Jan Philipp Reemtsma „Es kommt darauf an, was man aus einem Witz macht“

„Literatur, der man ansieht, dass sie übersetzt ist, ist nicht gut übersetzt“: Arno-Schmidt-Kenner Reemtsma in Tokyo
„Literatur, der man ansieht, dass sie übersetzt ist, ist nicht gut übersetzt“: Arno-Schmidt-Kenner Reemtsma in Tokyo | Foto: Gen Tsujimoto

„Dänn wo lebte der Deutsche, der beim lateinischen ›mundus‹ nicht an ›Mund‹ dächte? : zwistlos erklingt der Zwiegesang.“ Wer glaubt, Arno Schmidt ließe sich nicht übersetzen, den kann man verstehen – aber er irrt. Jan Philipp Reemtsma erklärt im Interview, warum.

 

„Rattatá Rattatá Rattatá. Eine Zeit lang hatten alle Mädchen schwarze Kreise statt der Augen gehabt, mondäne Eulengesichter mit feuerrotem Querschlitz darin: Rattatá.“ So beginnt Arno Schmidt seine Liebesgeschichte Seelandschaft mit Pocahontas und bringt damit seit jeher auch die erfahrensten Übersetzer in Wortverlegenheit. Der Japaner Jun Wada hat sich der Herausforderung dennoch gestellt – und zwar so überzeugend, dass im Herbst die Erzählung und ihre Übersetzung mit dem Merck-Kakehashi-Literaturpreis ausgezeichnet wurden.

Der von Merck und dem Goethe-Institut verliehene Preis fördert als wortwörtliche „Brücke zwischen den Kulturen“ (Kakehashi) Übersetzungen deutscher Gegenwartsliteratur ins Japanische mit je 10.000 Euro für den Autor und seinen Übersetzer. Im Namen des 1979 gestorbenen Schmidt nahm der Vorsitzende der Arno Schmidt Stiftung, Jan Philipp Reemtsma, den Preis im Goethe-Institut Tokyo entgegen. Wir haben ihn gefragt, was Schmidts Prosa so besonders macht.
Herr Reemtsma, Sie sind Mitbegründer der Arno Schmidt Stiftung, haben mehrere Bücher über Schmidt verfasst und sein Gesamtwerk im Rundfunk gelesen. Was macht für Sie die Faszination von Schmidts Texten aus?

Reemtsma: Arno Schmidt hat in der deutschen Nachkriegsliteratur eine einzigartige Stellung. Es gibt neben ihm keinen Autor, dessen Werk eine solche Spannung zwischen Alltagsbeobachtung und -darstellung bis hin ins scheinbar banale – aber kulturhistorisch wertvolle – Alltagsdetail mit einer solchen poetischen Intensität der Sprache – ich spreche von metaphorischer Dichte und Sprachtempo – kombiniert. So lesen Sie am Anfang des Romans Das steinerne Herz, wie er in eine Kleinstadt kommt und nach einer Adresse sucht. Er fragt sich durch, sieht gewissermaßen aus den Augenwinkeln dies und das. Was vor den Augen des Lesers entsteht, ist das Porträt des beginnenden westdeutschen Wirtschaftswunders im Jahre 1954 – aus Mosaiksteinchen.

Lässt sich diese metaphorische Fülle denn überhaupt in eine andere Sprache übertragen?

Preisträger Wada Preisträger Wada | Foto: Gen Tsujimoto Das hängt ganz von der einzelnen Sprache ab. Die Probleme sind bei jedem Autor und jeder Sprache ganz unterschiedlich. Da ist die Frage nach der Syntax, den semantischen Feldern der einzelnen Wörter und so weiter. Schmidts stilistische Eigenheiten sind, was sie sind, eben individuelle Besonderheiten des Stils, aber jeder Autor hat seine Besonderheiten, und die sind eben, weil sie Besonderheiten sind, nur mit besonderer Mühe übertragbar. Eine interessante Schwierigkeit ist, wenn spezifische regionale oder Milieueigenheiten – oft ganz simpel: ein Dialekt, für den es anderswo kein Äquivalent gibt – übertragen und durch die Übertragung erlebbar gemacht werden sollen. Wie übersetzt man die Atmosphäre eines Lübeck im 19. Jahrhundert oder eines London zu derselben Zeit so, dass jemand aus einem anderen Kulturkreis es bei der Lektüre von Thomas Mann oder Charles Dickens auch „sieht“ – und „hört“: Wie übersetzt man Cockney ins Japanische oder ins Urdu?

Während Ihres Vortrags zu Arno Schmidt im Goethe-Institut Tokyo haben Sie ein besonders anschauliches Beispiel für die Herausforderungen bei der Übersetzung von Schmidts Texten genannt. Es war ein Untertitel, glaube ich ...

Der Untertitel seines Romans Abend mit Goldrand. Da hat der Übersetzer John Woods im Untertitel ein Wortspiel untergebracht, das der deutsche nicht hat. Deutsch steht da: „55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der Verschreibkunst“. Das Spiel mit „ländlich/endlich“ plus „Lende“ kann man nicht übertragen, da hat Woods nur zwei Bedeutungen und zudem sehr vereindeutigend, aber dem Englischen auf akustischer Basis sehr einleuchtend, untergebracht: „C(o)untryside“. Dafür steht für „Gönner der Verschreibkunst“ „Patrons of Erra/ota“, also „error“ plus „Erotik“, anspielend auf Freuds Analyse der Fehlleistungen.

Ich als Laie würde vermuten, gerade in solchen Wortschöpfungen drückt sich die wahre Kunst Arno Schmidts aus. Ist diese Erklärung zu platt?

Witze machen kann zwar auch nicht jeder, aber es kommt ja darauf an, was man aus so einem Witz macht. Unsere Werbung ist voll von Wortspielen und hat mit Literatur noch lange nichts zu tun. Auch um „Wortschöpfungen“ geht es nicht. Jede Sprache erlebt dauernd Neuschöpfungen von Wörtern, und auch das hat mit Literatur nichts zu tun. Entscheidend ist das Werk, das daraus wird, nur das zeigt – bei Schmidt wie bei jedem anderen Autor –, ob wir es hier mit etwas Bedeutendem zu tun haben. Auch der gute Übersetzer zeigt sich nicht daran, ob er diese oder jene Schwierigkeit gut meistert, sondern daran, ob er etwas wie ein Gegenstück zum Original in seiner eigene Sprache schaffen kann. Man muss zum Beispiel das übersetzte Buch in beiden Sprachen gleich flüssig und selbstverständlich lesen können. Literatur, der man ansieht, dass sie übersetzt ist, ist nicht gut übersetzt.

Sehen Sie unter den heutigen deutschen Autoren einen würdigen Erben Arno Schmidts?

Autoren von einiger Bedeutung haben keine Erben oder Nachfolger. Wieland hat keine gehabt, Goethe nicht, Thomas Mann nicht, Döblin nicht. Ein Autor, der schriebe wie ein anderer oder dies versuchte, machte ihn nach. Und also täte er alles andere, als zu schreiben wie sein angebliches Vorbild.

Warum sollten wir Schmidt heute auf Deutsch oder nun sogar Japanisch lesen?

Weil Ihr Leben sonst ärmer wäre. Es gibt bei Literatur nur diese Antwort, egal, nach welchem Autor Sie mich fragen.

Die Fragen stellte Franziska Kekulé