no pain no game Der Mensch ist nur Mensch, wo er spielt

Der Vorsitzende des Unterausschusses für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Dr. Bernd Fabritius (rechts) und der Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert beim Ausstellungsrundgang anlässlich der Eröffnung am 15. März 2016 im Museum für Kommunikation in Berlin.
Der Vorsitzende des Unterausschusses für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Dr. Bernd Fabritius (rechts) und der Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert beim Ausstellungsrundgang anlässlich der Eröffnung am 15. März 2016 im Museum für Kommunikation in Berlin. | © Martin Christopher Welker

„No pain no game“: Die Ausstellung des Künstlerduos //////////fur//// durchbricht die Isolation des Spielers vor dem Bildschirm. Sie lädt Besucher beim gemeinschaftlichen Spiel zu Grenzerfahrungen zwischen Schmerz und Gesang ein und ist Teil der europaweiten SPIELTRIEB-Initiative des Goethe-Instituts.

Von Patrick Wildermann

Der Klassiker wartet gleich im ersten Ausstellungsraum des Berliner Museums für Kommunikation. „PainStation“ nennt sich der Metallkasten mit eingelassenem Bildschirm, den das Künstlerduo //////////fur////, Volker Morawe und Tilman Reiff, 2001 entwickelt haben. Seitdem können Museumsbesucher zwischen Skandinavien und Asien ihre physische Belastbarkeit an dem Gerät erproben. Der Name ist schließlich Programm. An der „PainStation“ messen sich je zwei Spieler beim Konsolen-Hit „Pong“ aus dem Jahr 1972, einem grafisch eher primitiven Pingpong-Match. Das Besondere: Fehler werden mit echten Schmerzen an der Hand bestraft. Je nach Level mit Hitze, Stromschlägen oder Peitschenhieben mit einem kleinen Gummischlauch. Hört hier der Spaß auf?
                                   
Den Körper ins Spiel bringen
 
Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann beobachtet die Facebox Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann beobachtet die Facebox | © Martin Christopher Welker Morawe, Jahrgang 1970, und Reiff, geboren 1971, haben sich Anfang der 2000er-Jahre an der Kunsthochschule für Medien in Köln kennengelernt und als Künstlerduo //////////fur//// zusammengefunden. Von Beginn an waren Artefakte ihr Markenzeichen, die ironisch, kritisch und spielerisch die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Maschine ausloten. „Damals gerieten Ego-Shooter in die Diskussion“, erinnert sich Morawe. Jene gewaltvollen Computerspiele also, die noch immer im Ruf stehen, die soziale Isolation der Nutzer zu befördern. „Unser Ansatz war, die Vereinsamung vor den digitalen Endgeräten zu durchbrechen und die Menschen zusammenzubringen.“ Womit das Künstlerduo dem Diktum Schillers folgte: Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt. „Wir sind der homo ludens“, lächelt Morawe.
 
Die Ausstellung „no pain no game“, die Teil der europaweiten SPIELTRIEB!-Initiative des Goethe-Instituts ist und bereits eine erfolgreiche Tour durch sieben osteuropäische Länder hinter sich hat, bietet nun in Berlin vom 16. März bis zum 26. Juni die Möglichkeit, zehn interaktive Artefakte von //////////fur//// mit allen Sinnen und vollem Körpereinsatz zu erfahren. Es ist die weltweit erste Einzelausstellung des Künstlerduos.
 
Gesellschaftskritik zum Mitmachen
 
Fast alle Arbeiten öffnen dabei hinter der spielerischen Benutzeroberfläche auch eine gesellschaftspolitische Dimension. Freilich auf humorvolle Weise, ohne das Moment des Didaktischen. Die „Facebox“ etwa fordert als „kleinstes soziales Netzwerk der Welt“ zwei Menschen dazu auf, ihren Kopf in metallene Kästen zu stecken und sich nur durch eine Glasscheibe getrennt vis-à-vis zu begegnen. Ein ironischer Kommentar zur entfremdeten Freundschaftsanfrage per Mausklick.

Das Videospiel „Golden Calf“ macht die Nutzer zu Aktienhändlern, die bereit sein sollten, für den Börsenerfolg auch in Waffen zu investieren. Eine vordergründig muntere Zockerei, bei der es „um die Gier nach Geld, Macht und Reichtum geht“, so Volker Morawe.
 
His Master’s Voice His Master’s Voice | © Martin Christopher Welker Und das Artefakt „the ////furer////“ schließlich ist ein Lautsprecherkasten mit Rednerpuppe, an dem die Nutzer ihre Verführbarkeit durch mehr oder weniger demagogische Politiker testen können. Im Repertoire dieser Jukebox, mit der die Macht der Sprache zur Disposition gestellt wird, finden sich Original-Ansprachen von George W. Bush in den Trümmern des World Trade Centers. Oder von der AfD-Chefin Frauke Petry auf einer Pegida-Demo.
 
Mut zur Peinlichkeit zeigen

Andere der Kunstwerke zielen dagegen weniger auf den Kopf als auf die Stimme. „His Master’s Voice“ zum Beispiel – in der Selbstbeschreibung der Künstler ein „meditatives Gesellschaftsspiel“ – lädt dazu ein, mittels Gesang kleine Kugelroboter in Bewegung zu versetzen. Auch das Artefakt  „Amazing“ setzt auf Lautstärke: Es ist ein Kugellabyrinth, das sich mittels verschiedener Tonlagen steuern lässt. Dahinter steht in beiden Fällen das Spiel mit dem Mut zur Peinlichkeit. Schließlich ist spontanes Singen im öffentlichen Raum in vielen Teilen der Welt eher mit Scham behaftet. In Tokio machten Morawe und Reiff die Erfahrung, dass die Besucher versuchten, über ihre Smartphones Töne zu generieren – statt sich selbst die vermeintliche Blöße zu geben.
 
Die Arbeiten von Morawe, der vormals als Weltraumelektroniker und Musikproduzent gearbeitet hat, und Reiff, einem gelernten Informatiker mit Schwerpunkt Interface-Design, sind längst vielfach ausgezeichnet und in renommierten Museumskontexten wie dem MoMa in New York oder dem MOCA in Shanghai präsentiert worden. Für die Künstler selbst liegt der Reiz ihrer Tour um die Welt nicht zuletzt im Vergleich der verschiedenen Nutzerreaktionen. So erwiesen sich die norwegischen Museumsbesucher als besonders hartgesotten im Umgang mit der „PainStation“. Manche, erzählt Morawe, „holten sich regelrecht blutige Hände“.
  Hungrige Mäuler mussten Geschick beweisen: Buffet-Angeln auf der Ausstellungseröffnung Hungrige Mäuler mussten Geschick beweisen: Buffet-Angeln auf der Ausstellungseröffnung | © Martin Christopher Welker Männerhobbys für Frauen
 
Das ironisch-subversive Spiel mit archaischen Ritualen und vermeintlichen Männerhobbys ist seit Beginn fester Bestandteil des //////////fur////-Programms. Dazu gehören der Flipper, bei dem man sich auf Augenhöhe mit der Kugel bewegt („////furminator“). Oder der Boxsack, an dem man nach einer vorgegebenen Farbkombination Soundfragmente des „Rocky“-Hits „Eye of the Tiger“ per Fausthieb erzeugt. Freilich hat das Künstlerduo die Erfahrung gemacht, dass diese Artefakte von Frauen aus den verschiedensten Ländern nicht weniger gern bespielt werden. „Unsere Arbeiten“, so Morawe, „sind nicht zuletzt ein soziales Experimentierfeld“.