São Paulo Ein Modell für urbane Entwicklung

Zur Unterzeichnung des neuen Projektraums ist auch der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann (rechts) nach São Paulo gereist.
Zur Unterzeichnung des neuen Projektraums ist auch der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann (rechts) nach São Paulo gereist. | Foto: Goethe-Institut e.V.

„Ruinen lassen einen nur selten unberührt. Sie erzählen Geschichten; manchmal sehr traurige und manchmal sehr geheimnisvoll-faszinierende“, mit diesen Worten eröffnete der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, am 8. Dezember den neuen Projektraum „Goethe na Vila“. Die Eröffnung fand in dem verfallenen Gebäudekomplex Vila Itororó im zentralen Stadtviertel Bela Vista von São Paulo statt, in dem der neue Projektraum liegt.

Man wolle an diesem Ort zu einem Akteur in der lokalen Kulturszene werden, so Lehmann und „Raum für Begegnung“ schaffen. Künstlern werde die Möglichkeit gegeben, sich um eine ein- bis zweimonatige Nutzung sowie um Projektgelder zu bewerben.

Die Ruine „Goethe na Vila“ liegt in dem verfallenen Gebäudekomplex „Vila Itororó“ im Stadtviertel Bela Vista, einer von Investoren inzwischen sehr gefragten Gegend im Zentrum der Stadt zwischen der Prachtstraße Avenida Paulista und dem „Japan Town“ Liberdade. Die „Vila Itororó“, ursprünglich der „Palast“ eines portugiesischen Industriellen, verfiel im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; hunderte von obdachlosen Menschen bezogen hier Quartier. Mittlerweile hat die Stadt das Gelände gekauft und die ehemaligen Bewohner umgesiedelt. Geplant ist, erneut Raum für sie zu schaffen.

Impulse aus Ruinen: Das unmittelbare Umfeld des neuen Projektraums „Goethe na Vila“ ist spannendes Stadtentwicklungsgebiet. Impulse aus Ruinen: Das unmittelbare Umfeld des neuen Projektraums „Goethe na Vila“ ist spannendes Stadtentwicklungsgebiet. | Foto: Goethe-Institut e.V.
Der Austausch mit der Nachbarschaft, mit den ehemaligen Bewohnern ist ein zentrales Element des Projekts. Neu ist der Ansatz, den Umbau in Kooperation mit Partnern – wie dem Goethe-Institut, der Nachbarschaft oder Sponsoren zu ermöglichen. Das Kulturzentrum wird nicht von Planern fertig hingestellt, sondern von der Bevölkerung selbst gestaltet. Kultur wird zu einem gewollten Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und der öffentliche Raum zum Gemeinbesitz.
 
Der Projektraum mit der „bewusst unfertigen Infrastruktur“ werde damit zum „offenen Labor“, das das ideale Umfeld biete, um „Initiativen zu Stadt, Raum, Nachbarschaft und Kultur anzuregen.“ Geplant sei, so Lehmann, „eine partizipative, behutsame Vorgehensweise der Weiterentwicklung, welche soziale, kulturelle aber auch ökonomische Aspekte im Austausch mit der Nachbarschaft berücksichtigt.“ Das Goethe-Institut wird bei dem Umbau des Areals neben weiteren Akteuren damit zu einem zentralen Kooperationspartner.
 
Das Goethe-Institut, so Präsident Lehmann, mache an diesem Ort den urbanen Raum und seine vielfältigen Probleme wie beispielsweise Gentrifizierung zum wichtigen Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung: „Dabei geht es aber nicht um Ruinenromantik, die in die Vergangenheit weist, sondern um die Zukunft.“

Das Gebäude soll zur Plattform für kulturellen Austausch werden. Das Gebäude soll zur Plattform für kulturellen Austausch werden. | Foto: Klaus-Dieter Lehmann
 Neben Lehmann waren Kulturschaffende wie der Kulturdezernent der Stadt São Paulo, Nabil Banduki, aber auch goetheweit bekannte Personen wie Theater-Beiratsmitglied Florian Malzacher, die Kuratorin Hannah Hurtzig und der Berliner Künstler Christoph Keller bei der Eröffnung des neuen Kulturraums zugegen.

Ab 2016 soll „Goethe na Vila“ in- und ausländischen künstlerischen Initiativen zur Verfügung stehen, die sich ab Jahreswechsel dafür bewerben können. Die monatlichen Projekte werden von einer Jury ausgewählt und so wird „Goethe na Vila“ im Laufe des Jahres 2016 und in beständiger Rückkopplung mit Ort und Nachbarschaft zu seiner endgültigen Gestalt finden. Die Direktorin des Goethe-Institut São Paulo, Dr. Katharina von Ruckteschell-Katte, sagte über die sich eröffnenden Möglichkeiten an diesem besonderen Ort: „Goethe na Vila wird nicht einfach nur ein Projektraum sein. Er wird das Potenzial haben, Modell für partizipatorische urbane Entwicklung zu werden und zugleich eine Plattform für den internationalen Diskurs.“
 
-stm-