibt.

Mechtild Manus, 57, leitet seit Sommer 2012 das Goethe-Institut Dublin.


Peru – Ein Thriller aus dem Land des Inkas

Von Iliana Revoredo

Buchcover Die blaue StundeDer peruanische Autor Alonso Cueto beschreibt im Roman „Die Blaue Stunde“ klar und phantasievoll die Folgen des Bürgerkriegs in Peru. Adrián Ormache hat alles im Leben: Frau und Kinder, eine erfolgreiche Anwaltskanzlei, ein schönes Haus in Lima. Auf der Beerdigung seiner Mutter erfährt er, dass sein Vater in den Achtzigerjahren, als der Leuchtende Pfad einen Guerillakrieg gegen den Staat führte, eine Militärkaserne leitete. Dort hatte sich der Vater in eine Gefangene verliebt und mit ihr gelebt. Doch eines Tages, kurz vor der gefährlichen „Blauen Stunde“ des Morgengrauens, gelang ihr die Flucht.

Adrián begibt sich nun auf die spannende Suche nach dieser mysteriösen Frau... Mehr zu sagen würde bedeuten, dem Leser eine aufregende Erfahrung vorzuenthalten. Mich hat der Roman auch deshalb begeistert, weil er mich in die Zeit meiner Jugend versetzt hat und mir Dinge erzählte, die um mich herum geschehen sind, ohne dass ich mir dessen bewusst gewesen wäre.

Alonso Cueto wurde 1954 in Lima geboren und erhielt im Jahr 2000 den Anna Seghers-Preis und im Jahr 2005 den Herralde-Preis in Spanien für diesen sehr ergreifenden Roman.

Iliana Revoredo, 48, leitet seit 2007 die Bibliothek im Goethe-Institut Lima.