Meiner Eltern Welt Die Teilung Bengalens: Geerbte Erinnerungen

Ein Filmteam begleitet Tunazzina Shehrin beim Besuch des Hauses ihrer Großeltern in Kolkata.
Ein Filmteam begleitet Tunazzina Shehrin beim Besuch des Hauses ihrer Großeltern in Kolkata. | Foto: Goethe-Institut

„Meiner Eltern Welt – geerbte Erinnerung“ ist die erste Internetplattform zwischen Bangladesch und Westbengalen/Indien, die sich mit den Folgen der Teilung Bengalens 1947 beschäftigt. Wie die Erinnerungen der Großeltern bis heute die Generation ihrer Enkel prägt, zeigen Interviews.

Für mehr als acht Millionen Menschen bedeutete die Teilung des indischen Subkontinents in die unabhängigen Staaten Indien und Bangladesch Umsiedlung, Flucht und Vertreibung. Der gigantische Bevölkerungsaustausch ging mit Gewaltexzessen einher, denen mehr als eine Million Menschen zum Opfer fielen. Bis heute sind die Wunden der Teilung in vielen Bereichen spürbar, bis heute prägt sie die Politik in Südasien.

Mit dem Ziel, der Migration von geschätzten acht Millionen Menschen zu gedenken und über die geerbte Erinnerung der Enkelgeneration der Flüchtlinge an die Teilung Bengalens den Folgen der Teilung nachzuspüren und Schlüsse für die Zukunft zu ziehen, starteten das Goethe-Institut/Max Mueller Bhavan Kolkata und das Goethe-Institut Dhaka gemeinsam mit dem Centre for Studies in Social Sciences Calcutta, der Research Initiative Bangladesh und dem Südasien-Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg das Projekt „Meiner Eltern Welt – geerbte Erinnerung“.

Erforscht wurden geerbte Erinnerungen der Enkelgeneration an die Teilung Bengalens im Jahre 1947 anhand von Interviews und durch Oral History-Forschungen. Junge Forscher aus Kolkata und Dhaka untersuchten, wie diese „nicht objektivierbaren Erinnerungen“ und subjektiv vermittelten Geschichten die heutige Enkelgeneration der Zeitzeugen der Teilung prägen. Aus 20 Interviews mit Studentinnen und Studenten aus Bangladesch und West-Bengalen ist die erste frei zugängliche Sammlung multiperspektivischer Geschichtsdarstellung über die Teilung Bengalens entstanden.

Eine der Interviewpartnerinnen ist Anusree Biswas. Ihre Großeltern stammen aus Khulna, heute Bangladesch, und migrierten nach Ingalguj, West-Bengalen, Indien, wo die Familie noch heute lebt.
 


Anusree Biswas, Sie sind in Indien aufgewachsen. Aber die Familien Ihrer Eltern sind aus dem ehemals ostpakistanischen Khulna im jetzigen Bangladesch eingewandert.

Die Grenze zu Bangladesch ist gerade einmal eine Viertelstunde von meinem Zuhause entfernt. Sie wird durch einen schmalen Fluss definiert, den man nur zu überqueren braucht, um in einem anderen Land zu sein. Es ist so nah, dass wir es immer sehen können.

Durch die Teilung von Bengalen sind Ost- und Westbengalen entstanden. Da mein Großvater einer derjenigen war, die ausgewandert sind, sind wir Einwohner Westbengalens geworden.

Damals war mein Großvater noch Schüler. Er ging in die neunte Klasse. Seine Ausbildung hat er in Westbengalen abgeschlossen, sich eine Arbeit gesucht, geheiratet und den Rest seines Lebens hier verbracht. Die Eltern meines Großvaters sind in Bangladesch geblieben, aber sie haben immer Kontakt gehalten.

Meine Großmutter stammt auch aus Bangladesch, sie hat dort sogar geheiratet und ist erst danach weggegangen. In Bangladesch war unsere Familie ziemlich wohlhabend. Meine Großmutter und ihre Familie haben ihren Landbesitz zurückgelassen und hatten nichts, als sie nach Indien gekommen sind. Als die Muslime aus Indien nach Ostbengalen kamen, haben sie den gesamten Besitz meiner Familie übernommen. Sie selbst haben jedoch nichts in Indien zurückgelassen, was meine Familie hätte übernehmen können.

Der Vater meiner Großmutter hatte im Dorf eine leitende Position und das gefiel den Muslimen nicht. Sie haben herausgefunden, dass meine Großeltern ihren Landbesitz verlassen und nach Indien kommen wollten. Als mein Großvater das erfuhr, ist er dort geblieben und hat zuerst alle Mitglieder seiner Familie nacheinander über den Fluss geschickt.

Wie hat er das gemacht?

Aus Furcht erschossen zu werden, hat sich meine Familie in der Dunkelheit versteckt. Mein Großvater selbst ist mitten in der Nacht weggegangen. Viele Leute beobachteten ihn und ließen ihn den Fluss überqueren. Meine Großmutter erzählte, dass sie sah, wie das Wasser sich rot färbte, während mein Großvater den Fluss überquerte.

Als das Land noch nicht geteilt war und es nur ein Bengalen gab, hatten die Menschen dort ein Gefühl von Gemeinsamkeit, von Zusammengehörigkeit. Die Söhne meines Großonkels sind zwar mit mir verwandt, aber weil sie noch auf der anderen Seite leben, sind sie uns im Grunde völlig fremd.

Bangladesch ist ein anderes Land, ein anderer Staat. Wir haben kaum Kontakt zu dem anderen Teil meiner Familie. Wenn unsere Verwandten uns besuchen kommen, tun sie das entweder illegal oder mit einem Visum, das nur einen Monat lang gültig ist. Danach müssen sie zurück.

Was ist Ihr erster Gedanke, wenn ich frage: „Wo ist Ihr Zuhause?“

In Indien.

Nicht auf der anderen Flussseite?

Nein, das fällt mir erst ein, wenn ich länger darüber nachdenke. Manchmal kommt es mir vor, als könnte ich einfach den kleinen Fluss überqueren und meine Verwandten besuchen.

Wenn Sie an ihre Kultur und Bräuche denken – würden Sie sich als Bangaal, also jemanden, der aus Ost-Bengalen, dem heutigen Bangladesch, kommt, bezeichnen?

Das Wort Bangaal hat in meiner Familie keine Bedeutung, weil ich dieses Land nie kennengelernt habe. In der Schule in Namkhana haben meine Freunde in der 11. Klasse angefangen, mich eine Bangaal zu nennen. Das war, als ihnen klar wurde, dass wir ursprünglich aus Bangladesch stammen. Ich hatte vorher nie gehört, dass jemand meine Familie als Bangaal bezeichnete.

Für mich fühlte es sich an, als würden sie das Wort eher abschätzig benutzten. Selbst als Kind hatte ich ein seltsames Gefühl gegenüber Menschen, die als Bangaal galten. Ihre Kultur und ihre Art zu sprechen, sind völlig anders. Sie verwenden die Sprache nicht richtig.

Sie kennen die Erinnerungen Ihrer Großmutter. Möchten Sie diese Erinnerungen an die nächste Generation weitergeben?

Natürlich möchte ich die Erinnerungen daran weitergeben, wie meine Großeltern herkamen, wie sie kämpfen mussten und wie sie sich ein Leben hier aufbauten.

Vielleicht führt es zu nichts, aber die nächste Generation soll wissen, dass wir ursprünglich aus Bangladesch stammen, dass wir hierhergekommen sind und unser Leben hier verbracht haben. Sie sollen nicht ahnungslos bleiben und wenigstens ein paar Dinge wissen, damit sie darüber sprechen können. Ich bin auch nie in Bangladesch gewesen. Aber heute musste ich die Geschichten von früher erzählen.



Die Fragen stellte Prama Mukhopadhyay.