Schriftsteller auf „Hausbesuch“ Über der Rambla

Endlich wieder in Barcelona: David Wagner mit seinen Gastgebern Dietrich und Montse auf deren Dachterrasse
Endlich wieder in Barcelona: David Wagner mit seinen Gastgebern Dietrich und Montse auf deren Dachterrasse | © Albert Bonjoch

David Wagner über seinen „Hausbesuch“ in Barcelona. Das Projekt des Goethe-Instituts bringt zehn europäische Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit Privatleuten ins Gespräch – in über 15 Städten, von Brüssel und Turin bis Schwäbisch Hall und Porto.

Unsere Gastgeber heißen Montse und Dietrich. Wir sind uns nie begegnet, trotzdem bitten sie uns, vermittelt durch das Goethe-Institut, zu sich nach Hause. Es wird etwas zu essen geben. Ob sie nett sind? Wer wildfremde Menschen aus einem fremden Land zu sich nach Hause einlädt, kann kein böser Mensch sein, oder? Montse, so viel weiß ich, hat hier in der Stadt einmal ein kleines Theater geführt, ihr Mann Dietrich lebt seit 1979 in Barcelona und war einmal Tänzer, heute hat er mit Opernproduktionen zu tun. Sie haben einen Sohn, er lebt in Berlin.

Die beiden empfangen uns oben an der Wohnungstür im vierten Stock – und ich weiß sofort, wir sind bei den freundlichsten Menschen zu Gast. Montse strahlt, Dietrich bringt die Konversation in Gang. Und obwohl wir uns solche Mühe gegeben haben, nicht zu pünktlich zu kommen, sind Albert und ich nun doch die ersten Gäste. Durch den Wohnraum werden wir auf die riesige Terrasse geführt, die sich bis vor an die Rambla erstreckt. Staunen. Ist das großartig! Es gehe sogar noch eine Etage höher, sagt Dietrich, der ursprünglich aus Ludwigshafen stammt, im Laufe des Abends aber nur ein einziges Mal, viel später, einige Sätze auf Deutsch mit mir spricht.

Im Reich der Möwen

Durchs Treppenhaus steigt er mit uns auf das Gemeinschaftsdach hinauf, früher, sagt er, sei hier die Wäsche gewaschen und getrocknet worden. Die paar Höhenmeter mehr ermöglichen die Aussicht über die Dächer der ganzen Stadt – und wie dicht bebaut sie daliegt, eingeklemmt zwischen den Bergen, dem Montjuïc und dem Meer. Dietrich, in dessen geschmeidigen Bewegungen ich nun den früheren Tänzer erkennen möchte, erzählt von einer gar nicht kleinen Hanf-Plantage, die ein Nachbar einmal auf dem Dach nebenan angelegt und von der aus es ziemlich süßlich bis in ihr Schlafzimmer hinein gerochen habe. Heute sei hier das Reich der Möwen.

Als wir wieder unten auf der Terrasse sind, stellt Montse mich Manuela Aznar vor, einer sehr freundlichen älteren Dame, die einst ihre Französischlehrerin war. Und dann, viel später, lustigerweise auch die Lehrerin von Marta, einer vierundzwanzigjährigen Filmproduzentin, die mittlerweile ebenfalls eingetroffen ist. Montse erklärt den Hinzugekommenen, dass wir heute Castellano (die Sprache, die im Deutschen Spanisch genannt wird) und nicht Català sprechen. Wäre ich nicht da, fände dieser Abend selbstverständlich auf Katalanisch statt. Mir ist das nun fast ein wenig peinlich. Hätte ich doch mal Katalanisch gelernt …

Von toten Oliven und verwandten Sardinen

Ich probiere von den schwarzen Oliven und den Sardellen, die auf einem kleinen Tisch bereitstehen. Weingläser werden gefüllt. Oliven sind gut für gute Träume, sagt die ehemalige Französischlehrerin. Und die Sardelle sei die Cousine der Sardine. Ich lerne, dass schwarze Oliven in Spanien auch olivas muertas, also tote Oliven heißen. Und dass Oliven in Spanien einst als Dessert gereicht wurden, daher, sagt Montse, heiße es im „Don Quijote“ über jemanden, der zu spät zum Essen komme, „er komme erst zu den Oliven“.

Na, dann sind wir wohl ein wenig zu spät, sage ich und stecke mir eine weitere tote Olive in den Mund. Sie schmecken köstlich. Erst jetzt fällt mir auf, wie viele Pflanzen auf dieser Terrasse blühen und duften, es ist ein kleiner Topf- und Kletterpflanzenwald. Und sehe ich nun tatsächlich einen Kolibri zu einer Blüte fliegen? Einen Kolibri? Über den Dächern von Barcelona? Oder träume ich schon, vom Wein oder von den Oliven? Nein, sagt Dietrich, es stimme schon, ein Kolibri.

Über den Dächern von Barcelona

Nach und nach tröpfeln weitere Gäste ein, die Terrasse füllt sich. Victoria Bermejo, Schriftstellerin und Filmemacherin, trifft ein, dann Toni Rumbau, ein Puppenspieler und Puppenspielforscher, auch er hat einmal ein Theater geleitet. Und alle sprechen Castellano, mir zuliebe. Der Wein ist kühl und gut, und ich erzähle, und das gleich einige Male, wie sehr ich mich freue, nach siebzehn Jahren endlich wieder hier zu sein. So lange, viel zu lange bin ich nicht in Barcelona gewesen. 1995, 1998 und 1999 habe ich jeweils ein oder zwei Monate hier verbracht und bin sicher hundert Mal an diesem Haus vorbeigekommen – ohne überhaupt zu bemerken, dass es hier oben, verborgen hinter einer Brüstungsmauer, eine fast tennisplatzgroße Dachterrasse gibt. Und tennisplatzgroß ist nur ein bisschen übertrieben.

Eine bunte Gruppe kam beim Hausbesuch über der Rambla zusammen: ein Puppenspieler, eine Französischlehrerin, ein Tänzer, Filmemacherinnen … Eine bunte Gruppe kam beim Hausbesuch über der Rambla zusammen: ein Puppenspieler, eine Französischlehrerin, ein Tänzer, Filmemacherinnen … | © Albert Bonjoch Toni und ich stehen nun vorne an dieser Brüstung und schauen hinunter auf die Rambla, die immer belebte Schneise, Barcelonas Grand Boulevard. Die Festungsmauer, die einst dort stand, wurde erst zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts geschleift. Toni, Jahrgang 1949, ist Freund und Nachbar meiner Gastgeber, wohnt nur ein paar Häuser weiter, in der Wohnung, in der er schon aufgewachsen ist. Er ist nicht nur Puppenspieler, er ist auch Puppenspiel- und Kasperletheaterforscher. Am nächsten Tag, ich besuche ihn in seiner Wohnung, wird er mir sein Buch über das europäische Puppentheater schenken, „Rutas de Polichinela“ heißt es; um es zu schreiben, hat er Puppenspieler und Archive in ganz Europa besucht.

Lange Berliner Winter

Ich könnte für immer hier stehenbleiben und hinunterschauen, unten geht die Welt vorbei. Montse sagt, ich frage sie, wie lange sie hier schon wohnen, sie habe in ihrem Leben überhaupt nur in zwei Wohnungen gewohnt, beide in Barcelona: in der ihrer Eltern und in dieser. Nein, halt, unterbricht sie sich, zwischendurch auch in Berlin, vier Jahre lang, Anfang der Neunziger, in einer immer kalten Wohnung in der Ackerstraße. Die Winter waren zu lang, sagt sie, und Berlin sah anders aus als heute, Dietrich studierte damals Kulturmanagement an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und arbeitete für die Komische Oper.

Barcelona hat sich allerdings ebenfalls verändert: 1987, als ich zum ersten Mal hier war, stand noch eine Mauer um den Hafen herum, die Stadt wirkte düsterer. Oder kam mir westdeutschem Neubaukind das damals nur so vor? Die Olympischen Spiele 1992 brachten eine erste große Veränderung, der Boom zu Jahrtausendbeginn eine weitere. Und jetzt? Immer noch Krise?

Gute Stimmung auf Castellano – die Texte, die bei den europaweiten „Hausbesuchen” entstehen, erscheinen 2017 in jeweils sechs Sprachen als E-Book. Gute Stimmung auf Castellano – die Texte, die bei den europaweiten „Hausbesuchen” entstehen, erscheinen 2017 in jeweils sechs Sprachen als E-Book. | © Bettina Bremme „Was wirst du über uns schreiben?“

Als wir uns, die Glocke schlägt zehn, zum Essen setzen – wo sind die zwei Stunden hin? Mit wem habe ich mich eigentlich schon worüber unterhalten? Kann ich mir das alles merken? Bin ich vielleicht schon ein bisschen betrunken? Und wie heißt der Weißwein, der so gut schmeckt; müsste in dem Text, den ich über diesen Abend schreiben soll, nicht auch der Name des Weißweins, den ich trinke, genannt werden? Leider vergesse ich, aufs Etikett zu schauen.

„Was wirst du denn über uns schreiben?“, fragt Victoria, die Schriftstellerin und Filmemacherin. Und ich antworte: „Ich werde mich betrinken, und alles, was hier vorfällt, gesagt und getan wird, vergessen und morgen oder übermorgen oder in fünf Wochen einen ganz anderen Abend erfinden.“


Wir haben diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors gekürzt. Die Originalfassung erschien am 2. Juli 2016 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.