Kulturakademie Tarabya Der Klang des Windes am Bosporus

Wenn Mark Andre am Bosporus steht, sammelt er die Klänge des Windes.
Wenn Mark Andre am Bosporus steht, sammelt er die Klänge des Windes. | Foto: Christian Klier

Die Kulturakademie Tarabya in Istanbul fördert unter der kuratorischen Leitung des Goethe-Instituts den Austausch zwischen deutschen und türkischen Künstlern. Sie wird von der Deutschen Botschaft Ankara betrieben und ist Teil der Kulturarbeit der Botschaft in der Türkei. Das Residenzprogramm richtet sich an Kulturschaffende aller Sparten und möchte ihnen Inspiration und Plattform für Begegnungen sein. Bis zu zehn Monate können die Stipendiaten in der geschichtsträchtigen Villa am europäischen Ufer des Bosporus leben und arbeiten. Auch der Komponist für Neue Musik, Mark Andre, ist Stipendiat in Tarabya. Im Interview erzählt der deutsch-französische Wahlberliner, was die Zusammenarbeit mit lokalen Musikern für ihn bedeutet, wie er Klangschatten an der Hagia Sophia aufspürt und warum der Wind am Bosporus ganz besondere Töne in sich trägt.
 

Herr Andre, worauf haben Sie sich am meisten gefreut, als Sie von der  Einladung an die Kulturakademie Tarabya erfahren haben?
 
Mark Andre Mark Andre | © Karin Schander Ich war 2007 schon einmal für fünf Wochen am Goethe-Institut in Istanbul, damals für das Projekt „Into Istanbul“ mit dem Ensemble Modern und dem Siemens Arts Program. Die Akademie Tarabya existierte da noch nicht. Nach dem Projekt habe ich aber gemerkt, dass Istanbul eine unglaublich besondere Stadt ist, in der ich gerne intensiver arbeiten möchte. Für das Stipendium an der Kulturakademie hat mich der Komponist Wolfgang Rihm vorgeschlagen. Er war einer der Juroren, die die Stipendiaten bestimmen.
 
Sie sind seit Juli 2015 in Istanbul. Wie nahe sind sich Ihre Arbeit und die Klänge der Stadt in dieser Zeit gekommen?
 
Eines meiner Projekte, an dem ich hier gearbeitet habe, heißt „S3“. Es wird am 24. Januar in Berlin uraufgeführt. Es ist ein Stück für Klavier und Elektronik mit Klängen, die ich an der Hagia Sophia und am Bahnhof „Sirceci“ aufgenommen habe. Alle Klangsituationen stammen von Orten, die für mich als Zwischenräume gelten. Die Stadt verkörpert Übergänge zwischen Kontinenten, zwischen Kulturen und Religionen. Deshalb steht das „S“ im Titel auch für Schwelle.

Für ein weiteres Projekt, eine Komposition für Vocalsolisten, habe ich mit Windaufnahmen aus Tarabya gearbeitet. Es gibt so viel Wind da, und er verkörpert ganz verschiedene Klangtypen. Die Aufnahmen verbinde ich mit einem Element des Johannes Evangeliums 3, 8 – „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.“ – und gebe ihnen so eine metaphysische Ebene. Ich möchte im Stück eine Vereinigung der Klangtypen des Windes in Tarabya mit der Präsenz der heiligen Geistes schaffen. Der Bezug zur Dreifaltigkeit prägt den Titel des Stücks: „3“.
 
Sie haben in Paris, Stuttgart und Berlin gelebt – was beeindruckt Sie in Istanbul besonders?
 
Oft spielen metaphysische Themen in Mark Andres Werk eine Rolle. Oft spielen metaphysische Themen in Mark Andres Werk eine Rolle. | Foto: Manu Theobald
In dieser für mich unglaublich lauten Stadt gehen die Menschen mit Zeit, Klang und Geräuschen ganz anders um als in Berlin. Allein die Muezzin, die fünfmal am Tag zum Gebet aufrufen – ich höre die Skalen, die Mikrointervalle, und es wirkt sehr fremd. Für die Leute vor Ort ist das aber so vertraut wie für uns Dur oder Moll. Die andere Perspektive zu reflektieren und zu verstehen, finde ich großartig.
 
Hat die Stadt Ihre Arbeit verändert?
 
Meine Musik ist sehr leise und zerbrechlich. Hier gehe ich noch weiter nach innen. Gar nicht, um mich zurückzuziehen oder zu schützen. Ich öffne meine Ohren eigentlich noch weiter, ich möchte ja alles hören. Und das öffnet dann Räume in meinem Inneren. Die Klangsspuren, die ich aufspüre, entwickeln sich vielleicht noch intensiver, weil die Leute genau hinhören müssen. Obwohl es sonst so laut ist.
 
Die Kulturakademie Tarabya Die Kulturakademie Tarabya | Foto: Sedat Mehder Was meine Arbeit in Istanbul aber besonders prägt, ist die Stadt als riesiger Übergangsraum zwischen Religionen. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts war sie zum Beispiel eine wichtige Stadt für das Christentum. Man sieht noch die Spuren der verschwundenen Zeit. Ich spüre die Klangschatten in den Straßen, an den Plätzen.
 
Mich interessiert, wie die Stadt klingt, wie die Menschen klingen, und welche Spuren sie hinterlassen. Die Hagia Sophia zum Beispiel klingt sehr stark. Hier waren schon so viele Menschen, mit all ihren Hoffnungen, und ihre Schatten sind noch da. Diese Stimmungen und Klangsituationen möchte ich einfangen.
 
Gibt es schon eine Zusammenarbeit mit türkischen Musikern?
 
Ja, und das freut mich besonders! Ich arbeite mit dem Hezarfen Ensemble zusammen. Viele der Musiker gehören zum Orchester der Oper oder unterrichten an Universitäten. Wir haben bereits angefangen zu proben und die Zusammenarbeit ist für mich unglaublich bereichernd. Alle sind sehr gute Musiker, trotzdem ist meine Musik aber sehr neu für sie.
 
Neue Musik wird hier größtenteils als Cross Over aus Hip-Hop, Pop und Elektronischer Musik verstanden, aber eine richtige Szene für Neue Musik gibt es nicht. Die Zusammenarbeit ist für die Musiker also auch ein Kennenlernen und Herantasten an unbekannte Klänge und Klangtypen. Ich versuche, mit allen Mitgliedern aus dem Ensemble zu sprechen, bevor wir proben, teilweise auf Englisch, manchmal mithilfe von Übersetzern. Und ich spüre eine große Sensibilität für die Musik, die ich mache.
 
Die Fragen stellte Katrin Baumer.