Streaming Egos Am Digitalen Lagerfeuer

Erfahrbar machen: „Streaming Egos“ will nicht nur einen künstlerischen sondern auch einen experimentellen Zugang zum Thema digitale Identität finden.
Erfahrbar machen: „Streaming Egos“ will nicht nur einen künstlerischen sondern auch einen experimentellen Zugang zum Thema digitale Identität finden. | © NRW-Forum Düsseldorf

„Wer sind wir im Netz?“ Mit dieser Frage setzt sich das Projekt „Streaming Egos“ der Goethe-Institute aus der Region Südwesteuropa auseinander. Künstler, Kulturschaffende und Netzexperten aus sechs Nationen diskutieren über virtuelle Wunschbilder, neue Formen von Zugehörigkeit und länderspezifische Eigenheiten. Die Ergebnisse präsentierten sie auf der „Digital Identity Convention“ in Düsseldorf. Die Kuratorin des Projekts, Medienforscherin und Gründerin des „Slow Media Instituts“ Sabria David, verrät, dass Selfies kein neues Phänomen sind, welche Vorzüge Online- und Offline-Kommunikation haben und was nationale Identität im virtuellen Raum bedeutet.

Frau David, was unterscheidet das Selfie von früher zu dem von heute?

Wenn man bei Google die Suchbegriffe „Maler“ und „Selbstporträt“ eingibt, merkt man schnell, dass das Selfie keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb das Selfie in unserer digitalen Gesellschaft zu so einem Phänomen geworden ist: Erstens kann jeder mittlerweile Künstler, Poet, Autor, Produzent und damit auch potenzieller Selbstdarsteller sein. Und zweitens: Das Selfie dient der Selbstvergewisserung und Existenzbestätigung, es beweist, dass man da ist. Somit lässt sich das Phänomen Selfie auch als Ausdruck einer verunsicherten Gesellschaft lesen, die Bindung und Bestätigung sucht.
 
Der Fokus des Projekts liegt auf der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema „digitale Identität“. Warum haben Sie sich für diesen Zugang entschieden?

An dem Projekt nehmen Forscher, Künstler, Medienforscher, Journalisten und Theaterleute teil, Menschen der Theorie und der Praxis. Es geht also nicht nur um eine künstlerische, sondern auch um eine diskursive, experimentelle Annäherung an das Thema „digitale Identitäten“, aus verschiedenen Blickwinkeln.

Teilnehmende Länder sind Frankreich, Italien, Portugal, Belgien, Spanien und Deutschland. Gibt es länderspezifische Unterschiede, wie sich Akteure im Netz präsentieren?

Wir wollen bei der Convention auf beides schauen: auf die Unterschiede und auf die Gemeinsamkeiten. Das soll Grundlage für die zweiten Projektphase sein: Wie können mögliche länderspezifische Unterschiede sich zu einem gemeinsamen europäischen Blick ergänzen? Und wie kann der digitale Kulturraum uns dabei helfen, über Ländergrenzen hinweg miteinander in den Austausch, ins Gespräch zu kommen? Dafür müssen wir erst einmal sehen, wo mögliche Länderspezifika sind und auf welchen Gemeinsamkeiten wir aufbauen können.
 
Welche Rolle spielt denn das Thema nationale Identität bei „Streaming Egos“?
 
Wenn man sich bewusst macht, aus welcher Perspektive man selbst in die Zukunft schaut, ist das der erste Schritt zu einem transnationalen Dialog. Kennt man die eigenen blinden Flecken, versteht man auch den anderen besser. Länderspezifische Unterschiede bedeuten ja nicht immer auch Widerspruch, oft ergänzen sie sich gut. Interessant wird sein, zu sehen, ob tatsächlich die Herkunftsländer den größten Unterschied ausmachen oder vielleicht eher die Unterscheidung, ob man Künstler oder Denker ist, Mann oder Frau.
 
Der Austausch findet online, aber in den beteiligten Ländern auch offline statt, genauso wie die Convention in Düsseldorf. Leistet der persönliche Austausch etwas, was virtuelle Treffen nicht können?

Es geht in dem Forschungsprojekt darum, zu erkunden, welche Medienform für welche Art von Austausch am produktivsten ist und wie sich die verschiedenen Medienformate am besten zu einem fruchtbaren Diskurs zusammenfügen lassen. Persönliches Zusammentreffen ist toll, aber es setzt die körperliche Anwesenheit voraus und schließt damit sehr viele aus dem Prozess aus. Wir testen, wie die Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs und Identitätsbildung für möglichst viele Menschen stattfinden kann – auch über Grenzen hinweg.
 
Marshall McLuhan hat von der „Retribalisierung“ im digitalen Zeitalter gesprochen: Im digitalen Kulturraum spricht man, als säße man gemeinsam am Lagerfeuer – ohne körperlich anwesend sein zu müssen. Gesellschaftliche Identitätsbildungsprozesse können nicht nur auf persönlichem Zusammentreffen fußen. Das funktioniert im Kleinen: in der Nachbarschaft, unter Kollegen. Aber was können wir tun, wenn wir mehr Menschen in das Gespräch einbeziehen wollen? Menschen, die körperliche Einschränkungen haben und nicht reisen können? Menschen, deren sozialer Hintergrund sie bremst? Oder Menschen – und das ist die Mehrheit – die keine Zeit für ein persönliches Treffen haben?
 
Können Sie schon etwas über die Ergebnisse verraten, die bei der Convention vorgestellt wurden?
 

Die Convention war ein spannendes und facettenreiches Aufeinandertreffen sehr unterschiedlicher Akteure und Perspektiven. Sehr schön war zu sehen, wie verschieden die Herangehensweisen an das Thema waren: im spanischen Zirkel als sehr körperlicher Erfahrungsraum, politisch im französisischen Zirkel, rein digital im portugiesischen, salonesk-diskursiv im deutschen, komplex kuratiert im italienischen und sehr experimentell und performativ im belgischen Länderzirkel. Und alle beschäftigen sich gemeinsam mit der Frage: Wie prägt sich die Vorstellung von Identität unter dem Einfluss digitaler Medien aus, wie verändert sie sich, wie entwickelt sie sich weiter?

Die Fragen stellte Teresa Niessen