Fußball-Camp im Libanon Im Sport sind alle gleich

Beim Soccer Camp Lebanon lernen kleine Fußballerinnen und Fußballer Fairness und Teamgeist.
Beim Soccer Camp Lebanon lernen kleine Fußballerinnen und Fußballer Fairness und Teamgeist. | © Mwafak Maklad

Lernen, was durch Einsatzbereitschaft, Spaß und Toleranz geschaffen werden kann: Das Goethe-Institut Libanon und das Auswärtige Amt setzen auf die vermittelnde Kraft des Fußballs und laden syrische und palästinensische Flüchtlingskinder sowie einheimische Mädchen und Jungen zum Soccercamp Libanon ein. Matthias Frickel und Henning Hesse haben die Trainingslager besucht.

Auf den ersten Blick ist das Soccercamp Libanon ein Fußball-Camp wie jedes andere. Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren kommen für jeweils eine Woche in Beirut, Tripoli oder in der Bekaa-Ebene auf Fußballplätzen zusammen, trainieren gemeinsam und singen Lieder. Zehn Tage begleiten wir die jugendlichen Kicker.

Unterwegs zum Turnier. Unterwegs zum Turnier. | © Mwafak Maklad Schon am ersten Tag merken wir, dass hier etwas anders ist: Vor allem die jüngeren Teilnehmerinnen und Teilnehmer nehmen die neuen Fußballschuhe, Hosen und Trikots mit dem Emblem des Goethe-Instituts mit leuchtenden Augen in Empfang. Vor Aufregung, gleich zum ersten Mal in ihrem Leben ein großes grünes Fußballfeld zu betreten und einfach losrennen zu können, dauert es unendlich lange, bis die richtigen Strümpfe gefunden, die Kickschuhe angezogen und die Schleifen gebunden sind.

Auf Initiative des Goethe-Instituts Libanon und in Zusammenarbeit mit der David Nakhid Football Academy trainieren sechs Wochen lang jeden Tag an die 150 Kinder und Jugendliche gemeinsam: syrische und irakische Flüchtlinge, Palästinenser, die hier in dritter Generation als Flüchtlinge leben, und Libanesen.

Konzentration auf dem Spielfeld. Konzentration auf dem Spielfeld. | © Mwafak Maklad Wo Welten aufeinander treffen

Beim Soccercamp im Libanon treffen Welten aufeinander: Die syrischen Mädchen aus der Bekaa-Ebene kicken normalerweise mit den Jungen der Nachbarschaft auf einem Stoppelfeld hinter selbstgezimmerten Flüchtlingshütten. Jetzt spielen sie in Parc Beirut auf Plätzen, auf denen sonst nur libanesische Jungen trainieren, deren Eltern sich den Mitgliedsbeitrag für einen Verein leisten können.

Befasst man sich intensiver mit den Geschichten dieser Kinder und Jugendlichen, beginnt man zu verstehen, warum ein solches Fußballcamp so wertvoll ist. Der Libanon ist einer der Brennpunkte der aktuellen Flüchtlingsbewegungen. Jeder vierte Einwohner des kleinen Mittelmeerstaates ist ein Flüchtling. Unter den Libanesen leben auf engstem Raum Syrer und Iraker sowie Palästinenser, die ihre Heimat schon vor Jahrzehnten verlassen mussten, zusammen.



Zukunftsträume

Vor Ort wird man immer wieder überrascht, was einem die Kinder und Jugendlichen offenbaren, wenn man ihnen näher kommt. Für jeden von ihnen bedeutet der Fußball etwas anderes: ein Ausbruch aus dem schwierigen Alltag oder die Hoffnung auf ein besseres Leben.

„Meine einzige Chance ist der Fußball”, sagt Youssef, dessen Großvater 1948 Palästina verlassen musste. Dem 16-Jährigen ist bewusst, dass er als Palästinenser im Libanon nie offiziell Arzt, Rechtsanwalt oder Taxifahrer werden kann.

Fußballspielen ist eine Chance für junge Palästinenser. Fußballspielen ist eine Chance für junge Palästinenser. | © Mwafak Maklad Die 15-jährige Rim lebt in einer Flüchtlingshütte in der Bekaa-Ebene, seit ihre Familie vor vier Jahren Syrien verlassen musste. „Wenn ich Fußball spiele, vergesse ich alles, was wir auf der Flucht erlebt haben”, sagt sie. Seit zwei Jahren kann sie jetzt auf eine libanesische Schule gehen und kommt so ihrem Traum ein bisschen näher, eines Tages nach Syrien zurückzukehren und Ärztin zu werden.

Die 15-jährige Libanesin Rola erzählt uns, wie sie eines Tages an einem Sportfeld vorbei kam und dort eine Gruppe von Mädchen Fußballspielen sah und fragte, ob sie mitspielen könne. Dass sie jetzt als einzige Libanesin in einem Team von Palästinenserinnen trainiert, ist für sie Normalität, für ihr Umfeld aber mehr als unge-wöhnlich. Auf Rolas Schule geht eine einzige Syrerin, während die Schule von Youssefs jüngerem Bruder in Shatila ausschließlich Palästinenser besuchen.

Eine Erfrischung nach dem Spiel. Eine Erfrischung nach dem Spiel. | © Mwafak Maklad Fußball ist nur ein Spiel, doch im Soccercamp Libanon gibt dieses Spiel Hoffnung – Hoffnung, dass sich etwas an der streng geteilten Gesellschaft im Libanon ändern könnte: Wird Youssef jemals Fußballprofi werden, obwohl zuhause im palästinensischen Flüchtlingscamp Shatila das Geld und der Platz fehlen, um regelmäßig zu trainieren? Wird Rim aus dem syrischen Homs tatsächlich in Syrien Ärztin werden? Und was denkt die Libanesin Rola, wenn sie in Beirut mit Jugendlichen kickt, deren bisheriges Leben – anders als ihr eigenes – von Flucht und Vertreibung geprägt ist?

Wir wissen nicht, ob die Hoffnungen der jungen Sportlerinnen und Sportler in Erfüllung gehen. Doch nach zehn Tagen im Libanon wissen wir, welche Träume es zu ermöglichen gilt.

Auch der Spaß kommt beim Spielen nicht zu kurz. Auch der Spaß kommt beim Spielen nicht zu kurz. | © Mwafak Maklad


Matthias Frickel leitet bei der Deutschen Welle die TV Sendung „Kick off! – the thinking fan’s football show”. Für seine Dokumentationen erhielt er bereits den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis und die Guirlande d’Honneur beim Sportfilmfestival FICTS in Mailand.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Henning Hesse, der zuletzt für „Your Final” den Fernsehpreis des Verbandes der Sportjournalisten gewann, hat er nun eine Dokumentation über das „Soccercamp” gedreht. Entstanden ist die 50-minütige Doku in Kooperation mit dem Goethe-Institut. Am 26.12.2016 wird der Film auf Englisch, Deutsch, Arabisch und Spanisch auf der Website der Deutschen Welle präsentiert.