Nachruf „Mit ihr bekam das Goethe-Institut wieder Flügel“

Jutta Limbach
Jutta Limbach | Foto: Goethe-Institut e.V.

Jutta Limbach stand als Präsidentin des Goethe-Instituts für eine  Kultur der Vielfalt und ein mehrsprachiges Europa. Ein persönlicher Nachruf von Klaus-Dieter Lehmann

In tiefer Trauer und mit großer Betroffenheit gedenken wir Jutta Limbach, die am 10. September 2016 im Alter von 82 Jahren in Berlin verstorben ist. Sie war eine große Persönlichkeit, allseits geachtet und geschätzt, weit über die Grenzen unseres Landes bekannt. Von 2002 bis 2008 war sie Präsidentin des Goethe-Instituts, eine Position, die sie selbst als das schönste Ehrenamt bezeichnete. Und so übte sie es auch aus, freudig und mit Tatkraft.

Jutta Limbach war eine heitere und selbstbewusste Frau, die mit ihrer optimistischen Einstellung und ihrer offenen Art der Kommunikation zur rechten Zeit am rechten Ort war. Die Situation des Goethe-Instituts war nicht unbedingt komfortabel: Das Institut befand sich in einer finanziellen Schieflage, die Strukturen waren überaltert, die Politik an der auswärtigen Kulturpolitik mäßig interessiert.

Die Lage war ohne Zweifel ernst, aber Jutta Limbach befand, die Lage ist nicht hoffnungslos. Sie schaffte durch ihre Fähigkeit, Menschen der verschiedensten Ebenen offen und direkt anzusprechen, neues Selbstvertrauen nach innen. Und nach außen gewann sie durch ihre Fähigkeit, sich als verlässliche und kluge Partnerin dem politischen Dialog aktiv auszusetzen, Unterstützung beim neuen Außenminister, Frank-Walter Steinmeier, und beim Bundestag. Mit den beiden Vizepräsidenten, Klaus-Dieter Lehmann und Volker Doppelfeld, schnürte sie gemeinsam mit dem Vorstand das Reformpaket, das bis heute trägt. Durch ihren Pragmatismus machte sie strategische Erfahrungen unmittelbar nutzbar. Das Goethe-Institut bekam wieder Flügel.

Aber es waren ja nicht nur die notwendigen administrativen und strukturellen Kraftakte, die ihre Zeit prägten und die bis heute positiv nachwirken, sondern mindestens genauso die beeindruckenden Großprojekte zur Stärkung der deutschen Sprache, die sie mit wahrer Leidenschaft vorantrieb. Zum einen „Die Macht der Sprache“ mit Veranstaltungen an rund 30 Goethe-Instituten in der Welt und zum anderen „Sprachen ohne Grenzen“.

Besonders gut hat mir die Herangehensweise ihrer anmutigen und witzigen Initiativen „Das schönste deutsche Wort“ oder „Das schönste eingewanderte Wort“ oder „Die ausgewanderten Wörter“ gefallen. Die Einreichungen der vielen begeisterten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren substantiell und haben die Reichhaltigkeit der deutschen Sprache in besonderer Weise widergespiegelt. Die ersten Plätze bei den schönsten deutschen Wörtern waren – ich erinnere mich noch – „Habseligkeiten“, „Geborgenheit“ und „Liebe“. Bei den eingewanderten Wörtern mochte ich „Tollpatsch“, entlehnt aus dem Ungarischen, und „Tacheles reden“.

Hans-Dietrich Genscher, Klaus-Dieter Lehmann, Jutta Limbach und Hilmar Hoffmann auf der 60 Jahr Feier des Goethe-Instituts. Hans-Dietrich Genscher, Klaus-Dieter Lehmann, Jutta Limbach und Hilmar Hoffmann auf der 60 Jahr Feier des Goethe-Instituts. | Foto: Andreas Teich Jutta Limbach war überzeugt von der Schönheit und der Vielfalt der deutschen Sprache. Sie wusste um die entscheidende Wirkung von Sprachkompetenz für den politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Erfolg, auch und nicht zuletzt als Schlüssel zur Integration. Von ihr stammt das Zitat: „Englisch ist ein Muss, Deutsch ist ein Plus.“ Jutta Limbach ging es nicht um einen Kampf gegen Anglizismen und andere Fremdwörter, sie wollte einfach die Freude an der deutschen Sprache wiederbeleben.

Ich freue mich, dass heute das „Sprachfenster Deutsch“ weit offen steht und wir bei der Vermittlung der deutschen Sprache in der Welt jedes Jahr wachsende Zahlen schreiben. Auch die Politik hat begriffen, wie entscheidend die Förderung der deutschen Sprache ist. Sie ist nicht nur Werkzeug, sondern schafft auch Zugänge und Bindungen zu unserem Land und unserer Kultur. Aber sie ist kein Selbstläufer, es muss in sie investiert werden.

Ein anderes großes Thema für Jutta Limbach war „Europa“. Sie hat einmal gesagt: „Die Europäer sollten ihren Ehrgeiz nicht nur auf das Herausfinden von Gemeinsamkeiten, sondern auch auf die Erkenntnis dessen ausrichten, was sie voneinander unterscheidet. Die europäische Zusammenarbeit in Sachen Kultur soll gerade die Vielfalt der Kulturen und die Vielzahl der Sprachen erhalten.“

Zwei herausragende Ereignisse möchte ich am Schluss noch nennen, die mit ihrem Namen verbunden sind. Das ist zum einen die feierliche Auszeichnung mit dem Preis des Prinzen von Asturien, die unmittelbar mit ihrer europäischen Verpflichtung des Goethe-Instituts zu tun hat und zum anderen die Eröffnung des Lesesaals in Pjöngjang, Nordkorea, die mit großer Hoffnung zu einer allmählichen Öffnung über Kultur und Bildung verbunden war. Leider sind die Blütenträume nicht gereift, die Initiative selbst aber war ein wichtiges Signal nach innen und außen. Goethe-Institute müssen in schwierigen Ländern präsent sein. Wertschätzung von Vielfalt, Gleichwertigkeit des Anderen und interkulturelle Kompetenz der Akteure. Das waren ihre Leitgedanken – und sie hat sie gelebt.


Klaus-Dieter Lehmann

Jutta Limbach war von 2002 bis 2008 Präsidentin des Goethe-Instituts. Ihr Nachfolger Klaus-Dieter Lehmann ist seit 2008 im Amt.