Orchesterbesuch in Kinshasa Ein klassischer Fall von Workshop

Musiker des WDR-Sinfonieorchesters geben ihr Wissen an die Kollegen in Kinshasa weiter
Musiker des WDR-Sinfonieorchesters geben ihr Wissen an die Kollegen in Kinshasa weiter | Foto: Martin van der Belen

Anfangs mussten die Musiker ihre Instrumente noch selbst basteln, inzwischen ist das Orchestre Symphonique Kimbanguiste ein beeindruckendes Laienensemble. Auch das WDR Sinfonieorchester und das Goethe-Institut haben Anteil an der Erfolgsgeschichte. Ein Werkstattbericht von Gitte Zschoch

„Den Arm ganz locker lassen, ganz sanft und mit viel Gefühl den Bogen führen.“ Pierre-Alain Chamot nimmt sich viel Zeit, um mit Brando Siamina an der Technik zu feilen. Wie hält man den Bogen richtig? Wie schnell bewegt man ihn über die Saiten? Wie viel Druck muss man wann geben? Die beiden Violinisten stehen im Studio der Villa von Armand Diangienda, dem Dirigenten und Leiter des Orchestre Symphonique Kimbanguiste (OSK). Der Raum ist mit Teppich und Stoff schalldicht isoliert und vollgestellt mit einem Klavier und anderen Instrumenten, mit Kisten und Notenpulten. Eine Tür zum Hinterhof gibt Tageslicht.

Immer wieder setzt Siamina neu an: Geige unters Kinn und den Bogen ganz entspannt, aber doch kontrolliert, über die Saiten führen. Siamina ist seit drei Jahren Mitglied des Orchesters. Nach dem Besuch der Akademie der Schönen Künste in Kinshasa hat er sich der klassischen Musik verschrieben. Den Einzelunterricht mit Chamot findet er besonders hilfreich: „So habe ich Zeit, an Sachen zu arbeiten, die sonst zu kurz kommen.“

Chamot ist nicht zum ersten Mal in Kinshasa. Zusammen mit vier Kolleginnen und Kollegen hält er sich eine Woche in der Stadt auf und gibt jeden Tag Einzelunterricht in der Zentrale des Orchesters im Stadtteil Ngiri-Ngiri, die sich hinter einer Tankstelle und einem Markt für Eisenwaren findet. Ganz in Grüntönen gestrichen, stechen Gebäude und Tor schon von weitem ins Auge. „Als wir 2010 zum ersten Mal hier waren, haben die Musiker gedacht, es gebe genau eine Methode, Geige zu spielen“, erzählt Chamot. „Jetzt sehen sie aber, dass man es auf ganz verschiedene Arten tun kann.“ Daher arbeite er mit jedem der Violinisten an ihrer ganz eigenen Art, Geige zu spielen. „Das Orchester hat einen Sprung nach vorne gemacht. Die Musiker der dritte Generation werden richtig gut: Sie fangen schon sehr früh mit dem Spielen an, profitieren vom Wissen der älteren Kollegen – und sie sind sehr fleißig.“

Ein Film mit Auswirkungen

Diese Entwicklung möglich gemacht haben nicht nur die Liebe zur Musik und die Ausdauer und Leidenschaft, mit der das einzige Sinfonieorchester Zentralafrikas an drei Abenden der Woche probt. Sondern auch die Partnerschaften, die das OSK mittlerweile mit vielen internationalen Einrichtungen pflegt. In den USA, in Monaco, England und eben in Deutschland gibt es Freunde und Unterstützer. Der Film Kinshasa Symphony von Claus Wischmann und Martin Baer von 2009 hat das Orchester über die Stadt Kinshasa hinaus bekannt gemacht.



Der Film war es auch, der einige Musiker des WDR Sinfonieorchesters nicht mehr losließ. „Das Orchester war gerade in Deutschland, als wir den Film sahen“, sagt Christian Stach, Kontrabassist und Organisator des Austauschs. „Und so sind wir damals auf Armand Diangienda zugegangen und haben vorgeschlagen, eine Partnerschaft zu beginnen.“ Das ist jetzt fünf Jahre her, und mindestens einmal im Jahr findet ein intensiver Workshop statt. Auch das Goethe-Institut unterstützt den Austausch. Gemeinsam mit dem Orchester werden Schwerpunkte vereinbart: Bei den Holzbläsern gebe es noch Schwächen, daher wünschte man sich, dass ein Fagottist mitkommen würde. Da beim WDR Sinfonieorchester niemand verfügbar war, reiste Gretha Tuls mit, eine Niederländerin, die beim Hallé Orchestra in Manchester engagiert ist.

Mit Reparaturen und sogar dem Bau von Instrumenten hat das Orchester vor 20 Jahren seinen Anfang genommen. Damals bestand das Orchester eigentlich nur aus Autodidakten, und der Gründer und Dirigent, Armand Diangienda, ist selbst einer. Ursprünglich als Pilot ausgebildet, hat er sich seiner außergewöhnlichen musikalischen Begabung hingegeben und – nach Anfängen in einer Reggae-Band – das Orchester gegründet. Diangienda ist zudem ein Enkel des spirituellen Führers Simon Kimbangu, um den sich in den Zwanzigerjahren die Kimbanguistenkirche gründete. So ist er nicht nur der Leiter des Orchesters, sondern auch spiritueller Führer.

Zum Fotoalbum Zum Fotoalbum auf Facebook | Copyright: Goethe-Institut Die Zeiten der Improvisation sind lange vorbei. Das Orchester verfügt jetzt ausschließlich über hochwertige Instrumente und Notenpulte – ermöglicht durch eine Spende des Goethe-Instituts. „Wir haben nicht so viel Zeit zum Üben, wir sind Amateure. Daher ist es immer gut, wenn professionelle Musiker Unterricht geben“, sagt Diangienda. Neben Geige und Fagott sind bei diesem Workshop Bratsche, Kontrabass vertreten – und Trompete.

Klassenvorspiel

Die Blechbläser haben sich auf der Veranda der verwinkelten Dirigentenvilla eingefunden. Die Gruppe übt ein Stück für das Vorspiel am letzten Tag des Workshops. „Versucht, aufeinander zu hören! Und nicht im Tempo nachlassen – das Stück muss mitreißen“, sagt Martin Griebl, der in diesem Jahr zum ersten Mal beim Austausch dabei ist. „Es macht großen Spaß, mit den Musikern zu arbeiten. Was mich am meisten beeindruckt, ist die Leidenschaft, eine Unnachgiebigkeit, mit der die Leute bei der Sache sind. Niemand gibt jemals auf – auch wenn es nicht klappt. Das kenne ich von zu Hause nicht.“

Einer der Bläser ist Koffi Wasolua, 26 und bereits sein halbes Leben lang Mitglied im Orchester. „Martin hat mit uns Dinge geübt, die sonst immer zu kurz kommen. Zum Beispiel die Art, beim Blasen den Mund zu formen. Ich habe den Mund immer zu breit gezogen, aber das strengt beim Spielen zu sehr an.“ Jeden Samstag unterrichtet er selbst die nächste Generation an Musikern. Denn an Nachwuchs mangelt es dem Orchester nicht. Sogar Komponisten hat das Orchester schon hervorgebracht. Héritier Mayimbi, Konzertmeister und einer der Gründungsmitglieder des Orchesters, komponiert eigene Stücke, die das Orchester auch zur Aufführung bringt.



Am letzten Tag des Workshops findet im Hof das abschließende Vorspiel statt. Unter den Zuhörern sind junge und alte, erfahrene und neue Mitglieder des Orchesters. Beim Konzert einige Tage später in der Halle de la Gombe, der großen Freilichtbühne des Institut français in Kinshasa, sind alle Plätze belegt, auch auf den Mauern sitzen und stehen die Zuschauer.

Armand Diangienda hört derweil nicht auf, Pläne zu schmieden. Sein Traum ist es, eine Musikschule zu gründen. „Wir haben mittlerweile so viele Anfragen von Leuten jeden Alters, die gerne klassische Musik spielen möchten. Aber die Villa platzt jetzt schon aus allen Nähten. Wir brauchen dazu einfach mehr Platz und eine Struktur.“ Und natürlich Förderer. Mit dem WDR Sinfonieorchester ist Diangienda schon im Gespräch.