Meine Berlinale Ein guter Jahrgang

Im Zeichen des Bären: Blick aus dem Berlinale-Palast
Im Zeichen des Bären: Blick aus dem Berlinale-Palast | Foto: Maren Niemeyer

500.000 Besucher, 441 Filme, 72 Länder, elf Tage und ein paar Bären. Es war mal wieder Berlinale. Maren Niemeyer, Filmemacherin und Goethe-Mitarbeiterin, war dabei – und zieht eine ganz persönliche Bilanz.

Wenn Sie dieser Tage in der U-Bahn von Tokyo, São Paulo, Johannesburg oder auch New York junge gut angezogene Menschen mit tiefen Augenringen, schniefender Nase und einer Bierflasche in der Hand antreffen, könnte es durchaus sein, dass es sich um Berlinale-Veteranen handelt.

500.000 Kino-Besucher hatten an elf Tagen die Wahl und Qual, 441 Filme aus 72 Ländern zu sehen. Für mich war es die 25. Berlinale und deswegen traue ich mich zu sagen: Es war ein besonders guter Jahrgang, eine besonders spannende und eine besonders politische Berlinale mit durchweg nachvollziehbaren Juryentscheidungen.

Dabei wurden die Hürden für die Cineasten aus aller Welt dieses Jahr nochmal ordentlich nach oben geschraubt: Die Chance, an die entscheidenden Karten zu kommen, glich der Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen. Die Anreise zu den quer über die Stadt verteilten Berlinale-Kinos erwies sich wegen der geschlossenen Haupt-S-Bahntrasse als täglicher U-Bahn-Nahkampf gegen die Berliner Grippeviren.

Kein Wunder, dass da selbst zierliche japanische Filmkritikerinnen den Berlin-Stil kopierten, und die Bierflasche zur ständigen Begleiterin auf der überfüllten U2 wurde. Die führte direkt zum Alexanderplatz und in das Kino International, wo einer meiner Lieblingsfilme der diesjährigen Berlinale im Panorama lief. B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin, 1979 – 1989, von Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange taucht ein in die verrückt-verrauschte Insel der Glückseligen und weltfremden West-Berliner Musik- und Kunstszene dieser Jahre, die ich in der Endphase noch selber als FU–Studentin erlebt habe.



Alle sind sie gekommen in das überfüllte Kino, Blixa Bargeld, Gudrun Gut, Campino, nur Nick Cave und Christiane F. sind nicht zu sehen. Ein Klassentreffen der Underground-Superlative, wer die Räusche in der legendären Bar Risiko und die Drogennächte im weltberühmten „Dschungel“ überlebt hat, ist heute am ersten Berlinale-Sonntag hier, leicht ergraut und mitunter mit Kind und Kegel. Der Film ist eine soghafte Collage: Genialer Sound, spannende Protagonisten und atemberaubendes Archivmaterial lassen diese West-Berliner-Ausnahmezeit nochmal für 90 Minuten wiederauferstehen. Die in der U-Bahn Bierflaschen leerende Jugend von heute wirkt im Anschluss an diesen filmischen Berlin-Exzess wie eine Ansammlung von Klassenstrebern.

Von wegen. Gleich im nächsten Film werde ich eines Besseren belehrt. In Sebastian Schippers Wettbewerbsfilm Victoria zeigen vier harte Kreuzberger Jungs und eine junge Spanierin, wie die rauschhaften Berliner Morgenstunden im Jahr 2014 gefeiert werden, Banküberfall inklusive. 140 Minuten in einer Einstellung gedreht, ich habe seit Lola rennt keinen so kraftvollen deutschen Film gesehen, tolle Darsteller, großartige Regie, und zurecht bekommt am Ende der junge norwegische Kameramann Sturla Brandth Grovien den Silbernen Bären für seine Kamera-Arbeit.



Sehr viel ruhiger geht es in Dominik Grafs Forumsfilm über den deutschen Filmkritiker Michael Althen zu, der 2011 im Alter von nur 48 Jahren starb. Es ist einer von fünf Berlinale-Filmen, die das Goethe-Institut unterstützt hat und umso gespannter bin ich auf das Ergebnis. Was heißt hier Ende ist ein berührender und ein melancholischer Film geworden, der seinem Protagonisten sehr nahekommt und der auch gleichzeitig ein wunderbar lehrreicher Dokumentarfilm über den schwierigen Beruf des Filmkritikers geworden ist.

Der Filmwelt und dem Film in der Welt galt auch das vom Goethe-Institut ausgerichtete Berlinale-Frühstück gleich zu Beginn der Festspiele. Die dort vergebenen Preise lagen ganz im Trend dieser politischen Berlinale, sie stammen von Filmfesten aus zwei Ländern, die für die internationale Gemeinschaft der Filmschaffenden noch weiße Flecken sind: Nordkorea und Albanien.



Generalsekretär Johannes Ebert und Präsident Klaus-Dieter Lehmann übergaben die beeindruckend massiven Statuen der vom Goethe-Institut unterstützten Festivals an die Macher der deutschen Gewinnerfilme persönlich: Die Brücke am Ibar von Michaela Kezele und Vergiss mein nicht von David Sieveking haben in Pjöngjang überzeugt, Westen von Christian Schwochow und Stiller Sommer von Nana Neul im albanischen Saranda. Ich bin gespannt, ob der rebellische Thriller Victoria beim nächsten Filmfestival in Pjöngjang eine Chance hat; wäre doch ein kleiner Trost, wo es mit dem Goldenen Regie-Bären für Sebastian Schipper diesmal nicht geklappt hat.

Dass die Berlinale-Jury am Ende den mit einem Arbeitsverbot belegten Iraner Jafar Panahi für seinen Film Taxi ausgezeichnet hat, war richtig. Es war nicht nur filmisch eine gute Entscheidung, sondern in diesen bewegten Zeiten drohenden Fundamentalismus’ auch ein starkes Zeichen für die Freiheit der Filmkunst.