Navid Kermani Solidarität, Freiheit, Offenheit

Navid Kermani – vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, Publizist, Orientalist und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.
Navid Kermani – vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, Publizist, Orientalist und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. | Foto (Ausschnitt): © Goethe-Institut e.V.

Navid Kermani ist einer der engagiertesten deutschen Denker und mit dem Goethe-Institut eng verbunden. Im Interview mit Catherine Newmark erzählt er über Literatur und Politik, die Bedrohung der Freiheit und die Perspektiven Europas. Diesen und andere Texte finden Sie in der aktuellen Beilage „das goethe“ der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 24. März 2016 oder zum Download unter goethe.de/publikationen.

Herr Kermani, Ihre Tätigkeiten sind breit gefächert: Sie sind Orientalist, Romanautor, Reisereporter ... Wie geht das alles zusammen?

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, lassen sich alle meine Tätigkeiten auf Literatur zurückführen. Ich greife beim Romanschreiben ebenso wie bei der Wissenschaft, aber genauso bei Reportagen, immer zu Büchern – zu Sachbüchern, aber immer auch zu literarischen Lektüren.

Fallen die politischen Reportagen, die Sie aus einem Kriegs- oder Krisengebiet liefern, wie jüngst Ihre Reise auf dem Flüchtlingstreck, die jetzt unter dem Titel „Einbruch der Wirklichkeit“ veröffentlicht wurde, nicht allein schon von der Arbeitstechnik her in einen ganz anderen Bereich als das Verfassen literarischer oder geisteswissenschaftlicher Arbeiten am Schreibtisch?

Die Reportagereise ist natürlich ein sehr spezielles Genre. Das sind immer recht kurze Reisen, für die ich sehr gut vorbereitet sein muss, wo ich dann aber vielleicht nur zehn oder vierzehn Tage tatsächlich unterwegs bin. Für mein neuestes Buch waren es sogar nur acht Tage – allerdings acht Tage reinen Erlebens. Wäre ich länger geblieben, meine Aufnahmekapazität wäre bald erschöpft gewesen, ich hätte dann schon mehrere Monate bleiben müssen, um noch einmal in tiefere Schichten vorzudringen.

Das aber, was danach kommt, der Schreibprozess, der unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen Schreibprozessen. Es geht ja immer darum, dass man Erfahrungen reflektiert, der als chaotisch erfahrenen Wirklichkeit eine Form gibt, die Widersprüche und Zwischentöne bewahrt. Und ich nehme auch in den Reportagen mich selber nie aus. Das ist kein neutrales Beobachten. Das sind meine Augen, andere Augen würden anders sehen.

In Ihrem Schreiben scheint ja, auch wenn Sie sich politisch äußern, die literarische Tradition fast immer der Bezugsrahmen zu bleiben. Nur wenige andere würden beispielsweise Terrorismus mit Lessing analysieren ...

Mag sein. Aber meine Bibliothek enthält ja nicht nur politische Sachbücher, sondern vor allem auch die literarischen Klassiker. Also kommt es vor, dass ich morgens bei der Zeitungslektüre etwas aufschnappe und dann zu Lessing greife. Was mich tatsächlich von vielen meiner Generation unterscheidet, ist, dass die Literatur, die mich geprägt hat, nicht die Nachkriegsliteratur ist, sondern die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Auch wenn ich natürlich verstehe, dass sich nach dem Bruch von 1945 die Nachkriegsgeneration abgrenzen musste von dem Pathos, das in der deutschen Literatur mitgeschwungen hat, von diesem metaphysischen Bezug.

Steht dieses Pathos, das Sie sich ja gelegentlich zu eigen machen, für Sie auch für etwas Spezifisches: für eine Vorstellung von deutscher Kultur, die nicht an eine deutsche Nation gebunden ist?

Absolut. Natürlich, jemand wie Kleist hat auch seine nationalistischen Tendenzen, aber die deutsche Literatur vor dem 20. Jahrhundert hat sich in ihrer Breite nicht über die deutsche Nation identifiziert. Genauso wie mein Bezugspunkt die deutsche oder, um genau zu sein, deutschsprachige Kultur ist und nicht die deutsche Nation.

Neben dem literarischen Pathos scheinen Sie vom Zeitalter der Aufklärung auch den Gestus der moderaten Vernunft geerbt zu haben. Also eine gemäßigte und humane Geisteshaltung, die die Dinge weder beschönigt noch verteufelt. Verzweifeln Sie nicht manchmal an der gerade heute in immer radikalere Extreme hinauslaufenden öffentlichen Debatten-Unkultur, befeuert auch durch den häufig kruden Umgangston im Internet, in den sozialen Medien?

Die öffentliche Debatte ist tatsächlich sehr laut und in weiten Teilen sehr unproduktiv geworden. Aber ich finde, es gibt auch hoffnungsvolle Gegenbeispiele. Als wir zum Beispiel im Januar die „Kölner Botschaft“ gegen sexuelle Gewalt und gegen fremdenfeindliche Hetze veröffentlicht haben, da war die Resonanz überwältigend. Der Kölner Stadtanzeiger hat über Tage hinweg ganze Seiten von Leserbriefen veröffentlicht, die zu 90 Prozent positiv oder jedenfalls sehr sachlich und differenziert waren. Das hatte sicherlich damit zu tun, dass keine Kommentarfunktion im Netz freigeschaltet wurde, sondern dass man einen Brief, eine E-Mail oder ein Fax schicken musste oder zu den angegebenen Zeiten anrufen konnte, um sich mit den Redakteuren zu unterhalten.

Die Leser reagierten konstruktiv, waren dankbar dafür, dass wir Dinge benannt haben, aber in einem Ton, der diese Dinge besprechbar machte. Der es erlaubte, auch eine gewisse Ratlosigkeit auszudrücken. Ich finde, das ist ein gutes Beispiel, wie es gelingen kann, zumindest im lokalen Rahmen eine konstruktive Debatte auszulösen. Schlicht, indem man das Medium Internet mit seinen völlig entfesselten, enthemmten und über weite Strecken sinnfreien Debatten überlistet.

Stichwort Ratlosigkeit: Wie schaffen wir das, angesichts einer derart massiven Zuwanderung, wie wir sie derzeit erleben, eine tolerante, multikulturelle, multireligiöse Gesellschaft zu bleiben – oder erst zu werden?

Ich habe keine Patentlösungen. Das eine ist die tägliche, kleinteilige Arbeit im Lokalen. Das andere ist die politische Ebene: Da bin ich überzeugt, dass es nur gelingen kann, wenn es bei Europa in einem emphatischen Sinne bleibt. Denn was wir doch aus dem 20. Jahrhundert gelernt haben müssten – zuletzt noch in den Balkankriegen und gerade jetzt im Nahen Osten – ist, dass die Toleranz des modernen Nationalstaates europäischer Prägung eine sehr fragile ist.

Das ist ein Modell, das inhärent auf die ethnische Definierung eines Staatsvolkes hinausläuft und damit auch auf die Definition derer, die nicht dazugehören sollen. Wir beobachten jetzt den Diskurs und leider auch die Praxis der Ausgrenzung überall dort, wo der Nationalstaat seine Macht zurückgewinnt oder zurückgewinnen soll – von Polen über Ungarn bis zu den rechtsnationalen Parteien in Deutschland und Frankreich. Europa hat die Unterschiede ja nicht abgeschafft, das wäre schrecklich; es bewahrt die nationalen Kulturen, Sprachen, Traditionen, aber es entschärft die Unterschiede politisch.

Aber Europa fehlt es doch derzeit nicht nur an der idealistischen Idee, sondern auch ganz konkret an der politischen Handlungsfähigkeit.

Ja, leider. Aber das gehört zusammen. Möglich, dass sich in der EU wieder kleinere Bündnisse bilden müssen, um Handlungsfähigkeit herzustellen. Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten, das ist ja keine abwegige Idee ... Was ich aber jedenfalls hoffe, ist, dass die jetzige Generation, die in Wohlstand, Freiheit und Frieden aufgewachsen ist, mit Europa, Demokratie, Menschenrechten als Selbstverständlichkeiten, dass diese Generation wieder klarer sehen und spüren wird, wie notwendig wir Europa brauchen.

Angesichts des neuen Nationalismus, aber auch des wachsenden Elends vor unserer Haustür, muss es wieder einen gesellschaftlichen Schub für Europa geben. Wir dürfen den nicht immer von oben erwarten, das muss von den Bürgern selbst kommen. Denn wir sehen doch spätestens jetzt, in welcher Gesellschaft diejenigen leben wollen, die das europäische Projekt ablehnen. Das, was auf dem Spiel steht – unsere Solidarität, unsere Freiheit, unsere Offenheit für alle möglichen Lebensformen, nicht nur für fremde Kulturen –, wird durch Viktor Orbán, Marine Le Pen oder die AfD mehr bedroht als durch eine Million Flüchtlinge.