Subkultur der Achtziger Seele brennt

Fleisch gewordene Metaphern – wofür auch immer: Die Tödliche Doris auf dem „Festival Genialer Dilletanten“
Fleisch gewordene Metaphern – wofür auch immer: Die Tödliche Doris auf dem Festival Genialer Dilletanten | Foto: Archiv Die Tödliche Doris

4. September 1981, Berlin. Es wird laut. Bands wie die Einstürzenden Neubauten und Die Tödliche Doris spielen und experimentieren beim Festival Genialer Dilletanten. Eine Ausstellung erinnert nun an die Zeit des geräuschvollen Aufbruchs. Von Mathilde Weh

Geniale Dilletanten war der absichtlich falsch buchstabierte Titel des Festivals, das am 4. September 1981 im Berliner Tempodrom stattfand. Der Titel avancierte zum Synonym einer kurzen Epoche des künstlerischen Aufbruchs in West- und Ost-Deutschland. Anfang und Mitte der Achtzigerjahre wurden in allen Künsten neue Wege begangen, neue Ausdrucksformen gesucht. Anstatt sich weiter der Weltrevolution zu verschreiben, drang man auf die Verwirklichung alternativer Lebensformen zwischen Anti-Amerika-Demos und Häuserkampf, Feminismus und Homosexualität, Drogen, Punk und New Wave.

Die Ablehnung von Normalität äußerte sich im bewussten Verzicht auf handwerkliches Können, der Überschreitung von Gattungsgrenzen und dem Widerstand gegen ästhetische Konventionen, der Lust an der Provokation, ungebremster Expressivität und einer Ästhetik des Schocks. An diese Epoche erinnert nun eine Ausstellung des Goethe-Instituts: Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland ist ab heute im Haus der Kunst zu sehen. Für die Präsentation in München wurde die Tourneeausstellung vom Haus der Kunst um Originale erweitert. Sie präsentiert Protagonisten und Treffpunkte der Szenen in verschiedenen Regionen Deutschlands und bietet Einblicke in die vielfältigen Netzwerke sowie die zeitgleichen Entwicklungen in Musik, Kunst, Film, Mode und Design.

Zum Fotoalbum Zum Fotoalbum auf Facebook | Neue Techniken ermöglichten damals zum ersten Mal das unabhängige und kostengünstige Produzieren von Musik, Videos und Filmen. Kennzeichnend war ein gattungsübergreifender Ansatz: Musiker drehten Super-8-Filme, Maler spielten in Bands oder gründeten Clubs, die als Inkubatoren der nicht nur in Berlin, sondern auch in Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Limburg oder Erlangen explodierenden Szene fungierten.

Mit den ersten tragbaren und erschwinglichen Video-Kameras konnten Clips produziert werden, die deutsche Sprache behauptete sich erstmals gegen das bis dahin dominierende Englisch in der Pop-Musik. Die Tödliche Doris aus Berlin oder Der Plan aus Düsseldorf experimentierten mit verschiedenen künstlerischen Formen wie Musik, Film, Objektkunst und Malerei und traten mit surrealen Kostümen und ironisch-sarkastischen Texten auf. In München wurde von Redaktionsmitgliedern des Underground-Magazins Mode & Verzweiflung, die sich vor allem für kulturelle Brüche interessierten, die Band Freiwillige Selbstkontrolle (F. S. K.) gegründet. Ihre bekannteste Losung lautet: „Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir Freiwillige Selbstkontrolle.“

Die Einstürzenden Neubauten aus Berlin erforschten mit einem aus Schrott und Alltagsgegenständen zusammengestellten Instrumentarium die Grenzen zwischen Musik, Geräusch und Lärm. Das Düsseldorfer Duo Deutsch Amerikanische Freundschaft (D. A. F.) kombinierte in seinen Songs harte Schlagzeug-Beats mit minimalistischen Synthesizer-Effekten und provokativen Texten, so in Tanz den Mussolini oder Der Räuber und der Prinz. Die Musik von Palais Schaumburg aus Hamburg gewann ihren besonderen Charakter aus der Mischung von Synthesizern, Sample-Geräten, Trompete und skurril-atonal vorgetragenem Gesang. Trotz erschwerter Umstände engagierten sich auch in Ost-Berlin Künstler und Musiker in avantgardistischen Bandprojekten wie Ornament und Verbrechen, das durch Jazz, Industrial und elektronische Musik beeinflusst war.
 

Geniale Dilletanten – sieben Beispiele

1980 fanden sich Blixa Bargeld, N. U. Unruh, Gudrun Gut und Beate Bartel für einen spontanen Auftritt im Club Moon in West-Berlin zusammen und gründeten daraufhin Einstürzende Neubauten. Anfangs spielten sie ihre Konzerte noch mit konventionellen Instrumenten, doch nach einem Notverkauf des Schlagzeugs entwickelten sie mangels finanzieller Möglichkeiten ein Instrumentarium aus zusammengesuchtem Schrott und Alltagsgegenständen, darunter Stahlteile, Fässer, Hämmer, Bohrmaschinen und Sägen, ergänzt durch eine nicht gestimmte E-Gitarre und Blixa Bargelds markerschütterndes Schreien. Seine oft kryptischen Texte kreisten dabei vor allem um Untergangsfantasien.
Die Band wurde 1978 im legendären Düsseldorfer Szenetreff Ratinger Hof von Gabriel „Gabi“ Delgado-López und Robert Görl gegründet. Der Bandname ist durchaus ironisch zu verstehen. Bewusst grenzte sich D. A. F. mit deutschen Texten und Musik jenseits des Mainstreams von dem, wie sie es selbst nannten, „amerikanischen Kulturimperialismus“ ab. Sänger Delgado war der Schritt noch nicht radikal genug, weshalb er die Band kurzzeitig verließ. Das erste Album Ein Produkt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft ist daher rein instrumental. Viele der 22 Stücke sind nur Sekunden lang. Nach einer Tour durch England kam es 1981 zum Konzeptwechsel: Delgado und Görl führten D. A. F. als Duo fort. Das erste Album in neuer Besetzung Alles ist gut erhielt den Deutschen Schallplattenpreis. Durch ihren minimalistischen Einsatz von Instrumenten, gepaart mit monotonem Sprechgesang, beeinflusste D. A. F. die Neue Deutsche Welle maßgeblich.
Die Künstler Frank Fenstermacher und Moritz Reichelt, alias Moritz R®, betrieben zunächst in Wuppertal die Galerie Art Attack, bevor sie gemeinsam mit Kai Horn die Gruppe Weltaufstandsplan gründeten. Aus ihr ging 1978 in Düsseldorf Der Plan hervor. Plattencover, Flyer und Plakate hat die Band zumeist selbst entworfen. Als Konzertraum diente anfänglich die Galerie. Die Band produzierte mehrere Studioalben und einige Singles, unter anderem Fette Jahre, Es ist eine fremde und seltsame Welt, Normalette Surprise, Gummitwist und Golden Cheapos. Dabei ersetzten nach und nach neue Computertechnologien wie Sample-Geräte und Synthesizer das Tonbandgerät. Die Gruppe selbst hat ihre Musik später als „elektronischen Schlager“ bezeichnet. Die Texte behandeln durchaus ernste Themen, die allerdings mit viel Witz und Ironie vorgetragen wurden.
Die Kunststudenten Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen gründeten 1980 Die Tödliche Doris in West-Berlin. Später wurden Chris Dreier, Dagmar Dimitroff, Elke Kruse alias Käthe Kruse und Tabea Blumenschein Mitglieder der Band. Weitere Künstlerinnen und Künstler beteiligten sich sporadisch. Neben einer Vielzahl von Instrumenten experimentierten sie mit defekten Tonbändern und Kassettenrekordern. Besetzung, Kostüme und Musikstil variierten von Auftritt zu Auftritt, die zu Performances gerieten. Von Beginn an war Die Tödliche Doris ein konzeptionelles Kunstprojekt: Zu der Musik entstanden unter anderem Kunstobjekte, Installationen, Texte, Filme und Fotografien.
Die Band wurde 1980 von vier Redaktionsmitgliedern des Münchner Underground-Magazins Mode & Verzweiflung gegründet: von dem Kurator Justin Hoffmann, dem Schriftsteller Thomas Meinecke, der Künstlerin Michaela Melián sowie dem Fotografen Wilfried Petzi. Später kam noch der Musiker Carl Oesterhelt dazu. Die Losung der Band lautete: „Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir Freiwillige Selbstkontrolle.“ Ab Mitte der Achtziger begann die Band neben ihren Konzerten in der Bundesrepublik, der Schweiz, Österreich und Holland vermehrt in England aufzutreten, wo sie auch regelmäßig bei John Peel für BBC-Sessions zu Gast war und ihre Platten nun auch in England veröffentlichte. 1989 gab F. S. K. auf Einladung des DDR-Rundfunk-Jugendsenders DT64 ein Konzert in Ost-Berlin.
Die Studenten Holger Hiller und Thomas Fehlmann gründeten 1980 während ihrer gemeinsamen Zeit an der Kunsthochschule in Hamburg die Band Palais Schaumburg, benannt nach der ehemaligen Residenz des Bundeskanzlers in Bonn. Auch Frank-Martin Strauß, alias FM Einheit, und der Amerikaner Chris Lunch waren für kurze Zeit Mitglieder der Band, verließen sie aber bereits nach Erscheinen der ersten Single Rote Lichter/ Macht mich glücklich wie nie. Synthesizer, Sample- Geräte und die Trompete Fehlmanns prägten den Klang von Palais Schaumburg, Post-Punk sowie Pop- und Dub-Elemente treffen auf skurril-atonal vorgetragenen, deutschsprachigen Gesang. Auch Dadaismus und Bauhausbewegung dienten als Inspiration. Durch ihr Auftreten mit Trachtenjanker, ausrasiertem Nacken und Seitenscheitel spielten Palais Schaumburg nicht nur in ihren Texten, sondern auch äußerlich mit vermeintlich urdeutschen Zeichen und Bedeutungen.
Ornament und Verbrechen wurde 1983 von den Brüdern Ronald und Robert Lippok als künstlerische Plattform und offenes Bandprojekt gegründet. Den Namen entlehnten sie dem Titel einer Schrift des österreichischen Architekten Adolf Loos. Unterschiedliche Stilrichtungen wie Jazz, Industrial und Elektro bestimmten die Musik der Band. Teile ihres Instrumentariums bauten die Musiker selbst, so dienten ein Gartenschlauch und der Auspuff eines Mopeds als Blasinstrumente, ein mit Legosteinen gefüllter Plastikkanister oder eine mit Fell bespannte Schublade als Perkussionsinstrumente. Elektronische Geräte wie Synthesizer, Sampler und später auch Computer ergänzten die experimentellen Klanggeräte. Ornament und Verbrechen galt in der DDR nicht zuletzt aufgrund des Namens als zu subversiv und unangepasst und erhielt keine offizielle Spielerlaubnis. Die Auftritte waren illegal und fanden vor allem in privaten Räumlichkeiten, in Kirchen, Galerien oder im Rahmen von Dichterlesungen statt. Hinzu kamen „Piraten-Gigs“, so auch einer im Palast der Republik.
Was dann ab Mitte der Achtziger in der Kommerzialisierung als Neue Deutsche Welle versandete, war eine bis dahin ungekannte künstlerische Vehemenz, die sich in Musik und bildender Kunst ebenso wie im Design, in Mode, Literatur und Film Bahn brach. Der Trend erreichte auch Künstler außerhalb Deutschlands. So kamen viele internationale Musiker nach Berlin, um dort zu leben und mit deutschen Kollegen zusammenzuarbeiten, darunter auch David Bowie, Iggy Pop, Nick Cave und Lou Reed.

Mathilde Weh, Referentin im Bereich Bildende Kunst des Goethe-Instituts, hat die Ausstellung „Geniale Dilletanten“ kuratiert.

Geniales gefällig?

Hätten Sie gern den Katalog zur Ausstellung samt einer CD mit einer Auswahl der passenden Musik? Dann werfen Sie Ihre E-Mail-Adresse in die Lostrommel! Unter allen Einsendungen, die bis einschließlich 1. Juli bei uns eingehen, verlosen wir drei Geniale-Dilettanten-Päckchen. Mitarbeiter des Goethe-Instituts sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

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