„ID-Clash“ Männer, Frauen und so weiter

Aufstieg und Fall der Klamotten: „ID-Clash“ in Bangladesch
Aufstieg und Fall der Klamotten: ID-Clash in Bangladesch | Foto: Md. Reaz

Was heißt das: zu Hause sein? In den eigenen vier Wänden, bei der Familie, in einer Gesellschaft? Im eigenen Körper? Und wie fühlt sich ein falsches Zuhause an? Fragen, um die es in ID-Clash geht. Die Performance gastierte jetzt auf Einladung des Goethe-Instituts in Bangladesch. Von Melanie Suchy

Straßenlärm flutet in die offene Galerie im ersten Stock der Shilpakala Academy in Dhaka, ein Brodeln aus Hupen und Motoren. Die Klingeln der Rikschas allerdings hört man erst, wenn man sich hineinbegibt in diesen zähen Strom aus Millionen Menschen und Maschinen, der sich durch Dhaka wälzt und den nicht die sinnlosen Ampeln, sondern höchstens ein paar Polizisten mit Holzstöckchen aufhalten und regeln, oder es blockiert mal wieder ein Demonstrationszug mit Trompeten und Brüllchören den Verkehr.

Diesem Alltagsgetöse, in das sich von hinten Töne einer Open-air-Literaturrezitation mischen, ringt die Performance ID-Clash des Kölner Künstlerduos Angie Hiesl und Roland Kaiser in dem Akademiesaal eine Atmosphäre der Behutsamkeit und Konzentration ab. Besucher des Jazzkonzerts und der Ausstellungsvernissage nebenan auf dem Kulturgelände driften neugierig herüber. Was gibt’s zu sehen? Erde auf den hellen Fliesen, reihenweise Blumen- und Palmentöpfchen, Videoprojektionen, ein kleines und ein großes offenes Haus aus Bambuslatten, aber vor allem die vier Menschen, die sich in dem Natur-Kultur-Ambiente exponieren. Sie öffnen sich ihrerseits, berichten aus ihrem Leben, und man erfährt von einer anderen Art Lärm, von Konfrontation, Streit, vom „Clash“, den sie erfahren haben und noch erfahren, weil sie ihr Geschlecht gewechselt haben. Was immer das genau ist: „Geschlecht“.

Die Herrenjacketts, die an Bügeln über einem kleinen Acker baumeln, fallen herab, wenn ihre Haltefäden durchgeschnitten werden; von anderen Kordeln gezogen, wachsen Frauenkleider aus dem bröseligen Boden. Eins nach dem anderen. Die Bangla-Übersetzung von Michelle Niwichos Text wird von einem Laptop aus an die Wand projiziert.

Was ist normal?

Man streunt in der Galerie zwischen den Performance-Teilen hin und her, pflückt sich hier ein Bild, dort einen Abschnitt einer Geschichte, drüben ein Lied. Diese Freiheit der Wege ist implizit ein Plädoyer: „Leben und leben lassen!“ So formuliert Melissa Noriega gern ihren Aufruf mit Blick auf Menschen, die nicht dem herkömmlichen Mann-Frau-Schema entsprechen.

Sie wurde in einem Männerkörper geboren, erzählt sie nun als Performerin auf Englisch in der offenen Bambushütte. Der sah zwar gut aus, nachdem er Tanzen studiert hatte, aber es war der falsche. Sie fühlte sich schon immer als Mädchen, als Frau, was ihr aber von der Familie ab der Pubertät verboten wurde und was sie sich dann auch selber verbot. Bis sie Vater – Mutter – wurde. Inzwischen, nach Operationen und Hormonbehandlungen ist sie rundum Frau und glücklich damit. Zuhause im eigenen Körper. Ein Bangladescher im Publikum streicht sich eine Träne aus dem Auge.

Er erklärt später an der Kollektion von hundert Setzling-Etiketten zwei Amerikanerinnen die Aufschriften, von „homosexuell“, „bisexuell“, „unentschieden“, über „trans-ident“ bis „drag queen“, „drag king“, „LGBT“, „queer“. Einmal sagt er: „Das bin ich.“ Sein Resümee: „Wir müssen laut darüber reden, auch in den Familien.“ Vielleicht macht die Performance ja Mut zu Ehrlichkeit und Respekt.

Laut genug sind die zwei einheimischen Performerinnen, Katha und Annonya, die ebenfalls „biologisch“ Männer sind. Sie singen und tanzen, sie sprechen von ihren Wünschen, den Familien, von Diskriminierung und Sex, bauen dabei eine Pyramide aus Wasserkrügen auseinander, falten farbenfrohe Saritücher zusammen, kämmen ihre Perücken, schminken sich, ziehen Kondome über Hammerstiele. Sie baggern klatschend ein paar Zuschauer an und segnen andere mit Sprüchen; das gehört zu den Traditionen der Hijras, der Gemeinschaft des „Dritten Geschlechts“, die in Bangladesch jeder kennt. Doch ein würdiges, gefahrloses, gleichberechtigtes Leben ist ihnen bislang kaum möglich, und einige der Genossinnen trauen sich nur undercover die Performance zu besuchen: ungeschminkt, in Männerklamotten.